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KarriereSPIEGEL

Leitungsposition in der katholischen Kirche

Eine Frau darf ins Amt - weil kein Mann will

Bärbel Bloching ist eine von drei Frauen, die eine katholische Pfarrei leiten - obwohl es in Deutschland mehr als 10.000 gibt. Den Posten bekam sie nur, weil männliche Bewerber fehlten. Gleichgestellt ist sie ihren Kollegen bis heute nicht.

Edith Geuppert/ DPA

Seit 2018 leitet Bärbel Bloching die Gemeinde St. Johann Baptist Affaltrach in der Diözese Rottenburg/Stuttgart

Ein Interview von Franca Quecke
Sonntag, 08.09.2019   09:52 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Nur drei von mehr als 10.000 katholischen Pfarreien in Deutschland werden von Frauen geleitet - eine vierte kommt im Dezember dazu. Ein bisschen wenig, oder?

Bloching: Das ist viel zu wenig. In Zukunft müssen wir versuchen, dass mehr Frauen solche Positionen einnehmen. Die sind bisher nur den Klerikern, also Geistlichen wie beispielsweise Pfarrern, überlassen. Es wäre ein wichtiger Schritt, gerade in der heutigen Zeit. Durch den Aufbruchswillen von Papst Franziskus, den Personalmangel und den Missbrauchsskandal wird heute Gott sei Dank in unserer Kirche immer öfter überlegt, welche Schritte für die Zukunft die besten wären.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten mittlerweile als Pfarrbeauftragte. Pfarrerin dürfen Sie sich aber nicht nennen.

Bloching: Die Sakramente darf ich nicht spenden, zum Beispiel bei Beichten oder Kommunionen, sonst übernehme ich sehr vieles: Ich bin unterschriftsberechtigt und verantwortlich für das Personal, ich habe das Hausrecht in der Kirche und den Gemeindezentren und verwalte den Etat. Aber - auch das steht so im Kirchenrecht - in Absprache mit einem leitenden Pfarrer. Der wohnt in einer Nachbargemeinde, wir sehen uns allerdings selten.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen also fast die ganze Arbeit und Ihr männlicher Vorgesetzter heimst die Lorbeeren dafür ein?

Bloching: In meiner Gemeinde habe ich die Verantwortung und halte für alles meinen Kopf hin. Mehr Geld bekomme ich dafür nicht, obwohl deutlich mehr Arbeit dazugekommen ist. Ich finde diese Position richtig und wichtig und sitze trotzdem oft zwischen den Stühlen - mit dem, was ich darf und eben nicht darf. Ich weiß allerdings, dass ich nicht sagen kann: Entweder ich bekomme alle Kompetenzen eines Pfarrers oder ich mache den Job nicht. Die festgefahrenen Strukturen in der Kirche lassen sich nicht so einfach durchbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft es denn, seit Sie an der Spitze sind?

Bloching: Wir setzen viel um, neulich zum Beispiel ein Open-Church-Kino. Wir probieren Verrücktes aus und gehen an die Ränder der Gemeinde. Manchmal hören wir dann auch: Was hat das noch mit Kirche zu tun?

SPIEGEL ONLINE: Warum haben in der katholischen Kirche so wenig Frauen Leitungsfunktionen inne?

Bloching: In der katholischen Kirche ist das zum einen eine kirchenrechtliche und theologische Angelegenheit, zum anderen natürlich auch eine Machtfrage. Diese Frage anzupacken, bedeutet für viele Kleriker natürlich auch Machtverlust. Denn als Nicht-Klerikerin stelle ich ihre Position infrage. Das ist überhaupt nicht meine Absicht. Ich will nur zeigen, dass ich vieles mindestens genauso gut machen könnte - auf meine Art und Weise.

SPIEGEL ONLINE: Laut des Codex des Kanonischen Rechts sind Ausnahmen bei Priestermangel allerdings erlaubt.

Bloching: Das ist auch der Grund, warum ich in mein Amt gekommen bin: Der letzte Pfarrer hat die Gemeinde gewechselt, jemand neues wurde gesucht. Damals stand bei uns zur Debatte, eine Gemeinde mit einem ohnehin schon riesigen Gebiet mit unserer zusammenzulegen. Unser Kirchengemeinderat hat sich dagegen gewehrt und beschlossen: Lieber gar kein Pfarrer als zu einer großen, unüberschaubaren Seelsorgeeinheit zu verschmelzen. Unser Bischof war ebenfalls bereit, das Modell mit mir als Frau auszuprobieren. Aber meines Wissens wurde der Paragraf 517.2, auf den sich dieses Model kirchenrechtlich beruft, bisher kaum ausgeschöpft.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Bloching: Das hat vor allem einen theologischen Hintergrund: Es muss eine durchgehende Weitergabe der Ämter geben, von Jesus zu seinen Jüngern bis heute. Ich glaube allerdings nicht, dass Jesus nur Männer in seiner Gefolgschaft hatte oder gewollt hätte, dass nur Männer Gemeinden leiten. Wahrscheinlich wurden die Frauen nur nicht in der Bibel erwähnt, weil sie von Männern geschrieben wurde und es damals einfach eine sehr patriarchalische Gesellschaft war. Ich kann jedenfalls nicht nachvollziehen, warum Frauen heutzutage von solchen Positionen und Strukturen ausgeschlossen werden.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Pfarreien erst in der Krise stecken, bis eine Frau die Führung übernehmen darf?

Bloching: Ja, das ist traurig, aber entspricht in unserer Gemeinde leider der Realität. Die gesamte Berufsgruppe der Pastoralreferentinnen ist damals aus einer Not heraus geboren, es gab eben zu wenig Personal. Wobei ich in meinem Fall sagen muss: Ich weiß nicht, wie der Bischof und das Ordinariat sich entschieden hätten, wenn sie mich nicht schon gekannt hätten. Immerhin war ich schon mehr als 20 Jahre in der Gemeinde. Sie wussten, dass ich akzeptiert werde. Trotzdem hat es die Not gebraucht und nicht nur meine Fähigkeiten und Kompetenzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Theologie studiert, so wie Ihre männlichen Kollegen in der Regel auch. Ist es nicht frustrierend, wenn bestimmte Positionen verwehrt bleiben - nur, weil man eine Frau ist?

Bloching: Ich bin in dem System großgeworden und habe mich damit arrangiert, indem ich meine Nischen gesucht habe: Ich glaube, ich bin häufig näher an den Menschen als viele Pfarrer. Ich habe eine Familie, Kinder, habe viel Frauen- und Familienarbeit gemacht - und bringe dementsprechend eine ganz andere Lebenserfahrung mit. Aber natürlich finde ich es manchmal traurig, wenn ich Menschen lange begleite und sie dann nicht trauen darf.

SPIEGEL ONLINE: Anfang des Jahres hat Bischof Franz-Josef Bode von der Deutschen Bischofskonferenz angekündigt, dass der Frauenanteil auf der Leitungsebene der Bistümer auf ein Drittel oder mehr steigen soll. Kann das überhaupt klappen?

Bloching: Eigentlich finde ich, dass die Fähigkeiten entscheidend sein müssen und nicht die Tatsache, dass ich eine Frau bin. Sonst würde ich ja genauso argumentieren wie die Kleriker, die Frauen aufgrund ihres Geschlechts ausschließen. Aber natürlich muss es eine höhere Quote geben, die hoffentlich auch alte Denkmuster aufbricht. Neben Frauen sollten auch männliche Laien, also Nicht-Kleriker, in Leitungspositionen gelangen können. Da ist so ein Riesenpotenzial an Menschen, die gute Fähigkeiten haben - trotzdem bleiben viele Stellen unbesetzt.

Anmerkung: In einer früheren Version war die Leitungsfunktion von Bärbel Bloching in der Bildunterschrift falsch angegeben. Wir haben das korrigiert.

insgesamt 80 Beiträge
schlaufix 08.09.2019
1. Artikel 3 GG
Im Artikel 3 des Grundgesetzes steht wörtlich,dass niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden darf. Warum gilt das GG eigentlich nicht für die katholische Kirche? Warum tut der Staat nichts gegen eine Organisation, [...]
Im Artikel 3 des Grundgesetzes steht wörtlich,dass niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden darf. Warum gilt das GG eigentlich nicht für die katholische Kirche? Warum tut der Staat nichts gegen eine Organisation, die klar gegen das Grundgesetz verstößt? Es ist mir schleierhaft,wieso die Kirchen in diesem Land so eine Macht haben. Ich kann nur jedem klar denkenden Menschen raten,diese Organisation schnellstmöglich zu verlassen. Dann erledigt sich das vielleicht von selbst.
ach 08.09.2019
2.
Es geht um eine reine Verwaltungsaufgabe, echte Führungspositionen sind in der katholischen Kirche für Frauen verboten. Trotzdem bekommt diese Organisation jedes Jahr Milliarden an Subventionen.
Es geht um eine reine Verwaltungsaufgabe, echte Führungspositionen sind in der katholischen Kirche für Frauen verboten. Trotzdem bekommt diese Organisation jedes Jahr Milliarden an Subventionen.
Einhorn 08.09.2019
3. Warum tut man sich das an?
Warum nimmt man eine Position an, in der man als "na besser als nichts-Notlösung" betrachtet wird? Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie Frauen sich in der katholischen Kirche engagieren können. Das ist ein [...]
Warum nimmt man eine Position an, in der man als "na besser als nichts-Notlösung" betrachtet wird? Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie Frauen sich in der katholischen Kirche engagieren können. Das ist ein Männerverein und sie wollen es bleiben. Ein bisschen verlogen war man ja schon immer, schließlich hatten Pfarrer schon immer Haushälterinnen und diese hatten regelmäßig Kinder - aber weil halt nicht sein kann was nicht sein darf, war das dann auch kein Problem.
musik72 08.09.2019
4. In der Kirche dauert alles sehr lange
Letztlich werden in der katholischen Kirche alle Probleme gelöst, nur eben langsam. Das liegt sicher daran, dass die Kirche eben nicht ein reines Wirtschaftsunternehmen ist, das schnell handeln muss. Aus der Kirche austreten [...]
Letztlich werden in der katholischen Kirche alle Probleme gelöst, nur eben langsam. Das liegt sicher daran, dass die Kirche eben nicht ein reines Wirtschaftsunternehmen ist, das schnell handeln muss. Aus der Kirche austreten würde ich trotzdem niemals. Es ist eine Weltkirche und es gibt keine Alternativen. Dort trifft man auch die nettesten Menschen.
Mondlady 08.09.2019
5. Warum?
Warum wirft diese anscheinend intelligente Frau den Typen ihren Job nicht vor die Füße? Sie lässt sich als "Feigenblatt" einer Institution verwenden, die sich den Teufel um Grundgesetz und Geschlechtergleichheit [...]
Warum wirft diese anscheinend intelligente Frau den Typen ihren Job nicht vor die Füße? Sie lässt sich als "Feigenblatt" einer Institution verwenden, die sich den Teufel um Grundgesetz und Geschlechtergleichheit schert! Erst wenn alle Frauen den Kirchen den Rücken kehren bzw. ihre ehrenamtliche Arbeit für sie einstellen, werden diese alten Herren begreifen, was sie anrichten!
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