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Wie schaffe ich es, den viel jüngeren Chef zu akzeptieren?

Ein Team arbeitet schon ewig zusammen, da kommt ein neuer Chef - und der ist viel jünger als alle anderen in der Firma. Das ist ungerecht, finden viele, die auch gern aufgestiegen wären. Ein Experte hilft.

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Das Alter spielt keine Rolle - oder? (Symbolbild)

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Freitag, 05.04.2019   09:34 Uhr
Stress mit der Chefin, Hänseleien im Team, das anstehende Gehaltsgespräch: In jedem Arbeitsleben gibt es Situationen, die für schlaflose Nächte sorgen können. In der Serie "Sollte ich...?" erklären Experten, wie sich mit konkreten Konflikten im Beruf umgehen lässt. Die Fälle sind konstruiert; sie stehen symbolisch für Schwierigkeiten, die am Arbeitsplatz auftauchen können.

Der Fall:

Ich arbeite seit vielen Jahren in derselben Abteilung. Wir sind eine eingeschworene Truppe. Vor Kurzem haben wir einen neuen Chef bekommen. Der Neue kommt gerade von der Uni. Wir haben große Probleme, den Jungspund zu akzeptieren, seine Autorität anzuerkennen. Und jetzt?

Es antwortet Rainer Müller, Diplompsychologe:

Zur Person

Besonders in Behörden und Verwaltungen erlebe ich diesen Fall häufig. Und auf den ersten Blick scheint es eindeutig: Da bekommen Mitarbeiter, die seit 20 Jahren in der Firma sind, eine Führungskraft vorgesetzt, die kaum Erfahrung hat - und auch das Unternehmen nicht gut kennt.

Doch es wäre leider zu einfach, es so zu sehen. Denn natürlich kommen irgendwann neue Leute ins Unternehmen, besetzen dort unterschiedliche Positionen, dagegen lässt sich kaum etwas tun. Finden Sie heraus, warum Sie das stört, damit Sie darüber sprechen können, ohne jemanden zu verurteilen, den Sie noch gar nicht kennen:

Es kann helfen, einen Perspektivwechsel vorzunehmen, um zu verstehen, warum da jemand Neues, Junges kommt. Was glauben Sie, warum hat sich das Unternehmen für diese Person entschieden?

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Vielleicht verfügt die neue Person womöglich doch über ein bestimmtes Fachwissen, das das Unternehmen bisher nicht vorweisen konnte. Oder das Unternehmen hatte ein Interesse daran, den Altersdurchschnitt zu senken - könnten Sie das nicht auch verstehen? Und können Sie sich vorstellen, dass es auch für die neue Person schwierig sein kann: allein vor einem Team aus Menschen stehen, das sich gegen diese Veränderung stemmt?

Es ist nicht die alleinige Aufgabe eines einzelnen Kollegen, diese Wogen zu glätten. Falls Sie alle Probleme mit dem Neuen haben, bitten Sie alle gemeinsam um ein Gespräch. Darin lässt sich mit allen überlegen: Wer hat welchen Hintergrund? Wer kann seine Erfahrungen wo einbringen?

Die neue Führungskraft sollte so ein Gespräch nutzen, um ihren Mitarbeitern Fragen zu stellen, um ihnen das Gefühl zu geben, dass ihre Meinungen wertvoll sind und die Aufgaben nur zusammen bewältigt werden können.

Übrigens: Es ist Altersdiskriminierung, jemanden deswegen nicht zu akzeptieren, weil er jünger ist. Sehen Sie die neue Situation lieber als Chance: Erzählen Sie Ihrem neuen Chef, was sie sich von ihm erwarten, was mit dem alten Chef gut funktionierte und wo es Probleme gab.

Mehr aus unserer Serie "Sollte ich...?"

insgesamt 51 Beiträge
fatherted98 05.04.2019
1. habe damit...
...absolut kein Problem. Der Chef sollte mehr können, mehr wissen und den Überblick haben und führen können....wenn er das kann ist Alter und Geschlecht egal....meist kann er es nicht...und zwar unabhängig von Alter und [...]
...absolut kein Problem. Der Chef sollte mehr können, mehr wissen und den Überblick haben und führen können....wenn er das kann ist Alter und Geschlecht egal....meist kann er es nicht...und zwar unabhängig von Alter und Geschlecht....das ist das eigentliche Problem.
greenday 05.04.2019
2. Drei Optionen
Es ist eigentlich immer so, dass man drei Handlungsoptionen besitzt: 1) "Take it" und akzeptieren Sie den neuen Chef so wie er ist. 2) "Change it", verändern Sie die Situation so wie im Artikel beschrieben. [...]
Es ist eigentlich immer so, dass man drei Handlungsoptionen besitzt: 1) "Take it" und akzeptieren Sie den neuen Chef so wie er ist. 2) "Change it", verändern Sie die Situation so wie im Artikel beschrieben. 3) "Leave it", verlassen Sie die Situation (Unternehmen, Abteilung etc.), wenn Sie es nicht mehr ertragen. Ausführliches und andauerndes Jammern und Tratschen ist keine Option und nur ein Zeichen von unprofessionellem Verhalten.
neue_mitte 05.04.2019
3.
Das Problem ist zunächst meist, das der neue Chef / die neue Chefin erstmal eine Marke hinterlassen wollen, um sich "Respekt" zu verschaffen. Allzuoft geht das aber nach hinten los. Denn Respekt muss man sich verdienen, [...]
Das Problem ist zunächst meist, das der neue Chef / die neue Chefin erstmal eine Marke hinterlassen wollen, um sich "Respekt" zu verschaffen. Allzuoft geht das aber nach hinten los. Denn Respekt muss man sich verdienen, den hat man als Chef nicht automatisch qua Titel. Viele vor allem neue Führungskräfte hingegen bauen von Anfang an auf ihren Titel und erwarten Respekt sowie Ansehen, völlig egal dessen, dass sie z.T. Jahrzehnte weniger Arbeitserfahrung haben. Vor allem Führungskräfte, die eine Stelle nur als Durchlauferhitzer betrachten, sind besonders darauf bedacht, dass sie von Tag 1 an respektiert werden. Denn sie sind zu was höherem berufen, das müssen die Untergebenen nur noch einsehen. Und leider sind es meiner Erfahrung nach Frauen, die besonders hart in diese Kerbe hauen, meinen sie doch, sie müssten alles 150% tun, um als gleichwertig akzeptiert zu werden. Ein erfolgreicher junger Chef hält sich im Hintergrund und greift das Wissen, die Erfahrung, das Gespür... der älteren Kollegen gewinnbringend für das Team (und auch für sich) ab. Wenn er zudem der Meinung ist, die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen zu haben, dann werden ihn die Kollegen von selbst respektieren.
dasfred 05.04.2019
4. Mit dem Neuen über den Alten sprechen?
So sinnvoll, wie der neuen Beziehung erzählen, was an der Ex besser war, oder warum sie genervt hat. Der neue Chef ist eine Persönlichkeit für sich. Wenn er gut ist, macht er sich erstmal ein Bild von seinen Mitarbeitern und [...]
So sinnvoll, wie der neuen Beziehung erzählen, was an der Ex besser war, oder warum sie genervt hat. Der neue Chef ist eine Persönlichkeit für sich. Wenn er gut ist, macht er sich erstmal ein Bild von seinen Mitarbeitern und bittet von sich aus um Vorschläge. Wenn er schlecht ist, übergeht er die Mitarbeiter, bringt nur ein was er von der Uni kennt und wird anschließend lernen, was man an der Uni nicht vermittelt. Nämlich, wie seine Untergebenen ihn bei erster Gelegenheit ins offene Messer laufen lassen. Gute Führung ist unabhängig vom Alter. Nicht aber von Aufmerksamkeit und Würdigung der Leistung seiner Mitarbeiter.
neue_mitte 05.04.2019
5.
So sieht es aus. Der Chef muss sich immer vor Augen halten, dass er im weitesten Sinne nicht arbeitet, sondern voll und ganz von der Arbeit der Mitarbeiter abhängig ist. Er kann koordinieren, vermitteln, klären, entscheiden, [...]
Zitat von dasfredSo sinnvoll, wie der neuen Beziehung erzählen, was an der Ex besser war, oder warum sie genervt hat. Der neue Chef ist eine Persönlichkeit für sich. Wenn er gut ist, macht er sich erstmal ein Bild von seinen Mitarbeitern und bittet von sich aus um Vorschläge. Wenn er schlecht ist, übergeht er die Mitarbeiter, bringt nur ein was er von der Uni kennt und wird anschließend lernen, was man an der Uni nicht vermittelt. Nämlich, wie seine Untergebenen ihn bei erster Gelegenheit ins offene Messer laufen lassen. Gute Führung ist unabhängig vom Alter. Nicht aber von Aufmerksamkeit und Würdigung der Leistung seiner Mitarbeiter.
So sieht es aus. Der Chef muss sich immer vor Augen halten, dass er im weitesten Sinne nicht arbeitet, sondern voll und ganz von der Arbeit der Mitarbeiter abhängig ist. Er kann koordinieren, vermitteln, klären, entscheiden, beschwichtigen... aber in den meisten Fällen "richtig" arbeiten wird der Chef nicht. Und von jedem Detail, jedem benutzten Programm, jedem Auftrag... kennt er auch nur die Hälfte, wenn überhaupt. Das ist ja auch Okay, dafür gibt es ja auch die Mitarbeiter, denen der Chef den Rücken freihält, damit sie eben das tun, was sie am besten können. Junge Chefs hingegen glauben, sie könnten ALLES alleine, wenn es sein muss. Diese jungen Chefs glauben auch zu wissen, wo noch Potential an Arbeitgeschwindigkeit, Arbeitsgüte usw. herauszuholen ist, denn sie könnten es ja besser und schneller. In den meisten Fällen führt das aber zum "ins offene Messer laufen lassen", wie Sie so schön schreiben. Die Junior-Chefin unserer Firma (relativ frisch von der Uni, bereits eine Elternzeit genommen...) weiß, dass sie nichts weiß. Das ist sehr angenehm. Sie spricht mit jedem, sie schaut überall rein, lässt sich alles erklären und entscheidet dann schon mal direkt für sich, bis wie weit, wie detailliert sie es wissen möchte bzw. muss. Sie nimmt die alten Kollegen aber auch zurecht in Verantwortung. Ihr wisst, wie es geht. Also sagt mir, ob XY zu realisieren ist, wie lang es dauert, was für Probleme kommen könnten usw. Ihr habt die Erfahrung, ihr habt das Wissen (ihr habt ein Gehalt eurer Erfahrung entsprechend).

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