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KarriereSPIEGEL

Management trifft Mensch

Learning from Boris

Ja, beruflicher Aufstieg hat viel mit Disziplin zu tun. Aber eine gewisse Lässigkeit macht das Ganze nicht nur angenehmer, sondern steigert auch die Aussichten auf Erfolg. Boris Johnson macht's vor - auf seine Art.

AFP

Der britische Premier Boris Johnson ist für gelegentliche unkonventionelle Auftritte bekannt

Eine Karriere-Kolumne von
Freitag, 16.08.2019   10:42 Uhr

Wer in einem Karriereratgeber blättert, sieht sich nach wenigen Seiten von Befehlen umzingelt: Setzen Sie sich Ziele! Seien Sie diszipliniert! Trainieren Sie Ihre Stärken! Die Fibeln sind wie Hausordnungen: ein Paradies der Imperative.

Ein bestimmter Rat fehlt meist in der Fülle der Aufstiegshilfen: Der aufmunternde Hinweis, die ganze Karrierekiste nicht so bierernst zu nehmen. Und das ist der Grund, warum wir heute über Boris Johnson sprechen müssen - den Konservativen mit dem sorgsam gepflegten, leicht skurrilen Image.

In kaum einem Porträt über den frischgebackenen britischen Premierminister fehlt der Hinweis, Politik sei für ihn "nur ein Spiel". Beim Lesen sehen wir förmlich die abschätzig hochgezogenen Augenbrauen des Autors vor uns, denn der Satz ist natürlich als Fundamentalkritik zu verstehen: Das höchste Amt Großbritanniens, der Brexit, das Schicksal seiner Landsleute - das soll ein Spiel sein?

Dabei gerät dann leider aus dem Blick, dass diese Haltung Johnsons vielleicht größte Stärke ist. Möglicherweise nicht unbedingt zum Nutzen der gesamten Nation - aber mit großer Wahrscheinlichkeit doch zu seinem eigenen. Denn Menschen, die eine natürliche Lässigkeit ausstrahlen, wirken auf andere Menschen nun mal attraktiver als solche, die mit gusseisernem Tunnelblick dem Erfolg hinterherhecheln. Erstere haben das, was wir Charme oder Charisma nennen - ihre Ziele zu verfolgen, scheint ihnen nicht mehr Anstrengung abzuverlangen als eine 9-Loch-Runde an einem Sonntagnachmittag im Golfklub. Und wem es leichtfällt, Entscheidungen zu treffen, dem nehmen wir auch seine Führungsfähigkeit eher ab.

Rasche Entscheidungen - richtige Entscheidungen?

Das mag ungerecht erscheinen, denn nur weil jemand gern entscheidet und rasch zu allem eine Meinung hat, heißt das noch lange nicht, dass seine Entscheidungen und Meinungen auch richtig sind. Siehe der Mann mit der markanten blonden, nun ja: Frisur. Nichts ist ihm egaler als seine Meinung von gestern. Selbst seine verstrubbelt-verspielte Attitude ist wahrscheinlich in Wahrheit sorgsam gepflegt.

Doch das ist nicht der springende Punkt für Sie. Sondern dieser: Ja, im Beruf geht es um Ihre Zukunft, um Erfolg oder Misserfolg, um Geld. Aber es gibt einen schmalen Grat zwischen Ehrgeiz und Verbissenheit, und Ihre Kollegen und Vorgesetzten merken meist genau, auf welcher Seite Sie sich befinden. Warum also die Dinge immer so eng sehen? Warum nicht Karriere als einen Teil des Lebens begreifen statt als Synonym dafür? Warum nicht auch mal über sich selbst lachen? Das ist die gute Nachricht: Eine gewisse Entspanntheit lässt sich lernen.

Die spielerische Perspektive wurde in den seriösen Sphären von Politik und Wirtschaft lange belächelt. Das ändert sich seit einigen Jahren, Stichwort "Gamification". Die Mechanismen eines Spiels, wie Zufall, Spannung, Taktik, Level-Struktur, Umgang mit Niederlagen und vieles andere mehr halten zunehmend Einzug in Produktdesigns und Marketing, aber auch in Forschung und Innovation.

Gelassenheit bei Fehlern

Im Karrierekontext hat der spielerische Blick den großen Vorteil, einen anderen Ratschlag leichter befolgen zu können, der wiederum in keinem Ratgeber fehlen darf: eine andere Fehlerkultur. Etwas falsch machen, bedeutet die Chance, Neues zu lernen, so oder ähnlich predigen es die Coaches. Und Profi-Pokerspieler warten auch nicht auf das eine, makellose Spiel, um den ganz großen Pott abzuräumen, sondern gehen in vielen, vielen Spielen bewusst Risiken ein - und setzen darauf, im Schnitt aller Spiele eines Turniers ein Plus zu machen.

Nur wer in Kauf nimmt zu scheitern, bringt auch den Mut auf, Neues zu wagen. Fehler sind also notwendig, um sich weiterzuentwickeln - doch das macht sie nicht unbedingt leichter zu ertragen. Eine entspanntere Haltung hingegen schon. Projekt gescheitert? Nächste Runde, Level neu starten. Beförderung nicht bekommen? Abschütteln und noch mal versuchen. Wer keine Fehler macht, bleibt immer der Alte.

Was übrigens ein Vorwurf ist, den wir Boris Johnson nicht machen können; mit Fehlern kennt sich der Mann tatsächlich bestens aus. So ist das eben im Spiel.

insgesamt 8 Beiträge
m82arcel 16.08.2019
1.
Ich stimme der These zu, dass weniger Verbissenheit und mehr Entspanntheit vielen - im Beruf, in der Politik und auch der Gesellschaft insgesamt - gut tun würde. Boris Johnson halte ich allerdings nicht unbedingt für ein gutes [...]
Ich stimme der These zu, dass weniger Verbissenheit und mehr Entspanntheit vielen - im Beruf, in der Politik und auch der Gesellschaft insgesamt - gut tun würde. Boris Johnson halte ich allerdings nicht unbedingt für ein gutes Beispiel, denn die Lockerheit ist bei ihm meiner Meinung nach zu 100% Fassade und ich denke, dass er noch sehr viel Verbissener ist, als die Adressaten des Artikels. In Bezug auf seinen Look wird das ja bereits angedeutet. John Oliver hat dies vor zwei Wochen bereits schön auf den Punkt gebracht (YouTube: Boris Johnson: Last Week Tonight with John Oliver).
claus7447 16.08.2019
2. Boris Johnson als Vorbild wo?
Offensichtlich können heute solche Typen nur und ausschließlich in der Politk überleben - da es nur hier Wähler gibt, die das "exotische" sich wünschen! In der freien Wirtschaft gehen solche Manager recht rasch [...]
Offensichtlich können heute solche Typen nur und ausschließlich in der Politk überleben - da es nur hier Wähler gibt, die das "exotische" sich wünschen! In der freien Wirtschaft gehen solche Manager recht rasch unter, bzw. verschwinden recht rasch aus offiziellen CEO Positionen (Beispiel Utz Claassen). Bei Boris kommt noch hinzu die komplett elitäre Schulausbildung, bei den die Reichen der Reichen schlicht auf Ignoranz getrimmt werden. Denn: Das Geld das sie privat haben - schützt sie vor den Folgen - das müssen die anderen Dumme bezahlen.
willi.thom 16.08.2019
3.
Boris Johnson gehört als Eton-Absolvent zur britischen Elite und ist finanziell unabhängig. Einzig sein Ehrgeiz treibt ihn um, es allen zu zeigen, das er der beste ist. Wer will ihm das angesichts seiner Eton-Erziehung [...]
Boris Johnson gehört als Eton-Absolvent zur britischen Elite und ist finanziell unabhängig. Einzig sein Ehrgeiz treibt ihn um, es allen zu zeigen, das er der beste ist. Wer will ihm das angesichts seiner Eton-Erziehung verdenken? Er will den Brüsseler Bürokraten zeigen, wo der Hammer hängt, und wahrscheinlich schafft er es, sehr zum Ärger von J. Coburn und den Brüsseler Brexit-Gegnern. Politik ist in gewisser Weise ein Spiel mit Gewinnern und Verlierern, wobei letzteres gelernt sein will. Vielleicht ist er derjenige, der Irland die Einheit schenkt und so die Probleme aus der Welt schafft.
helmut_s 16.08.2019
4.
Ja doch, klar, was die Welt ganz sicher braucht, sind mehr Typen (und TypInnen) wie BoJo und Trump ... oder ganz generell mehr Möchtegern-Alphatiere, die mit strahlenden Gesichtern auf andrer Leute Schultern krabbeln, um sich und [...]
Ja doch, klar, was die Welt ganz sicher braucht, sind mehr Typen (und TypInnen) wie BoJo und Trump ... oder ganz generell mehr Möchtegern-Alphatiere, die mit strahlenden Gesichtern auf andrer Leute Schultern krabbeln, um sich und ihre absolute Ahnungslosigkeit dort auf Kosten dieser Leute zu inszenieren. Wie wir überhaupt noch viel mehr Leute brauchen, die mit charmantem Lächeln ahnungslos und in Ignoranz des Prinzips von Ursache und Wirkung durch die Welt trampeln, weil's so cool und "charismatisch" ist. Da hilt auch kein salbungsvolles Schwadronieren von mehr "Gelassenheit", typische Managementetagen-Metaphysik, die es nie schafft, das tumb-dumpfe Ziel auch nur halbwegs zu übertünchen, dieses socialmediahaft-narzistische Rangeln um Aufmerksamkeit und Bedeutung durch Abkürzungen, Blendwerk, Bluffs, Fassaden, Schauspiel, Rituale, Buzzwords, aber bloss nicht durch echte, persönliche Leistung. Schein, aber kein Sein ...
nixkapital 16.08.2019
5. nun ja...
Boris Johnson ist durchgehend privilegiert aufgewachsen, lebt in einer Eliten-Blase und betrachtet alles um sich herum als seine persönliche Sandkiste in und mit der er alles anstellen kann, was er will. Selbst wenn er GB dann [...]
Boris Johnson ist durchgehend privilegiert aufgewachsen, lebt in einer Eliten-Blase und betrachtet alles um sich herum als seine persönliche Sandkiste in und mit der er alles anstellen kann, was er will. Selbst wenn er GB dann kaputtgespielt hat, wird es ihn und seine Schicht in England nicht persönlich tangieren, wird er doch die direkten Auswirkungen nie persönlich spüren müssen. Diese vermeintliche Lockerheit als Management-Tugend zu verkaufen, ist reichlich naiv...

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