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Kultur

Swimmingpool-Werk von David Hockney

Wie kann ein Bild 90 Millionen Dollar wert sein?

Nie erzielte das Bild eines lebenden Malers so viel wie "Porträt eines Künstlers" von David Hockney. Worum es bei dem Gemälde geht - und wie der Preis zustande kommt.

DPA
Von
Freitag, 16.11.2018   09:42 Uhr

Dieses Bild setzt neue Maßstäbe: Für das Acrylgemälde "Porträt eines Künstlers (Pool mit zwei Figuren)" des britischen Künstlers David Hockney bot im Auktionshaus Christie's in New York ein anonymer Käufer den Rekordpreis von 90,3 Millionen Dollar, das sind knapp 80 Millionen Euro. Noch nie ist ein Werk eines lebenden Künstlers bei einer Auktion so teuer verkauft worden. "Porträt eines Künstlers" gehört zu den Swimmingpool-Werken Hockneys. Zu sehen ist ein bekleideter Mann am Rande eines Pools, er schaut auf einen anderen Mann, der unter Wasser auf ihn zuschwimmt.

Damit löst David Hockney den Rekord ab, den bisher Künstler Jeff Koons bei Christie's hielt: Dessen Stahlskulptur "Balloon Dog" hatte das Unternehmen im Jahr 2013 für 58,4 Millionen Dollar versteigert. Auch den bisher teuersten bekannten Privatverkauf übersteigt dieser Preis: Jasper Johns' "False Start" wechselte im Jahr 2006 für 80 Millionen Dollar den Besitzer.

Nun also 90,3 Millionen. Wie kann ein Bild so viel wert sein - zumal der Künstler noch lebt? Normalerweise erzielen vor allem Werke verstorbener Künstlern Spitzenpreise. Zum teuersten Gemälde aller Zeiten wurde im vergangenen Jahr "Salvator Mundi" von Leonardo da Vinci, versteigert für 450 Millionen Dollar. David Hockney ist 81 Jahre alt und sehr starker Raucher, vermutlich dürfte der Kunstmarkt bereits sein Ableben in die phantasievolle Preisentwicklung mit einkalkulieren.

Wohlstand und sexuelle Freiheit

Zudem ist David Hockney schon jetzt eine Ikone, und seine Swimmingpool-Bilder haben einen ganz eigenen zauberhaften Charme. 1963 zog Hockney als 26-Jähriger von London nach Los Angeles. Dort waren in der Sonne glitzernde Pools etwas Selbstverständliches, ganz anders als in Großbritannien, wo er während des zweiten Weltkriegs als eines von fünf Kindern einer Arbeiterfamilie aufgewachsen war. Er begann, die Schwimmbecken mit seinem coolen Minimalismus zu malen und prägte so das Image Kaliforniens. Die Bilder erzählen von Hedonismus, lässigem Wohlstand und sexueller Freiheit. Heute gelten sie als Schlüsselwerke der Pop-Art.

Dass die Pools so berühmt geworden sind, liegt auch an ihrem unverfänglichen Thema - selbst Laien lieben die lebensbejahende Urlaubsstimmung, als Poster ecken sie in keiner Zahnarztpraxis an. Bis heute ist Hockney extrem produktiv, an die 2000 Gemälde hat er gemalt. Viele sind noch in seinem Besitz, auch weil der Kunstmarktzu viele Bilder nicht verträgt, das drückt die Preise.

Als weiterer Preiskatalysator dürfte gewirkt haben, dass "Porträt eines Künstlers" als bestes Werk Hockneys gilt und im vergangenen Jahr Hauptmotiv einer großen Retrospektive war, die in der Tate Modern in London, im Pariser Centre Pompidou und im Metropolitan in New York gezeigt wurde.

Ungewöhnlich ist, dass sich der Verkäufer gänzlich auf sein Gespür für den Kunstmarkt verließ und "Porträt eines Künstlers" nicht mit einem Mindestgebot absicherte. Es wird spekuliert, es handele sich um den Milliardär Joe Lewis, der unter anderem den Fußballclub Tottenham Hotspur und einige millionenschwere Gemälde von Egon Schiele, Picasso und Francis Bacon besitzt.

Hockney porträtierte seinen Geliebten

Hockney ging es in den Pool-Bildern besonders darum, die Lichtreflexe auf der Wasseroberfläche einzufangen, später kamen Figuren hinzu. "Wasser zu malen, es zu beschreiben, ist ein interessantes formales Problem, denn Wasser kann alles sein und jede Farbe haben", wird Hockney oft zitiert, "die Pool-Bilder beschäftigen sich mit der Wasseroberfläche, dem dünnen Film, dieser schimmernden Zweidimensionalität."

In der halbbiografischen Doku "A Bigger Splash" von 1974 zeigt Filmemacher Jack Hazan, wie "Porträt eines Künstlers" entstand: Der Mann am Rande des Beckens ist Hockneys damaliger Liebhaber Peter Schlesinger. Ursprünglich hatte Hockney 1971 eine erste Version des Bildes gemalt, es aber kurz darauf vernichtet. Für eine New Yorker Ausstellung malte er es ein zweites Mal, dafür fotografierte Hockney unter anderem viele Poolszenen in St. Tropez als Vorlagen.

Die Hitze und das Licht Südfrankreichs sind in dem Bild zu spüren, es erzählt von Freiheit und gutem Leben. Gleichzeitig herrscht aber auch eine ängstliche Spannung, die Figuren wirken zurückgezogen - hier kündigt sich die Trennung des Paares Hockney-Schlesinger an, deren Beziehung 1972 endete. Ist der Mann unter Wasser, nur verschwommen zu erkennen, Schlesingers neuer Partner?

Mit dieser Verarbeitung eines vermutlich unglücklichen Moments seines Liebeslebens setzte Hockney nicht nur in seinem eigenen Oeuvre und innerhalb der Pop-Art Maßstäbe. Nun führt er auch die Liste der teuersten Gemälde lebender Künstler an - sein Bild vom Luxusleben ist selbst zum Luxus geworden.

insgesamt 39 Beiträge
Alexis_Saint-Craque 16.11.2018
1. Wie alle
Dieses Bild ist teuer. Weil dieses Bild nicht nur den Hedonismus einer ganzen Epoche bündelt, sondern diesen zugleich als unerreichbar für den Künstler darstellt. Er ist inmitten draußen. Wie alle Künstler.
Dieses Bild ist teuer. Weil dieses Bild nicht nur den Hedonismus einer ganzen Epoche bündelt, sondern diesen zugleich als unerreichbar für den Künstler darstellt. Er ist inmitten draußen. Wie alle Künstler.
monoman 16.11.2018
2. Pop-Art?
Soweit ich weiss lehnt Hockney selbst diese Zuordnung ab. Vermutlich hat der an Plakatmalerei erinnernde Stil zu dieser Einordnung geführt. Aber Hockney fehlt das ganze Konzeptgehabe der Popartisten, es ist einfach nur schöne [...]
Soweit ich weiss lehnt Hockney selbst diese Zuordnung ab. Vermutlich hat der an Plakatmalerei erinnernde Stil zu dieser Einordnung geführt. Aber Hockney fehlt das ganze Konzeptgehabe der Popartisten, es ist einfach nur schöne Malerei im besten Sinne.
Alexis_Saint-Craque 16.11.2018
3.
Unbedingt. Nur würde ich schön durch dekorativ ersetzen. Es ist das Dekor, in das wir flüchten, weil alle Versprechen leer sind. Wir haben keine andere Wahl. Denn wir sind Ware. Einsam in unserer Schönheit. Gerade das [...]
Zitat von monomanSoweit ich weiss lehnt Hockney selbst diese Zuordnung ab. Vermutlich hat der an Plakatmalerei erinnernde Stil zu dieser Einordnung geführt. Aber Hockney fehlt das ganze Konzeptgehabe der Popartisten, es ist einfach nur schöne Malerei im besten Sinne.
Unbedingt. Nur würde ich schön durch dekorativ ersetzen. Es ist das Dekor, in das wir flüchten, weil alle Versprechen leer sind. Wir haben keine andere Wahl. Denn wir sind Ware. Einsam in unserer Schönheit. Gerade das Nichtssagende offenbart eine erschreckende Tiefe, die der Pop Art doch völlig fehlt. Wo jene Mimesis ist, ist Hockney existentiell.
Papazaca 16.11.2018
4. Warum ist das Bild so teuer?
Um wirklich zu wissen, warum Hockney so erfolgreich ist, müßte man seine Käufer fragen. Ich vermute, das Hockney die Balance zwischen gegenständlicher Malerei und abstrakten Bildverständnis so gut gelöst hat, auch mit [...]
Zitat von Alexis_Saint-CraqueDieses Bild ist teuer. Weil dieses Bild nicht nur den Hedonismus einer ganzen Epoche bündelt, sondern diesen zugleich als unerreichbar für den Künstler darstellt. Er ist inmitten draußen. Wie alle Künstler.
Um wirklich zu wissen, warum Hockney so erfolgreich ist, müßte man seine Käufer fragen. Ich vermute, das Hockney die Balance zwischen gegenständlicher Malerei und abstrakten Bildverständnis so gut gelöst hat, auch mit attraktiven Sujets, das selbst russische Oligarchen mit einem mittelprächtigen Kunstverständnis das Bild ins Schlafzimmer hängen würden. Natürlich auch als Anlage. Zu Ihrem wie immer kunstvoll formulierten Kommentar: Hockney hat doch sein Leben scheinbar so gelebt, wie es ihm Spass gemacht hat. Er raucht immer noch und hat sich zu seinen sexuellen Präferenzen bekannt und die ausgelebt. Unerreichbar? Eher das Gegenteil. Vielleicht sollten wir ihn mal fragen. Und das Künstler inmitten draußen sind. Alle Künstler? Richter ist sicher ein ganz anderer Typ als Hockney oder Basquiat. Es gibt nicht DEN Künstler, das ist eine Fiktion! Kann es sein, dass das geschliffene Formulieren von Sprache das Dekorative in den Vordergrund stellen?
dr_gb 16.11.2018
5. Wie [nur] kann 90 Mill $ .. 'zumal der Künstler noch lebt?'
Mal ein wenig verdrehen, diese doch nicht ganz sublim unterlegte leicht aggressive Ironie im Beitrag : tja, da lebt der geadelte David doch noch fröhlich so einfach weiter, obschon sein Bild so teuer verkauft wurde ! Ja wie [...]
Mal ein wenig verdrehen, diese doch nicht ganz sublim unterlegte leicht aggressive Ironie im Beitrag : tja, da lebt der geadelte David doch noch fröhlich so einfach weiter, obschon sein Bild so teuer verkauft wurde ! Ja wie nur kann so viel .. ? Mehr als 3 bis max. 5 Dokumentationen insgesamt braucht es wohl nicht, den Irrsinn im wahnsinnig obskuren Kunstmarkt zu 'beleuchten' : Robert Hughes : The Mona Lisa Curse [2008], Dir : Mandy Chang The Price of Everything [2018], Dir: Nathaniel Kahn Blurred Lines: Inside the Art World [2017], Dir : Barry Avrich sowie die bei arte gesendete Doku über den 'Knoedler' Gallerie Skandal und dann vielleicht zu guter Letzt (aus einer leicht anderen Kultur/Politik-Macht/Markt-Sicht) : The Art of the Steal [2009], Dir : Don Argott Eine großzügige Sponsorin der Land-Art Scene, Virginia Dwan, wurde gefragt, warum nur sie nur so viele Dollars ausgegeben habe, damit Erde aufgewühlt, angehäuft, umgeschichtet wurde oder auch nur kurzzeitig schlicht umgegraben, bemalt oder nur markiert, oder mit irrsinnigen Beton-Klötzen in irrsinnig abgelegenen Regionen bebaut wurde oder, dass wie im 'Fall' Walter de Maria, nur schlicht 'ne Menge Metall-Stangen ins Erdreich gedonnert wurden, bekannt als 'Lightning Field'. Warum nur gab sie dafür Geld aus ? "Passion", war ihre Antwort . Es ist wohl nicht 'Passion', mehr 'Addiction' und 'Greed' (ref. Oliver Stone) was die Wall Street motiviert; Konkurrenzkampf und Show-Off. Genau so, und kaum anders, ist der Kunstmarkt.

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