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KarriereSPIEGEL

Ein Metzger schließt seinen Betrieb

"Meine Mutter stand neben mir und hat geweint"

In den vergangenen zehn Jahren mussten rund 30 Prozent der Metzgereien und Bäckereien in Deutschland aufgeben. Auch Arno Schmelz in Kassel war darunter. Hier erzählt er von Schulden, Ängsten - und lügenden Kunden.

Getty Images

Ein Metzger in Großbritannien wurstet: Konkurrenz aus dem Supermarkt

Aufgezeichnet von Franca Quecke
Sonntag, 28.04.2019   08:12 Uhr

"Unsere Metzgerei mussten wir voriges Jahr im Oktober schließen - nach 135 Jahren. Ich habe den Betrieb 1990 von meinem Vater in fünfter Generation übernommen, da war ich gerade 34 Jahre alt. Das Fleisch kam von einem nahe gelegenen Hof, ich habe es dann selbst zerlegt und weiterverarbeitet. Meine Tochter ist gelernte Fleischverkäuferin, eigentlich war immer klar, dass sie den Betrieb irgendwann übernimmt.

Vor zehn Jahren hatten wir zwei Großbaustellen vor unserer Tür, dadurch konnten unsere Kunden nicht mehr direkt vor dem Geschäft parken. Viele sind dann einfach nicht mehr gekommen, weil ihnen der Weg zu Fuß zu weit war. Wir hatten damals zehn Mitarbeiter, und plötzlich hat sich unser Verkauf halbiert. Unser Geschäft hat sich davon nie wieder erholt.

Das Kaufverhalten unserer Kunden hat sich in den vergangenen Jahren aber auch stark verändert. Früher sind die Leute morgens erst in die Markthalle gegangen, dann zum Bäcker, und für das Fleisch eben zu uns. Heute fährt man in den Supermarkt und erledigt alles auf einmal.

Konkurrenz aus dem Supermarkt

Trotzdem erzählen viele ihren Freunden, dass sie Fleisch nur noch beim Metzger kaufen würden. Das ist oft gelogen. Ich habe ja gesehen, wer bei uns ein- und ausgegangen ist. Die meisten Kunden sind an Weihnachten und an Ostern zu uns in den Laden gekommen - an allen anderen Tagen haben sie Würstchen oder Steaks aus dem Supermarkt bevorzugt.

Folio Images/ plainpicture

Fleisch vom Metzger: Nur zu Ostern oder Weihnachten

Dadurch, dass wir weniger verkauft haben, haben wir Schulden angehäuft, am Ende über 100.000 Euro. Die Betriebskosten sind Jahr für Jahr gestiegen, gleichzeitig hatten wir hohe Investitionskosten durch EU-Auflagen. Wir mussten zum Beispiel unseren Betrieb wegen Hygienevorschriften umbauen und immer genau dokumentieren, wann wir welche Maschinen mit welchem Putzmittel sauber gemacht haben.

Unsere Messer mit Holzgriff mussten wir komplett durch Messer aus Kunststoff ersetzen. Das ist schon richtig, dass wir uns an hygienische Vorschriften halten und ordentlich arbeiten. Aber für unseren kleinen Betrieb waren es pro Woche 15 Stunden, die wir zusätzlich mit Verwaltung und Dokumentation beschäftigt waren.

Psychische Belastung

Dazu sind gesundheitliche Probleme gekommen: Durch die vielen Schulden habe ich in den vergangenen zwei Jahren fast nicht mehr geschlafen. Ich war ja auch für zehn Mitarbeiter verantwortlich. Das steckt man nicht so leicht weg.

Wir haben lange gekämpft, um es doch noch zu schaffen. Um das Geschäft hochzuhalten, haben wir zusätzlich einen Partyservice und einen Imbiss betrieben. In den vergangenen drei Jahren haben meine Frau und ich jeweils 60 bis 70 Stunden in der Woche gearbeitet. Am Ende hat alles nicht gereicht.

Matthias Hauser/ imageBROKER/ Okapia

Leer stehende Metzgerei (Symbolbild): 60 bis 75 Stunden Arbeit pro Woche

Um unsere Schulden zu bezahlen, mussten wir das Eckhaus verkaufen, in dem sich auch unsere Metzgerei befand. Als ich alles leer räumen musste - das war das schlimmste Gefühl. Meine Mutter stand neben mir und hat geweint. Mein Beruf hat mir immer Spaß gemacht und mich auch mit Stolz erfüllt. Heute würde ich jedem jungen Menschen davon abraten, Metzger zu werden und einen Betrieb zu gründen.

Wir sind nicht die Einzigen, die aufgeben mussten. In den vergangenen fünf Jahren mussten in Kassel und Umgebung 40 Metzgereien schließen, keiner in Reichtum. Ich bin jetzt frühzeitig im Ruhestand, meine Mitarbeiter sind in anderen Betrieben untergekommen. Das war mir auch wichtig. Durch den Fachkräftemangel hat man sie mit Kusshand genommen."

insgesamt 301 Beiträge
beuerlein 28.04.2019
1. Folgen
der Geiz-ist-geil-Metalität. So geht es uns Landwirten auch. Buchhandlungen, Tante Emma Läden, Post, Sparkasse....
der Geiz-ist-geil-Metalität. So geht es uns Landwirten auch. Buchhandlungen, Tante Emma Läden, Post, Sparkasse....
schwäbischalemannisch 28.04.2019
2. Tragisch. Aber sicher auch selbst verschuldet
Betriebswirtschaft ist oft nicht das Ding von Handwerkern. Man muss sich den Gegebenheiten anpassen. Was über Generationen ein "Selbstläufer" war, ist heute leider eher ein Auslaufmodell. Es ist wohl so, dass die großen [...]
Betriebswirtschaft ist oft nicht das Ding von Handwerkern. Man muss sich den Gegebenheiten anpassen. Was über Generationen ein "Selbstläufer" war, ist heute leider eher ein Auslaufmodell. Es ist wohl so, dass die großen Betriebe Massenware produzieren, zwar unter hygienisch einwandfreien Umständen. Aber die Qualität ist eben nicht die selbe wie im Fleischerfachgeschäft, was heute die meisten Metzgereien ja nur noch sind. Nur: immer mehr Menschen können sich qualitativ hochwertigere Lebensmittel nicht mehr leisten. Und ein paar Dutzend Großkonzerne weltweit decken heute weitgehend unsere Versorgung mit Kalorien ab. Ich sage bewusst nicht Lebensmittel…
hermann_huber 28.04.2019
3. Geiz ist halt nicht geil
Sondern ein Störgefühl. Sehr schade das zu lesen von einem Betrieb mit 10 Mitarbeitern. Das ist eben Deutschland. Den teuersten Grill und das grösste Auto geleast um anderen zu Imponieren. Und dann am liebsten das [...]
Sondern ein Störgefühl. Sehr schade das zu lesen von einem Betrieb mit 10 Mitarbeitern. Das ist eben Deutschland. Den teuersten Grill und das grösste Auto geleast um anderen zu Imponieren. Und dann am liebsten das billigste vom billigsten Essen kaufen
sunnysideoflife 28.04.2019
4. ...so traurig...
...und immer mehr solcher Betriebe gehen den Bach hinunter.. Ich kaufe mein Fleisch tatsächlich nur beim Metzger, wenn ich wie vorgestern in der Nettowerbung Hackfleisch 500gr für 1.49€ oder 1.99€ jetzt weiß ich es nicht [...]
...und immer mehr solcher Betriebe gehen den Bach hinunter.. Ich kaufe mein Fleisch tatsächlich nur beim Metzger, wenn ich wie vorgestern in der Nettowerbung Hackfleisch 500gr für 1.49€ oder 1.99€ jetzt weiß ich es nicht mehr so genau, sehe, dann könnte ich das würgen anfangen..und alle rennen hin und kaufen es..kein Wunder das alle immer kränker werden. Fast niemanden interessiert es woher sein Fleisch od andere Produkte herkommen, Hauptsache billig, ob dabei nötig oder nicht, billig ist und bleibt der Trend, damit man mehr für, Klamotten, Urlaub, Auto ausgeben kann.. Dabei ist es beim Metzger um die Ecke, gar nicht mal teuer, aber man hat das Verhältnis durch die ganzen Discounter total verloren..alles kaputt und es lässt sich leider nicht aufhalten..traurig
transsib_reisen 28.04.2019
5. Geiz-ist-geil-ist-strohdumm
ja klar, wenn das Gros der Leute unbedingt Schnitzel haben muss für 4,99 / Kilo, geht der Metzger unter und mit ihm jede Menge Fachkenntnisse. Dass Frau Mustermann dann aber den letzten aufgeblasenen Wasserfleischdreck vom [...]
ja klar, wenn das Gros der Leute unbedingt Schnitzel haben muss für 4,99 / Kilo, geht der Metzger unter und mit ihm jede Menge Fachkenntnisse. Dass Frau Mustermann dann aber den letzten aufgeblasenen Wasserfleischdreck vom Supermarkt ersteht, ist die logische Folge! Lieber nur 1 X Steak pro Woche, das darf dann 50.- / Kilo kosten vom Biolandwirt.

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