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KarriereSPIEGEL

Vielfalt in Medien

Das muss man sich leisten (können)

Junge Menschen arbeiten oft am Rande des Prekariats. Im Journalismus ist das besonders fatal: Weil fast nur noch Kinder wohlhabender Eltern den Beruf ergreifen können, verfestigt sich ein gesellschaftliches Problem.

DPA

Arbeitsplatz Tischtennisplatte: Medienschaffende in einem Coworking-Büro

Ein Essay von Tobias Hausdorf
Sonntag, 01.12.2019   19:04 Uhr

"Mach lieber was Sicheres!", sagt mein Vater am Küchentisch, als ich mit 17 davon träume, Journalist zu werden. "Ärzte, Lehrer, die werden gebraucht." Mit dem Zeigefinger pocht er auf den Tisch. Ich, ein Schlaks, voller Ideale, bin in der 12. Klasse. Ich habe noch ein Jahr bis zum Abitur an einem Brandenburger Gymnasium. Die Was-willst-du-werden-Frage stellt sich drängender und der Küchentisch zwischen uns wächst zur Verhandlungsfläche. Meine Noten? Sehr gut. Alle Möglichkeiten stehen mir offen. Aber Journalismus? Mein Vater schüttelt den Kopf.

Mein Vater ist Zimmermeister, meine Mutter Vermessungstechnikerin, sie sind beide in Ostdeutschland aufgewachsen. Sie war erst Tänzerin am Berliner Friedrichstadtpalast, schulte dann um. Er wollte Architektur studieren, wurde in der DDR aber trotz guter Noten nicht zum Abitur zugelassen.

Zur Person

Heute weiß ich, was mein Vater damals meinte. Doch bis ich zu der Erkenntnis komme, dauert es. Zunächst lasse ich meinen Traum fallen, höre auf meine Eltern und beginne ein duales Studium beim Pharmakonzern Bayer. Aber es ist nicht das Richtige für mich. Ich kündige. Befreiend.

Dann Studienwechsel. Bafög und Kindergeld halten mich über Wasser. Ich mache nebenher Praktikum nach Praktikum. Ich bekomme nach dem Hochschulabschluss Absagen für Volontariate, doch dann schaffe ich es an eine Journalistenschule. Die Ausbildung wird nicht bezahlt, ich kann sie nur machen, weil ich ein Stipendium bekomme. Andere haben dieses Glück nicht, viele wurden schon ausgesiebt.

Jetzt bin ich im aktuellen Jahrgang der Evangelischen Journalistenschule, wir sind 16 Leute. Zurzeit machen wir Praktika bei öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern. 11 von 16 bekommen momentan kein Geld. Laut Vertrag habe auch ich keinen Anspruch auf Vergütung für das dreimonatige Praktikum. Die Arbeitseinsätze sind Teil der Ausbildung, das praktische Lernen steht im Vordergrund. Aber niemand fragt sich, wovon man lebt. Irgendwoher wird das Geld schon kommen.

Meine zweite Woche im aktuellen Praktikum: An einem Morgen meldet sich eine Redakteurin krank. Ich springe drei Tage für sie im Studio ein, wo live Radio gemacht wird - sehr gern, das ist eine gute Erfahrung. Man dankt mir für den Einsatz und ich bin froh, Wichtiges beizutragen. Eine Kollegin ermutigt mich, nach einem Honorar zu fragen, eben weil ich eine Redakteurin vertreten habe. Ich frage also. Da heißt es, ich sei nicht vollwertig eingesprungen. Geld gebe es nur nach Ermessen.

Ich bin wütend, twittere und fühle mich dabei wie ein Trump mit guter Absicht. Unter dem Hashtag #unfÖR schildern Hunderte ähnliche Erfahrungen. Sie erzählen davon, wie sie als Praktikanten kein Geld, dafür weniger als einen Euro Ermäßigung in der Kantine bekamen, wie sie unterstützt werden mussten, wie sie mit Nebenjobs ihre Ausbildung finanzierten - es ist Wahnsinn mit Methode.

Bildet sich ein elitärer Journalismus heraus?

Ich konnte mich nur auf dieses Praktikum einlassen, weil ich ein Stipendium erhalte. Andere können das nicht. Journalisten werden dann meistens die gleichen Leute: Die, die es sich leisten können. Das ist nicht nur unfair, sondern auch fatal für die Demokratie. Weil Stimmen fehlen, weil Perspektiven und Lebenserfahrungen im öffentlichen Diskurs nicht auftauchen. Journalismus darf kein elitäres Projekt sein, sonst setzt sich soziale Ungleichheit fort.

"Das größte Lebensrisiko sind die eigenen Eltern", schreibt Martin Spiewak in der "Zeit". Ich habe meine Eltern nie als Risiko gesehen. Sie haben mir Werte vermittelt, wie wichtig Bildung sei, Gerechtigkeit, Bescheidenheit, sich anzustrengen und zusammenzuhalten. Doch in kaum einem anderen Industrieland hängt die persönliche Zukunft so sehr von der Herkunft ab wie in Deutschland.

Für alle Kinder die gleichen Chancen? Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung gelingt nur 27 von 100 Nichtakademikerkindern der Sprung an die Hochschule. Dagegen schaffen es 79 von 100 Kindern studierter Eltern. Das setzt sich fort und bringt immer ähnliche Leute in Machtpositionen in den Medien, in der Politik, in den Vorständen, in der Wissenschaft.

Gefahr einer Blase

Wenn eine große Tageszeitung acht Praktikanten für etwa 400 Euro im Monat zur selben Zeit im Lokalteil beschäftigt, wie ich es selbst erlebt habe, dann geht es nicht um ein Geben und Nehmen, sondern darum, Stellen sparen zu können. Auch die Öffentlich-Rechtlichen müssen sparen. Doch sie sind durch Beiträge finanziert und haben einen demokratischen Auftrag. Praktikanten zu bezahlen, sollte ihnen eine Verpflichtung sein. Zahlen sie nichts, schrecken sie viel Nachwuchs ab.

Wen schließt dieses System alles aus? Wer versucht es erst gar nicht? Irgendwann bewegt sich Journalismus nur noch in seiner eigenen Blase und seine Repräsentanten tun verwundert, wenn sich Teile der Bevölkerung frustriert von ihnen abwenden, weil sie sich nicht mehr repräsentiert fühlen.

insgesamt 113 Beiträge
firefox34 01.12.2019
1. Da sist eine ganz neue Erkentnis
Welche neue Erkenntnisse. Das war schon immer so in den "Medien" und hat sich auch nicht geändert. Unbezahlte Praktika, Volotariate u.a. sind seit jeher "Standard". Dann steigt man bei einem kleinen [...]
Welche neue Erkenntnisse. Das war schon immer so in den "Medien" und hat sich auch nicht geändert. Unbezahlte Praktika, Volotariate u.a. sind seit jeher "Standard". Dann steigt man bei einem kleinen Unternehmen, meist Radio oder Lokalzeitung, zum Mindestlohn ein und versucht so oft es geht die Stelle zu wechseln um in der Hackordnung nach oben zu kommen. Größerer Titel, mehr Auflage, größerer Verlag... oder ins Fernsehen. Erst Lokalsender, dann Private, dann ÖR. Der Markt der Medienunternehmen ist auf 12 bis 15 große Unternehmen aufgeteilt. Bis auf einige wenige alle in Familienbesitz. Man kennt und schätzt sich. Der Kreis ist klein und da tanzt keiner aus der Reihe. Man schaue nur wie der Spiegel das Unternehmerpaar Friedrich auseinandergenommen hat. Die haben keinen Stallgeruch. Der Mann war bei der Stasi... nach der Vergangenheit von z.b. Georg von Holtzbrinck und wer alles nach dem Krieg für Axel Springer geschrieben hat fragt niemand. Die gehören zum inner Circle. Wenn sie in den "Medien" was werden wollen, dann müssen sie in die "Familie" aufgenommen werden... und da kommt nicht jeder rein. Das ist so gewollt.
ole#frosch 01.12.2019
2. willkommen im Leben
Geht anderen Studierenden ähnlich. Erzieher mussten lange Zeit für ihre Ausbildung zahken. Physiotherapeuten heute noch, wenn sie einen Schein für eine Therapie haben wollen. Auch Meister zahlen für ihre Ausbildung. Das nennt [...]
Geht anderen Studierenden ähnlich. Erzieher mussten lange Zeit für ihre Ausbildung zahken. Physiotherapeuten heute noch, wenn sie einen Schein für eine Therapie haben wollen. Auch Meister zahlen für ihre Ausbildung. Das nennt sich Kapitalismus und ja, da haben es die reichen leichter.
omguruji 01.12.2019
3. Danke
Bitte mehr von diesen Beiträgen, die das perverse System aufzeigen. Acht Milliarden GEZ Einnahmen pro Jahr und sie fordern aktuell noch mehr. Die jungen Leute werden nicht entsprechend honoriert..
Bitte mehr von diesen Beiträgen, die das perverse System aufzeigen. Acht Milliarden GEZ Einnahmen pro Jahr und sie fordern aktuell noch mehr. Die jungen Leute werden nicht entsprechend honoriert..
vox veritas 01.12.2019
4.
Hätte ich das als Leser hier geschrieben, wäre das nicht veröffentlicht worden. Immerhin ist das Problem erkannt und benannt worden. Danke für diesen ehrlichen Beitrag!!
Hätte ich das als Leser hier geschrieben, wäre das nicht veröffentlicht worden. Immerhin ist das Problem erkannt und benannt worden. Danke für diesen ehrlichen Beitrag!!
Freiheit für Europa 01.12.2019
5. ähnlich prekär: Wissenschaftler/ Professuren fasnur mit Eltern mögl.
Wohl 99% der jahrzehntelang ausgebildeten Wissenschaftler werden auch nur fachfremd leben können, gerade an Unis scheint es korrupter als sonst herzugehen. Professuren werden regelmäßig an Professorensöhne verschachert...
Wohl 99% der jahrzehntelang ausgebildeten Wissenschaftler werden auch nur fachfremd leben können, gerade an Unis scheint es korrupter als sonst herzugehen. Professuren werden regelmäßig an Professorensöhne verschachert...
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