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KarriereSPIEGEL

TUI-Manager über Mikrochip-Implantate

"Der Chip ist Teil meines Körpers geworden"

Jeder fünfte Mitarbeiter einer schwedischen TUI-Tochter trägt einen Mikrochip in der Hand und nutzt ihn intern. Das berge Chancen, sagt Geschäftsführer Huber. Deutsche seien zu misstrauisch gegenüber digitalen Technologien.

Foto: Christian Wyrwa/ TUI
Ein Interview von
Sonntag, 20.10.2019   13:58 Uhr

Die Firma TUI Nordic sitzt in Stockholm in einem roten Backsteinbau im Hipsterviertel Södermalm. Wo früher Bier gebraut wurde, experimentiert die Tochter des weltweit größten Reisekonzerns heute mit digitalen Technologien. Geschäftsführer Alexander Huber streckt dem Gast zur Begrüßung die linke Hand entgegen. Im Daumenballen erhebt sich eine Delle, unter der Haut sitzt ein reiskorngroßer Mikrochip. Damit kann der Topmanager diverse Maschinen im Haus bedienen: Türen, Schlösser von Spinden und Snackautomaten. Huber ist nicht der Einzige im Haus, der so einen NFC-Chip im Körper trägt. Jeder fünfte Mitarbeiter hat sich chippen lassen, freiwillig, bezahlt von TUI. Ist das Science-Fiction oder Fortschritt? Gruselig oder faszinierend? Verpassen die Deutschen die Zukunft, oder sind die Schweden naiv? Zeit für ein Gespräch.

SPIEGEL: Herr Huber, bei TUI Nordic tragen mehr als 100 der 500 Mitarbeiter einen Mikrochip in der linken Hand zwischen Daumen und Zeigefinger. Auch Sie haben einen. Warum chippt TUI die Mitarbeiter?

Huber: Wir chippen unsere Mitarbeiter nicht, sie lassen sich freiwillig chippen. Vor einiger Zeit haben wir beschlossen, bei uns in Stockholm regelmäßig Lernevents zu organisieren. Einen Tag zum Ausprobieren für die Belegschaft, jedes Mal ein anderer Fokus. Vor eineinhalb Jahren ging es um digitale Technologien. Die Kollegen konnten Virtual Reality testen, mit einem Roboter sprechen - oder sich einen Mikrochip in die Hand spritzen lassen.

Zur Person

SPIEGEL: Wollten Ihre Mitarbeiter das?

Huber: Der Mikrochip hat die Leute am meisten interessiert! Ich war der Erste, der sich morgens einen Chip implantieren ließ. Danach gab es eine lange Schlange am Stand - und die vorrätigen Chips waren schnell weg. Seither haben wir den Piercer mehrfach eingeladen. Jeder, der einen Chip will, bekommt ihn kostenlos.

SPIEGEL: Der Chip funktioniert mithilfe von Nahfeldkopplung (NFC), was kann man damit machen?

Huber: Jeder Datenspeicher trägt eine persönliche Identifikationsnummer - und die kann von Lesegeräten erkannt werden. Bei uns hat jeder Mitarbeiter einen Spind, in den er abends seine Sachen einschließen kann. Die Fächer lassen sich mit dem Chip nutzen. Außerdem können Sie die Drucker aktivieren und die gesicherten Kühlschränke mit den Snacks in der Küche öffnen. Ich schätze es sehr, dass ich damit die Türen am Eingang und im Gebäude öffnen kann. Das ist eine echte Erleichterung. Wie oft habe ich schon meine Mitarbeiterkarte verloren oder Codes vergessen. Meine Hand verliere ich nie.

Christian Wyrwa/ TUI

Eine schwedische Tui-Mitarbeiterin mit Chip unter der Haut - der Mikrochip ist kaum zu erkennen

SPIEGEL: Das sind nicht viele Funktionen.

Huber: Es mag nicht nach viel klingen, aber der Chip hat viel bewegt. Er löst gute Gespräche mit Freunden und Kollegen über neue Technologien aus. Er inspiriert uns, all diese "Was-wäre-wenn"-Fragen zu stellen.

SPIEGEL: Tat das Einspritzen des Chips weh?

Huber: Ich kann mich nur daran erinnern, dass mir unbehaglich war. Ich hasse Spritzen, und diese Spritze war groß. Aber es ging ganz schnell. Danach habe ich mir häufiger an die Hand gefasst, es war so ungewohnt. Heute denke ich nicht mehr dran. Der Chip ist Teil meines Körpers geworden, wie mein Ehering.

SPIEGEL: Haben Sie das Einpflanzen Ihres Implantates gezielt geplant, um die Mitarbeiter dazu zu bewegen? Das macht man doch nicht einfach so.

Huber: Doch. Ich wusste vorher gar nicht, dass wir so einen Stand haben würden bei dem Event. Ich habe das morgens spontan entschieden.

SPIEGEL: Ach. Und was hat Ihre Frau gesagt, als Sie abends nachhause kamen?

Huber: Fragen Sie besser nicht. Das war das einzig Nachteilige an diesem Chip. Sie war überrascht. Sie sagte mir, das sei in etwa so, als würde ich mit einem Tattoo heimkommen, ohne sie vorher zu fragen.

SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert?

Huber: Ich habe gesagt, dass es mir auf die spielerische Haltung zu solchen Sachen ankommt. Wenn der Chip nicht mehr nützlich ist, kommt er raus. Ein Tattoo kann man nicht mal so eben wegmachen.

Christian Wyrwa/ TUI

Tui-Mitarbeiterin Marianne Stjernvall nutzt den implantierten Mikrochip am Snackautomaten in der Firma

SPIEGEL: TUI in Schweden gilt als digitaler Vorreiter für den ganzen Touristikkonzern. Werden die Mitarbeiter in Deutschland auch bald gechippt?

Huber: Niemand muss einen Chip tragen, das ist absolut freiwillig. Viele schwedische Kollegen wollen das, weil sie neugierig sind.

SPIEGEL: Wie reagieren die deutschen Kollegen auf den Chip?

Huber: In Deutschland ist das Misstrauen gegenüber Mikrochips größer als in Schweden. Im Mai habe ich bei der re:publica in Berlin einen Vortrag gehalten und das Publikum gefragt, wer einen Chip im Körper möchte. Die haben mich verständnislos angeschaut.

SPIEGEL: Was hat die Zuschauer denn interessiert?

Huber: Die meisten wollten die Folgen für ihre Privatsphäre verstehen. Ich wurde gefragt, ob man mit einem Chip geortet oder verfolgt werden kann. Die Leute wollten fast nur die Risiken verstehen und nicht die Chancen.

SPIEGEL: Kann man denn geortet werden?

Huber: Nein, natürlich nicht.

SPIEGEL: Sind Sie sicher?

Huber: Ja, das erlaubt die Technologie gar nicht. Der Chip in meiner Hand ist passiv - wie der Chip in meiner Kreditkarte. Er hat keine Batterie und kann nur senden, wenn er einen Impuls bekommt, und das auch nur wenige Millimeter weit. Ein Handy dagegen kann viel leichter geortet werden, aber daran scheinen sich die Leute weniger zu stören.

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SPIEGEL: Kann der Chip gehackt werden?

Huber: Meines Wissens nach können Daten vom Chip nicht so einfach gestohlen werden, aber es gibt ja auch nicht viel zu stehlen. Auf meinem Mikrochip stehen diese Nummer und eine Webadresse, mit der Sie mein Linked-In-Profil erreichen. Wenn Sie Ihr Handy dann dicht an meine Hand halten, wird Ihnen mein Profil anzeigt. Das ist wie eine Visitenkarte.

SPIEGEL: Haben alle TUI-Mitarbeiter den Mikrochip vertragen? Gab es Entzündungen?

Huber: Nicht das ich wüsste. Bisher hatte kein Mitarbeiter gesundheitliche Probleme.

SPIEGEL: Welche Chancen sehen Sie in dem Chip?

Huber: Der Chip könnte in ein paar Jahren vielleicht den Alltag extrem vereinfachen. Wäre es nicht nützlich, wenn ich keine Schlüssel brauche? Wenn ich meinen Personalausweis in der Hand trage? Wenn kein Ticket mehr nötig wäre zum Fliegen? Wenn der Chip meine vielen Passwörter ersetzt? Oder wenn ich mit dem Chip sogar bezahlen könnte?

SPIEGEL: Denken viele Schweden so wie Sie?

Huber: Die Skandinavier gehen spielerischer mit digitalen Technologien um und fördern sie stärker. Als der PC nach Schweden kam, hat die Regierung jeden Bürger finanziell unterstützt, der einen haben wollte und sich das nicht leisten konnte. In Finnland darf jeder an einem eigens entwickelten kostenlosen Onlinekurs zu Künstlicher Intelligenz teilnehmen - und ein paar Hunderttausend Finnen haben das schon gemacht.

SPIEGEL: Sind die Deutschen zu skeptisch oder die Schweden zu naiv?

Huber: Schwer zu sagen, beides gehört zusammen. Der Grat zwischen digitaler Begeisterung und Naivität ist schmal. Aber wenn man - wie in Deutschland - manches gar nicht erst ausprobiert, kann sich auch nur wenig entwickeln.

insgesamt 258 Beiträge
Freidenker10 20.10.2019
1.
Boah nervt mich diese Technikgläubigkeit! Irgendwann lassen sich solche Leute wahrscheinlich auch die Augäpfel gegen schärfer sehende Robolinsen austauschen. Reichen die heutigen Kids die mit ihren Smartphones schon verwachsen [...]
Boah nervt mich diese Technikgläubigkeit! Irgendwann lassen sich solche Leute wahrscheinlich auch die Augäpfel gegen schärfer sehende Robolinsen austauschen. Reichen die heutigen Kids die mit ihren Smartphones schon verwachsen sind nicht?
curby23523 20.10.2019
2. Schmackhaft
Letzten Endes wird dieser Schritt fast unausweichlich werden. Es wird nicht "Pflicht" werden. Jedoch wird man stig atisiert und ausgeschlossen werden, wenn man sich nicht chippen lässt. Das wird quasi so sein, als [...]
Letzten Endes wird dieser Schritt fast unausweichlich werden. Es wird nicht "Pflicht" werden. Jedoch wird man stig atisiert und ausgeschlossen werden, wenn man sich nicht chippen lässt. Das wird quasi so sein, als wenn man kein Smartphone und kein Bankkonto hat. Es geht auch ohne, wird aber ziemlich ausgeschlossen. Auch habe ich das Gefühl, dass das vermehrte Auftreten dieser Nachricht und diese Technologie schackhaft machen soll. Aber ich bin ein alter weißer Mann der das niemals mit sich machen lässt.
makromizer 20.10.2019
3. Ich wäre sofort dabei, ...
... aber ein bisschen ausgereifter sollte die Technologie schon noch werden. Aktuell stört mich noch die Größe, und die Einsatzmöglichkeiten sind noch sehr weit hinter dem Potential. Ausweiskontrolle, Kreditkarte, Fahrkarten, [...]
... aber ein bisschen ausgereifter sollte die Technologie schon noch werden. Aktuell stört mich noch die Größe, und die Einsatzmöglichkeiten sind noch sehr weit hinter dem Potential. Ausweiskontrolle, Kreditkarte, Fahrkarten, jegliche Form von Schlüssel (incl. Hotel, Auto, auch Mietwagen...), das komplette Portemonnaie könnte man überflüssig machen. Aber heute ist die Infrastruktur noch lange nicht so weit. Selbst bei den vorhandenen NFC-Diensten wird fast immer auf eine geräte- statt personenbasierte Identifikation gesetzt. So lange ich das nicht vernünftig verwenden kann, verzichte ich jedenfalls auf den Chip, auch wenn ich sehr hoffe, dass sich das in Zukunft ändert.
Fils79 20.10.2019
4. Oha....
Bei dem Thema dürften in der Tat einige Deutsche eine Krise bekommen....
Bei dem Thema dürften in der Tat einige Deutsche eine Krise bekommen....
catto59 20.10.2019
5. Deutsche seien zu misstrauisch gegenüber digitalen Technologien ..
Gut, wenn man solchen "Errungenschaften" misstraut. Vielleicht auch weil bei uns um 1940 sehr vielen Menschen Nummern eintätowiert wurden... Erinnert ihr euch? Deshalb lieber nicht zu gutgläubig und naiv sein.
Gut, wenn man solchen "Errungenschaften" misstraut. Vielleicht auch weil bei uns um 1940 sehr vielen Menschen Nummern eintätowiert wurden... Erinnert ihr euch? Deshalb lieber nicht zu gutgläubig und naiv sein.

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