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Kultur

Podcast "SPIEGEL Live" zu "Wir seit '89"

"Ein Stück kulturelles Erbe ist einfach verschüttet worden"

Schauspielerin Christiane Paul ist in der DDR aufgewachsen, nach der Wende stieg sie zum Kinostar auf. Warum sie die Wiedervereinigung befürwortet, es sich aber anfühlt, als ob der Osten übernommen wurde, erzählt sie im Podcast.

Sebastian Hoppe

Christiane Paul bei ihrem SPIEGEL-Live-Gespräch in Dresden am 22. August 2019

Montag, 26.08.2019   14:41 Uhr

SPIEGEL live - Christiane Paul im Gespräch: Wir seit dem Mauerfall

Sie wollte immer Schauspielerin werden. Und Ärztin. In der DDR hätte Christiane Paul sich entscheiden müssen. Nach dem Mauerfall standen der gebürtigen Berlinerin beide Welten offen - und sie wurde in beiden überaus erfolgreich.

"Für die Jugend von heute ist es wahnsinnig schwer vorstellbar, dass es so was wie die DDR gab", sagt Paul. 30 Jahre nach dem Mauerfall sind große Teile der Vergangenheit verschwunden - das politische System, logisch, aber auch Gebäude, Künstler und gesellschaftliche Instanzen. "Es wäre schon viel gewonnen, würde man den Menschen im Osten zugestehen, ihre Biografien selbst zu deuten, statt das ständig von außen zu tun", sagt Paul. Vieles ist noch nicht aufgearbeitet. Alte Fragen bleiben, neue entstehen.

Sebastian Hoppe

SPIEGEL-Redakteure Janko Tietz (l.), Susanne Beyer (r.) im Gespräch mit Christiane Paul

Hat der Westen den Osten schlicht übernommen und? Wurden Lebensläufe entwertet? Warum darf man als Westdeutscher nicht sagen, dass in der DDR viel Unrecht geschehen ist? Wie können Ost- und Westdeutsche ins Gespräch kommen und gemeinsam die Geschichte aufarbeiten? Brauchen wir gar eine Ostquote in Unternehmen?

So richtig klar seien ihr die diktatorischen Züge der DDR erst nach und nach geworden, sagt Paul. Dennoch: Weil viele Menschen das Thema auf solche Fragen verengen würden, habe sie irgendwann ganz aufgehört, über ihre Zeit in der DDR zu reden. Bis zum Donnerstagabend.

Im Gespräch mit den SPIEGEL-Redakteuren Susanne Beyer und Janko Tietz spricht die Schauspielerin über das Leben in Deutschland - vor und nach dem Mauerfall. Und über ihre Hoffnungen, die sie in die "Fridays for Future"-Generation setzt.

Die Podcast-Folge wurde vergangene Woche im Rahmen der Veranstaltungsreihe "SPIEGEL live" im Staatsschauspiel Dresden aufgezeichnet und ist Teil der Reihe "Wir seit '89".

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insgesamt 85 Beiträge
.patou 26.08.2019
1.
Ich finde den Titel der SPON-Reihe "Wir seit 1989" etwas irreführend angesichts der Tatsache, dass von den 38 bisher erschienenen Beiträgen 33 den Osten bzw. die Ostperspektive behandelt, die restlichen übergreifende [...]
Ich finde den Titel der SPON-Reihe "Wir seit 1989" etwas irreführend angesichts der Tatsache, dass von den 38 bisher erschienenen Beiträgen 33 den Osten bzw. die Ostperspektive behandelt, die restlichen übergreifende Themen. Man könnte meinen, der Westen habe mit der Wiedervereinigung und deren Folgen kaum etwas zu tun.
ibecf 26.08.2019
2. Es ist auch so
"Warum sie die Wiedervereinigung befürwortet, es sich aber anfühlt, als ob der Osten übernommen wurde" Rein rechtlich wurde die DDR ja von BRD übernommen. steht ja im Artikel 1 des Einigungsvertrag, wo vom [...]
"Warum sie die Wiedervereinigung befürwortet, es sich aber anfühlt, als ob der Osten übernommen wurde" Rein rechtlich wurde die DDR ja von BRD übernommen. steht ja im Artikel 1 des Einigungsvertrag, wo vom Beitritt der DDR zur BRD die Rede ist. Aber über 40 Jahre wirtschaftlicher, politische und kulturelle Spaltung braucht schon genau solange bis das vereint ist, aber wir sind aber heute schon ganz schön weit.
cup01 26.08.2019
3. Selbst wenn..
die DDR gefühlt vom Westen übernommen wurde, so war dieser Staat bankrott. Es gab also kaum eine andere Wahl. Bevor man jammert sollte man sich mal die Frage stellen, wo man heute stünde, wenn es nicht dazu gekommen wäre. Das [...]
die DDR gefühlt vom Westen übernommen wurde, so war dieser Staat bankrott. Es gab also kaum eine andere Wahl. Bevor man jammert sollte man sich mal die Frage stellen, wo man heute stünde, wenn es nicht dazu gekommen wäre. Das sind immer noch die Nachwehen der SED Diktatur unter denen der Osten noch heute leidet.
alles_auf7 26.08.2019
4. Veränderte Wahrnehmung
Ich bin schon erstaunt, wie sich mit der Zeit die Erinnerung an die Realität der DDR verändert. Selbst bei so intelligenten Menschen wie Frau Paul. Das einzige, was nach meiner persönlichen Erfahrung sicher war, war die [...]
Ich bin schon erstaunt, wie sich mit der Zeit die Erinnerung an die Realität der DDR verändert. Selbst bei so intelligenten Menschen wie Frau Paul. Das einzige, was nach meiner persönlichen Erfahrung sicher war, war die politische Repression, ein Arbeitsplatz, allerdings ohne nennenswerte Produktivität, und ein Einkommen, mit dem man auskam, weil es außer den Grundmitteln nicht viel mehr gab, für das man sein Geld ausgeben konnte. Gleichgültig, ob es um Autos, Kacheln, Schlitten, Usambaraveilchen oder Fisch im Gastmahl des Meeres in Zingst ging. Die Qualität der Lebensmittel war durchgehend Miserabel. Eine eigene Wohnung gab es nur für Verheiratete; dementsprechend war die Scheidungsrate auch recht hoch. Dass es eine große Solidarität nicht gegeben haben kann, sieht man u.a. an den Unmengen von Spitzelprotokollen der Stasi. Ich erinnere mich an viel Misstrauen, dass man verpfiffen werden konnte; was unerfreuliche Konsequenzen haben konnte. Die Verklärung des Sozialismus mit seiner Gleichmacherei (auf unterstem Niveau) war nur eine Camouflage für eine Diktatur, wie man sie auch woanders fand und findet. Wenn sie das alles mit der afd wieder haben wollen, nur zu.
doctoronsen 26.08.2019
5. Ja, aber...
Ich habe (aufgewachsen in Bayern, in Leipzig seit 2004) viel Sympathie mit Christiane Pauls Sichtweise, aber ich glaube, sie übersieht etwas, wenn sie fordert, man solle den Menschen im Osten zugestehen, ihre Biographien [...]
Ich habe (aufgewachsen in Bayern, in Leipzig seit 2004) viel Sympathie mit Christiane Pauls Sichtweise, aber ich glaube, sie übersieht etwas, wenn sie fordert, man solle den Menschen im Osten zugestehen, ihre Biographien "selbst zu deuten": Was der Mensch "ist", definiert sich nicht nur aus ihm/ihr selbst heraus, sondern leitet sich stets wesentlich ab aus der Wahrnehmung, die seine Umwelt von ihm hat. Ich glaube, diesem Effekt können sich auch die früheren Bürger der DDR nicht entziehen. Schadet ja nicht, man kann sich damit auseinandersetzen, nicht? Darüber hinaus nehme ich bei unseren neuen Freunden hier in Leipzig einen ausgeprägten Unwillen wahr, sich mit der Möglichkeit auseinanderzusetzen, dass ihre Biographien einen deutlichen und im wissenschaftlichen Sinn "erklärungsbedürftigen" Unterschied zu den Mitbürgern aus dem Westen begründen. Vielleicht tun sie das im Stillen - intellektuell sind sie dazu mit Leichtigkeit in der Lage. Aber sie tun nicht dort, wo es ja auch für Christiane Paul darauf ankäme: im Diskurs mit anderen. Das soll eine Beschreibung sein, keine Schuldzuweisung sein. Als "Ostler" hätte ich auch wenig Lust, mich permanent mit echten oder vermeintlichen Defiziten meiner Biographie konfrontiert zu sehen. Das Gespräch müsste weg bewegt werden von Fragen nach Defiziten, hin zu Fragen nach Unterschieden.
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