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KarriereSPIEGEL

Rechtsanspruch auf Homeoffice

Ab ins Heim?

Er gibt nicht auf: Zum zweiten Mal in diesem Jahr versucht Arbeitsminister Hubertus Heil, das Thema Rechtsanspruch auf Heimarbeit auf die Agenda zu heben. Ist das zeitgemäß - oder Unsinn?

DPA

Arbeit im Homeoffice

Von
Donnerstag, 03.10.2019   10:22 Uhr

Seit 18 Jahren sitze ich an meinem aktuellen Arbeitsplatz, schreibe, recherchiere, telefoniere, lese, korrigiere und konzipiere - was man halt so macht als Journalist.

Jeden Tag geht das so, in höchst regelmäßiger Anwesenheit, Urlaubs- und Krankentage ausgenommen. Keine Naturkatastrophe kann mich davon abhalten, am Arbeitsplatz zu erscheinen: Ich bin "Telearbeiter", wie man früher sagte, ich arbeite im "Homeoffice". So gut wie immer.

Ich darf das, weil ich es kann: In digitalen Zeiten ist es mehr oder minder nebensächlich, wo ich als Journalist meine Texte schreibe. Hauptsache, ich kann mich über eine schnelle Anbindung virtuell ins Netz meines Verlages einklinken und dort meine Arbeit produzieren. Meine Hamburger Telefonnummer folgt mir, wohin auch immer es mich weht. Meine Gesprächspartner nehmen gar nicht wahr, wo das Büro liegt, in dem sie mich erreichen. Dass beim Rückruf eine Handynummer zum Einsatz kommt, wird 2019 wohl auch niemanden mehr irritieren.

Das sind ideale Bedingungen für die Arbeit im Homeoffice. Und offenbar beschreibt man so den Traumjob vieler Deutscher: Das belegt der zweiteilige, in der vergangenen Woche veröffentlichte Bericht des von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) initiierten Zukunftsdialoges "Neue Arbeit. Neue Sicherheit". Er führt Erkenntnisse zusammen, die sich aus Dialogen von Heil und Experten des Arbeitsministeriums mit Bürgern und Branchenvertretern ergaben.

Sehnsuchtsort: der heimische Schreibtisch

Zwölf Prozent der Arbeitnehmer (Zahl des Arbeitsministeriums: es gibt andere Schätzungen, die von bis zu 40 Prozent ausgehen) sind demnach bereits Heimarbeiter, zumindest ab und zu. Viele andere sehnen sich danach: Rund ein Drittel aller Arbeitnehmer, denen das Homeoffice bisher verwehrt ist, wollen dem Bericht zufolge zu Hause arbeiten, statt ins Büro zu gehen.

Im zweiten Teil des Berichtes übersetzt das Arbeitsministerium diese Wünsche in politische Handlungsziele. Die zu stark ausgeprägte "Anwesenheitskultur am Arbeitsplatz" soll mit einem "Rechtsanspruch auf mobile Arbeit" gekontert werden. Heil will dem Wunsch der Arbeitnehmer also nachkommen - und ein Gesetz daraus machen.

Das ist nicht neu, aber hartnäckig

Das Thema ist ein Wiedergänger, SPD und CDU streiten darüber seit Jahren. Zuletzt war es im Januar Staatssekretär Björn Böhning (SPD), enger Vertrauter des Arbeitsministers, der das Thema als Forderung in die öffentliche Diskussion brachte.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) brauchte bis Anfang März, um darauf eine abschlägige Antwort zu finden: Für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie müsse man zwar etwas tun, ließ er wissen. Aber dafür brauche es mehr Flexibilität und nicht mehr starre gesetzliche Regelungen. Er machte damit klar: Ein Homeoffice-Gesetz ist in der Regierungskoalition weiterhin nicht durchsetzbar.

Hubertus Heil versucht es nun trotzdem noch einmal, verpackt in ein ganzes Bündel diskussionswürdiger Vorschläge zur Gestaltung der künftigen Arbeitswelt. Anders als im Januar wird der Rechtsanspruch aufs Homeoffice nun präventiv weich verpackt: Arbeitgeber könnten den "z. B. aus betrieblichen Gründen ablehnen", heißt es aus dem Arbeitsministerium.

Das erinnert an einen Sketch im Monty-Python-Film "Das Leben des Brian". Die Widerstandsgruppe Volksfront von Judäa beschließt da bindend für alle Genossinnen und Genossen ein grundsätzliches Recht auf Schwangerschaft und Geburt, unabhängig vom Geschlecht - also egal, ob biologisch möglich oder nicht.

Auch die Arbeit im Homeoffice kollidiert mitunter mit den Realitäten. Ein Bäcker wird den Ofen nicht mit nach Hause nehmen können, eine Chirurgin, die auf dem heimischen Küchentisch operiert, muss zurecht eine Haftstrafe befürchten. Es ist also logisch und nachvollziehbar, dass ein Rechtsanspruch auf mobile Arbeit aus betrieblichen Gründen ablehnbar sein muss.

Nur: Was bringt dieser Rechtsanspruch dann noch?

Prinzipiell ist die Arbeit im Homeoffice ja längst gelebte Realität - zumindest für einen Teil der Arbeitnehmerschaft.

DPA

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD): Fordert Recht auf Homeoffice

Aber braucht man einen Rechtsanspruch, der in der Praxis nicht durchsetzbar ist, um die Bereitschaft zur Heimarbeit zu erhöhen?

Wo eine Erhöhung der Produktivität mit größerer Zufriedenheit auf Arbeitnehmerseite einhergeht, sollte Heimarbeit schon im Betriebsinteresse liegen: Das zu erkennen, ist ein Lern- und Organisationsprozess. Aber ob das Homeoffice für den einzelnen Angestellten sinnvoll ist, bleibt selbst dann Abwägungssache.

Eine Checkliste:

Was spricht für das Homeoffice?

Für die Heimarbeit gibt es gute Argumente aus Arbeitnehmer- wie Arbeitgebersicht.

Was spricht gegen das Homeoffice?

Das bedeutet aber nicht, dass das Homeoffice für jede Form der Arbeit geeignet wäre - oder für jeden Arbeitnehmer. Heimarbeit hat ihre Risiken und Nebenwirkungen:

Dazu kommen weiche, empirisch schwer fassbare Faktoren. Beförderungen, Lohnerhöhungen und Ähnliches gehen an Heimarbeitern oft vorbei. Arbeitnehmerrechte wie der Anspruch auf Weiterbildung werden selten wahrgenommen. Vor allem aber ist es bei permanenter Heimarbeit enorm schwer, kommunikativ nicht aus dem Unternehmen zu fallen: Angestellte im Homeoffice bekommen vieles nicht mit, vertiefen Beziehungen nicht, verlieren an Sichtbarkeit.

Zu Unzeiten, wenn der Rest der Belegschaft den Betrieb längst geräumt hat, sind sie dagegen schnell wieder auf dem Radar - vielen Arbeitgebern gilt der Heimarbeiter als "allzeit bereit". Das kritisierte bei der Vorstellung des Berichtes aus Heils Arbeitsministerium auch Die Linke, die offenbar ihr Herz für Heimarbeiter wie mich entdeckt hat und auch damit punkten will: Wenn man ein Recht auf Homeoffice definiere, dann nur im Verbund mit einem "Recht auf Nicht-Erreichbarkeit" durch den Chef.

Etwa so, wie das längst im Arbeitszeitgesetz geregelt ist?

insgesamt 93 Beiträge
flyte 03.10.2019
1. In Zeiten des Klimaschutzes eine Selbstverständlichkeit
Es gibt einfach viel zu viele Menschen, die tagtäglich ihre Aktentasche durch die Welt fahren, um den Tag dann an Rechner und Telefon zu verbringen. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Es verursacht nicht nur riesige Mengen [...]
Es gibt einfach viel zu viele Menschen, die tagtäglich ihre Aktentasche durch die Welt fahren, um den Tag dann an Rechner und Telefon zu verbringen. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Es verursacht nicht nur riesige Mengen CO2, sondern ist reine Zeitverschwendung. Rechner und Telefon gibt es auch zu Hause. Homeoffice sollte die Normalität sein, der Besuch im Büro die Ausnahme. Das geht sicher nicht für alle Berufsgruppen, aber doch für verdammt viele...
bastetqueen 03.10.2019
2. Ich liebe das Homeoffice, aber ...
Als Programmiererin habe ich jahrelang im Homeoffice gearbeitet und kenne daher die Vor- und auch die Nachteile. Homeoffice ist keine Lösung für mangelnde Kinderbetreuung, und es ist auch selten möglich, am Eßtisch die Arbeit [...]
Als Programmiererin habe ich jahrelang im Homeoffice gearbeitet und kenne daher die Vor- und auch die Nachteile. Homeoffice ist keine Lösung für mangelnde Kinderbetreuung, und es ist auch selten möglich, am Eßtisch die Arbeit zu erledigen. Für die Karriere ist es nicht förderlich, dazu benötigt es ständige Präsenz am Arbeitsplatz, so daß das Management auch die Person mit der Arbeit verknüpfen kann - obwohl hier eine Mischung aus Homeoffice und Arbeitsplatz möglich ist. Der Job muss digital zu erledigen sein, separates Arbeitszimmer und gute Internetanbindung sind notwendig. SEHR wichtig ist zudem die Abgrenzung von Privat- und Arbeitsleben, ich habe mich beispielsweise immer so angezogen, daß ich sofort ins Büro fahren konnte - also nicht in Sweatsachen herumschlunzen (klingt doof, aber hat tatsächlich Auswirkungen auf die Arbeitsleistung). Jetzt, am Ende meiner Karriereambitionen, würde ich begrüßen, wenn mein Arbeitgeber mir das Homeoffice gestattet. Muss ich mal ansprechen ... ;-)
theexpertspeaks 03.10.2019
3. Heimarbeit zerstoert den Teamgeist
Wiener Beitrag here it's eight, macht ein allgemeiner Rechtsanspruch auf Heimarbeit keinen Sinn. Und zwar nicht nur bei Baeckern, KFZ Mechanikern oder Chirurgen, sondern auch bei Berufen, die eine Zusammenarbeit im Team [...]
Wiener Beitrag here it's eight, macht ein allgemeiner Rechtsanspruch auf Heimarbeit keinen Sinn. Und zwar nicht nur bei Baeckern, KFZ Mechanikern oder Chirurgen, sondern auch bei Berufen, die eine Zusammenarbeit im Team erfordern, und das ist vermutlich bei der Mehrzahl der Berufe der Fall. Mitarbeiter*innen, die dauerhaft(!) von zu Hause arbeiten verlieren den Kontakt zu Kollegen*innen, zur Firma und werden irgendwann wie externe Dienstleister wahrgenommen. Sie gehoeren nicht mehr wirklich zum Team, denn sie trinken keinen Kaffee oder Tee mit anderen Teammitgliedern mehr und es fehlt der Smalltalk, der Office Gossip und der soziale Kontakt. Und mal ganz ehrlich ~ macht es wirklich gluecklich, immer zu Hause zu sitzen? Nicht alles was technisch moeglich ist, macht auch wirklich Sinn.
großwolke 03.10.2019
4. Den Markt entscheiden lassen?
Programmierer, Journalisten, Controller undundund, die Liste von Berufen, die man grundsätzlich am Schreibtisch ausübt und demzufolge auch von daheim erledigen kann ist lang. Aber, wie im Artikel rausgearbeitet, ist sie endlich. [...]
Programmierer, Journalisten, Controller undundund, die Liste von Berufen, die man grundsätzlich am Schreibtisch ausübt und demzufolge auch von daheim erledigen kann ist lang. Aber, wie im Artikel rausgearbeitet, ist sie endlich. Das macht einen Rechtsanspruch unsinnig. Wer Heimarbeit möchte, der kann das doch bei der Wahl seines Arbeitgebers berücksichtigen. Home-Office nicht möglich? Dann halt dahin gehen, wo es möglich ist. Dieses Recht haben wir nämlich bereits.
makromizer 03.10.2019
5.
Wenn man gleichzeitig beim Kündigungsschutz lockert, fände ich das völlig ok. Aber es gibt nun mal Mitarbeiter die selbstständig und vertrauenswürdig damit umgehen, und andere, die keinen Finger krümmen, sobald der Chef mal [...]
Wenn man gleichzeitig beim Kündigungsschutz lockert, fände ich das völlig ok. Aber es gibt nun mal Mitarbeiter die selbstständig und vertrauenswürdig damit umgehen, und andere, die keinen Finger krümmen, sobald der Chef mal nicht hinter ihnen sitzt.

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