Schrift:
Ansicht Home:
KarriereSPIEGEL

Pflegedienst-Kollektiv in Berlin

Fünfzehn Schwestern, keine Chefin

Einheitslohn und Selbstverwaltung: In Berlin arbeiten 15 Krankenpflegerinnen im Kollektivbetrieb. Ihr Betrieb ist erfolgreich. Werbung für ihr Modell machen sie dennoch nicht.

Swantje Unterberg/ SPIEGEL ONLINE
Von
Montag, 05.08.2019   11:08 Uhr

Ein lautes Röhren dröhnt vom Flur in das Schlafzimmer von Herrn Trostkamp. Anne Boissier schmeißt bei ihrem Hausbesuch bei dem 87 Jahre alten Patienten als Erstes den alten weinroten Handstaubsauger an. Dabei ist sie examinierte Pflegekraft. Und die kümmern sich normalerweise nur um die Behandlungspflege. Den Rest machen eigentlich Pflegehelfer.

Bei Anne Boissier und ihren 14 Kolleginnen der Ambulanten Krankenpflege Berlin, kurz AKB, sieht die Normalität anders aus: Für sie gehören Saugen und Staub wischen, Waschen und Umlagern, Brot schmieren und Bett machen genauso zum Arbeitsalltag wie Verbände wechseln, Medikamente verabreichen oder Insulin spritzen.

Swantje Unterberg/ SPIEGEL ONLINE

Pflegerin Boissier bei der Arbeit

Auch wenn sie Putzen nerve: Boissier, 47, steht hinter dem Konzept der ganzheitlichen Pflege. Nicht nur die Patienten profitierten davon. Auch die Pflegerinnen des AKB sagen: Das mache sie zufriedener.

Einheitslohn und Selbstverwaltung

Die Frauen vom AKB bestimmen ihre Arbeitsbedingungen selbst. Der Pflegedienst ist als Kollektiv organisiert. Es gibt keine Chefin. Selbst die gesetzlich vorgeschriebene Pflegedienstleitung mit Zusatzausbildung hat nicht mehr zu sagen als der Rest. Mehr Geld als die anderen kriegt sie auch nicht. Die Frauen bekommen einen Einheitslohn und verwalten sich in einem wöchentlichen Plenum selbst.

Montags um 14 Uhr wird alles besprochen, was anliegt. Die Pflegerinnen setzen sich zusammen an den großen Tisch im Gemeinschaftsraum des AKB. An der Rückwand reiht sich ihr Fuhrpark aus schwarzen Damenrädern. Eine Glaswand rechts im Raum trennt das Büro mit seinen drei Sitzplätzen ab.

Swantje Unterberg/ SPIEGEL ONLINE

Plenum im AKB: "Das ging überraschend schnell."

Anne Boissier sammelt die Tagesordnungspunkte: Zuschläge erhöhen, Anfahrtspauschale, Einsätze vor 7 Uhr, Personalsituation. Unter "Vermischtes" sprechen die Frauen über den Fensteranstrich außen, die Ratten im Wohngebiet und den kaputten Efeu im Hof. Die Geldfragen werden verschoben, bis die Nachwuchssorgen gelöst sind. Auch der AKB leidet unter dem Fachkräftemangel. Nach einer Stunde sind die Verwaltungsfragen geklärt. "Das ging überraschend schnell", sagt Boissier.

"Wir kommen nie zum Punkt"

Wie bei den meisten Kollektiven sind die langwierigen Absprachen auch für die Pflegerinnen eine Herausforderung. "Wir kommen nie zum Punkt", hat Boissier, die seit 2001 im Kollektiv ist, noch vor dem Plenum geklagt.

Franziska Warschauer sieht das nicht so hart, sagt aber: "Manche Sachen sind übertrieben." Die 58-Jährige ist seit 1993 dabei und erinnert sich noch an die Diskussion über die Wandfarbe im Büro. "Stundenlang" sei das gegangen.

Swantje Unterberg/ SPIEGEL ONLINE

Franziska Warschauer im Büro

Eine Hürde zum Mitspracherecht gibt es allerdings: Nur wer mehr als 27 Stunden die Woche arbeitet und seit einem Jahr dabei ist, nimmt an den Entscheidungstreffen teil. Damit sind beim AKB zurzeit fünf der 15 Frauen außen vor.

Informelle Hierarchien

Zudem gebe es eine informelle Hierarchie, unter der die Frauen aber offenbar nicht leiden. "Die alten Schwestern haben mehr Wissen, deshalb wird ihnen anders zugehört", sagt Boissier. Das Verhältnis unter den Kolleginnen beschreiben die Frauen als geschwisterlich. Man achte aufeinander. Wenn es Streit gebe, würden die Probleme offen angesprochen.

Die Zeit gibt dem Betrieb recht. 1981 hat sich das Kollektiv gegründet. Und hat bis heute Erfolg. Die Pflegerinnen können sich etwas mehr Lohn zahlen als in der Branche üblich, in den vergangenen Jahren kam ein 13. Gehalt dazu. Der Urlaubsanspruch ist mit 31 Tagen hoch.

Fotostrecke

Arbeiten im Pflegekollektiv: Alles aus einer Hand

Ihr Betrieb spare sich den "Wasserkopf", sagt Dorothea Arning. Die 63-Jährige ist seit 2010 dabei und hat wie die meisten anderen Pflegerinnen des AKB schon im Krankenhaus oder anderen Pflegediensten gearbeitet. Die Arbeitsbedingungen, das Klima, den Zusammenhalt findet sie sehr viel besser als anderswo. Da ist sie sich mit den Frauen im Plenum einig.

"Es war schon sehr alternativ"

Ein Sendungsbewusstsein aber haben die Kollektivistinnen nicht: "Wir müssen die Welt nicht mit Kollektiven bestücken", sagt Arning. Die Debatte, die Kevin Kühnert mit seiner etwas nebulösen Forderung, Firmen wie BMW zu vergemeinschaften, losgestoßen hat, ging an den Frauen weitestgehend vorbei.

Boissier bezweifelt, dass das von oben angeordnet klappen kann. Arning sagt, beim AKB habe sich das aus sich heraus entwickelt.

Mehr zum Thema

In einem regulären Pflegedienst, der Schweinewirtschaft, wie eine der Pflegerinnen das nennt, wollen die Frauen trotzdem nicht mehr arbeiten. Dabei verorten sie sich selbst nicht gerade als links oder einer bestimmten Ideologie zugehörig.

Das Verhältnis zur Arbeit sei ein anderes, wenn man Verantwortung trage und für sich statt für einen Chef oder eine Chefin arbeite, sagt Corinna Harz, die vor acht Jahren durch einen Aushang im Schaufenster zufällig zum AKB gekommen ist.

Die Kollektividee war der 46-Jährigen damals fremd. Sie war sogar erst abgeschreckt. "Es war schon sehr alternativ." Heute ist das normal für Harz. Sie wolle die Verantwortung nicht mehr nach oben an die Leitung und die Arbeit nach unten auf das Pflegepersonal abwälzen. Ihren Job könne sie sich nicht mehr anders vorstellen.

insgesamt 2 Beiträge
ruhepuls 06.08.2019
1. Kann funktionieren - in kleinen Einheiten...
Ähnlich wie früher in bestimmten Stammeskulturen kann so etwas gut funktionieren, solange die Einheiten nicht zu groß werden. Ab einer gewissen Größe wird der "Abstimmungsaufwand" so groß, dass sich automatisch [...]
Ähnlich wie früher in bestimmten Stammeskulturen kann so etwas gut funktionieren, solange die Einheiten nicht zu groß werden. Ab einer gewissen Größe wird der "Abstimmungsaufwand" so groß, dass sich automatisch Hierarchien ausbilden - entweder formelle oder informelle. Und natürlich spielt die "Chemie" untereinander eine große Rolle. Wenn die nicht stimmt, scheitert das ganze Modell.
touri 07.08.2019
2.
Sehe ich auch so. Im kleinen (Teamgröße) kann das super funktionieren, wenn jeder seinen Teil macht und die Kommunikation stimmt. Aber irgendwann wird der Koordinierungsaufwand so groß, das man jemanden braucht, der [...]
Zitat von ruhepulsÄhnlich wie früher in bestimmten Stammeskulturen kann so etwas gut funktionieren, solange die Einheiten nicht zu groß werden. Ab einer gewissen Größe wird der "Abstimmungsaufwand" so groß, dass sich automatisch Hierarchien ausbilden - entweder formelle oder informelle. Und natürlich spielt die "Chemie" untereinander eine große Rolle. Wenn die nicht stimmt, scheitert das ganze Modell.
Sehe ich auch so. Im kleinen (Teamgröße) kann das super funktionieren, wenn jeder seinen Teil macht und die Kommunikation stimmt. Aber irgendwann wird der Koordinierungsaufwand so groß, das man jemanden braucht, der zentraler Ansprechpartner ist und Anweisungen geben kann. Und die Leute müssen wirklich passen. Ich habe es schon in wesentlich kleineren Teams erlebt wie die auseinandergefallen sind, weil Leute nicht miteinander konnten.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP