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KarriereSPIEGEL

Dienstreisen als Arbeitszeit

480 Stunden pro Jahr im Auto - unbezahlt

Mit dem Urteil zu Dienstreisen als Arbeitszeit könnte sich die Jobwelt grundlegend ändern - und das ist gut so, finden viele SPIEGEL-ONLINE-Leser. Hier berichten sie, warum sie sich ungerecht behandelt fühlen.

Getty Images/Cultura Exclusive

Arbeitnehmer auf Dienstreise (Symbolbild)

Freitag, 19.10.2018   15:59 Uhr

Sie stehen im Stau auf der Autobahn, hängen am Flughafen fest, arbeiten bis spät in der Nacht im Hotelzimmer - und schieben Frust. Viele Arbeitnehmer fühlten sich ungerecht behandelt, weil Dienstreisen von ihrem Unternehmen nicht als Arbeitszeit anerkannt werden. Sie hoffen, dass sich nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts etwas ändert.

Die Richter haben entschieden, dass Dienstreisezeit künftig als Arbeitszeit zu bewerten ist. Etliche SPIEGEL-Leser hat das veranlasst, sich ihren Frust rund um das Thema Dienstreisen von der Seele zu schreiben. Lesen Sie hier, was die bisher ausnahmslos männlichen Einsender bewegt, welche Hoffnungen sie mit dem Urteil verknüpfen - und wie verschieden die Regelungen von Arbeitgeber zu Arbeitgeber ausfallen.


"Mist, morgen muss ich nach München"

"In den Achtzigerjahren waren Dienstreisen noch eine Freude, denn der extra Aufwand wurde extra vergütet. Ich bekam etwa für Asienreisen eine gute Spesenpauschale, von der man noch etwas zurücklegen konnte. Dienstfahrten in die Schweiz oder innerhalb Deutschlands waren so vergütet, dass man davon wirklich die Kosten der Reise bestreiten konnte. Außerdem wurde ein Freizeitausgleich gewährt, indem man nach einer anstrengenden Dienstreise auch mal einen halben Tag verbummeln konnte.

Heute sind Dienstreisen durch den höheren Verkehr, ob auf Autobahnen oder Flughäfen, wesentlicher stressiger. Dafür bekommt man dann Spesen, mit denen man nicht mal den Vormittag überleben kann, wenn man zweimal an einer Raststätte Kaffee und Brötchen kauft. Mittagessen bezahlt man dann schon aus der eigenen Tasche, wodurch die Laune von früher 'Toll, mal wieder rauszukommen' auf 'Mist, muss morgen nach München' gefallen ist.

In unserer Firma herrscht trotzdem ein gutes Verständnis der Geschäftsleitung für den Stress auf Dienstreisen. Wenn es zum Beispiel besser ist, kann man am Vortag schon anreisen, im Hotel übernachten, um morgens frisch zu sein und den Stresslevel zu senken."

"Dienstreisen sind für mich ein absolutes Verlustgeschäft"

"Ich arbeite in einem internationalen Konzern mit 10.000 Mitarbeitern im mittleren Management. Unsere Firma hat Niederlassungen in vielen Ländern Europas. Wenn ich sehe, wie die Abrechnung von Dienstreisen in den meisten europäischen Ländern geregelt wird, komme ich mir immer ziemlich ausgebeutet vor als Angestellter mit deutschem Arbeitsvertrag.

Die Firma zahlt grundsätzlich nur die Tagespauschale nach geltendem Recht. Dieser Betrag ist ein schlechter Witz, vor allem wenn man wie ich relativ häufig fliegt und aufgrund der Sicherheitsbestimmungen schon darauf angewiesen ist, nach dem Security-Check die Flasche Wasser für einen völlig überzogenen Preis zu erwerben.

Alles in allem sind Dienstreisen für mich ein absolutes Verlustgeschäft. Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin kein Spesenritter, der zweimal am Tag ein Filetsteak und eine teure Flasche Wein bestellen würde. Es geht um Wertschätzung. Als Mitarbeiter im Außendienst muss man viele Entbehrungen hinnehmen.

Man ist oft getrennt von der Familie, regelmäßige Aktivitäten wie Sport im Verein unter der Woche sind nur sehr eingeschränkt möglich, Behördengänge, Arztbesuche nie wirklich planbar. Eine Woche mit mehr als 60 Arbeitsstunden ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Als junger Familienvater frage ich mich abends vor dem Einschlafen im Hotel oft, ob ich das wirklich weiterverfolgen möchte. Ein sehr hohes Einkommen, der Dienstwagen, alles schön und gut - aber Geld ist beileibe nicht alles.

Ohne die modernen Mittel der Kommunikation wie Facetime hätte ich schon längst die Flinte ins Korn geschmissen. Wenn mein kleiner Sohn (13 Monate) zu Hause den Bildschirm anlacht, weil Papa darin ist, gibt mir das abends im Hotel wenigstens das Gefühl, dass das alles einen Sinn hat - nämlich meiner Familie in Zeiten von explodierenden Mieten, befristeten Stellen und so weiter eine hoffentlich sorgenfreie Zukunft zu ermöglichen."

fok

insgesamt 69 Beiträge
chlorid 19.10.2018
1. Flexibel sein
Habe ich mir in meinem ganzen, inzwischen dreißigjährigen Berufsleben nie Gedanken drüber gemacht. Wenn ich reisen musste, bin ich gereist. Die Überstunden dafür haben mich nie interessiert. Die Spesen habe ich korrekt [...]
Habe ich mir in meinem ganzen, inzwischen dreißigjährigen Berufsleben nie Gedanken drüber gemacht. Wenn ich reisen musste, bin ich gereist. Die Überstunden dafür haben mich nie interessiert. Die Spesen habe ich korrekt abgerechnet, der Rest war und ist mir egal. Aber in den Unternehmen, bei den ich beschäftigt war/bin, konnte/kann ich mir die Arbeitszeit insgesamt sehr frei und flexibel einteilen, das gleicht das alles aus. Mir war immer das Ergebnis wichtig, nicht die Arbeitszeit. So halte ich es jetzt auch mit den Mitarbeitern meiner Abteilung und die sind sehr zufrieden damit. Es gibt mal eine Dienstreise, dafür aber auch mal spontan frei oder Homeoffice. Wichtig ist, dass die Menschen sich wohlfühlen.
favorit601 19.10.2018
2. Ross und Reiter nennen
Ein ganz anderer Effekt dürfte auch entstehen: Wenn die Kosten für Dienstreisen nun stärker beim Veranlasser bleiben, dürfte das auch Auswirkungen auf die Struktur der Geschäftswelt haben, positiv gesehen hin zu mehr [...]
Ein ganz anderer Effekt dürfte auch entstehen: Wenn die Kosten für Dienstreisen nun stärker beim Veranlasser bleiben, dürfte das auch Auswirkungen auf die Struktur der Geschäftswelt haben, positiv gesehen hin zu mehr Regionalität und dadurch zu weniger Verkehr. Denn die Bereitschaft des Kunden für eine Ware oder Dienstleistung, die direkt vor der Tür billiger ist mehr hinzulegen, weil die Anfahrten nun teurer werden, dürfte gering sein. Je geringer und damit nationaler der Markt für die Ware oder Dienstleistung, desto eher wird der Kunde weiterhin die Mehrkosten übernehmen. In manchen Bereichen kann man sich nur wundern, welche Blüten die Verschwendung der fremden Lebenszeit so trieb, die mit der bisherigen Rechtslage einherging. Auf der anderen Seite wird mancher ostdeutsche Handwerksbetrieb sich nun weniger national aufstellen können und so weniger Geld von außen in ihre Region bringen.
*Querdenker* 19.10.2018
3. Kirche - warum aufregen?
Lsut Pfarrerdienstgesetz beträgt eine halbe Stelle 27 Stunden. Daraus ergeben sich bei einer vollen Stelle 54 Stunden, was Vorgesetzte wie Dekane auch gerne betonen. Jahrelang bin ich mit Jugendlichen im Sommer 2 x 2 Wochen in [...]
Lsut Pfarrerdienstgesetz beträgt eine halbe Stelle 27 Stunden. Daraus ergeben sich bei einer vollen Stelle 54 Stunden, was Vorgesetzte wie Dekane auch gerne betonen. Jahrelang bin ich mit Jugendlichen im Sommer 2 x 2 Wochen in Freizeit im Ausland gewesen und im Winter 1 x 7 Tage. Was bedeutete das? 28 Tage im Sommer = 28 x arbeiten von 7 - 22 Uhr an 7 Tagen pro Woche, nachts nur Rufbereitschaft, macht 168 Stunden reine Arbeitszeit pro Woche. Wohlgemerkt: ich habe eingekauft, ich habe gekocht, ich habe die Kids gefahren, ich habe Küchendienst gemacht, ich habe die erlebnispädagogischen Angebote begleitet. Für 4 Wochen sind das (168 - 54) x 4 Stunden zu viel, also 468 Stunden zu viel in 4 Wochen. Überstundenausgleich: 0! Der Gemeindepädagoge konnte wenigstens pro Tag 12 Std. abrechnen und anschl. nach 4 Wochen 2 Wochen Überstunden abfeiern, ich nicht. Das ist KIRCHE! Über Winterskifreizeiten will ich gar nicht groß reden: morgens um 7 Uhr wecken, nachts gegen 2 Uhr war dann endlich Ruhe, und ich konnte ins Bett. Überstundenausgleich: 0! Wieviele nachweisbar unbezahlte Stunden sind das?
schorsch_kluni 19.10.2018
4. jammern auf hohem Niveau
Ich bin 20 Jahre für Firmen durch die Welt geflogen. Reisezeit ist keine Arbeitszeit hat man mir erzählt. Also bin ich immer so geflogen, dass ich entspannt ankam. Meeting am Tag der Landung in Shanghai? Ohne mich! Ein Tag [...]
Ich bin 20 Jahre für Firmen durch die Welt geflogen. Reisezeit ist keine Arbeitszeit hat man mir erzählt. Also bin ich immer so geflogen, dass ich entspannt ankam. Meeting am Tag der Landung in Shanghai? Ohne mich! Ein Tag vorher anreisen, auf Spesen Essen und trinken. Ins Bett und um 10 Uhr Meeting am nächsten Tag. Arbeiten Abends im Hotel oder im Flieger? Wie doof muss man denn sein? Jetzt habe ich meine eigene Firma und fliege genauso und bekomme trotzdem gute Aufträge. Jeder Reisende hat es selbst in der Hand. Zahlt eine Firma keinen Tribut dann muss man sich ihn nehmen.
Lykanthrop_ 19.10.2018
5.
Etwas dekadent ist die Debatte um Dienstreisen schon. Es gibt Menschen die ziehen durch Europa oder um die Welt auf der Suche nach Arbeit. Für sich genommen ist es natürlich gerecht wenn Dienstreisen vollzeitig bezahlt werden, [...]
Etwas dekadent ist die Debatte um Dienstreisen schon. Es gibt Menschen die ziehen durch Europa oder um die Welt auf der Suche nach Arbeit. Für sich genommen ist es natürlich gerecht wenn Dienstreisen vollzeitig bezahlt werden, es wäre aber auch schön wenn das ebenso für die Bereitschaftszeiten vieler Menschen in schlecht bezahlten Jobs ausnahmslos gelten würde. Man bedenke der Vertreter des Architekturbüros bekommt jetzt noch mehr, während es beim rumänischen Arbeiter auf der Baustelle wieder eingespart werden muss. Im Übrigen, bei den Möglichkeiten der Fernkommunikation von heute ließen sich vielleicht noch einige Dienstreisen einsparen.
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