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KarriereSPIEGEL

Management trifft Mensch

Projektplanung nach dem Greta-Thunberg-Prinzip

Fakten? Gähn! Über den Erfolg einer Idee entscheiden ganz andere Dinge. Was Sie von Greta Thunberg lernen können - und von Bundesumweltministerin Svenja Schulze besser nicht kopieren.

Kay Nietfeld/Victoria Jones/DPA

Berufliche Projekte kann man wie Svenja Schulze angehen - oder wie Greta Thunberg, sagt unser Kolumnist

Eine Karriere-Kolumne von
Dienstag, 09.07.2019   10:04 Uhr

Sie kennen das bestimmt: Sie haben eine brillante Idee für ein Produkt oder ein Projekt, von der Ihr Unternehmen mächtig profitieren könnte. Sie haben eine entzückende kleine Präsentation vorbereitet, doch als Sie fertig sind, herrscht im Meeting kühles Schweigen. Halbherzig versucht der Abteilungsleiter, Ihre totale Blamage zu verhindern: "Interessanter Ansatz. Wir schauen uns das mal in Ruhe an."

Wenige Tage später präsentiert ein Kollege eine Idee, die Ihrer eigenen im Kern verblüffend ähnlich ist. Allerdings ist seine Präsentation deutlich kürzer - und mehrere Menschen in der Runde loben den Ansatz, noch während er spricht. Als er fertig ist, sagt der Abteilungsleiter: "Super Sache! Was brauchen Sie und wann können Sie starten?"

Der Unterschied zwischen Ihnen und Ihrem Kollegen ist: Sie sind Svenja Schulze - und Ihr Kollege ist Greta Thunberg. Schulze, die Bundesumweltministerin, kämpft in diesen Wochen mühsam für ihr Konzept einer CO2-Steuer. Die Reaktionen reichen von heftiger Kritik (Wirtschaftsminister Peter Altmaier) über zurückhaltendes Wohlwollen (einige Experten) bis hin zu großflächigem Desinteresse (alle anderen).

Dabei ist die Idee einer Besteuerung von CO2 nichts anderes als ein Schritt zur Umsetzung der Forderungen, die Greta Thunberg seit Monaten mit Erfolg und Vehemenz auf die gesellschaftliche Agenda setzt. Und damit Hunderttausende auf die Straße bringt.

Im Video: Wie Greta Thunberg ein Thema emotional auflädt

Foto: AFP

Der Unterschied ist: Greta Thunberg hat eine simple Botschaft ("I want you to panic"), Svenja Schulze hat viele komplizierte Zahlen. Thunbergs Thema hat eine weltweit bewunderte Idenfikationsfigur (Thunberg), während Schulze ausgerechnet beim Megathema Klima bislang nicht mit großen Würfen auffällig geworden ist.

Vor allem aber: Svenja Schulze hat es ganz offenkundig versäumt, sich rechtzeitig Unterstützer zu sichern - während Greta Thunbergs Anhängerschaft in die Millionen geht und sich gewissermaßen per Knopfdruck mobilisieren lässt.

Naives Vertrauen auf Fakten

Ihr Problem mit der Präsentation und Svenja Schulzes Problem mit der CO2-Steuer haben den gleichen Kern: das naive Vertrauen darauf, dass allein die Fakten über Bedeutung und Erfolgsaussichten eines Themas entscheiden. Das tun sie aber nicht. Ja, eine CO2-Steuer ist unter bestimmten Voraussetzungen sicher eine prima Sache - aber das reicht nicht, um zu überzeugen. Von Begeisterung gar nicht zu reden.

Ob in der Politik, in der Firma, ja, auch nur im Freundeskreis - wer ein Thema oder eine Idee durchsetzen will, braucht mehr als nur die Fakten auf seiner Seite. Es braucht Unterstützer, klare Botschaften - und vor allem Emotionen. Etwas, das die Menschen gefühlsmäßig anspricht. Das ihnen über die Zahlen und Argumente hinaus einen Grund gibt, sich für eine Sache einzusetzen.

Aber Vorsicht: Damit ist nicht gemeint, ein Sachargument an das nächste zu reihen - ganz im Gegenteil. Wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen, sind die Argumente meist schon ausgetauscht, alle kennen sie. Jetzt ist es wichtig, dem Gegenüber den winzigen Schubs zu geben, der ihn auf die richtige Seite schiebt - auf Ihre. Und dieser Schubs ist nur selten das 52. Argument - aber oft der erste emotionale Aspekt, der bislang in der Diskussion nicht aufgetaucht ist.

Preisabfragezeitpunkt:
19.06.2019, 16:49 Uhr
Ohne Gewähr

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Klaus Werle
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All die Studien zum Klimawandel, die Zahlen, die Meeresspiegel-Anstiegsgrafiken, die Zeitlinien - seit Jahren bekannt. Was fehlte, war das Gefühl. "Wenn wir die Erderwärmung nicht bis zu dem und dem Jahr um so und so viel Grad verringern, wird die Durchschnittstemperatur um so und so viel Grad ansteigen" - das ist ein Argument. "I want you to panic" - das ist Emotion.

Der entscheidende Punkt ist: Die Sache mit der Emotion gilt auch für den Absender - also für Sie. Thunberg ist mit Leidenschaft bei ihrem Thema, sie wirft sich selbst komplett rein. Für Svenja Schulze, so wirkt es oft, ist die Rettung des Klimas eben ein Punkt auf ihrer ministerialen To-do-Liste, den sie abarbeitet. Das mag sogar dem Amtsverständnis entsprechen - überzeugender wird sie dadurch allerdings nicht.

Wenn Sie also beim nächsten Mal eine Idee vorstellen, denken Sie immer daran: Von ihr hängen Wohl und Wehe der gesamten Firma ab - mindestens!

insgesamt 31 Beiträge
haarer.15 09.07.2019
1. Vorsicht Herr Werle !
Was genau ist denn das Argument gegen die Umweltministerin ? Geht nicht aus dem Beitrag hervor. Den Ansatz von Schulze-Bashing kann ich deshalb in keiner Weise nachvollziehen. Sie ist Umweltministerin und auf dem Gebiet engagiert [...]
Was genau ist denn das Argument gegen die Umweltministerin ? Geht nicht aus dem Beitrag hervor. Den Ansatz von Schulze-Bashing kann ich deshalb in keiner Weise nachvollziehen. Sie ist Umweltministerin und auf dem Gebiet engagiert genug. Ausgebremst wird sie dann am Ende wieder von den C-Akteuren - siehe Altmaier. Zwischen berechtigten Forderungen und politischer Umsetzung gibt es ja auch ein Spannungsfeld. Und die Forderungen werden doch gerade aktuell politisch mit konkreten Maßnahmen unterfüttert. Achja, Greta wurde anfangs doch auch von SPON belächelt, sie sei manipuliert, sehr zugespitzt, naiv und ja - hat man sie doch auch phasenweise durch den Kakao gezogen, weil bei ihr das Wie der Umsetzung fehlte. Stimmts etwa nicht ?
urbuerger 09.07.2019
2. Das Dilemma der Politiker, ist immer wieder ihr Ansatzpunkt, wenn ...
... es um die Einführung oder Anhebung einer Abgabe geht, gerade diese in dem Bereich, der Menschen zu erheben, die am wenigsten, an einem Missverhältnis, wie beispielsweise bei der CO2 Steuer tun können! Frau Schulze hat [...]
... es um die Einführung oder Anhebung einer Abgabe geht, gerade diese in dem Bereich, der Menschen zu erheben, die am wenigsten, an einem Missverhältnis, wie beispielsweise bei der CO2 Steuer tun können! Frau Schulze hat gleich bei der Vorstellung ihrer geplanten CO2 Steuer diejenigen genannt, die durch Sonderregulierungen bei der Steuer aussen vor bleiben werden und es sind genau die, die schon bei der EEG Umlage geschont werden! Wie soll dadurch eine Akzeptanz in der Bevölkerung geschaffen werden, wenn wieder nur diejenigen zahlen müssen, denen man am einfachsten Habhaft werden kann? Wenn ein eine CO2 Steuer erhoben werden soll, muss diese direkt von den Verursachen bezahlt werden, ohne diese dümmlichen Aussage der Rückerstattung durch den Staat, es den Staat eh keiner abnimmt, dass das Geld jemals zum Bürger zurück findet! Vor allem sollten die Verantwortlichen Mal darüber Nachdenken, wie groß der administrative Aufwand ist, um diese Zahlungen zu berechnen und dann zu zahlen! Allein dadurch würde sehr viel des eingenommenen Geldes wieder versickern! Sollte es zu der Erhebung einer solchen steuer kommen, muss sichergestellt sein, dass sie auch nur für den Kampf gegen den Klimawandel genutzt wird, also Zweckgebunden erhoben wird, denn wie es sonst ausgeht, sieht man an der KFZ Steuer, die zum Erhalt der Straßen und des Autoverkehrs ü erhaupt erhoben wird, aber sogar schon zur Sanierung der Bundesbahn herhalten musste!!!
karlsiegfried 09.07.2019
3. Von Greta kann ich nichts lernen, ...
... sondernn nur von ihren Erfindern, Machern oder Produzenten. Angeblich soll das mittlerweile ein Wirtschaftsunternehmen sein mit gutem Profit sein. Ist auch egal. Das Konzept war durchdacht, umsetzbar und irgendwie auch [...]
... sondernn nur von ihren Erfindern, Machern oder Produzenten. Angeblich soll das mittlerweile ein Wirtschaftsunternehmen sein mit gutem Profit sein. Ist auch egal. Das Konzept war durchdacht, umsetzbar und irgendwie auch wirkungsvoll. Was es tatsächlich bringt wissen wir erst in 10 Jahren.
vormaerz 09.07.2019
4. @karlsiegfried #3
"…Angeblich soll das mittlerweile ein Wirtsschaftsunternehmen sein…" Lassen Sie uns doch bitte durch Quellen an Ihrem Insiderwissen teilhaben. Seriöse Quellen, wenn das ginge.
"…Angeblich soll das mittlerweile ein Wirtsschaftsunternehmen sein…" Lassen Sie uns doch bitte durch Quellen an Ihrem Insiderwissen teilhaben. Seriöse Quellen, wenn das ginge.
Olaf 09.07.2019
5. Greta hat eine weiteren Vorteil
Sie muss nicht konkret werden. Es ist Frau Schulze, welche die schlechte Botschaft überbringen muss, dass das alles auch einen selber Geld kosten wird und nicht nur den anderen. Übrigens wird eine Steuer auf CO2 gar nichts [...]
Sie muss nicht konkret werden. Es ist Frau Schulze, welche die schlechte Botschaft überbringen muss, dass das alles auch einen selber Geld kosten wird und nicht nur den anderen. Übrigens wird eine Steuer auf CO2 gar nichts ändern. Energie wird eh schon stark besteuert und Mobilität ist heute einfach unabdingbar.
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