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KarriereSPIEGEL

Digitalisierte Arbeitswelt

"Mich nervt der E-Mail-Verkehr mit den Eltern"

Ärzte und Pfleger, denen Roboter helfen. Eine Lehrerin, die den Unterricht am Computer kritisch sieht. Fünf Menschen haben dem SPIEGEL erzählt, wie die Digitalisierung ihren Job verändert.

Harald Tittel/ dpa

Lehrerin an einer Grundschule (Symbolbild)

Aufgezeichnet von
Freitag, 10.05.2019   06:56 Uhr

Sie arbeiten in der Bank, in der Uniklinik oder in der Grundschule - und für sie alle verändert die Digitalisierung ihre Arbeit, zum Teil grundlegend. Hier berichten fünf Arbeitnehmer von der Veränderung - und warum die nicht immer positiv ist.


Bankkaufmann, 52: "Junge Leute haben oft noch nie einen Hundert-Euro-Schein gesehen"

"Vor 30 Jahren konnte ich die Namen der Kunden auswendig. Das ist heute unmöglich, denn sie kommen einfach viel zu selten persönlich in die Bank. Der persönliche Kontakt zu den Kunden wird weniger.

Gerade vielen jungen Leuten fehlt der Überblick über ihre Finanzen. Die heute 40-Jährigen hatten in jungen Jahren noch wesentlich mehr mit Bargeld zu tun. Sie holten Geld an der Kasse ab, machten ihre Geldbörse damit voll und gingen einkaufen. War das Geld für die Woche aufgebraucht, gab es eben abends Nudeln aus der Tüte und keine Bestellung vom Chinesen, die mit Kreditkarte bezahlt wurde.

Die jüngeren Leute haben kein greifbares Verhältnis mehr zum Geld und gehen dementsprechend oft sehr sorglos damit um. Sie zahlen viel online und haben oft noch nie einen Hundert-Euro-Schein gesehen. Ich halte das für gefährlich, denn so verlieren viele schnell den Überblick über ihre Finanzen."


Dr. Patrick Jahn, Leiter der Pflegeforschung der Uniklinik Halle: "Roboter als Entlastung und Unterstützung"

"Im Krankenhaus hat die Digitalisierung zunächst vor allem die elektronische Dokumentation gebracht. Man verbringt viel Zeit am Computer, nicht mehr am Patienten.

Wir haben in den letzten Jahren verschiedene Studien mit Robotern durchgeführt. Die Pflegekräfte waren zunächst besorgt, dass ihre Arbeit durch die Anwesenheit der Roboter überflüssig werden könnte. Die Roboter sind aber lediglich als Entlastung und Unterstützung gedacht.

Wir haben den Emotionsroboter Paro im Einsatz, eine kleine Robbe, die vor allem die Behandlung von Demenzpatienten einfacher macht. Früher mussten diese noch oft fixiert werden, weil sie sich die venösen Zugänge zogen oder einfach den Raum verließen und sich dann verliefen. Nun können sie sich während der Untersuchung mit Paro beschäftigen, ihn streicheln und im Arm halten.

Auch mit Kommunikationsroboter Pepper haben wir gute Erfahrungen gemacht. Er informiert die Patienten über bevorstehende Untersuchungen und kann einfache Routinefragen zu Behandlungsabläufen beantworten. Um diese hinreichend für jeden Patienten zu erklären, fehlt den Pflegekräften selbst leider oft die Zeit, beziehungsweise haben Sie dann mehr Zeit für andere Aufgaben."


Architekt, 44: "Die Wertschätzung für die Arbeit ist zurückgegangen"

"Die Kunden sagen: 'Es ist doch nur ein Knopfdruck. Machen Sie das doch mal schnell.' Aber so schnell geht es eben auch nicht. Ich habe den Eindruck, dass dadurch aber auch viel mehr gefordert wird und die Wertschätzung für die Arbeit zurückgegangen ist.

Ich arbeite seit zwölf Jahren in einem Architekturbüro. Wir entwerfen hauptsächlich Wohnhäuser. Ich habe in der Übergangszeit zur Digitalisierung studiert. Wir haben sowohl am Computer als auch mit Tusche Entwürfe für Häuser gezeichnet, deshalb kann ich gut vergleichen.

Das Zeichnen mit dem Stift ist viel intuitiver. Man kann viel schneller Ideen festhalten. Auch heute noch mache ich die ersten Skizzen immer per Hand. Als Künstler sehe ich mich trotzdem nicht. Mehr als Kunsthandwerker.

Um Maße zu prüfen oder ein Gebäude zu planen, das exakt auf ein 25 Quadratmeter großes Grundstück passt, ist der Computer aber eine große Hilfe. Er ist wesentlich schneller und genauer. Mit den steigenden technischen Anforderungen an die Gebäude ist auch die Planung der Häuser genauer und viel detailreicher geworden. Und ganz verdrängt wurden die Zeichnungen auch nicht aus dem Architekturbüro. Die Skizzen hängen wir immer noch auf, auch wenn es sicher weniger sind als früher.

Früher arbeiteten Architekten mit Bauzeichnern zusammen, die die Entwürfe für sie zeichneten. Durch den Computer ist der Ausbildungsberuf mehr und mehr verdrängt worden. Denn die Architekten entwerfen nicht nur, sondern zeichnen ihre Entwürfe auch gleich.

Ich habe einige Kollegen, die ihre Ausbildung noch ganz ohne Computer gemacht haben. Das gibt es bei uns nicht mehr."


Grundschullehrerin, 44: "Mich nervt der E-Mail-Verkehr mit den Eltern"

"Die Mediennutzung hat sich in der Schule in den letzten 15 Jahren kaum verändert. Wir haben einen Computerraum, den ich einmal pro Woche mit meiner Klasse nutze. Die Schule überlegt aber, diesen Raum abzuschaffen.

So hätten wir einen Raum mehr, in dem die Kinder wichtigere Dinge lernen können: Soziale Kompetenzen, Rücksicht aufeinander. Daran fehlt es den Schülern leider oft.

Eltern wollen, dass die Schule immer mehr Erziehungsaufgaben und Verantwortung für die Kinder übernimmt. Sie drücken dann alles den Lehrern auf. Die Bildung am Computer ist meiner Meinung nach klar ein Elternerziehungsthema, genauso wie etwa auch der Schwimmunterricht. Das ist ein großes Problem.

Was mich auch nervt: Seit Kurzem regelt die Schule allen E-Mail-Verkehr mit den Eltern über offizielle Dienstmailadressen. Ich bin nun also über zwei verschiedene Adressen erreichbar und muss sie im Blick behalten."


Sozialversicherungsfachangestellter, 64: "Anfangs habe ich alles noch handschriftlich festgehalten"

"Hat man früher erst nach zwei Wochen erfahren, dass jemand im Krankenhaus liegt, weiß man es heute schon am nächsten Tag. Durch das Internet haben die Kunden immer mehr die Möglichkeit, digital Kontakt zu uns aufzunehmen. Immer weniger kommen in die Geschäftsstellen, um ihre Anträge abzugeben.

Deshalb mussten schon einige Geschäftsstellen schließen, die Krankenkassen werden immer zentraler organisiert. Durch die Digitalisierung ist meine Arbeit wesentlich einfacher geworden.

Ich habe vor 46 Jahren angefangen, bei einer großen gesetzlichen Krankenkasse zu arbeiten, und die Einführung der Computer in vollem Umfang miterlebt. Mein Beruf hat sich stark verändert. Anfangs habe ich alle Leistungsbewilligungen noch handschriftlich festgehalten, egal ob es um Zahnersatz, Arbeitsunfähigkeit oder eine Krankenhauseinweisung ging. Briefe habe ich mit der Schreibmaschine geschrieben. Korrekturen waren zwar möglich, aber man sah sie auf dem Papier.

Seit vielen Jahren nutzen wir Computer, auch für die Buchhaltung. Das hat viel vereinfacht. Heute geht auch bei uns nichts mehr ohne den Computer."

insgesamt 75 Beiträge
Sparta 10.05.2019
1. Da sind sie wieder...
...die Probleme. Warum sollen Kunden nicht mit dem Argument kommen, es sei doch nur ein Knopfdruck, wenn den Menschen nicht schon in der Schule beigebracht wurde, wie so ein "Ding" (Computer) überhaupt funktioniert. Dazu passt [...]
...die Probleme. Warum sollen Kunden nicht mit dem Argument kommen, es sei doch nur ein Knopfdruck, wenn den Menschen nicht schon in der Schule beigebracht wurde, wie so ein "Ding" (Computer) überhaupt funktioniert. Dazu passt die Aussage der Lehrerin, die den Umgang mit dem Computer als Elternaufgabe sieht. Willkommen im 19. Jahrhundert.
01099 10.05.2019
2.
In der Pflege werden Roboter bald unabdingbar sein, da es schlicht keine Pflegekräfte mehr geben wird. Die Lage ist jetzt schon höchst prekär, da sich die Branche durch ihre Arroganz gegenüber ihren Mitarbeitern selbst das [...]
In der Pflege werden Roboter bald unabdingbar sein, da es schlicht keine Pflegekräfte mehr geben wird. Die Lage ist jetzt schon höchst prekär, da sich die Branche durch ihre Arroganz gegenüber ihren Mitarbeitern selbst das Wasser abgegraben hat. Willkommen in der Realität.
thb81 10.05.2019
3. Bedauernswerte Lehrerin...
muss sie doch tatsächlich 2 E-Mail-Adressen "im Blick behalten", weil ihr Arbeitgeber ihr eine dienstliche E-Mail-Adresse eingerichtet hat. Es verwundert nicht, dass diese Person der Meinung ist, Bildung am Computer sei [...]
muss sie doch tatsächlich 2 E-Mail-Adressen "im Blick behalten", weil ihr Arbeitgeber ihr eine dienstliche E-Mail-Adresse eingerichtet hat. Es verwundert nicht, dass diese Person der Meinung ist, Bildung am Computer sei Elternsache; wer schon damit überfordert ist 2 E-Mail-Adressen gleichzeitig zu managen hat offensichtlich keine besonders ausgeprägte digitale Kompetenz. Warum sollte die Schule den Kindern auch Dinge beibringen, die sie fürs Leben brauchen (richtiger Umgang mit Computern/ digitalen Medien, schwimmen...) ? Und zum Thema "die Eltern erwarten immer mehr": als ich zur Grundschule ging (80er Jahre) war Schwimmunterricht SELBSTVERSTÄNDLICH! Das hindert Eltern ja in keiner Weise daran, ihren Kindern selbst schwimmen beizubringen. Dass eine Grundschullehrerin sich aber dieser Verantwortung komplett entziehen will und gleichzeitig behauptet, die Eltern erwarteten immer mehr ist schon bemerkenswert.
dgs 10.05.2019
4. Kosten
Der Architekt will natürlich nicht, dass man sieht, dass gewisse Änderungen marginalen Aufwand bedeuten. Dann kann man nicht so einfach große Rechnungen stellen. Ähnlich wie beim Notar. Sie wollen eine Immobilie kaufen? [...]
Der Architekt will natürlich nicht, dass man sieht, dass gewisse Änderungen marginalen Aufwand bedeuten. Dann kann man nicht so einfach große Rechnungen stellen. Ähnlich wie beim Notar. Sie wollen eine Immobilie kaufen? Klick, fertig. 7500.-
inmado 10.05.2019
5. Zwei E-Mail-Adressen
"Was mich auch nervt: Seit Kurzem regelt die Schule allen E-Mail-Verkehr mit den Eltern über offizielle Dienstmailadressen. Ich bin nun also über zwei verschiedene Adressen erreichbar und muss sie im Blick behalten." [...]
"Was mich auch nervt: Seit Kurzem regelt die Schule allen E-Mail-Verkehr mit den Eltern über offizielle Dienstmailadressen. Ich bin nun also über zwei verschiedene Adressen erreichbar und muss sie im Blick behalten." Das zeugt von geballter Kompetenz. Vielleicht erklärt jemand einmal der Dame, wie man verschiedene Email-Konten im E-Mail-Client eingerichtet und gemeinsam verwaltet...

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