Schrift:
Ansicht Home:
KarriereSPIEGEL

175.000 Datensätze ausgewertet

Ostdeutsche arbeiten länger - für weniger Lohn

Beschäftigte in Ostdeutschland verdienen laut einer Studie bei gleicher Qualifikation weniger als im Westen - und sie arbeiten länger. Zudem scheiterte die IG Metall an der Einführung einer 35-Stunden-Woche im Osten.

Waltraud Grubitzsch / DPA

Beschäftigte in Sachsen-Anhalt (Archivfoto): Jahrzehnte nach dem Mauerfall noch finanziell benachteiligt

Dienstag, 01.10.2019   11:11 Uhr

Fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung verdienen Beschäftigte in Ostdeutschland im Schnitt deutlich weniger als Arbeitnehmer in Westdeutschland: Der Lohnabstand bei Beschäftigten im gleichen Beruf, gleichen Geschlechts und mit vergleichbarer Erfahrung beträgt 16,9 Prozent. Das geht aus einer Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor.

Fachleute hatten rund 175.000 Datensätze des Portals Lohnspiegel.de für das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Stiftung ausgewertet. Die Daten beruhen auf einer kontinuierlichen Online-Umfrage bei Erwerbstätigen in Deutschland. Dabei kam auch heraus, dass es zwischen den ostdeutschen Bundesländern ebenfalls deutliche Lohnunterschiede gibt:

Besonders groß ist der Lohnrückstand der Studie zufolge bei Beschäftigten, die nach ihrer betrieblichen Ausbildung eine kaufmännische Fortbildung oder eine weitere technische Qualifikation erworben haben. Hier verdienen Beschäftigte in Ostdeutschland 18,4 Prozent weniger als im Westen. Bei Tätigkeiten, für die in der Regel ein Hochschulabschluss Voraussetzung ist, betrage der Rückstand hingegen 15,4 Prozent.

Im Osten gibt es seltener Tarifverträge

Neben Unterschieden in der Wirtschaftskraft ist nach Einschätzung der Forscher die geringere Verbreitung von Tarifverträgen ein wesentlicher Grund für den Lohnrückstand in Ostdeutschland. "Bei den Tariflöhnen haben die Gewerkschaften inzwischen eine weitgehende Angleichung zwischen Ost und West durchsetzen können", sagt WSI-Tarifexperte Malte Lübker. So habe das Tarifniveau in Ostdeutschland 2018 bei 97,6 Prozent des Westens gelegen.

"Aber Tarifverträge können nur da wirken, wo sie auch verbindlich angewendet werden", sagte Lübker. Er verwies auf Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), denen zufolge 2018 in den neuen Ländern nur 45 Prozent der Beschäftigten nach einem Tarifvertrag bezahlt wurden. Im Westen seien es hingegen 56 Prozent gewesen.

Mehr zum Thema

Im Osten wird mehr gearbeitet

Nicht nur weniger Geld, sondern im Schnitt auch längere Arbeitszeit - auch das ist für Beschäftigte in Ostdeutschland im Vergleich zu Angestellten im Westen der Normalfall. Das zeigen Daten der Statistischen Ämter von Bund und Ländern, die die Linke-Bundestagsfraktion ausgewertet hat.

Arbeitnehmer in den westdeutschen Bundesländern kamen demnach im vergangenen Jahr im Schnitt auf 1295 Arbeitsstunden. Im Osten mit Berlin waren es 1351 Stunden - und damit 56 mehr. Wird Berlin zum Westen gezählt, sind es im Osten sogar 61 Stunden mehr.

IG Metall bricht Verhandlungen über 35-Stunden-Woche ab

Die Gewerkschaft IG Metall sieht derzeit wenig Chancen, zumindest in ihrer Branche die Arbeitszeit im Osten formal zu reduzieren. Sie brach Verhandlungen über eine Einführung der 35-Stunden-Woche in den Tarifgebieten Berlin, Brandenburg und Sachsen am Montagabend ab - weil sie keine Einigungsmöglichkeit mit den Arbeitgebern sah.

Nach zehnstündigen Verhandlungen erklärte die Gewerkschaft die Gespräche über die 35-Stunden-Woche in der Metall- und Elektroindustrie "in dieser Form für beendet". Es sei "deutlich geworden, dass die Arbeitgeber die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland nicht wollen", teilt die IG Metall mit. Bereits erzielte Verhandlungsfortschritte seien am Montag von der Arbeitgeberseite zurückgenommen worden.

"Die Arbeitgeber zerstören nach einem Gesprächsmarathon über eineinhalb Jahre mutwillig den Flächentarifvertrag in Ostdeutschland und blockieren weiterhin die soziale Einheit", kritisierte Olivier Höbel, Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen der IG Metall. Die Belegschaften würden sich das "nicht gefallen lassen". "Jetzt werden wir Betrieb für Betrieb die Arbeitszeitverkürzung angehen", sagte Höbel.

In Ostdeutschland arbeiten die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie 38 Stunden in der Woche. Im Westen wurde die 35-Stunden-Woche nach einem Streik 1984 in mehreren Schritten bis zum Jahr 1995 eingeführt.

Mehr dazu im SPIEGEL SPEZIAL

nil/dpa/AFP

insgesamt 53 Beiträge
so-long 01.10.2019
1. 56 Stunden
in 220 Arbeitstagen sind täglich ca. 15 Minuten Differenz; das liegt im Bereich der Messungenauigkeit. Ist das eine Tragik und ein ernsthaftes oder nur ein Luxusproblem?
in 220 Arbeitstagen sind täglich ca. 15 Minuten Differenz; das liegt im Bereich der Messungenauigkeit. Ist das eine Tragik und ein ernsthaftes oder nur ein Luxusproblem?
Zaunsfeld 01.10.2019
2.
Natürlich wollen die meisten Arbeitgeber in Ostdeutschland keine höheren Löhne und Gehälter oder kürzere Arbeitszeiten. Viele ostdeutsche Firmen gehören heute zu westdeutschen Konzernen. Die ostdeutschen Töchter dienen [...]
Natürlich wollen die meisten Arbeitgeber in Ostdeutschland keine höheren Löhne und Gehälter oder kürzere Arbeitszeiten. Viele ostdeutsche Firmen gehören heute zu westdeutschen Konzernen. Die ostdeutschen Töchter dienen dabei hauptsächlich als billigere Werkbank. Das ist einfach so und hat seine Ursachen in der Übernahme der Betriebe nach Abwicklung durch die Treuhand. Zur Wahrheit gehören dabei 2 Seiten. Einerseits gäbe es viele dieser Betriebe heute gar nicht mehr, wenn nicht westdeutsche Konzerne sie übernommen und in das marktwirtschaftliche Wirtschaftssystem überführt hätten. Auf der anderen Seite hat man damit die Ostdeutschen quasi enteignet. Denn all diese Betriebe gehörten damals dem Volk als Ganzes. Man könnte theoretisch sogar ausrechnen, welcher Geldbetrag jedem einzelenn Ostdeutschen zugestanden hätte, als diese Betriebe entstaatlicht und an Privateigentümer übergeben wurden. Die meisten Betriebe wurden auch nicht verkauft, sondern verschenkt. Aber sei es drum. Das ganze hatte gute wie schlechte Seiten. Aber dennoch ist geblieben, dass die ostdeutschen Mitarbeiter im gleichen Konzern heute immer noch wesentlich schlechter bezahlt werden als in den westdeutschen Niederlassungen, und das obwohl die Produktivität in den meist neu errichteten und modernisierten ostdeutschen Werken vergleichbar oder sogar höher ist als in den älteren westdeutschen Werken. Aber die fehlende Bereitschaft, den ostdeutschen Mitarbeitern höhere Löhne zuzugestehen, egreicht vielen ostdeutschen Betrieben schon heute zum Nachteil. Denn viele Firmen finden für diese Löhne und Gehälter einfach keine Leute mehr. Die Demografie und die gute wirtschaftliche Gesamtsituation führen dazu, dass sich die meisten heute aussuchen können, wo sie arbeiten wollen. Firmen, die ihre Leute schlecht bezahlen und schlecht behandeln, fallen da natürlich hinten runter. Das haben aber genau diese Firmen noch nicht verstanden. Die meisten dieser Geschäftsführungen leben geistig noch in den 90er Jahren, wo man noch sagen konnte "Wenn's Dir hier nicht passt, dann geh doch woanders hin. Es stehen schon 10 andere vor dem Tor, die hier deinen Job machen wollen." Damals hat das funktioniert. Heute gehen die Leute wirklich. Und es steht kein einziger vor dem Tor, der den Job zu den Bedingungen übernehmen kann oder will. Aber das werden diese Firmen auch noch lernen. Dauert aber noch ein paar Jahre.
Robert Mitchum 01.10.2019
3. Halbe "Wahrheit"
Hat die IG Metall auch die Nettokaufkraft der Löhne berücksichtigt? Weil die Mieten in vielen Teilen Ostdeutschlands sehr niedrig sind. Somit ist eigentlich das gehalt nach Abzug der typischen Miete zu betrachten. Dass der Lohn [...]
Hat die IG Metall auch die Nettokaufkraft der Löhne berücksichtigt? Weil die Mieten in vielen Teilen Ostdeutschlands sehr niedrig sind. Somit ist eigentlich das gehalt nach Abzug der typischen Miete zu betrachten. Dass der Lohn in Bautzen oder Posemuckel nicht der selbe ist wie Frankfurt oder München dürfte einleuchten. Weil 15€/qm warm was anderes ist als 7€. Die aus dem netto bezahlt werden. Bei 80qm und etwa 50% Abgaben aller Art aufs Brutto sind das monatlich etwa 1000€ brutto unterschied, also etwa 12k€ im Jahr.
nothhelfer 01.10.2019
4. Was hat man wo zum Leben?
Die paar Prozent, die es in München mehr gibt als im Osten, werden doch überkompensiert durch die höheren Lebenshaltungskosten. Ohne diese in Betracht zu ziehen, ist der Vergleich der Gehälter total unsinnig.
Die paar Prozent, die es in München mehr gibt als im Osten, werden doch überkompensiert durch die höheren Lebenshaltungskosten. Ohne diese in Betracht zu ziehen, ist der Vergleich der Gehälter total unsinnig.
mostly_harmless 01.10.2019
5.
Ziemlich banal: die Tarifbindung im Osten ist geringer als im Westen. Und die Ursache ist, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad im Osten niedriger ist als im Westen. Oder anders gesagt: Der Abstand zum Westen hat seine [...]
Ziemlich banal: die Tarifbindung im Osten ist geringer als im Westen. Und die Ursache ist, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad im Osten niedriger ist als im Westen. Oder anders gesagt: Der Abstand zum Westen hat seine Ursche NICHT darin, dass irgendwelche Leute besonders böse zu den Arbeitnehmern im Osten sind, sondern darin, dass die Arbeitnehmer im Osten zu geringeren Anteilen bereit sind, sich in einer Gewerkschaft zu engagieren. Aber es ist halt einfacher, sich einen Sündenbock zu suchen als sich zu engagieren.

Verwandte Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP