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Kultur

Die Mondlandung in der Kunst

Lost in Space

Astronauten schickten 1969 jubelnd Bilder aus dem Weltraum - in der Kunst dagegen kam Katerstimmung auf. Jetzt aber zeigen Ausstellungen berauschte Zustände, den Sound von Planeten und Frauen auf dem Mond.

Thomas Riess
Von
Freitag, 19.07.2019   16:51 Uhr

Den Mond fürs Private holte Andreas Hoffer selbst in der Slowakei ab. Er war sehr leicht, aber größer als erwartet, fast zwei Meter lang, und passte knapp in den VW Golf, mit dem der österreichische Kurator fast tausend Kilometer angereist war. "Er war schon ganz schön ramponiert. Die Menschen haben eben Spuren auf dem Mond hinterlassen", sagt Hoffer. Einen versicherten Spezialtransport, wie es sonst bei Kunstwerken üblich ist, hatte der russische Künstler Leonid Tishkov nicht für nötig gefunden.

Denn die leuchtende Skulptur von Tishkov ist zum Entleihen konzipiert. "Private Moon" heißt das Projekt, das die Geschichte eines Mannes erzählt, der den Mond traf und sein Leben lang bei ihm blieb. Seit vielen Jahren borgen sich Menschen diese Skulptur und posten dies unter dem Hashtag #PrivateMoon. Es sind Bilder aus Paris und Taipeh, aus Rumänien, Neuseeland und Sibirien.

Nun ist "Private Moon" auch Teil der Ausstellung "Ticket to the Moon" im österreichischen Krems, die Andreas Hoffer kuratiert hat - einer Schau vorwiegend zeitgenössischer Kunst rund um die Mondlandung, von Robert Rauschenberg bis Jonathan Meese. Es geht um den Wettlauf zum Mond, um seine symbolische Inbesitznahme durch die amerikanische Flagge und die Reaktionen darauf.

Denn wie in der fiktiven Geschichte des privaten Mondes hängt der Mensch schon lange an diesem Himmelskörper. Die Landung auf ihm bildete nur eine Zäsur. Auch in Salzburg rekapituliert man deshalb momentan die Ansichten der Kunst über Mond und Mission. "Fly me to the Moon" heißt die dortige Schau über Allmachtsphantasien und Technikverehrung, Ebbe und Flut, Krieg und Krankheiten, Sehnsüchte und Ängste - und was die Kunst daraus gemacht hat.

In acht Sektionen sind etwa Gemälde von Caspar David Friedrich zu sehen, erste Zeichnungen Galileis, die berühmten "Earthrise"-Fotos der "Apollo 8"-Mission und die regelrecht berauschten "Stoned Moon"-Lithografien von Robert Rauschenberg, der damals von der Nasa als Augenzeuge zum "Apollo 11"-Raketenstart eingeladen wurde.

Beethoven auf Mondmission

Doch im Juli 1969 änderte sich auch in der Kunst etwas gravierend: Der Blick auf die Erde. Die Mondlandung schaffte ein neues Bewusstsein der Fragilität. "Beim Wegfliegen von der Erde ist man sich des einzigen Ortes bewusst geworden, an dem die Menschheit existieren kann - und existieren muss", erklärt Kuratorin Catherine Hug. "Das ist es, was das Thema heute noch relevant macht: Das wir uns hier auf der Erde verständigen müssen und Schluss machen mit den nationalistischen Konflikten."

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Kunst zur Mondlandung: Der Trabant als Leinwand

Seitdem flogen sogar einzelne Kunstwerke zum Mond und kamen verändert wieder. Die Britin Katy Petterson etwa schickte Beethovens Mondscheinsonate als Morse-Code verschlüsselt zum Mond. Was wieder zurückkam, wurde zu ihrer Installation "Earth Moon Earth": In der Ausstellung wird die Sonate von einem selbstspielenden Flügel wiedergegeben. "Wir hören da ein Stück, das auf dem Mond war, es hat leichte Abweichungen zum Original, einige Töne sind auf dem Mond verloren gegangen - buchstäblich lost in space", sagt Catherine Hug.

Der Verlust der Beethoven'schen Töne kann als Analogie gelesen werden zur Ernüchterung, die mit der ersten bemannten Mondlandung eintrat. Während erste Bilder von Neil Armstrong übertragen wurden, soll im Nasa-Kontrollzentrum schon erste Katerstimmung aufgekommen sein. Der Höhepunkt des Raumfahrtprojektes war überschritten, der Zauber verflogen.

Foto: DPA

Die erste Frau auf dem Mond

Das stellt auch der Heidelberger Kunsthistoriker Henry Keazor fest, der sich in Buch "We are all Astronauts" (Neofelis Verlag) mit dem Bild des Raumfahrers in der Kunst beschäftigt. "Der Mond hatte ausgedient", sagt Keazor. Er sei abgelöst worden durch den Astronauten als Verständigungsfigur, die dem Menschen klarmache, wie er sich selbst sehe, welche Rolle er sich zuweise. "Im Astronaut werden bis heute Ängste und Hoffnungen gebündelt zur Frage, welche Zukunft wir uns vorstellen." Mal werde er als Engel, als Bote aus fernen Welten dargestellt - dann wieder leblos, von Technik abhängig oder die Kontrolle verlierend. "Es gibt kaum neue Welten zu entdecken. Die Menschen stoßen im Weltall immer nur auf sich selbst", sagt Keazor.

Trotzdem - der Mensch und die Kunst, sie suchen weiter.

Die polnische Künstlerin Aleksandra Mir etwa inszenierte sich auf einer Sanddüne als "erste Frau auf dem Mond". Auf den Bildern, die nun im Museum Krems zu sehen sind, scheint sie mit Stolz die amerikanische Flagge gegen den Wind zu halten. Tausende Menschen würden alljährlich von Google wissen wollen, wer die erste Frau auf dem Mond gewesen sei - nun führe sie die Liste an, erklärte die Künstlerin.

Damit hinterfragt Mir den Realitätsbezug jeder "Apollo 11"-Inszenierung, ähnlich wie der österreichische Künstler Thomas Riess, der Original-Fotos der Mondlandung malerisch verändert. In seinen Bildern sieht sich der Astronaut nicht mehr der US-Flagge gegenüber, sondern einem seltsamen schwebenden Wesen. Ist er nun seiner Identität beraubt?

Eher bombastische Imagepflege nach altem Muster, umrahmt von Kunst, betrieb in dieser Woche die Nasa im Kennedy Space Center. Sie ließ den Weltraumbahnhof Cape Canaveral vom holländische Künstlerduo Studio Drift mit seiner Drohnen-Performance "Franchise Freedom" bespielen. 300 beleuchtete Drohnen schwirrten durch die Luft, der Nachthimmel bildete die Leinwand für das Spektakel. Die Drohnen sollen laut der Künstler Verbindungen schaffen zwischen dem Menschen und dem Universum.

Buzz Aldrin und Michael Collins, die beiden noch lebenden Astronauten der Apollo 11, schauten dem Lichterschwarm hinterher. Vielleicht träumten auch sie sich erneut in den Himmel.


Ausstellungen:
"Ticket to the Moon", Kunsthalle Krems an der Donau, bis 3. November 2019
"Fly me to the Moon", Museum der Moderne Salzburg, bis 3. November 2019

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