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KarriereSPIEGEL

Allein unter Männern

Warum es immer noch so wenige Frauen im MINT-Bereich gibt

Trotz millionenschwerer Programme und etlicher Initiativen sind Frauen im MINT-Bereich immer noch rar. Das Nerd-Image naturwissenschaftlicher Berufe ist nur einer der Gründe dafür.

Tom Werner/ Digital Vision/ Getty Images

Frauen und Technik: Immer mehr Studentinnen und Auszubildende trotzen den Vorurteilen

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Donnerstag, 29.08.2019   12:21 Uhr

Im Physikleistungskurs am Gymnasium in Stockach war sie das einzige Mädchen, im Maschinenbaustudium an der Fachhochschule in Konstanz ebenfalls fast allein unter Männern: "Ab dem dritten Semester war ich in fast allen Fächern die einzige Frau", erinnert sich Rebecca Dahm, 27. Gewöhnungsbedürftig sei das anfangs schon etwas gewesen. An der Fachhochschule habe es Tage gegeben, an der sie keiner anderen Frau begegnete: Kommilitonen, Professoren - alle Männer.

Wie Dahm geht es noch immer vielen Frauen, die sich für ein Studium oder eine Ausbildung im MINT-Bereich entscheiden. MINT, das steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Der Anteil an MINT-Studienanfängerinnen liegt seit Jahren bei rund 30 Prozent; bei den Auszubildenden sind sogar nur elf Prozent Frauen. In technischen und naturwissenschaftlichen Berufen sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert - und das trotz zahlreicher Initiativen, die das ändern sollen. Woran liegt das?

"Komm, mach MINT"

Schon im Jahr 2008 beschloss das Bundesministerium für Bildung und Forschung den Nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen, "Komm, mach MINT". Ziel des millionenschweren Vorhabens: ein bundesweites Netzwerk aufbauen, technisch interessierte Schülerinnen fördern, mehr junge Frauen für ein MINT-Studium begeistern, mehr Führungspositionen weiblich besetzen.

So entstand eine bundesweite Initiative, an der sich mehr als 300 Partner aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft beteiligten. Auf der Website sind rund tausend Projekte verzeichnet. Daneben sollen seit Jahren zahlreiche Initiativen wie der Girl's Day oder Mentorinnen-Programme wie CyberMentor den MINT-Bereich für junge Frauen attraktiver machen.

Und das zeigt offenbar Wirkung: Seit 2008 habe es erhebliche Fortschritte gegeben, sagt Barbara Schwarze, Professorin für Gender und Diversity Studies an der Hochschule Osnabrück und Vorsitzende des Kompetenzzentrums Technik - Diversity - Chancengleichheit. Sie führt das durchaus auf die verschiedenen Initiativen zurück.

MINT-Fächer: Die Mehrheit bleibt männlich

Eine Veränderung ist jedenfalls messbar: Wie aus einer Erhebung der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht, ist die Zahl der Studentinnen im MINT-Bereich seit 2008 um 75 Prozent gestiegen. Trotzdem sind Männer in MINT-Fächern noch deutlich in der Überzahl: Der Anteil weiblicher Studienanfängerinnen lag im Wintersemester 2017/18 bei 31,5 Prozent.

Dabei gab es zwischen den einzelnen Studienfächern durchaus Unterschiede, am stärksten gestiegen ist der Frauenanteil in der Informatik - lag 2018 aber immer noch bei nur 22,4 Prozent. Auch in der Berufswelt bleiben Frauen - allen Fortschritten zum Trotz - im MINT-Bereich deutlich unterrepräsentiert. Hier sind von 7,7 Millionen Beschäftigten bisher nur 15,2 Prozent weiblich, wie aus einer Berechnung des Statistischen Bundesamtes hervorgeht.

Dabei klagt die Branche über einen teils dramatischen Fachkräftemangel und müht sich nicht nur im Sinne der Frauenförderung, sondern auch purer Personalnot um weiblichen Nachwuchs. Aber das läuft zäh.

Nerd-Image: "Das schreckt Mädchen ab"

An mangelnder Qualifikation der Frauen liege es jedenfalls nicht, sagt Schwarze. Das größte Problem seien sich hartnäckig haltende Stereotype in den Köpfen vieler Menschen - insbesondere bei Eltern, Lehrern und Beratungskräften. Beispiel: Es gebe immer noch die Vorstellung, dass Technik allgemein schweißtreibend und nichts für Frauen sei, sagt Schwarze.

Berufen rund um Informatik wiederum hafte das Image des Nerdigen an, sagt Ursula Köhler, Sprecherin der Frauenfachgruppe in der Gesellschaft für Informatik. Und Katharina Gryc, Hauptansprechpartnerin für Mentorinnen bei CyberMentor, beklagt, dass dagegen auch wenig getan werde. Die ein oder andere populäre Serie sei auch nicht gerade hilfreich, um Vorurteile aufzubrechen. Bei "The Big Bang Theory" würden MINT-Frauen zum Beispiel als unattraktiv und nerdig dargestellt. "Das schreckt Mädchen ab."

Susanne Peter, die an der Hochschule Bremen das Projekt Mentoring MINT leitet, hat festgestellt: "Interessiert sich eine Schülerin für Technik, wird das als etwas Besonderes betrachtet und stets kommentiert - sowohl positiv als auch negativ", sagt sie. "Bei Jungen dagegen finden andere ein Interesse an Technik normal."

Dazu kommt: Mädchen trauen sich weniger zu, in MINT-Fächern glänzen zu können. "Bei gleichen Leistungen schätzen sich Mädchen in der Schule viel schlechter ein als Jungs", sagt Peter. Und sie zweifelten daran, ob sie gut genug seien, ein MINT-Studium zu schaffen. Selbst während des Studiums hätten Studentinnen "wesentlich größere Selbstzweifel" als ihre Kommilitonen.

"Als Frau bleibst du mehr im Kopf"

Rebecca Dahm sagt, Mathematik und Physik seien ihr in der Schule leichtgefallen, hätten Spaß gemacht - da sei es klar gewesen, in diese Richtung zu gehen. Letztendlich entschied sie sich für Maschinenbau. Im Bachelor in Konstanz fand sie sich nach ihrem Eindruck durchaus in einer Sonderrolle wider: "Als Frau bleibst du mehr im Kopf", findet sie. Sie sei eher mal berücksichtigt worden, es sei aber auch sofort aufgefallen, wenn sie bei einem Laborversuch gefehlt hätte.

So erleben es oft auch andere Frauen in MINT-Bereichen, sagt die Informatikerin Köhler. "Man ist immer auf dem Präsentierteller." Viele Frauen wechselten deshalb nach ein paar Jahren in andere Berufsfelder: "Weil es sehr anstrengend ist, sich in so einer männlich konnotierten Arbeitswelt zu behaupten."

"Nicht abschrecken lassen"

Rebecca Dahm arbeitet inzwischen als Entwicklungsingenieurin bei Daimler in Stuttgart. In ihrem Team sind von 17 Mitarbeitern vier Frauen. "Ich war überrascht, dass es so viele sind", sagt Dahm. Ihr Tipp für andere Frauen: "Am Anfang nicht abschrecken lassen, dass da hauptsächlich Männer sind. Einfach weitermachen und offenbleiben." Heute habe sie "einen Job, der Spaß macht, und nette Kollegen".

Aber, sagt Dahm, sie hoffe natürlich, dass es in den nächsten Jahren noch mehr Frauen in diesen Berufen gebe. Dazu trägt sie selbst doppelt bei: Um Frauen für MINT-Berufe zu begeistern, sind Fachleuten zufolge praktische Erfahrungen wichtig - und weibliche Vorbilder. Das legen auch Ergebnisse einer Microsoft-Studie nahe. Demnach interessieren sich 22 Prozent der befragten jungen Frauen für ein MINT-Studium, wenn ihnen Vorbilder fehlen. Mit Vorbildern sind es 44 Prozent. Lesen Sie hier mehr dazu, wie man Mädchen und Frauen für MINT-Fächer begeistern kann.

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