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KarriereSPIEGEL

Geschlechterunterschiede bei der Jobsuche

Frauen zaudern, Männer bewerben sich einfach mal

Frauen sind oft hoch qualifiziert, bewerben sich dann aber auf Positionen unter ihrem Niveau. Grund sind laut einer neuen Studie die Formulierungen der Stellenanzeigen - und längst überholte Klischees.

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Trotz ausreichender Qualifikationen bewerben sich Frauen häufig auf Jobs unter ihrem Niveau - das verschärft den Fachkräftemangel

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Montag, 24.06.2019   19:26 Uhr

Der Fachkräftemangel macht deutschen Unternehmen zu schaffen - dabei gäbe es durchaus qualifizierte Arbeitsuchende, die die offenen Stellen besetzen könnten. Besonders Frauen würden sich auf die vakanten Jobs in Engpass-Berufen oft gar nicht erst bewerben - obwohl sie ausreichende Fähigkeiten mitbringen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Ob in einem Beruf ein Engpass besteht, machen die Studienautoren am Verhältnis zwischen Arbeitslosen mit entsprechender Qualifikation und unbesetzten Stellen fest. Gibt es weniger als 200 Arbeitslose auf 100 offene Stellen in einem Beruf, herrscht Mangel.

Insbesondere in geschlechtstypischen Berufen, bei Männern etwa im Metall- und Maschinenbau, bleiben viele Stellen offen. Auch in der Lagerwirtschaft ist der Bedarf an Fachkräften immens. Gleiches gilt für die frauentypischen Berufe in der Alten- und Krankenpflege. "Typisch" für ein Geschlecht ist ein Beruf laut Studie dann, wenn mehr als 70 Prozent der Beschäftigten männlich oder weiblich sind.

Orientierung nach unten

Grund dafür sei, dass insbesondere Frauen sich zu selten auf für sie passende Angebote bewerben, so die IW-Studie. Im Jahr 2018 gab es nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit durchschnittlich mehr als 62.000 offene Stellen für Hochschulabsolventen. Mit den rund 28.000 arbeitslosen Akademikerinnen, die trotz Hochschulabschluss eine Tätigkeit unterhalb ihres Qualifikationsniveaus suchen, ließe sich zumindest ein Teil der Stellen besetzen.

Doch warum orientieren sich Frauen beruflich häufiger an den unteren Sprossen der Karriereleiter? Entweder, weil sie ihre eigenen Qualitäten unterschätzen, oder weil sie glauben, dass sie aufgrund ihres Geschlechts nicht in ein bestimmtes Berufsfeld passen, so das Fazit der Studie. Diese Selbsteinschätzung schade den Unternehmen, weil es den potenziellen Bewerberkreis deutlich einschränke, heißt es in der Untersuchung.

"In den geschlechtsuntypischen Berufen gibt es viel seltener Personalmangel als in solchen mit überwiegendem Männer- und Frauenanteil", sagt Lydia Malin, Mitautorin der Studie. Ziel müsse es daher sein, schon bei der Berufsorientierung in den Schulen mit Geschlechterklischees im Job zu brechen.

"Selbstbewusstsein" statt "Durchsetzungsvermögen" in der Jobanzeige

"Erstaunlicherweise sind die Berufsbilder bei jungen Leuten noch traditionell", sagt Malin. "Die orientieren sich beruflich an ihren Eltern und Großeltern, dabei sieht die Realität heute ganz anders aus." Auf dem Bau oder im Metallbau, in klassischen Männerberufen also, würden mittlerweile Maschinen körperliche Arbeiten übernehmen. Die Berufe seien damit offener geworden, dennoch seien Frauen weiterhin deutlich in der Unterzahl, so Malin.

Hinzu komme, dass Frauen sich oftmals von den Stellenanzeigen nicht angesprochen fühlen. "Da sind dann die Unternehmen gefragt, ihre Gesuche so zu formulieren, dass auch Frauen sich bewerben", sagt Malin.

In einer Broschüre empfehlen die Studienautoren daher, statt "Verhandlungsgeschick" oder "Durchsetzungsvermögen" in einer Anzeige besser "Wortgewandtheit" und "Selbstbewusstsein" von potenziellen Bewerberinnen zu fordern. Oft seien die Gesuche überladen mit Anforderungen; Frauen fühlten sich davon eher überfordert, sagt Malin.

"Fachkräfte sind rar geworden. Deshalb muss man alle, die es gibt, erreichen", sagt Malin. Erst wenn man alle Arbeitsuchenden anspreche, ließe sich die Fachkräftelücke verringern.

insgesamt 30 Beiträge
hr.cacau 24.06.2019
1. Mein Lieblingsthema...
Wer nicht alles immer Schuld ist an der Misere der Frauen. Nun sind es also bestimmte Worte. Böse, böse Wörter! Ich selbst würde nie auf die Idee kommen, irgendeiner Frau Durchsetzungskraft abzusprechen. Hier wird das aber [...]
Wer nicht alles immer Schuld ist an der Misere der Frauen. Nun sind es also bestimmte Worte. Böse, böse Wörter! Ich selbst würde nie auf die Idee kommen, irgendeiner Frau Durchsetzungskraft abzusprechen. Hier wird das aber getan. Ich würde mir wünschen, dass bald nicht mehr solche Pseudoprobleme diskutiert sondern die tatsächlichen Hürden bekämpft würden: 1. Erzieher/innen und andere soziale Berufe deutlich besser bezahlen. 2. Frauen und Männern in Elternzeit attraktive Angebote seitens des Arbeitgebers machen (Betriebs-KiTa, Aufstiegsperspektiven trotz Beurlaubung/Teilzeit, Qualifizierungen, Home-Office, etc.). 3. höhere staatliche Zuschüsse für weibliche Existenzgründer. 4. Teilzeitbeschäftigung durch staatliche Zuschüsse in den ersten 6 Lebensjahren des Kindes auf das Gehaltsniveau einer/eines Vollzeitbeschäftigten heben. etc.
vera gehlkiel 24.06.2019
2. @hr.cacau
Klingt ja alles Tofte, allerdings haben Sie "in Wirklichkeit" so gut wie alle kostenintensiven Problemloesungen auf die Regulierungsinstanz "Vater Staat" abgeschoben. Vor allem aber die gesellschaftspolitische [...]
Klingt ja alles Tofte, allerdings haben Sie "in Wirklichkeit" so gut wie alle kostenintensiven Problemloesungen auf die Regulierungsinstanz "Vater Staat" abgeschoben. Vor allem aber die gesellschaftspolitische Verantwortung, die heutige Unternehmen gemäß Corporate Identity- orientierter Leitbilder ja angeblich in so hohem Maße mit sich führen, dass sich sogar aufstrebende Grsundheitsministerinnen gern damit schmücken möchten. Wie "Aufstiegsperspektiven" überhaupt an die Frau kommen sollen, hängt etwa schon wieder vom Sprachgebrauch ab. Respektive natürlich davon, wie der/die Boss/in so drauf ist. Und die initial coole Betriebskita kann für eine Frau nur allzu schnell zu einer Mausefalle werden, sobald sie über einen Arbeitgeberwechsel nachdenkt. Da wäre eine unternehmerische Beteiligung am Konzept kostenlose Kita für alle vielleicht das aufrichtigere Modell. Homeoffice (mach ich als "Freelancerin" sowieso) ist andererseits überhaupt gar kein frauenspezifisches Thema. Dass ausgerechnet Menschen, deren Beruf die Vermarktung von Produkten durch Sprache ist, die Relevanz von Sprache in Verbindung mit der Frage "die berufstätige Frau" die ganze Zeit über stringend abwerten, wirkt in sich ehrlich gesagt schon leicht absurd. Prinzipiell machen das aber längst nicht mehr alle Unternehmen so. Einigen wird mittlerweile tatsächlich klar, wieviel Ressource an kreativem Potential einem flöten geht, bleibt man beim braesigen "Maennerkultus" und tut so, als müssten Frauen sich halt etwas Aufmerksamkeit erst mal verdienen. Mittlerweile soll es, so wird jedenfalls gemunkelt, sogar Personalchefs (männlich) geben, die es im Zielvereinbarungsgespraech als unkreative Verhaltensweise problematisieren, wenn der junge Vater dezidiert keine Elternzeit nimmt, oder er noch nie wegen dem kranken Kind gefehlt hat...
Sponutzer 24.06.2019
3. Studie, die einige Frage offen lässt
Bei den 62.000 offenen Stellen für Hochschulabsolventen wird nicht lediglich ein Hochschulabschluss gefordert, sondern es muss ganz konkret ein Anforderungsprofil erfüllt werden. Eine Kunsthistorikerin kann mit ihrem Abschluss [...]
Bei den 62.000 offenen Stellen für Hochschulabsolventen wird nicht lediglich ein Hochschulabschluss gefordert, sondern es muss ganz konkret ein Anforderungsprofil erfüllt werden. Eine Kunsthistorikerin kann mit ihrem Abschluss in der IT (bzw. praktisch jeder anderen gefragten Berufsbranche) halt überhaupt nichts anfangen. Es gibt nun mal Unterschiede bei der Studienwahl von Männer und Frauen und das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Chancen am Arbeitsmarkt. Als Geisteswissenschaftler muss man eben unter Umständen eine Stelle antreten, die formal nicht die Qualifikationen entspricht, Maschinenbauern wird das seltener passieren. Den 62000 offenen Stellen also die 28000 arbeitslosen Akademikerinnen gegenüber zustellen, ist also ziemlich unsinnig. Sinnvoll wäre gewesen, es nach Branchen aufzugliedern. Die RP (https://rp-online.de/wirtschaft/iw-studie-frauen-sind-bei-der-jobwahl-oft-zu-bescheiden_aid-39547231) schreibt: "Demnach suchen von derzeit rund 86.000 arbeitslosen Akademikerinnen nur zwei Drittel eine Stelle, die auch einen Hochschulabschluss erfordert. Das restliche Drittel der Frauen gibt sich mit einfacheren Tätigkeiten zufrieden. Bei den studierten Männern liegt der Anteil derer, die nicht-akademische Jobs akzeptieren, dagegen bei weniger als einem Fünftel." Hier wäre interessant, ob sich in dieser Frage männlich und weibliche Kunsthistoriker auf der einen Seite und Maschinenbauer auf der anderen Seite unterscheiden. Oder ob grundsätzlich Kunsthistoriker eher bereit sind (bzw. bereit sein müssen), niederqualifizierte Arbeit anzunehmen. Und der Unterschied zwischen Männer und Frauen hauptsächlich durch die unterschiedliche Berufswahl zustande kommt. Man hätte aus er Studie durchaus etwas machen können, so ist halt nur der übliche 'Frauen werden benachteiligt'-Sermon draus geworden.
spdf 24.06.2019
4.
Das sind Klischees pur. Kunst ist nach Drogen und Waffen der drittgrößter Schwarzmarkt. Hinzu kommt noch der legale Markt. Es gibt also im Bereich Kunst für Akademiker genug zu tun. Unabhängig von dem was jemand studierte, [...]
Zitat von SponutzerBei den 62.000 offenen Stellen für Hochschulabsolventen wird nicht lediglich ein Hochschulabschluss gefordert, sondern es muss ganz konkret ein Anforderungsprofil erfüllt werden. Eine Kunsthistorikerin kann mit ihrem Abschluss in der IT (bzw. praktisch jeder anderen gefragten Berufsbranche) halt überhaupt nichts anfangen. Es gibt nun mal Unterschiede bei der Studienwahl von Männer und Frauen und das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Chancen am Arbeitsmarkt. Als Geisteswissenschaftler muss man eben unter Umständen eine Stelle antreten, die formal nicht die Qualifikationen entspricht, Maschinenbauern wird das seltener passieren. Den 62000 offenen Stellen also die 28000 arbeitslosen Akademikerinnen gegenüber zustellen, ist also ziemlich unsinnig. Sinnvoll wäre gewesen, es nach Branchen aufzugliedern. Die RP (https://rp-online.de/wirtschaft/iw-studie-frauen-sind-bei-der-jobwahl-oft-zu-bescheiden_aid-39547231) schreibt: "Demnach suchen von derzeit rund 86.000 arbeitslosen Akademikerinnen nur zwei Drittel eine Stelle, die auch einen Hochschulabschluss erfordert. Das restliche Drittel der Frauen gibt sich mit einfacheren Tätigkeiten zufrieden. Bei den studierten Männern liegt der Anteil derer, die nicht-akademische Jobs akzeptieren, dagegen bei weniger als einem Fünftel." Hier wäre interessant, ob sich in dieser Frage männlich und weibliche Kunsthistoriker auf der einen Seite und Maschinenbauer auf der anderen Seite unterscheiden. Oder ob grundsätzlich Kunsthistoriker eher bereit sind (bzw. bereit sein müssen), niederqualifizierte Arbeit anzunehmen. Und der Unterschied zwischen Männer und Frauen hauptsächlich durch die unterschiedliche Berufswahl zustande kommt. Man hätte aus er Studie durchaus etwas machen können, so ist halt nur der übliche 'Frauen werden benachteiligt'-Sermon draus geworden.
Das sind Klischees pur. Kunst ist nach Drogen und Waffen der drittgrößter Schwarzmarkt. Hinzu kommt noch der legale Markt. Es gibt also im Bereich Kunst für Akademiker genug zu tun. Unabhängig von dem was jemand studierte, niemand wird daran gehindert, in eine Stabi zu gehen und sich dort BWL - Kenntnisse zuzulegen. Das geht sehr gut. Außerdem profitieren sie gerade als Kunsthistoriker, wenn sie sich sehr weitreichende Kenntnisse bzgl. Datenbanken zulegen. Das ist ohne Probleme machbar. Das Problem ist eher, dass viele Studenten und Studentinnen nicht sonderlich gut daran sind, sich selbständig Kenntnisse beizubringen und alles extra vorgekaut brauchen. Was man bei der Berufswahl als Problem ansehen kann ist, dass so einige Frauen ihre Berufswahl sehr stark mit ihrem Hobby verknüpfen. Es gibt so einige Akademikerinnen die dann Mode verkaufen, auch wenn sie von der Qualifikation her das nicht nötig hätten.
Welten_Wanderin 24.06.2019
5. Klischees
Ich finde, da werden gerade Klischees eher verstärkt mit solchen Vorschlägen. Hat sich jemand schon mal gefragt, ob sich Frauen unter anderem auch deshalb weniger auf entsprechende Jobs bewerben, weil sie einfach die [...]
Ich finde, da werden gerade Klischees eher verstärkt mit solchen Vorschlägen. Hat sich jemand schon mal gefragt, ob sich Frauen unter anderem auch deshalb weniger auf entsprechende Jobs bewerben, weil sie einfach die Erfahrung gemacht haben, dass man ihnen entsprechende Eigenschaften nicht zutraut? Nicht, dass ich mich deshalb von Bewerbungen abhalten lassen würde, ich kann da stur sein, aber meine Erfahrung ist es tatsächlich, dass man als Frau, egal wie super man auf das Profil paast, wenn es um verantwortungsvolle Stellen geht mit Beschreibungen, die man eher Männern zuordnet, und dann auch noch das entsprechende Gehalt fordert, dass es dann noch nicht mal eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch gibt. Egal, wie rar die Mitbewerber gesät sind. Aber sicher werden jetzt wieder ein paar kommen und mir erzählen, dass das nicht sein kann und ich irgendeinen Fehler mache ;)

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