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KarriereSPIEGEL

Frauenstreiks in der Schweiz

"Aufschrei auslösen, Augen öffnen"

Tausende Schweizerinnen sind für mehr Gleichberechtigung auf die Straße gegangen. Dafür kämpft auch die Studentin Valentina Achermann an ihrer Universität - an der sie immer noch Sexismus erlebt.

Alexandra Wey/KEYSTONE/DPA

In viele Städten und Ortschaften streiken die Frauen - so auch in Luzern

Freitag, 14.06.2019   22:17 Uhr

In der Schweiz haben an diesem Freitag Zehntausende Frauen gestreikt - für mehr Gleichberechtigung, bessere Bezahlung und weniger sexuelle Belästigung. Eine davon ist die Studentin Valentina Achermann.

SPIEGEL: Frau Achermann, in Bern haben bis zum Mittag rund 10.000 Menschen demonstriert - darunter auch viele an der Universität. Wie haben Sie das erlebt?

Valentina Achermann: Wir waren allein an der Uni mehr als 1000 Personen, Kinder, ältere Frauen, solidarische Männer, die meisten waren allerdings Studentinnen. Wir haben ein großes Programm vorbereitetet mit Reden, Poetry-Slam, Musik und Kunst. Später sind wir weiter zu einem großen Streik in die Innenstadt marschiert. Die Stimmung ist sehr gut, extrem mitreißend. Wir sind alle fest entschlossen, etwas zu verändern.

SPIEGEL: Was soll sich ändern?

Achermann: Wir wollen einfach zeigen, dass wir genug von den patriarchalischen Strukturen haben, die wir jeden Tag zu spüren bekommen - auch an unserer Universität. Wir haben hier viele gute Gründe, um zu streiken.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Achermann: 57 Prozent der Studierenden sind weiblich, aber nur 24 Prozent der Professorinnen. Mit zunehmendem akademischen Grad nimmt der Frauenanteil ab. Wir sehen es als gravierend an, dass Frauen so gut ausgebildet sind, aber dann häufig in Teilzeit arbeiten und nicht in Führungspositionen.

SPIEGEL: Könnte das nicht auch an Frauen selbst liegen?

Achermann: Ein großes Problem ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf - und die fängt ja schon im Studium an. Das Betreuungsangebot an der Uni ist zwar gut, allerdings dürfen Studentinnen in vielen Seminaren nur zweimal fehlen. Da ist natürlich schwierig, wenn das Kind krank ist.

SPIEGEL: Was stört Sie noch?

Achermann: Auch Sexismus und sexuelle Belästigung sind an unserer Uni ein großes Problem. Bei einer repräsentativen Umfrage mit Studierenden im Jahr 2017 mussten wir feststellen: Zehn Prozent der Studierenden haben bereits sexuelle Belästigung an der Uni erlebt. Das beginnt bei grenzüberschreitendem Verhalten wie unangebrachten Sprüchen bis hin zu Berührungen. Nur sehr wenige Personen melden das, denn die Hürden dafür sind unserer Erfahrung nach viel zu hoch. Studentinnen haben auch Angst, dass sie benachteiligt werden, wenn sie sich wehren.

Spiegel: Inwiefern?

Achermann: Zum Beispiel durch schlechte Noten. Wenn der Doktorvater einen sexistischen Spruch macht, schlucken Frauen ihren Ärger vielleicht runter, weil sie sonst nicht mehr auf diesem Gebiet forschen können. Die Abhängigkeiten und starke Hierarchien an Universitäten sind ein sehr großes Problem.

Foto: AP

SPIEGEL: Als Gleichstellungsbeauftragte haben Sie und andere Studierende zehn Forderungen erstellt, die sie später der Universitätsleitung übergeben werden. Was genau wollen sie?

Achermann: Wir fordern eine Frauenquote von 50 Prozent in universitären Führungspositionen, also sowohl bei Professuren als auch in der Unileitung. Die Universität soll sich aktiv gegen Sexismus und sexuelle Belästigung einzusetzen. Auf dem Studierendenausweis soll kein Geschlecht mehr stehen. Außerdem fordern wir eine spezifische Förderung von Frauen in den technisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Für all diese Forderungen sammeln wir heute auch Unterschriften, damit sie so schnell wie möglich umgesetzt werden.

SPIEGEL: Am 14. Juni 1991 fand der erste landesweite Frauenstreik in der Schweiz statt. Auch damals wurde für mehr Gleichberechtigung protestiert. Muss bis zum nächsten Streik wieder so viel Zeit vergehen, damit sich etwas ändert?

Achermann: Das ist genau das Problem: Wir wollen nicht mehr so lange warten. Es kann nicht sein, dass schon meine Mutter und meine Großmutter deshalb auf die Straße gegangen sind. Wir wollen die Gleichstellung jetzt. Deshalb hoffen wir natürlich, das wir einen Aufschrei auslösen und die Augen öffnen können. Wir fordern alle dazu auf, kritisch zu denken und die Stimme zu erheben, wenn sie etwas sehen, das ungerecht ist.

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