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KarriereSPIEGEL

Ingenieur-Studiengänge

Hochschulen verpassen den digitalen Anschluss

Nur jeder zehnte Ingenieurstudent fühlt sich gut vorbereitet auf die digitale Arbeitswelt. Auch Berufseinsteiger beklagen zu wenig digitale Inhalte im Studium - doch die Hochschulen warnen vor Aktionismus.

Getty Images/Caiaimage

Prüfingenieur bei der Arbeit (analoger Teil)

Von Britta Mersch
Freitag, 12.04.2019   10:13 Uhr

Machen die Hochschulen die Studierenden fit für die Berufe der Zukunft? Bekommen angehende Ingenieure das Wissen mit auf den Weg, das sie für die digitale Arbeitswelt brauchen? Eher nicht, finden Studenten der Ingenieurwissenschaften: Nur elf Prozent sind mit der Vorbereitung auf die digitale Arbeitswelt völlig zufrieden.

Die Zahl stammt aus einer Umfrage des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Die Studie belegt eine große Skepsis gegenüber den Studieninhalten: Mehr als die Hälfte der angehenden Ingenieurwissenschaftler hat demnach den Eindruck, dass die Hochschulen nicht das nötige Handwerkszeug vermitteln.

Auch die Berufseinsteiger mit ersten Erfahrungen im Job finden, dass es an den Hochschulen Nachholbedarf gibt, wenn es um digitales Wissen geht:

Hier finden Sie die Studie als PDF-Datei.

Befragt wurden aber nicht nur Studierende und Berufseinsteiger, sondern auch Vizepräsidenten, Prorektoren und Studiengangskoordinatoren von Universitäten und Fachhochschulen. Zwar geben etwa zwei Drittel der befragten Hochschulvertreter an, dass das Thema digitale Transformation als strategisches Ziel Einzug in Grundsatzpapiere der jeweiligen Hochschule gefunden habe.

Doch nur 14 Prozent der Hochschullehrer stimmen voll zu, dass ihre Kollegen der digitalen Transformation ihres Studiengangs sehr positiv gegenüberstehen. Und gerade einmal zehn Prozent meinten, dass ihre Kollegen bereit seien, die Lehrveranstaltungen dem digitalen Wandel anzupassen.

Details zur Erhebung

Wer steht hinter der Studie?
Die Studie "Ingenieurausbildung für die digitale Transformation" wurde vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung und dem HIS-Institut für Hochschulentwicklung durchgeführt.
Welche Studierenden und Berufsanfänger wurden befragt?
Etwas mehr als 900 Studierende haben an der Befragung teilgenommen, außerdem rund 650 Berufseinsteiger. Die Teilnehmer sind im VDI organisiert und stammen aus den Fächern Maschinenbau, Wirtschaftsingenieurwesen und Elektrotechnik. Die Befragung fand zwischen Mitte Dezember 2018 und Anfang Februar 2019 statt.
Welche Hochschulvertreter wurden befragt?
Die Forscher kontaktierten 231 Hochschulen, an denen Ingenieurwissenschaften angeboten werden. An knapp einem Drittel der Hochschulen antworteten die zuständigen Prorektoren bzw. Vizepräsidenten für Lehre und Studium, bei den Dekanen antworteten 28 Prozent.
Ist die Umfrage repräsentativ?
Nein, dazu sind die Fallzahlen zu gering. Die Ergebnisse spiegeln jedoch nach Einschätzung der beteiligten Wissenschaftler die Bewertungen und Meinungen innerhalb der ingenieurwissenschaftlichen Community gut wieder.

Aus Sicht des VDI sind die Ergebnisse unbefriedigend: "Digitale Lehrinhalte kommen in ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen zu wenig vor", sagt VDI-Direktor Ralph Appel. Die Hochschulen konzentrierten sich in den Studiengängen zu sehr auf die Vermittlung von Fachwissen.

Kompetenzwissen für die digitale Arbeitswelt, das zum Beispiel in Projekten erarbeitet wird, bleibe dagegen auf der Strecke. Die Lösung liegt für Ralph Appel in einem stärker fallorientierten Studium: "Wir müssen weg von der Wissensvermittlung hin zu einer Kompetenzvermittlung."

Da sich die Arbeitswelt rasant verändere, müsse den Studierenden vor allem beigebracht werden, wie sie sich neue Themen erschließen können. "Wir brauchen Studiengänge mit interdisziplinärem Charakter", sagt Ralph Appel. Als positives Beispiel nennt er die Code-University of Applied Sciences in Berlin. Sie mache angehende Softwareentwickler, Interaction Designer oder Produktmanager fit für einen Job im digitalen Zeitalter. Die Umsetzung von Projekten steht im Zentrum des Studiums.

Ergebnisse "alarmierend", aber mit beschränkter Aussagekraft

Klaus Kreulich ist Vizepräsident an der Hochschule München und dort verantwortlich für die Lehre. Er hat an der Untersuchung beratend mitgewirkt. "Die Studie fragt danach, ob sich die Studierenden gut vorbereitet fühlen", sagt Klaus Kreulich. "Dass nur elf Prozent dieser Aussage zustimmen, ist alarmierend, sagt noch nichts darüber aus, wie gut sie tatsächlich vorbereitet werden."

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Natürlich müssten sich die Lehrenden an Hochschulen die Frage stellen, ob die Inhalte in den Studiengängen zeitgemäß sind: "Die Studierenden sollten Szenarien kennenlernen, die ihnen später in der Arbeitswelt begegnen." Als Beispiel nennt er Fahrdienste, die über Algorithmen funktionieren und Menschen in den Zentralen überflüssig machen. "Solche disruptiven Geschäftsmodelle verändern ganze Branchen. Hochschulabsolventen sollten sich mit den Funktionsweisen und Auswirkungen beschäftigt haben."

Trotzdem warnt Kreulich davor, ganze Curricula zugunsten der Digitalisierung über Bord zu werfen. Stattdessen könnte das Studium durch Kontakte zur Wirtschaft ergänzt werden. Möglich macht das zum Beispiel das Praxissemester, das für alle Bachelorstudenten an Fachhochschulen in Bayern verpflichtend ist: "Von solchen Praxiskontakten können Studierende enorm profitieren."

Neben der Vermittlung von neuen Themen erwarte die Industrie aber auch, dass die Studierenden ihr Fach in allen Facetten kennenlernen, sagt Klaus Kreulich: "Und dieser gut begründete Anspruch erlaubt es uns nicht, bewährte Studieninhalte sofort durch aktuelle Erfordernisse zu ersetzen."

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Ohne theoretische Teile geht es also nicht. Das ganze Studium so umbauen, dass es ausschließlich in Projekten stattfindet? Das sei aktuell keine gute Idee, sagt Klaus Kreulich: "Sollten Studien zeigen, dass das durchgängige projektorientierte Studium zu besseren Ergebnissen führt, müssen wir natürlich nachsteuern." Bis dahin würde er an einem Mix aus theoretischen Fachinhalten und realen Projektaufgaben aus Wirtschaft und Industrie festhalten.

insgesamt 43 Beiträge
kunibertus 12.04.2019
1. Schon zu meiner Studienzeit an einer TU
hat es das gegeben. Die Hälfte von dem, was uns in den Lehrveranstaltungen, Seminaren und Praktika vermittelt worden ist, haben wir im Beruf nicht gebraucht und die Hälfte von dem, was wir gebraucht hätten, haben wir nicht [...]
hat es das gegeben. Die Hälfte von dem, was uns in den Lehrveranstaltungen, Seminaren und Praktika vermittelt worden ist, haben wir im Beruf nicht gebraucht und die Hälfte von dem, was wir gebraucht hätten, haben wir nicht gelernt. Aber im Studium haben wir neben reinem Faktenwissen vor allem auch gelernt, wie wir uns fehlendes Wissen aneignen können, damit wir unsere Arbeitsaufgaben erfüllen können. Wir haben den Begriff "lebenslanges Lernen" zwar nicht gekannt, wir haben es einfach gemacht. Diese Einstellung - sich selbst Wissen anzueignen - vermisse ich bei den heutigen Studierenden. Die wollen alles möglichst häppchengerecht vorgekaut bekommen - wie sie es von der Schule gewöhnt sind. Dass Studium sich vom lateinischen studere ableitet - sich bemühen, streben nach - ist den heutigen Abiturienten völlig fremd. Sie haben mit dem Abitur offiziell die Genehmigung zum Studien erhalten, ob sie aber auch die Hochschulreife und Studienbefähigung erworben haben, muss ich leider stark anzweifeln. Ein Kollege beklagt z. B. die ständig sinkenden Kenntnisse in Mathematik. Er lässt jedes Jahr eine Eingangsklausur schreiben, um den Wissensstand der Neuimmatrikulierten zu erfahren. Dabei kann er allerdings nicht mehr auf Aufgaben von vor zehn Jahren zurückgreifen. Die kann kaum noch jemand lösen.
nici_d 12.04.2019
2. Projekte, Projekte, Projekte
Projekte im frühen Stadium des Studiums werden völlig überbewertet. Für den Zeitaufwand kommt zu wenig dabei heraus, bzw. herüber. Das Fachwissen bleibt an der Oberfläche, statt in die Tiefe zu gehen. Und dann noch dieses [...]
Projekte im frühen Stadium des Studiums werden völlig überbewertet. Für den Zeitaufwand kommt zu wenig dabei heraus, bzw. herüber. Das Fachwissen bleibt an der Oberfläche, statt in die Tiefe zu gehen. Und dann noch dieses Präsentations- und Verkaufsgehabe. Das flache erarbeitete Ergebnis muss dann so aufgeplustert werden, dass eine dolle Präsentation dabei herauskommt. Der überwiegende Teil der Projektzeit geht drauf für Planung, Kommunikation und Präsentation, das muss nicht unbedingt schon in der sowieso so knappen Studienzeit sein, das kommt später noch zur Genüge, da ist dann aber keine Zeit mehr für fachliche Tiefe. Passend meinte mal ein Kollege im Großkonzern: "Als ich hier angefangen habe, war ich Diplomingenieur, dann wurde ich zum Folieningenieur und nun bin ich Besprechnungsingenieur." Wenn die Leute im Studium mal richtig Wissen anhäufen würden, dann müssten sie sich nicht für dummes Zeugs freitags vor den Karren spannen lassen.
m82arcel 12.04.2019
3.
"Die Hochschulen konzentrierten sich in den Studiengängen zu sehr auf die Vermittlung von Fachwissen." Genau das ist meiner Meinung nach aber die Aufgabe von Universitäten. Meiner Meinung nach sollten sich Politik, [...]
"Die Hochschulen konzentrierten sich in den Studiengängen zu sehr auf die Vermittlung von Fachwissen." Genau das ist meiner Meinung nach aber die Aufgabe von Universitäten. Meiner Meinung nach sollten sich Politik, Wirtschaft und auch Studierende mal wieder klar machen, dass ein Studium keine staatliche finanzierte Berufsausbildung ist. Ein Studium der Informatik ist beispielsweise keine Ausbildung zum Programmierer. Dies gibt es nunmal als Ausbildungsberuf. Mehr Praxisorientierung würde zwangsläufig zu weniger theoretischen Grundlagen führen. Außer, man verlängert die Regelstudienzeiten.
erzengel1987 12.04.2019
4. Nein
Ein Studium ist dazu da um zu lernen wie man sich selbst möglichst effektiv wissen aneignet. Mehr soll ein Studium erstmal nicht tun. Natürlich ist es sinnvoll etwas zu studieren, was einem im späteren Berufsleben nutzt. [...]
Ein Studium ist dazu da um zu lernen wie man sich selbst möglichst effektiv wissen aneignet. Mehr soll ein Studium erstmal nicht tun. Natürlich ist es sinnvoll etwas zu studieren, was einem im späteren Berufsleben nutzt. Ein Ingenieur kann bereits auf fertig geplante Studienangebote zugreifen und diese besuchen. Da lernt der Student allerdings lediglich die Grundlagen. Mehr ist doch gar nicht erforderlich nur auf den Grundlagen baut alles andere auf. Digitalisierung bringt erstmal nicht viel. Programmieren muss man ebenfalls erstmal lernen. Das heißt auch hier Grundlagen lernen und verstehen. Die Praxis kommt anschließend in den Abschlussarbeiten. In der Bachelor Thesis kann man einiges an Praxis erlernen. Sehr viele gehen auch parallel zum Studium arbeiten. Effektiv natürlich in bereichen, die ihrem späteren Berufsfeld entsprechen. Auch hier lernen Studenten genügend Praxis. Also ein Studium muss nicht Praxisorientiert sein. Die deutschen Universitäten sind Weltweit gesehen die besten die es gibt. Wir haben nur kein Elitäres denken. Aber ich glaube ein Student aus einer Wald und Wiesen Uni aus Deutschland kann sich ohne Probleme mit dem durchgeschleusten Reichen Harvard Studenten messen. Nur das der reiche Schönling später eine Hohe Position geschenkt bekommt an der dieser nicht mehr groß arbeiten muss. Ob das effektiv ist wer weiß^^. Also wer im übrigen mehr Praxis möchte, kann an eine Hochschule gehen. Der Abschluss einer Hochschule ist dank dem Mastersystem absolut gleichwertig mit dem Abschluss einer Universität. Es gibt faktisch keinen unterschied mehr. Außer dass ein Absolvent einer Hochschule direkt in der Industrie arbeiten kann während der Akademiker noch etwas angelernt werden muss. Vorteil vom Akademiker ist, dass dieser es wesentlich einfacher in der Forschung hat. Es muss also kein Nachteil sein, wenn man kaum Praxiserfahrung hat. Es ist für die Forschung sogar gut, wenn es Akademiker gibt, die sich sehr gut in der Theorie auskennen. Da helfen einem Computer auch nichts. Das wissen muss in den Kopf. Denn dank Wikipedia haben wir tendenziell alle jederzeit Zugriff auf ein gigantisches Wissen. So gebt jetzt einem Kind ein Mobiltelephon mit Internetzugang und Wikipedia. Lasst das Kind mal das Abi schreiben. Gebt ihm eine Woche Zeit ich bezweifel das das Kind die Abiaufgaben mit Wikipedia lösen kann, obwohl alle Information enthalten ist, die es zur Lösung der Probleme braucht. Die Digitalisierung wird absolut überbewertet. Das ist meine persönliche Meinung.
Danno 12.04.2019
5. Eigenständig lernen!
Ich muss dem Foristen Nr. 1 zustimmen. Ein wissenschaftliches Studium sollte einem die Befähigung bringen, sich solches Wissen auch in Eigeninitiative anzueignen. Auch mein Ing.-Studium an der TU Ende der 90er war extrem [...]
Ich muss dem Foristen Nr. 1 zustimmen. Ein wissenschaftliches Studium sollte einem die Befähigung bringen, sich solches Wissen auch in Eigeninitiative anzueignen. Auch mein Ing.-Studium an der TU Ende der 90er war extrem theorielastig. Nebenher habe ich aber bereits in Ing.-Büros gejobbt und damit Zugang zur Software und zur digitalen Projektbearbeitung erhalten. Ich war einer der Wenigen, wenn nicht der Einzige, der seine Belegarbeiten und Entwürfe einschl. der technischen Zeichnungen bereits damals komplett am PC verfasst hat, während alle anderen noch mit Hand kritzelten. Was man in der Ausbildung nicht vermittelt bekommt, muss man sich eben selber aneignen, wenn die Notwendigkeit bereits absehbar ist. Alles Weitergehende lernt man dann spätestens nach dem Berufseinstieg. Die Fähigkeiten dazu sollte man im Zuge des Studiums erwerben, darüber hinaus ist natürlich Einsatz gefragt. Wer echtes Interesse an seinem Studienfach hegt, der wird sich ganz von allein damit befassen. Mit einer solchen soliden Grundlage hat man dann auch keine Angst vor den Herausforderungen der Zukunft in jeder Hinsicht. Aber da man heute mit dem Studium oft nur etwas darstellen möchte, bleiben die Inhalte eben auf der Strecke.

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