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Kultur

Peymanns letzte Inszenierung

In den Staub mit allen Preußenfreunden

Ende einer Ära: Claus Peymann verabschiedet sich als Chef des Berliner Ensembles - mit einer kämpferisch antimilitaristischen Inszenierung von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg".

Monika Rittershaus/ Berliner Ensemble
Von
Samstag, 11.02.2017   13:50 Uhr

Zwei große Schlussbilder gab es am Freitagabend auf der Bühne des Berliner Ensembles zu bestaunen. Im ersten quillt dem Helden der "Prinz Homburg"-Aufführung, der von dem hoch aufgeschossenen Schauspieler Sabin Tambrea gespielt wird, ein Blutschwall aus dem Mund. Er balanciert auf einem Balken ein paar Meter über dem Bühnenboden und verfängt sich in einem stilisierten Drahtverhau, man hört Schüsse und Kanonendonner, da hat es den braven Soldaten erwischt. Vorn an der Bühnenrampe widerfährt einer jungen Frau das gleiche Schicksal: Auch Prinzessin Natalie (Antonia Bill), die Geliebte des Prinzen, spuckt Blut und stirbt.

Im zweiten Schlussbild kniet Claus Peymann beim Applaus vor seinen Schauspielern nieder, rappelt sich auf, blickt ins Publikum - und schlägt die Hände vors Gesicht. So verharrt der große Theatermann, die grauen Haare lustig verstrubbelt, volle 15 Sekunden lang: ein offenbar untröstlich Trauernder; ein, wie es scheint, restlos Verzweifelter. Dann jedoch besinnt sich Peymann, lässt die Hände sinken, lacht und geht fröhlich winkend ab. War alles nur Komödie!

Vor 18 Jahren hat Peymann den Intendantenjob im Berliner Ensemble, dem berühmten Brecht-Theater am Schiffbauerdamm, übernommen; nun hat er zum vorgezogenen Finale seiner Intendanz, die erst im Sommer endet (kurz nach Peymanns 80. Geburtstag), seine letzte Inszenierung vorgestellt. Eine strenge, stolz sturzkonventionelle Aufführung von Heinrich von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg". Peymann zeigt das Stück aus dem Jahr 1810 als antimilitaristisches Schauspiel unter lauter Militaristen. Der Bühnen- und Kostümbildner Achim Freyer hat ihm eine hölzerne, nach hinten ansteigende Holzscheibe gebaut, auf der Männer und Frauen in Uniformen marschieren. Nicht bloß der preußische Kurfürst Friedrich Wilhelm, den Roman Kaminksi als jovialen Brummbär spielt, und sämtliche seiner Höflinge tragen Soldaten-Ornat. Auch das bodenlange Kleid von Antonia Bills Prinzessin Natalie sieht wie ein Militärmantel aus.

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"Prinz Friedrich von Homburg": Soldaten sind Selbstmörder

Der Prinz ist in keiner Sekunde bereit zu sterben

Der Titelheld allerdings tritt erst mal mit nacktem Oberkörper auf. Kleists Stück beginnt damit, dass der draufgängerische junge Feldherr Prinz von Homburg, vom vielen Kämpfen erschöpft, des Nachts im königlichen Schlossgarten schlafwandelt. Er wird dabei vom Kurfürsten, seinen Offiziersfreunden und Prinzessin Natalie beobachtet und geneckt - so lange, bis der Träumende Natalie seine Liebe gesteht und einen ihrer Handschuhe ergreift. Am nächsten Morgen ist Homburg derart verwirrt, dass er im Kriegsrat nicht zuhört, als ihm seine Befehle für die anstehende Schlacht erteilt werden. Durch eine Attacke entgegen allen Verabredungen gelingt es Homburg, über die feindlichen Schweden zu siegen. Der preußische Kurfürst aber verurteilt seinen jungen Feldherrn zum Tod, weil er gegen Pflicht und Gehorsam, Hierarchie und ewige Gesetze verstoßen habe.

Claus Peymann interessiert nicht Homburgs Läuterung, der erst mit Unglauben, dann mit Verzweiflung reagiert und auf einen Brief des Kurfürsten hin schließlich gesteht, dass der Alte Recht tat mit seinem Todesurteil. In keiner Sekunde, so zeigt uns der Regisseur, ist sein Prinz bereit, für den Erhalt der Ordnung zu sterben. Der Homburg des Darstellers Sabin Tambrea ist kein Denker und kein Ritter; er ist ein reiner, zur Kampfmaschine dressierter Tor. Ganz bei sich zeigt ihn Peymann im Moment der maximalen Todesfurcht, wenn der Prinz plötzlich mit heller Knabenstimme jammert: "Oh Gottes Welt, sie ist so schön!" Die stärkste Figur auf der Bühne ist Prinzessin Natalie, die den Kurfürsten, ihren Onkel, in einer innigen Umarmung umklammert - und ihm in einem berühmten Satz des Stücks vorhält: "Welch ein Herz hast du geknickt". Bei Kleist ist noch von einem "Heldenherz" die Rede.

Mit zwei Kleist-Aufführungen, dem Stuttgarter "Käthchen von Heilbronn" von 1975 und der Bochumer "Hermannsschlacht" von 1982, hatte der Regisseur Peymann im Laufe seines zeitweise glorreichen Regisseurslebens zwei seiner größten Erfolge. Der Berliner "Prinz von Homburg" ist eine solide, ein bisschen sentimentale Erinnerung an diese Glanzzeiten. Für ältere Peymann-Zuseher (zu denen ich gehöre) sieht die Aufführung mitunter so aus, als habe man die Recken der "Hermannsschlacht" geschrumpft und ihnen ihre Lanzen weggenommen.

Peymanns Kniefall ist der Höhepunkt des Abends

Die Botschaft ist klar. Die Männer, die hier "In den Staub mit allen Feinden Brandenburgs!" brüllen, sind Schreckensfiguren, die ein Mordhandwerk betreiben. Der preußische Drill und überhaupt alles Preußentum können Peymann gestohlen bleiben. Das ist ein bisschen überraschend, weil das Peymann-Theater selbst in den vergangenen Jahren nicht selten so wirkte, als seien die Darsteller von einem kurfürstlichem Theaterzuchtmeister abgerichtet und gepiesackt worden. Diesmal, im "Prinzen von Homburg", ist es anders. Hier herrscht eher ein gemütliches Laissez-Faire, in dem die Schauspielerin Carmen-Maja Antoni in der Rolle des Obristen Kottwitz eine herzerwärmende Clownsnummer abziehen darf.

Und natürlich ist nicht der Tod des blutspuckenden jungen Homburg, sondern der Kniefall des alten Claus Peymann der dramatische Höhepunkt dieses Theaterabends. Der Theaterkönig schlägt die Hände vors Gesicht - und mimt einen König Lear, der in maßlosem Schmerz, von seinen Lieben verstoßen, der Welt Adieu sagt. Dann reißt er die Arme in die Luft, winkt ausgelassen und zeigt: War alles nur Spaß, ich komme wieder. Tatsächlich will Peymann als Regisseur weitermachen: In Stuttgart, so hat er angekündigt, inszeniert er im nächsten Jahr kein anderes Stück als "König Lear".


Prinz Friedrich von Homburg. Berliner Ensemble, nächste Vorstellungen am 13., 24. und 26.2.

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insgesamt 1 Beitrag
winnie1970 11.02.2017
1. Schlechter Journalismus
Das Wort "Preußentum" mit purem unreflektiertem Militarismus gleichzusetzen ist schlichtweg falsch. Aber leider weit verbreitet. Schade, dass sogar die seriöse Presse diesem Automatismus nur zögern verfällt. Liebes [...]
Das Wort "Preußentum" mit purem unreflektiertem Militarismus gleichzusetzen ist schlichtweg falsch. Aber leider weit verbreitet. Schade, dass sogar die seriöse Presse diesem Automatismus nur zögern verfällt. Liebes SPON, dass könnt ihr doch wirklich besser.

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