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KarriereSPIEGEL

Ausgewandert für die Liebe

"Mein Einkommen kann mit dem einer Anwältin mithalten"

Sie hatte gerade das erste Staatsexamen in Jura bestanden, dann verliebte sie sich im Urlaub und wanderte aus - nach Sumatra. Wie geht es Annette Horschmann heute, 26 Jahre später?

privat
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Freitag, 08.11.2019   07:38 Uhr
Sie haben ihre Mietverträge gekündigt, ihr Hab und Gut verkauft oder verschenkt, Freunden und Eltern Adieu gesagt und sich ins Abenteuer gestürzt - in Indonesien, Peru oder den USA. Seit Jahren berichtet der KarriereSPIEGEL über Auswanderer. Doch was wurde aus ihren Träumen? Wir haben nachgefragt.

Der Abend, an dem Annette Horschmann sich verliebte, war ihr erster auf der Insel. Sumatra hatte gar nicht auf ihrer Reiseliste gestanden. Aber dann hatten ihr an einem Strand in Thailand andere Backpacker vom größten Kratersee der Erde erzählt, und sie war spontan nach Indonesien geflogen. Für den Mann, den die damals 26-Jährige auf der Insel Samosir traf, opferte sie ihre geplante Karriere als Anwältin.

Das erste Staatsexamen in Jura hatte Horschmann gerade bestanden. Die Reise sollte eine Verschnaufpause vor dem Referendariat sein. Doch zurück in Deutschland packte sie nur einen Stapel CDs ein und machte sich wieder auf die Reise, zurück nach Samosir.

"Meine Eltern waren damals sehr besorgt. Sie hatten Angst, ich würde eine Schmalspur-Juristin werden, weil ich nur das erste Staatsexamen hatte", sagt Horschmann. "Aber sie hatten mir mit 18 gesagt: 'Du stehst jetzt auf deinen eigenen Füßen.' Und daran erinnerte ich sie."

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Ausgewandert nach Sumatra: "Wir leben hier im Paradies"

Sie selbst habe keine Sekunde an ihrer Entscheidung gezweifelt, sagt sie. Und es sind viele Sekunden seit damals vergangen. Mehr als 800 Millionen, um genau zu sein. Annette Horschmann lebt seit 26 Jahren auf Samosir.

Sie hat den Mann, in den sie sich als junge Reisende verliebte, geheiratet. Die beiden betreiben ein kleines Hotel mit 36 Zimmern und haben drei Kinder. Zwei leben gerade in Deutschland; die Tochter studiert, der Sohn macht eine Ausbildung bei einem Sternekoch. Horschmann ist überzeugt, dass sie wieder zurückkommen werden nach Samosir. "Sie wissen, in welchem Paradies sie hier leben."

Das Hotel liegt direkt am See Toba, umgeben von grünen Hügeln, Reisfeldern und Plantagen. Die Gästezimmer verteilen sich auf mehrere Häuser mit spitzen Dächern, die an Zipfelmützen erinnern. Es ist die traditionelle Bauweise der Region - und ein Teil des Erfolgsrezepts von Horschmann, wie sie sagt. "Wir haben bewusst diese traditionellen Häuser gekauft, weil uns Nachhaltigkeit und Authentizität wichtig sind."

Nie einen Kredit aufgenommen

Sie sieht sich als Vorreiterin einer Ökotourismus-Bewegung. Langsam wachsen, nachhaltig wirtschaften, das ist ihre Maxime. "Wir haben nie einen Kredit aufgenommen, sondern sind Stück für Stück größer geworden."

Ihr Start in die Selbstständigkeit war ein vegetarisches Restaurant. Mit den ersten Gewinnen kaufte sie ihr erstes Zipfelmützen-Häuschen, zwei Gästezimmer bot sie an. Nach und nach kamen weitere Häuser hinzu. Heute sagt sie: "Mein Einkommen kann mit dem einer deutschen Anwältin mithalten."

Sich selbstständig zu machen sei in Indonesien sehr viel einfacher als in Deutschland, schon allein, weil Löhne und Baukosten viel günstiger seien. Die Bürokratie sei allerdings manchmal noch nerviger. Gerade kämpft sie um Lizenzen für die Entsorgung von vermeintlich gefährlichem Müll - der letztlich doch auf den örtlichen Müllkippen verbrannt wird.

"Ich bin hier mittlerweile schon als kritische Mitmischerin bekannt", sagt Horschmann. "Ständig gibt es Meetings, werden Lizenzen und Logos entworfen, aber um konkrete Lösungen kümmert sich niemand. Da kann ich nicht den Mund halten!"

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Sie spricht fließend Indonesisch und mischt gerne mit in der Regionalpolitik. Dass die Region rund um den Kratersee von der Unesco zum Geopark erklärt wurde, sei unter anderem auch ihr zu verdanken, sagt sie. "Da bin ich stolz drauf."

Ihr neuestes Projekt: Sie markiert Wanderwege. Mehrtägige Wanderungen mit Übernachtungen in anderen Dörfern möchte sie anbieten, die ersten Partner hat sie schon gefunden.

Der SPIEGEL berichtete vor fünf Jahren zum ersten Mal über Horschmann. Seither habe sich viel getan, sagt sie. Die indonesische Regierung habe das Potenzial der Region erkannt. Es werde "gebaut ohne Ende", eine Autobahn bis an den See sei geplant, in absehbarer Zeit würden wohl die ersten Fünfsternehotels und ein internationales Krankenhaus eröffnen. Und der erste Direktflug aus Amsterdam starte demnächst.

"Indonesien entwickelt sich gerade in eine tolle Richtung. Das ganze Land ist schon viel sozialer, sicherer, umweltbewusster geworden", sagt Horschmann. "Für Unternehmer sind die Chancen hier unendlich."

Für die Urlaubsliebe alles hinschmeißen? Diese Überlegungen helfen bei der Entscheidung

Wie flexibel sind Sie?
Annette Horschmann hatte schon vor der Reise, auf der sie ihren späteren Mann kennenlernte, ihre Studentenwohnung aufgelöst, um Miete zu sparen. Ihr Auto hatte sie in die Obhut ihres Bruders gegeben, die Möbel bei den Eltern untergestellt. Im Zweifelsfall hätte sie jederzeit an ihr altes Leben in Deutschland wieder anknüpfen können.
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"Die ersten sechs Monate sieht man sowieso alles durch die rosarote Brille", sagt Horschmann. "Ob man wirklich zusammenpasst, zeigt sich erst im Alltag."
Haben Sie eine Geschäftsidee?
Ein eigenes Unternehmen zu gründen kann im Ausland einfacher sein, als eine Festanstellung zu finden. Annette Horschmann startete mit einem vegetarischen Restaurant. "Das würde wohl in den meisten Ländern funktionieren", sagt sie. "Und selbstgebackenes Brot zu verkaufen liegt als Deutsche ja auch nahe."

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