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Kultur

Anti-Euro-Wahlkampf der AfD

Professor Henkel im schwarzen Loch

"Rettet unser Geld!": Als Talkshow-Dauergast und Industriefunktionär hat es Hans-Olaf Henkel zu Medienruhm gebracht - als Anti-Euro-Kandidat der AfD bekommt er es nun mit den Niederungen des Wahlkampfs zu tun.

Getty Images
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Mittwoch, 07.05.2014   11:04 Uhr

Hamburg - Es sind zwei Welten, die an diesem Abend in Hamburg aufeinandertreffen. In einem Punkt berühren sie sich sogar. Auf der einen Seite Hans-Olaf Henkel. Von 1995 bis zum Jahr 2000 war er Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie, des BDI, und noch heute wirkt er, als ob er sehr gut damit leben könnte, wenn diese Jahre nie vergangen wären: Als mächtiger Verbandspräsident brauchte er seine Briefe an die damaligen Kanzler Helmut Kohl oder Gerhard Schröder nicht öffentlich zu machen. Beachtet wurden sie sowieso. Das betont er zumindest auf der Bühne des Cinemaxx-Kinos in Hamburg-Wandsbek, wo die Landesgruppe der Alternative für Deutschland (Afd) eine ihrer beiden Hauptkundgebungen für den Wahlkampf zum europäischen Parlament veranstaltet. Henkel ist neben dem Parteichef Bernd Lucke Spitzenkandidat der Partei, sein Auftreten ist das eines Elder Statesman, der fast jeden kennt und fast überall schon mal war - der Geldmann als Weltmann.

In Wandsbek dagegen sind Figuren mit dem großbürgerlichen Habitus von "Professor Henkel", wie er an diesem Abend genannt wird, eher selten. Der Stadtteil im Osten Hamburgs ist eine ideale Bühne für ihn, der sich in der Pose gefällt, jene anzusprechen, für die sich andere Parteien angeblich längst nicht mehr interessieren - und auch sonst wirken, als habe das Leben sie abgehängt.

Im Kinosaal, der rund 500 Leute fassen würde, aber eher locker gefüllt ist, sitzt gleich am Eingang ein älterer Herr, Typ pensionierter Fußballplatzwart, der mit weit zurückgelehntem Kopf und offenem Mund laut schnarcht - dabei hat die Veranstaltung noch gar nicht begonnen. Andere haben sich einen Piccolo mitgebracht und gönnen sich an markanten Punkten der Reden ein Schlückchen. Die Zuhörer sind größtenteils weißhaarig, aber es sind auch vereinzelt junge Leute da, und sei es nur, um, während Henkel unter dem Motto "Rettet unser Geld" spricht, auf dem Handy Soccer zu spielen.

"Schreibtischtäter in den Medien"

Als Henkels Vorredner, der AfD-Landeschef Jörn Kruse, auf die EU-Erweiterung um Bulgarien und Rumänien zu sprechen kommt, die er "nicht weiter kommentieren" wolle, echot es im Saal vielsagend "besser is'!" - fremdenfeindliche Codes bedürfen hier keiner weiteren Erklärung, und als Opfer politisch-korrekter Meinungsdiktatur wähnt man sich sowieso. "Altparteien" und "Schreibtischtäter in den Medien" hätten die Öffentlichkeit gegen die AfD aufgehetzt, meint Henkel, als zwischendurch ein Grüppchen von Demonstranten seinen Vortrag stört.

Er selbst betont an vielen Stellen seiner Rede seine Liebe zu Europa, seine Anteilnahme am Schicksal der europäischen Krisenländer oder auch die Bindung an die USA. Das Publikum lässt ihn auflaufen. Applaus erklingt nur dann, wenn es um die Zahlungsmoral der Spanier (nach Henkels Beobachtungen etwa sechsmal so lax wie hierzulande), die französische Leidenschaft, Schulden zu machen oder eben "deutsche Interessen" geht. Henkels Kernthema aber, sein Fetisch, das schwarze Loch, um das sein politisches Universum kreist, und auch der gemeinsame Nenner mit seinem Publikum ist der Euro.

Immer wieder verwahrt er sich in seinem eigentümlich defensiven Vortrag dagegen, Nationalist, Europaskeptiker oder gar Rechtspopulist zu sein - und doch verbindet ihn mit den Populisten dieser Welt die Eindimensionalität der Analyse. Auf Krisenfaktoren wie Globalisierung oder Neoliberalismus kommt er erst gar nicht zu sprechen, sein Erklärungsmodell ist monokausal: Der Euro ist die entscheidende Ursache fast aller wirtschaftlichen und politischen Probleme in Europa.

Deutsche Wettbewerbsfähigkeit

Weil der Rettungsschirm und das Horrorszenario von Schulden, unter deren Joch noch Generationen ächzen werden, derzeit weniger Schrecken verbreiteten als noch vor einem Jahr, versteigt sich Henkel im Lauf seiner mehr als 90-minütigen, frei gehaltenen Rede zu erstaunlichen Verschwörungstheorien: Im Zuge der Harmonisierung der Euro-Zone müsse die hohe deutsche Wettbewerbsfähigkeit mutwillig auf das niedrige Niveau der Südeuropäer gedrückt werden - dies sei auch der Grund, warum die bundesdeutschen Lohnabschlüsse zuletzt so hoch ausgefallen seien. Eine verwegene These, Henkel trägt sie so nüchtern vor, als würde er tatsächlich daran glauben.

Wie Thilo Sarrazin, den er früh verteidigt hat, steht der 74-jährige Henkel für eine Generation einstmals erfolgreicher Männer, die im Ruhestand feststellen muss, dass die Welt sich verändert hat, ihre Wertmaßstäbe darauf aber nicht mehr so richtig passen. Gerade noch bildeten sie die Mitte der Gesellschaft, nun stehen sie am Rand. Es muss eine gewaltige Kränkung sein, die beide mit pseudowissenschaftlich verbrämter Plattheit wettzumachen versuchen.

Zum Volkstribun taugt Henkel deshalb noch lange nicht. Die Sehnsucht der Hamburger AfD-Sympathisanten nach einem Bruch mit dem derzeitigen, politischen System aber scheint so groß, dass sie der mäandernden, insgesamt fast drei Stunden dauernden Veranstaltung geduldig folgen - die Welt wird übersichtlicher, je länger Hans-Olaf Henkel redet. Und in dieser kleinen Welt ist er zumindest an diesem Abend noch einmal der Größte.

insgesamt 138 Beiträge
Mannheimer011 07.05.2014
1. Unser Anti-AfD gib uns heute
Ich freue mich schon auf den Abend des 25. Mai, wenn die Empörungswelle über den vermeintlichen Rechtsruck und die Europafeindlichkeit durch die Medien rollt. Ich werde meinen Beitrag dazu leisten.
Ich freue mich schon auf den Abend des 25. Mai, wenn die Empörungswelle über den vermeintlichen Rechtsruck und die Europafeindlichkeit durch die Medien rollt. Ich werde meinen Beitrag dazu leisten.
Mannfreed 07.05.2014
2. Soso
Er ist also eindimensional im Denken? Aber "Scheitert der EURO, dann scheitert Europa" ist mehrdimensional? Na dann sehen wir mal, was passiert, wenn ich denen meine eindimensionale Stimme gebe.
Er ist also eindimensional im Denken? Aber "Scheitert der EURO, dann scheitert Europa" ist mehrdimensional? Na dann sehen wir mal, was passiert, wenn ich denen meine eindimensionale Stimme gebe.
volker_morales 07.05.2014
3. Fehlkonstruktion Euro
Der Euro als gemeinsames Zahlungsmittel ist eine sehr praktische Angelegenheit. Er verbindet jedoch sehr hetrogene Volkswirtschaften, bei denen die schwachen Volkswirtschaften nicht bereit sind, ihre strukturellen Defizite die zu [...]
Der Euro als gemeinsames Zahlungsmittel ist eine sehr praktische Angelegenheit. Er verbindet jedoch sehr hetrogene Volkswirtschaften, bei denen die schwachen Volkswirtschaften nicht bereit sind, ihre strukturellen Defizite die zu regelmäßigen Mrd.-Verlusten führen, zu beseitigen. Stattdessen sollen dauerhaft leistungsfähigere Drittstaaten mit höherem Steueraufkommen einen Transferleisten. Dieses Konstrukt wird zwangsläufig scheitern. Die Frage ist nur, wann die Politik dies endlich versteht und handelt.
etiamsiomnes 07.05.2014
4. Hans Olaf Henkel
Der Mann ist einfach zu blasiert, als dass er in irgendeiner Weise als Sprecher einer irgendwie gearteten "Mehrheit" fungieren könnte. Henkel hört sich am Wahlkampfstand die Sorgen der gemeinen Bevölkerung an? So wie [...]
Der Mann ist einfach zu blasiert, als dass er in irgendeiner Weise als Sprecher einer irgendwie gearteten "Mehrheit" fungieren könnte. Henkel hört sich am Wahlkampfstand die Sorgen der gemeinen Bevölkerung an? So wie ich ihn erlebt habe, ist das kaum vorstellbar. Falls er als Abgeordneter ins Europaparlament einziehen sollte, wird es spannend sein zu sehen, an wievielen Sitzungen er tatsächlich teilnehmen wird.
vogelsteller 07.05.2014
5. optional
In einem schwarzen Loch? Da sitzen eher die Etablierten und denen graust es vor dem zu erwartenden EU-Wahlergebnis. Und weiter: Verschwörungstheorien? Da ist es so, dass sonderbarerweise genau diese "Theorien" zu [...]
In einem schwarzen Loch? Da sitzen eher die Etablierten und denen graust es vor dem zu erwartenden EU-Wahlergebnis. Und weiter: Verschwörungstheorien? Da ist es so, dass sonderbarerweise genau diese "Theorien" zu nackten, unumstößlichen Wahrheiten geworden sind.
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