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KarriereSPIEGEL

Arbeiten im Kollektiv

"Am Ende geht es nicht darum, dass jeder Hurra schreit"

Arbeiten im Kollektiv sei manchmal anstrengend und nervig, sagt Kaffee-Expertin Nadine Heymann. Doch bereut habe sie das noch nie - weil sie die Vorteile nicht missen will.

Elsa Quarsell

"Wir arbeiten ohne den Druck, unseren Job zu verlieren": Nadine Heymann in der Kaffeerösterei Flying Roasters

Aufgezeichnet von und
Montag, 05.08.2019   11:07 Uhr

"Von außen merkt man kaum, dass wir als Kollektiv organisiert sind: Wir importieren Kaffee, rösten den hier, vertreiben ihn an verschiedene Cafés und haben auch selbst ein kleines Café, indem man den Kaffee trinken und die Bohnen kaufen kann.

Das Besondere an uns ist: Wir haben keinen Chef. Wir sind zu viert und haben alle dieselben Rechte und natürlich Pflichten und bekommen alle denselben Lohn. Alle anfallenden Aufgaben teilen wir gerecht auf.

Bei uns müssen zum Beispiel alle Kaffee abpacken. Aber jeder ist auch Experte für einen bestimmten Bereich. Ein Rotationsprinzip, wo jeder mal jede Aufgabe macht, gibt es bei uns im Unterschied zu manch anderem Kollektiv nicht. Wir vertrauen auf das jeweilige Fachwissen.

Das letzte Wort bei der Kaffeeauswahl

Ich bin ausgebildete Q-Graderin, was in etwa vergleichbar mit Sommeliers im Weinbereich ist. Ich bin zuständig für die Qualitätskontrolle, den Rohkaffee und die Kontakte zu den Kooperativen, bei denen wir die Bohnen einkaufen. Wenn es darum geht, einen neuen Kaffee auszuwählen, dann können zwar alle etwas dazu sagen, aber ich habe in dem Bereich das letzte Wort.

Alle wichtigen Entscheidungen treffen wir im Konsens, das haben wir auch vertraglich festgelegt. Da die Organisation als Kollektiv keine anerkannte Rechtsform ist, haben wir uns selbst ein Statut gegeben.

Flying Roaster

Kollektivmitglieder Nadine Heymann und Daniel Rindermann mit Säcken von Rohkaffee

Einmal in der Woche haben wir ein Arbeitstreffen. Das ist natürlich aufwendiger, als wenn ein einzelner entscheidet. Am Ende geht es nicht darum, dass jeder Hurra schreit. Konsens bedeutet, dass jeder mal zurückstecken muss. Aber er muss die Entscheidung mittragen können.

Tolle Option zum falschen Zeitpunkt

Das ist manchmal anstrengend und nervig, aber bereut habe ich das noch nie. Wenn alle ihre Meinung sagen können und die mit einbezogen wird, ziehen auch alle mit. Das ist selbstbestimmtes Arbeiten. Es macht mir jeden Tag Spaß, in die Rösterei zu kommen.

Wir hatten aber auch schon Entscheidungen, bei denen es richtig schwer war, auf einen Nenner zu kommen. An der Frage, ob wir unser eigenes Café eröffnen, haben wir uns lange abgearbeitet. Dabei war es unser Traum, nicht nur eine Rösterei, sondern auch ein Café zu haben. Doch die Option kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Gerade als wir vom Kaffeevolumen sehr gewachsen waren, wurde auf der anderen Straßenseite ein Laden frei.

Das war noch mal ein ganz neuer Schritt, mit viel mehr Aufwand und Arbeit verbunden, aber auch geschäftlichem Risiko.

Franziska Senkel

Kollektivisten Georg Ruhm, Nadine Heymann und Oliver Klitsch beim Kaffeegenuss

Ein paar von uns hatten damit Bauchschmerzen. Wir haben viel geredet und diskutiert, es war ein intensiver Aushandlungsprozess. Ich war dafür und habe viel Überzeugungsarbeit geleistet. Angst hatte ich zwar auch, aber ich bin einfach risikobereiter. Im Rückblick war die Entscheidung gut.

Urlaub und Auszeiten sind Verhandlungssache

Was uns sonst noch als Kollektiv auszeichnet? Wir arbeiten ohne den Druck, unseren Job zu verlieren. Das kannte ich vorher so aus der Arbeitswelt nicht. Wir können unser Arbeitsumfeld selbst gestalten und sind viel flexibler als normale Arbeitnehmer: Urlaub, Arztbesuche, Auszeiten sind Verhandlungssache.

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Das finanzielle Risiko tragen wir alle zusammen, und den Lohn haben wir gemeinsam festgelegt. Es geht uns nicht darum, ein dickes Auto vor der Tür zu haben. Wir müssen nur gut leben können. Deshalb orientieren wir uns am Branchendurchschnittslohn, haben aber auch eine Obergrenze festgelegt. Da sind wir noch nicht angekommen. Gerade am Anfang war das viel Selbstausbeutung. Aber das ist, glaube ich, normal, wenn man etwas neu aufbaut.

Sollten wir irgendwann mal so viel Geld erwirtschaften, dass alle unsere Schulden bezahlt und neue Rücklagen gebildet sind und fürs Alter vorgesorgt ist, können wir den Gewinn zum Beispiel nutzen, um die Lieferanten besser zu bezahlen oder andere Kollektive zu unterstützen."

insgesamt 1 Beitrag
Marut 07.08.2019
1. Alte Geschichte neu ausgegraben
Dieses Kollektiv wird ja so präsentiert, als wenn es etwas neues ist. In den 80ern war das aber in bestimmten Kreisen eine durchaus verbreitete Wirtschaftform. Ich habe z.B. mit 8 Leuten ein Druckerei-Kollektiv betrieben, für [...]
Dieses Kollektiv wird ja so präsentiert, als wenn es etwas neues ist. In den 80ern war das aber in bestimmten Kreisen eine durchaus verbreitete Wirtschaftform. Ich habe z.B. mit 8 Leuten ein Druckerei-Kollektiv betrieben, für das all das galt, was sie hier als Neuheit beschreiben und es hat über 15 Jahre (und darüber hinaus ohne mich) prima funktioniert.

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