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KarriereSPIEGEL

Minister, Manager, Richter, Rektoren

Spitzenjobs fest in westdeutscher Hand

Ob Topmanager oder Bundesminister - auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer sind Ostdeutsche in Spitzenjobs kaum vertreten. Besonders krass sind die Verhältnisse an Bundesgerichten und Universitäten.

Uli Deck/ DPA

Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe: Westdeutsche Dominanz

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Montag, 30.09.2019   21:37 Uhr

Eine ostdeutsche Biografie ist nicht förderlich für eine Topkarriere in Deutschland. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die am Montagabend in der ARD-Sendung "Wer beherrscht Deutschland?" vorgestellt wird. Der Leipziger TV-Journalist Olaf Jacobs hatte im Auftrag von MDR und WDR untersucht, wo deutsche Eliten aufgewachsen sind, wo sie studiert haben und wo Stationen ihrer Karriere lagen.

Als Eliten zählte das Team von Jacobs alle Mitglieder der Bundesregierung seit 1990, die Chefs der 100 größten Unternehmen Deutschlands, die Vorsitzenden der größten Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften, die Vorsitzenden Richter an den obersten Bundesgerichten sowie die Rektoren beziehungsweise Präsidenten an staatlichen Universitäten.

West-Ost-Gefälle

Für all diese Personen recherchierten die Journalisten den Ort des Schulabschlusses (regionale Herkunft), die Stationen von Ausbildung und/oder Studium sowie die Stationen der bisherigen Karriere. Dabei stützte sich das Team auf online zugängliche Quellen und Datenbanken wie Munzinger. Waren Daten nicht auffindbar, wurden die Personen nicht in die Analyse einbezogen.

Daten von mehr als 300 Personen konnten die Journalisten auswerten, darunter rund 50 Minister, 70 Manager, 50 Richter und 70 Rektoren. Bei der regionalen Herkunft zeigte sich ein deutliches West-Ost-Gefälle. Pro eine Million Westdeutsche schafften es vier Personen in einen der beschriebenen Topjobs. Pro eine Million Ostdeutsche war es nur einer. Berlin wird in der Auswertung separat ausgewiesen, weil eine klare Ost-West-Zuordnung nicht in allen Punkten möglich war.

Besonders extrem ist die Situation an den Bundesgerichten und Universitäten, wo jeweils kein einziger Richter beziehungsweise Rektor mit ostdeutscher Biografie gefunden wurde. Man muss dabei jedoch generell auch das tendenziell etwas fortgeschrittene Alter des Spitzenpersonals berücksichtigen. Die aktuelle Besetzung spiegelt zumindest in einigen Bereichen die Situation der Nachwendezeit wider: Viele Jobs im Osten wurden mit Westdeutschen besetzt, Ostdeutsche kamen im Osten wie Westen kaum zum Zug.

Auch bei den Ausbildungs- und Studienorten dominiert bis heute Westdeutschland. Auch hier wurde die Anzahl der Nennungen durch die Zahl der Bewohner (in Millionen) geteilt.

Beim Ausbildungs- und Studienort entdeckten die Autoren der Studie eine gewisse Fokussierung. Besonders häufig tauchten die Unistädte Münster, Saarbrücken, Hamburg und Marburg auf, aber auch Bonn, Aachen oder Göttingen. Ostdeutschland und Berlin sowie viele Regionen in Norddeutschland wurden hingegen nur selten erfasst.

Aufschlussreich ist auch der Blick auf den beruflichen Aufstieg der rund 300 Topführungskräfte. Die Autoren haben dabei Stationen der Karrieren notiert - dies konnten je Person auch mehrere Orte sein. Wirtschaftszentren wie Hamburg, München und Stuttgart, Frankfurt am Main in der Rhein-Main-Region sowie Bonn, Düsseldorf und Aachen im Rheinland bildeten die häufigsten Aufstiegsstationen. Letztlich hätten die Karrieren des Toppersonals nur über wenige westdeutsche Städte geführt, schreiben die Autoren.

Auffällig ist, dass Ostdeutschland zumindest bezogen auf Karrierewege nicht ganz so schlecht dasteht wie bei der regionalen Herkunft der Topkader. Das ist andererseits aber auch nicht verwunderlich, schließlich befinden sich im Osten viele Unis und zwei Bundesgerichte sowie ein Strafsenat des BGH.

Erstaunt zeigen sich die Autoren der Studie über die schwache Präsenz von Berlin. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung - und Jahrzehnte nach dem Regierungsumzug von Bonn nach Berlin - spiele die Bundeshauptstadt und größte deutsche Stadt "eine eher durchschnittliche Rolle in den Karrieren", im Gegensatz zu den Regionen entlang des Rheins. In allen betrachteten Bereichen, selbst in der Bundespolitik, liege Berlin lediglich im Durchschnitt.

Mehr dazu im SPIEGEL SPEZIAL

Die neue, bundesweite Studie über deutsche Eliten reiht sich ein in ähnliche Untersuchungen von Olaf Jacobs aus früheren Jahren. 2016 und 2004 hatte er vor allem Biografien von Führungskräften in Ostdeutschland untersucht. Dabei war herausgekommen, dass nur etwa ein Fünftel aller Führungskräfte in den neuen Bundesländern aus dem Osten stammte.

Ein klares West-Ost-Gefälle hatte kürzlich auch eine Datenanalyse des SPIEGEL ergeben, in der es um Personen-Artikel auf Wikipedia geht. Westdeutsche sind demnach auf Wikipedia deutlich präsenter als Ostdeutsche - vor allem in den Jahrgängen von 1960 bis 1985. Im Jahrgang 1960 gibt es über 12 von 10.000 in Westdeutschland Geborenen einen Personenartikel - unter den Ostdeutschen ist die Quote nur halb so hoch.

insgesamt 39 Beiträge
sandnetzwerk 30.09.2019
1. Das war von Anfang an der Plan
Feindliche Übernahme, Besetzung ... wie auch immer. Wundert sich noch jemand, dass der Osten keine Bock mehr auf diese Klientel hat? Natürlich wundert sich der Westen. Weil er es nicht versteht, dass wir die Wessis nicht wie [...]
Feindliche Übernahme, Besetzung ... wie auch immer. Wundert sich noch jemand, dass der Osten keine Bock mehr auf diese Klientel hat? Natürlich wundert sich der Westen. Weil er es nicht versteht, dass wir die Wessis nicht wie Jesus anhimmeln.
Bergbauernbua 30.09.2019
2. Wen wundert dies?
Eine solche Untersuchung wäre nur sinnvoll wenn die Karrieren der vor dem Mauerbau geflüchteten Menschen aus der DDR bzw. deren im Westen geborenen Kinder mit einbezogen worden wären. Viele Eliten im Westen hatten [...]
Eine solche Untersuchung wäre nur sinnvoll wenn die Karrieren der vor dem Mauerbau geflüchteten Menschen aus der DDR bzw. deren im Westen geborenen Kinder mit einbezogen worden wären. Viele Eliten im Westen hatten mitteideutsche Wurzeln.
weitergedacht2.0 30.09.2019
3. Eine Assoziation beweist keine Kausalität
Wieder mal der klassischen wissenschaftlichen Fehlinterpretation aufgesessen - einschließlich und besonders SPON, weil das verkauft sich gut. Nur weil Ostdeutsche in Führungspositionen weniger repräsentiert sind, heißt das [...]
Wieder mal der klassischen wissenschaftlichen Fehlinterpretation aufgesessen - einschließlich und besonders SPON, weil das verkauft sich gut. Nur weil Ostdeutsche in Führungspositionen weniger repräsentiert sind, heißt das noch lange nicht, dass eine "ostdeutsche Biographie" schädlich ist. Das ist journalistische Laiendenke. Eine Recherche über Assoziation und Kausalität würde sich lohnen.
Jobele 30.09.2019
4. Die andere Seite
Jetzt wiederholt die Untersuchung doch auch nochmal bei den Journalisten, Berichterstattern, Redakteuren, Chefredakteuren, Intendanten großer Zeitungen, Rundfunkanstalten etc., vielleicht gleich mal beim Spiegel. Dort werden [...]
Jetzt wiederholt die Untersuchung doch auch nochmal bei den Journalisten, Berichterstattern, Redakteuren, Chefredakteuren, Intendanten großer Zeitungen, Rundfunkanstalten etc., vielleicht gleich mal beim Spiegel. Dort werden ähnliche Verhältnisse auftauchen und vielleicht ein wenig erklären, warum so viele im Osten mit diversen vorgegebenen Neusprech-Regeln zumindest etwas fremdeln. Und dann schauen wir uns vielleicht auch nochmal die Bundes- und Landtagsabgeordneten an: Nicht selten werden ostdeutsche Wahlkreise von Wessis vertreten. Und warum fällt das den thüringer und brandenburger AfD-Wählern nicht auf, dass hier - wie in den frühen neunzigern - Wessis an der Spitzenposition schreien, dass man die Wende vollenden wolle.
iggyp. 30.09.2019
5. Vererbung
Wenn man davon ausgeht, dass Spitzenjobs in einem Alter um die 50 erreicht werden, lässt sich für die Gegenwart noch annehmen, für die Sozialisation der Spitzenkräfte spielte noch die Vorwendezeit eine Rolle. Da könnte man [...]
Wenn man davon ausgeht, dass Spitzenjobs in einem Alter um die 50 erreicht werden, lässt sich für die Gegenwart noch annehmen, für die Sozialisation der Spitzenkräfte spielte noch die Vorwendezeit eine Rolle. Da könnte man sagen "Ist so. Wächst sich raus." Interessant wird sein, ob sich die im Artikel beschriebene Struktur auch künftig erhält, also auch Menschen betrifft, die ihre Sozialisation im vereinten Deutschland erfahren haben. Meine Vermutung: Es wird sich eine leichte Verbesserung ergeben, da dann die Kinder der westdeutschen Ost-Aufbauhelfer als Ostdeutsche gezählt werden, die jedoch Zugang zu den "Karrierenetzwerken" haben. Im Unterschied zu den Kindern von Ostdeutschen.
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