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Junger Banker

Londoner Gericht untersucht Tod von Moritz Erhardt

Der jähe Tod eines deutschen Bankpraktikanten hat ein gerichtliches Nachspiel. Mit 21 Jahren war Moritz Erhardt an einem epileptischen Anfall gestorben. Die Richterin will klären, welche Rolle extreme Arbeitszeiten spielten. Am Freitag sagten die Eltern in London aus.

REUTERS

Londoner Bankenviertel: Schuften bis zum Umfallen?

Freitag, 22.11.2013   17:44 Uhr

100-Stunden-Wochen, Nächte voller Arbeit und mit wenig oder ganz ohne Schlaf, davon erzählen Praktikanten aus der Londoner Bankenbranche. Schuften bis zum Umfallen - daran soll Moritz Erhardt gestorben sein, hieß es gleich nach dem Tod des jungen deutschen Praktikanten bei der Bank of America Merril Lynch. Nun untersucht ein Londoner Gericht die Umstände seines Todes genauer. Dabei geht es vor allem um eine Frage: Wie schlimm sind die Arbeitsbedingungen der Praktikanten wirklich? Und trägt womöglich der Arbeitgeber eine Mitverantwortung?

Mitte August war der 21 Jahre alte Bankpraktikant tot in der Dusche seines Zimmers in London gefunden worden. Rasch hieß es, er habe sich zu Tode gerackert. Kollegen hatten berichtet, er habe die drei Nächte vor seinem Tod durchgearbeitet und sich bei seinen Vorgesetzten von der Bank of America Merril Lynch für eine feste Stelle empfehlen wollen. Wenige Wochen später kamen Gerichtsmediziner zum Ergebnis, Erhardt sei an den Folgen eines epileptischen Anfalls gestorben.

Unklar blieb allerdings, ob die langen Arbeitsstunden die Erkrankung des jungen Mannes verschlimmert hatten. Den Untersuchungsauftrag des Gerichts umriss am Freitag die Richterin Mary Hassell: "Es könnte sein, dass Moritz so hart gearbeitet hat, dass Übermüdung den Anfall auslöste, der ihn tötete." Das sei allerdings "nur eine Möglichkeit".

Fleißig, clever, ehrgeizig

"Es mag einen zusätzlichen Auslöser gegeben haben oder auch nicht", sagte jetzt Gerichtsmediziner Pete Vanezis. Es gebe sehr starke Anzeichen, dass dem Tod ein Anfall vorausgegangen sei. "Epilepsie ist unvorhersehbar", so der Mediziner weiter. Selbst bei Einnahme von Medikamenten könne es zur Auslösung eines Anfalls kommen.

Zum Beginn der öffentlichen Verhandlung sagten am Freitag die Eltern von Moritz Erhardt aus. Sein Sohn habe sich nie über die Arbeitsbedingungen beschwert, so Hans-Georg Dieterle: "Er identifizierte sich sehr mit seiner Arbeit." Trotzdem hätten er und seine Frau sich Sorgen gemacht. Moritz habe morgens um 5 oder 6 Uhr E-Mails nach Hause geschrieben. "Besonders meine Frau war der Meinung, dass er nicht genug Schlaf bekommt", so Dieterle. Sie habe Angst gehabt, dass sich das auf seine Erkrankung auswirken könnte.

Moritz Erhardt wollte Investmentbanker werden, er galt als ehrgeizig und brillant. Der SPIEGEL stieß bei den Recherchen zu seinem Tod auf ein Motivationsschreiben des jungen Mannes, der an der Privathochschule Otto Beisheim School of Management (WHU) studierte. "Ich glaube, dass ich als Mensch mehr Erfolg haben werde, wenn ich mich auf ein einziges Ziel konzentriere", hatte Erhardt dort geschrieben. "Konkret gesprochen: Mein primäres Interesse besteht darin, mich selbst kontinuierlich zu verbessern und nach Exzellenz zu streben."

"Moritz war eine sehr sportliche Person, voller Leben"

Freunde von Moritz hatten bereits kurz nach seinem Tod berichtet, dass er in der Vergangenheit wegen epileptischer Anfälle in Behandlung war. Offenbar lagen die Anfälle aber schon länger zurück. "Moritz war eine sehr sportliche Person, voller Leben", sagte sein Vater dem Poplar Coroner's Court.

Vor Gericht sollen auch der behandelnde Arzt sowie mögliche weitere mit dem Fall vertraute Mediziner aussagen. Ziel der Verhandlung ist es nicht nur, die Todesursache festzustellen, sondern auch ähnliche Fälle in Zukunft zu vermeiden.

Der Fall hatte eine interne Untersuchung der Arbeitsbedingungen für Praktikanten bei der Bank of America Merrill Lynch und eine Diskussion über die Ausbildung von Banker-Nachwuchs in der Londoner City ausgelöst. "Wir sind es gewohnt, mit jungen Leuten zu arbeiten, die ambitioniert sind und besonders hohe Leistungen abliefern wollen", sagte am Freitag Bob Elfering von der Bank. Der junge Deutsche habe nicht an einem besonders wichtigen Projekt gearbeitet, das die langen Arbeitszeiten gerechtfertigt hätte. Elfering sagte, die Bank verfüge nicht über Instrumentarien, die eine Überwachung der Arbeitszeiten ermöglichten.

Stress und körperliche Belastungen können die Gefahr eines epileptischen Anfalls erhöhen. Allerdings sterben nur wenige Betroffene an den krampfartigen Anfällen selbst. Tritt ein Anfall auf, erhöht das aber das Unfallrisiko (mehr zum Sterberisiko von Epilepsie-Kranken hier). Eine Theorie zur Todesursache des 21-Jährigen besagt, dass er bei einem Anfall unter der Dusche ertrunken sein könnte.

Mehr dazu im SPIEGEL

vet/dpa

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