Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Deutscher Neokolonialismus

Afrika ist kein Land!

Frankreich muss sich den Vorwurf gefallen lassen, afrikanische Staaten wie Kolonien zu behandeln. Aber was ist mit uns: Wie viel koloniale Haltung steckt noch in Deutschland?

Getty Images

Afrika-Kitsch

Eine Kolumne von
Samstag, 26.01.2019   16:00 Uhr

Woran denken Sie, wenn ich "Afrika" sage? An ein Bild von einem Baobab-Baum und Giraffen vor einer untergehenden Sonne? Oder an unterernährte Kinder mit Fliegen in den Augen, denen weiße Ärztinnen einen klebrigen Brei zulöffeln?

Der kenianische Journalist Binyavanga Wainaina hat 2012 eine ironische Anleitung verfasst, "Wie Sie über Afrika schreiben sollten":

"Wählen Sie für das Buchcover oder den Inhalt niemals Bilder von modernen Afrikaner*innen, es sei denn, sie oder er hat den Nobelpreis gewonnen. Eine Kalaschnikow, hervorstehende Rippen, nackte Brüste: Nehmen Sie so etwas. Wenn Sie unbedingt Afrikaner im Bild brauchen, achten Sie darauf, dass sie in Massai-, Zulu- oder Dogon-Tracht daherkommen. Was den Text betrifft: Behandeln Sie Afrika als ein einziges Land..."

Und genau so läuft es. Sie haben bestimmt schon oft einen Satz gehört, der mit, "ein afrikanisches Sprichwort sagt" beginnt. Aber was soll das sein, ein afrikanisches Sprichwort? Kennen Sie ein europäisches Sprichwort? Die meisten Menschen bei uns denken: "Afrika? Das ist doch das Land, aus dem die Flüchtlinge kommen und das ohne uns aufgeschmissen wäre."

Unsere Wahrnehmung von Afrika ist immer noch einfältig und von kolonial-rassistischen Klischees geprägt. Dass es sich um einen Kontinent handelt, mit 54 verschiedenen Staaten und über einer Milliarde Einwohnern - egal. Dass Europäer dort bei fast jeder Misere noch ihre Finger im Spiel haben, politisch, wirtschaftlich, militärisch - unbekannt. Dass viele in Europa heute noch eine kolonialistische Sicht auf Afrika und Schwarze Menschen haben - wird ignoriert.

Wir sehen uns lieber selbstverliebt als "Helfer". Aber die EU schickt keineswegs nur Entwicklungshilfe, sie überschwemmt afrikanische Länder mit subventionierten Produkten wie italienischem Tomatenmark, dänischem Milchpulver und deutschem Tiefkühlhühnchen. Der Kontinent ist ein wichtiger Absatzmarkt für die europäische Wirtschaft. Dass dadurch afrikanische Produzenten arbeitslos werden? Das gehört in einer globalisierten Welt nun mal dazu. Aber wehe, perspektivlose Afrikaner wollen deswegen zu uns.

Frankreich kolonialisiert Afrika weiter

Vor ein paar Tagen sagte der Vizepremier von Italien, Luigi Di Maio, vor der Presse: "Wenn es heute Menschen gibt, die Afrika verlassen, dann weil einige europäische Länder, Frankreich vorneweg, nie aufgehört haben, Afrika zu kolonialisieren". Der Steine werfende Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Arbeit der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung sitzt zwar moralisch im Glashaus: Er paktiert in der Regierung mit der rechtspopulistischen Lega Nord und kritisiert den französischen Präsidenten Emmanuel Macron nur deshalb, weil bald Europawahlen anstehen. Aber seine Kritik, die bei uns vor allem als diplomatisches Geplänkel gemeldet wurde, ist berechtigt. Und ein paar weitere Gedanken wert.

Frankreich wies den Vorwurf - natürlich - empört zurück. Kann nicht sein! Aber ist leider so: 1960 entließen die Franzosen die letzten afrikanischen Kolonien in die Unabhängigkeit - oder sagen wir lieber: Der Kolonialismus wurde offiziell für beendet erklärt. Für ihre Freiheit mussten die Länder aber einen hohen Preis zahlen. Mit fragwürdigen Abkommen hat sich die Grande Nation ein regelrechtes Afrika-Imperium geschaffen und profitiert davon bis heute. Und sie hat die Währungshoheit behalten, die Kolonialwährung CFA-Franc gilt in vielen Staaten weiter. Die Währungsreserven liegen bei der Zentralbank in Paris. Deal ist Deal. Auch, wenn es um Befreiung aus der Knechtschaft ging.

Seit Jahren sträuben sich die Franzosen, ihre imperialistische Afrika-Politik zu beenden. Macrons Vorgänger, François Hollande, beschrieb den verklärten französischen Blick so: "Frankreich interveniert nicht in Afrika, um eigene Interessen zu verfolgen. Auch nicht, um die politischen Regeln oder einzelne Regierungen zu verändern. Frankreich unterstützt Afrika, weil wir glauben, dass es großes Potenzial hat."

Daran stimmt meiner Ansicht nach kaum etwas. Natürlich interveniert Frankreich in Afrika, um eigene Interessen zu verfolgen. Und um politischen Einfluss zu nehmen und Regierungen auszutauschen, wie es gerade passt. Tatsächlich schwächt Frankreich Afrika, weil es glaubt, so von seinem großen Potenzial profitieren zu können.

Aber kommen wir zu uns: Was wissen Sie eigentlich über Deutschland als Kolonialmacht? Vermutlich so gut wie nichts, wie die meisten bei uns. Wir lernen darüber kaum etwas in der Schule, und wenn, dann sowas: Deutschland hatte nur ganz kurz ganz wenige Kolonien. Die Briten waren da viel schlimmer.

Mit Kenntnis der Fakten - mehr als 30 Jahre Gewaltherrschaft und Ausbeutung in mehreren Ländern - könnte man auch zu einem anderen Schluss kommen. Die ehemaligen deutschen Kolonien heißen heute: Tansania, Burundi und Ruanda, Kamerun, Togo, Namibia, Papua-Neuguinea (teilweise), ein Teil der Samoa-Inseln und ein Fleckchen von China, Teile Mikronesiens, Marshall-Inseln. Die Filmemacherin Nadja Ofuatey-Alazard zeigt in ihrer Dokumentations-Reihe, welche Folgen der deutsche Kolonialismus bis heute hat. Haben die unterjochten Menschen mal nicht gespurt, wurde es blutig. Da kannten die deutschen Eindringlinge kein Pardon. Aber um den Genozid der Deutschen an den Herero und Nama oder die nach Schätzungen mindestens 180.000 Toten des Maji-Maji-Kriegs Anfang des 20. Jahrhunderts soll es in diesem Text nicht gehen. Es geht um die Gegenwart.

Rassenlehre - erst seit 20 Jahren verpönt?

Offenbar lehrte man in einer sächsischen Schule die physiognomischen Merkmale von "negriden", "europiden" und "mongoliden Rassekreisen". Die sogenannte Rassenlehre ist Bestandteil eines Themenhefts aus dem einstigen DDR-Verlag "Volk und Wissen", das 1998 (!) herausgegeben wurde und eigentlich nicht mehr im Umlauf sein sollte. Eigentlich. Aber in Sachsen muss Unterrichtsmaterial nicht mehr staatlich geprüft werden, da entscheidet die Schule. Und mindestens eine, laut der Grünen-Landtagsabgeordneten Petra Zais vermutlich noch mehr, verwenden das alte Material noch. So alt ist es ja auch nicht.

Der Vorfall wurde im vergangenen Dezember bekannt, diese Woche sprach das sächsische Kultusministerium von einem "bedauerlichen Einzelfall". An einer Schule sei "leider ein 20 Jahre altes Schulheft verwendet" worden, "das nicht den neuen Lehrplaninhalten entspricht". Ist das ein Scherz? Heißt das, vor 20 Jahren war das noch okay?

Der Begriff Postkolonialismus beschäftigt sich mit den Langzeitfolgen des Kolonialismus, von denen es - Überraschung! - noch immer viele gibt. Ein krasses Beispiel ist das sächsische Schulmaterial. Weniger krass, aber genauso ärgerlich sind beliebte deutsche Urlaubs-Serien wie das "Traumschiff", das mit Florian Silbereisen bald einen neuen Kapitän bekommt. Achten Sie doch mal darauf, wie oft dort Schwarze Menschen und People of Color als Bedienstete, eingeborene Tänzerinnen oder "wilde" Schönheiten vorkommen.

Postkolonialismus heißt: Der Kolonialismus wurde formell abgeschafft, die kolonialistische Weltsicht ist noch da.

Wer sich dafür interessiert: im Februar startet der Black History Month.

insgesamt 185 Beiträge
gersois 26.01.2019
1. Späte Erkenntnisse
Da wird nichts Neues berichtet. Die Schandtaten der Kolonialmächte (u.a.Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Belgien ...) sind längst bekannt, auch Frankreichs Post-Kolonialismus. Viel zu wenig wird davor gewarnt, dass sich [...]
Da wird nichts Neues berichtet. Die Schandtaten der Kolonialmächte (u.a.Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Belgien ...) sind längst bekannt, auch Frankreichs Post-Kolonialismus. Viel zu wenig wird davor gewarnt, dass sich z.B. die Bundeswehr wegen angeblicher Terroristenbekämpfung da rein ziehen lässt. Dass Afrika viele Völker und Ethnien mit sehr unterschiedlicher Geschichte beherbergt, wird meist nur oberflächlich gesehen, mit seiner vor-kolonialen Geschichte sich kaum beschäftigt. Wenn z.B. das ÖR Fernsehen eine(n) farbige(n) DarstellerIn benötigt, wird geradezu beliebig besetzt, ohne im geringsten zu beachten, ob die jeweilige Person ethnisch zur Rolle passt (gilt auch für Asiaten). Motto: "Hauptsache schwarz bzw. Schlitzaugen" Das kann man auch als eine Form des Rassismus ansehen!
enzio 26.01.2019
2. Abenteuerlich
Den vermeintlichen deutschen Neokolonialismus nur mit einem 1998 erschienenen sächsischen Schulbuch, das auch noch zurückgezogen wurde, begründen zu wollen, ist schon abenteuerlich.
Den vermeintlichen deutschen Neokolonialismus nur mit einem 1998 erschienenen sächsischen Schulbuch, das auch noch zurückgezogen wurde, begründen zu wollen, ist schon abenteuerlich.
isar56 26.01.2019
3. So dachte
ich viele Jahre auch, Frau Atamann und zum Teil immer noch. Aufschlussreich war allerdings ein intensives Gespräch mit einem nigerianischen Agrarwissenschafter vor einigen Jahren. Der erklärte mir fast verächtlich, wir [...]
ich viele Jahre auch, Frau Atamann und zum Teil immer noch. Aufschlussreich war allerdings ein intensives Gespräch mit einem nigerianischen Agrarwissenschafter vor einigen Jahren. Der erklärte mir fast verächtlich, wir Deutschen mögen aufhören uns für jeden Scheiß selbst zu kasteien und uns nicht so wichtig zu nehmen. *Wir Afrikaner sind einfach oftmals zu träge, um in die Puschen zu kommen.*
oldman2016 26.01.2019
4. Der Mensch lernt das ganze Leben
Mit Ausnahme von Lesen, Schreiben Rechnen und den Grundkenntnissen in den Naturwissenschaften ist jeder Mensch zeitlebens aufgefordert sich fortzubilden und seinen persönlichen Wissenstand in Naturwissenschaften, , in der [...]
Mit Ausnahme von Lesen, Schreiben Rechnen und den Grundkenntnissen in den Naturwissenschaften ist jeder Mensch zeitlebens aufgefordert sich fortzubilden und seinen persönlichen Wissenstand in Naturwissenschaften, , in der Geschichte und auch bei Sprachen zu aktualisieren. Damit innerhalb einer Familie zumindest während der Schulzeit alle Miglieder auf dem gleichen Wissenstand sind, ist es unabdingbar, die Schulbücher turnusmäßig in kurzen zeitlichen Abständen zu aktualisieren.
Msc 26.01.2019
5.
Was sie da implizieren, ist völlig absurd. Das Handwerk eines Schauspielers ist es doch gerade die Rolle eines anderen Menschen zu spielen. Wenn sie ihren Gedanken zu Ende denken, dann dürften amerikanische Schauspieler (ob [...]
Zitat von gersoisDa wird nichts Neues berichtet. Die Schandtaten der Kolonialmächte (u.a.Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Belgien ...) sind längst bekannt, auch Frankreichs Post-Kolonialismus. Viel zu wenig wird davor gewarnt, dass sich z.B. die Bundeswehr wegen angeblicher Terroristenbekämpfung da rein ziehen lässt. Dass Afrika viele Völker und Ethnien mit sehr unterschiedlicher Geschichte beherbergt, wird meist nur oberflächlich gesehen, mit seiner vor-kolonialen Geschichte sich kaum beschäftigt. Wenn z.B. das ÖR Fernsehen eine(n) farbige(n) DarstellerIn benötigt, wird geradezu beliebig besetzt, ohne im geringsten zu beachten, ob die jeweilige Person ethnisch zur Rolle passt (gilt auch für Asiaten). Motto: "Hauptsache schwarz bzw. Schlitzaugen" Das kann man auch als eine Form des Rassismus ansehen!
Was sie da implizieren, ist völlig absurd. Das Handwerk eines Schauspielers ist es doch gerade die Rolle eines anderen Menschen zu spielen. Wenn sie ihren Gedanken zu Ende denken, dann dürften amerikanische Schauspieler (ob schwarz oder weiß oder asiatisch aussehend) auch nur noch amerikanische Personen spielen. Und deutsche Schauspieler deutsche Personen. Wollen SIE wirklich einem Schauspieler, dessen Elternteil z.B. aus dem Gabun stammt, verbieten eine ivorische Person zu spielen, weil er dann rassistisch gegen sich selbst wäre?
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!
Newsletter
Kolumne - Heimatkunde

Verwandte Themen

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP