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Coaching-Trend

Wenn Manager mit Plastikfiguren spielen

Zurück in den Kinderzimmermodus: In einem Workshop spielen Führungskräfte mit Playmobil - um die Unternehmenskultur zu verändern und den Kundenkontakt zu verbessern. Kann das klappen?

PLAY SERIOUS AKADEMIE
Von Danielle Dörsing, Stuttgart
Montag, 21.10.2019   17:26 Uhr

Vorsichtig setzt Manuela Hörbe ihre weiße Spielfigur auf einen kleinen Cross-Trainer, in der Hand hat das Männchen einen Miniatur-Notfallkoffer: "Ich habe mich auf das Fitnessrad gesetzt, weil ich für mein jetziges Projekt viel Ausdauer benötige. Den Erste-Hilfe-Koffer habe ich gewählt, weil ich mich um viele Dinge kümmern muss, auch im Notfall." Die Produktmanagerin schreibt ihre Initialen auf den Oberkörper der Figur, mit der sie sich hier im Workshop vorstellen soll.

Ihr Kollege Tim Beckmann malt seine Figur, die einen kleinen Basketball hält, mit vielen Stiften farbig an: "Ich bin in der Firma bekannt wie ein bunter Hund", grinst er. Den Basketball hätte er ausgesucht, weil er sich im Betriebssport engagiert: "So kennt man mich."

Hörbe, Beckmann und vier weitere Mitarbeiter eines Finanzunternehmens probieren an diesem Tag ein neues Workshopkonzept aus. Gemeinsam sitzen sie um einen großen Tisch und überlegen, wie das Kundenerlebnis beim Immobilienkauf verbessert werden kann. Helfen sollen dabei die Spielzeugfiguren.

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Playmobil für Manager

Der Hersteller geobra Brandstätter versucht, einen neuen Markt zu erschließen, und konzipiert Figuren für Erwachsene. Die Idee: Konflikte im Arbeitsalltag zu lösen, egal, ob es nun Probleme mit dem Chef sind oder über die zukünftige Entwicklung des Betriebs diskutiert wird. Mit den Spielzeugfiguren soll sich neu durchdenken lassen, was vorher stagnierte. Ist das nur eine clevere Geschäftsidee? Oder ein Ansatz mit Substanz?

Der Preis: vierstellig

Mathias Haas ist von der Idee des spielerischen Problemlösens überzeugt. Zusammen mit seiner Kollegin Celina Pflanz leitet und moderiert der Stuttgarter Coach den Vormittag. Haas betreibt die "Play Serious Akademie", in der er Workshops mit verschiedenen Spielzeugsystemen konzipiert. Für ihn haben Leichtigkeit und spielerische Herangehensweise auch im Wirtschaftskontext Platz: "Es ist eine Arbeitsmethode, so wie zum Beispiel auch PowerPoint oder das Flipchart. Der Unterschied ist, dass wir in 3D arbeiten und die Haptik der Menschen ansprechen."

Für manche Außenstehende wirkt befremdlich, dass Erwachsene mit Kinderspielzeug versuchen, Workflows und Arbeitsprozesse abzubilden und Kundengespräche durchzuspielen. Und doch scheint da etwas freigesetzt zu werden, erlauben die Männchen einen neuen Blick auf alte Probleme.

Der ungewöhnliche Zugang ist allerdings nicht ganz preiswert: Für den Koffer mit den speziellen Steinen, den weißen Figuren, fast 500 Accessoires und den besonderen Stiften sind 499 Euro fällig. Man kann ihn nicht im Laden kaufen, sondern nur beim Hersteller direkt. Hinzu kommen noch die Kosten für den Moderator. Laut Mathias Haas liegt der Preis inklusive der Vorarbeiten "in der Regel im vierstelligen Bereich."

Kritik am Koffer

Das Konzept richtet sich laut Hersteller vorrangig an Unternehmen, es könne aber auch in allen anderen Bereichen eingesetzt werden. Als Referenz werden bekannte Firmen angegeben, darunter Bosch, Siemens, Adidas und die Deutsche Bank.

Dabei hat der Koffer mit dem Manager-Spielzeug durchaus für Kritik gesorgt. Obwohl das Konzept auf Gleichberichtigung und Diversity setzt, kamen einige Figuren und Kleidungsstücke nicht gut an. So etwa indigener Kopfschmuck - einige nordamerikanische Ureinwohner fühlten sich von der einfachen Darstellung ihrer Kultur beleidigt.

"Natürlich haben wir während der Entwicklungsphase auch dazugelernt", sagt Playmobil-Sprecher Björn Seeger, "wenn im Deutschen wie selbstverständlich das Bild von Häuptlingen und Indianern gebraucht wird, so kann dies für Native Americans ein Affront sein." Die entsprechenden Artikel verschwanden deshalb aus dem Sortiment.

"Schöne Erinnerungen"

Neben Playmobil bietet Lego ein ähnliches Konzept an, auch das hat Haas im Programm - und nicht nur er. Die so genannte Gamification, also das spielerische Herangehen an Lern- und Entwicklungsprozesse, ist längst auch in der Wissenschaft ein Thema.

Studien zeigten, "dass Gamification das Potenzial besitzt, Motivation und Leistung zu fördern", sagt Michael Sailer, der am Lehrstuhl für empirische Pädagogik und pädagogische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München arbeitet. Wenn spielerische Elemente eingesetzt würden, könne das "qualitative und quantitative Leistungskennzahlen positiv beeinflussen", so Sailer.

Die Teilnehmer des Stuttgarter Workshops sind abgetaucht in die Welt ihrer Plastikmännchen. "Natürlich findet hier ein Image-Transfer statt", sagt Workshop-Leiter Haas. "Die Leute verbinden Playmobil mit schönen Erinnerungen. Grundlegend geht es aber um die Assoziation, Visualisierung und die Ideen, die die Teilnehmer in die Figuren hineindenken." Das Konzept funktioniere demensprechend auch mit anderen Materialien.

Im Video: Manager spielen mit Lego

Foto: SPIEGEL ONLINE

Ein Beispiel: Der Husky mit dem Hundeschlitten repräsentiert ein Problem im Workflow. "Im Alltag zieht man viel hinter sich her", sagt Sophie Schlayer, "das ist eher ein unangenehmes Gefühl, was wir dann auch bei der Schlitten-Figur hatten." So habe man sich schnell einigen können, diese Figur zu benutzen.

Besteht die Gefahr, dass durch das Spielen das Ergebnis leidet? Moderator Haas legt sich nicht fest: "Das kommt stark auf die Teilnehmer an." Manche seien sehr zielorientiert, da wäre das Ergebnis wichtiger. "Anderen hilft aber auch erstmal die spielerische Auseinandersetzung mit dem Problem", erklärt er. Die Figuren seien ein symbolisches Instrument, mit dem sich wenig thematisierte Probleme leichter ansprechen lassen.

Schwierige Ergebnissicherung

Eins der Ergebnisse am Ende des Tages: Finanzinstitute bräuchten eigentlich eine gemeinsame Datenbank, um die Kreditwürdigkeit der Kunden schneller und einfacher prüfen zu können. Wahrscheinlich hätte ein Flipchart gereicht, um darauf zu kommen. Die Teilnehmer sind trotzdem begeistert: "Es ist so nett, aus dem Spielerischen an Ergebnisse zu kommen, schließlich steckt in jedem von uns ein Kind", sagt Tim Beckmann.

Am Ende muss das Ergebnis des Workshops noch dokumentiert werden. Der Tisch ist mittlerweile voller Figuren, von oben sehe viele davon gleich aus. Kurz macht sich Ratlosigkeit breit: Wie soll jemand, der nicht am Workshop teilgenommen hat, da noch durchfinden? Am klettert einer der Teilnehmer auf eine Leiter, um den Tisch von oben zu fotografieren:

Am Ende bleibt die Frage, ob die Methode Unternehmensprozesse wirklich nachhaltig verändern kann. Michael Knorre ist optimistisch: "Wir sind gespannt, was die Kolleginnen und Kollegen sagen. Das ist ein Startpunkt, von dem aus man in Eigeninitiative weitermachen muss."

Eine der ersten Aufgaben: den Kollegen im Büro zu erklären, was man denn da beim Workshop den ganzen Tag lang gespielt hat - und was das mit dem Arbeitsalltag zu tun hat.

insgesamt 16 Beiträge
annoo 21.10.2019
1. Das ist nicht neu
Ich arbeite als Moderator immer Mal wieder mit Postkarten, Figuren, Gummi- und Stofftiere, alles was geeignet ist, um Assoziationen zu wecken. Neu ist, dass man dafür ein überteuertes Set für Erwachsene kauft. Ich benutze die [...]
Ich arbeite als Moderator immer Mal wieder mit Postkarten, Figuren, Gummi- und Stofftiere, alles was geeignet ist, um Assoziationen zu wecken. Neu ist, dass man dafür ein überteuertes Set für Erwachsene kauft. Ich benutze die ausrangierten Playmobil-Figuren meines Sohnes, ein paar habe ich auf dem Flohmarkt gekauft. Es ist nämlich überhaupt nicht von Bedeutung welche Figuren konkret vorhanden sind, die Assoziationen kommen von alleine, auch wenn das Bild oder die Figur nur bedingt passt, alles Andere interpretiert und fügt das Unterbewusstsein hinzu. Generell begrüße ich assoziierende Elemente in der Arbeit.
maltyx 21.10.2019
2. Was waren das für Zeiten
... als bei Fortbildungen noch der gute alte Frontalunterricht vorherrschte. Ich bin zu spät geboren, in einer zu antiken Welt...oder so ähnlich :-)
... als bei Fortbildungen noch der gute alte Frontalunterricht vorherrschte. Ich bin zu spät geboren, in einer zu antiken Welt...oder so ähnlich :-)
czarodziejka 21.10.2019
3.
Alter Wein in neuen Schläuchen - immer noch genauso wirksam wie damals, als Jakob Levy Moreno es Psychodrama - die Seele durch Handeln ergründen - nannte
Alter Wein in neuen Schläuchen - immer noch genauso wirksam wie damals, als Jakob Levy Moreno es Psychodrama - die Seele durch Handeln ergründen - nannte
janowitsch 22.10.2019
4. Menschliche Kontakte
Weniger Workshops und mehr reale menschliche Kontakte mit den Mitarbeitern würden das Verständnis erhöhen, aber das ist ja leider nicht Voraussetzung, um in Führungspositionen zu kommen.
Weniger Workshops und mehr reale menschliche Kontakte mit den Mitarbeitern würden das Verständnis erhöhen, aber das ist ja leider nicht Voraussetzung, um in Führungspositionen zu kommen.
catcargerry 22.10.2019
5. Sie leben noch
Also können Sie nicht so viel älter als ich sein. Das ist altbekanntes und teilweise bewährtes Zeug. Nur kann man, wie ein Forist richtig bemerkte, statt völlig überteuerter, zielguppenorientiert bemalter Plastikfiguren [...]
Zitat von maltyx... als bei Fortbildungen noch der gute alte Frontalunterricht vorherrschte. Ich bin zu spät geboren, in einer zu antiken Welt...oder so ähnlich :-)
Also können Sie nicht so viel älter als ich sein. Das ist altbekanntes und teilweise bewährtes Zeug. Nur kann man, wie ein Forist richtig bemerkte, statt völlig überteuerter, zielguppenorientiert bemalter Plastikfiguren auch jede Art von Klötzchen oder sonstwas nehmen, sogar die Teilnehmer ("Familienaufstellung"), um Prozesse und Strukturen zu reflektieren. Und Frontalunterricht wurde bei uns schon in der Schule immer wieder aufgelockert. Nach der Uni habe ich ihn nur noch punktuell erlebt.

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