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Kultur

Deutsche mit Zonenhintergrund

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Was haben eine Frau mit Kopftuch und ein Mann mit sächsischem Dialekt gemeinsam? Von beiden wird einer Studie zufolge oft erwartet, dass sie sich besser integrieren und von Extremisten distanzieren. Was lernen wir daraus?

DPA

Demonstration in Chemnitz

Eine Kolumne von
Samstag, 06.04.2019   12:30 Uhr

Menschen "mit Migrationshintergrund" wissen, dass sie als Migranten gelten. Ostdeutsche wissen, dass sie Ostdeutsche sind. Manche sind beides und sind sich dessen bewusst. Nur Westdeutsche ohne Migrationshintergrund nehmen nicht wahr, dass sie Westdeutsche ohne Migrationsdingsbums sind. Sie sind einfach nur: Deutsche. Ohne Wurzeln, ohne Herkunft, das Original. Alle sollen so werden wie sie. Sie sind das "Weiß" für den Farbabgleich der Identitäten.

Viele dieser Premiumdeutschen zucken mit den Schultern und finden, es sei doch egal, ob man aus dem Westen oder Osten kommt, ob migrantisch oder nicht. Wir sollten endlich damit aufhören, ständig nach Diskriminierung zu suchen und die Unterschiede zu betonen. Was Leute halt so sagen, die als weiße Westler nie zu spüren bekommen, dass es nun mal einen Unterschied macht - egal ob man darüber redet oder nicht.

Und manchmal tut es verdammt gut, darüber zu sprechen und zu merken, dass man nicht allein ist mit dem Gefühl, "anders" behandelt zu werden. Seit dieser Woche liefert eine Untersuchung neue wissenschaftliche Erkenntnisse dazu - die Studie des DeZIM-Instituts mit dem fast schon romantischen Titel "Ostmigrantische Analogien". Sie zeigt: die Gruppe der "anderen" in Deutschland ist viel größer als bisher gedacht.

Auch Ostdeutsche haben unterm Strich nur einen Migrantenstatus. Sie sind quasi die Deutschen mit Zonenhintergrund. Und auch die Zohigrus sollen nicht so viel rumjammern, sich mehr von Extremismus distanzieren und endlich richtig in Deutschland ankommen. So denkt laut Studie über ein Drittel der Bevölkerung.

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Ost-Migrantische AnalogienPDF-Größe: 480 kB

Von wegen, ähnlich diskriminiert!

Zentrales Ergebnis der Studie: Die Klischees über Muslime und Deutsche aus dem teutonischen Morgenland sind frappierend ähnlich. Ich finde das superspannend.

Umso ärgerlicher ist, dass die Studie irritierend falsch wiedergegeben wurde. Denn es ging um die Einstellungen über zwei Gruppen und nicht darum, dass Ostdeutsche und Muslime ähnliche Diskriminierung erleben, wie die meisten Medien berichtet haben. Das wäre ja auch absurd. Oder können Sie sich vorstellen, dass jemand mit ostdeutschem Akzent genau so stark diskriminiert wird wie eine Frau mit Kopftuch?

Dass beide Gruppen mit ähnlichen Klischees zu kämpfen haben und seltener in Chefposten zu sehen sind, heißt noch lange nicht, dass sie im selben Maß von Diskriminierung oder geschweige denn von Rassismus betroffen sind. Es gibt keine No-go-Areas für weiße Ostdeutsche. Kevin und Maik werden auch nicht regelmäßig von der Polizei angehalten und kontrolliert, weil man sie für potenzielle Kriminelle hält.

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Was also lernen wir aus der Studie?

Zurück zur Studie. "Ostdeutsche" und "Muslime" erleben ähnliche Vorurteile - der Befund hat politische Sprengkraft, weil sich die beiden Gruppen oberflächlich betrachtet völlig unterscheiden. Was also lernen wir daraus?

1. Niemand wird als Muslim, Migrant oder Ostler geboren - das sind beliebige künstliche Kategorien, in die Menschen geordnet werden. Trotzdem verwenden wir sie so, als wären sie angeborene Körperteile: Manche Menschen haben zwei Arme, zwei Beine und einen Migrationshintergrund. Andere offenbar einen Zonenhintergrund.

2. Dieses ganze Blabla, dass manche Minderheiten (also Muslime) "kulturell bedingt" nicht integrationsfähig sind, ist Quatsch. Der Desintegrationsvorwurf trifft schließlich auch areligiöse oder christliche Deutsche.

3. Die "Integriert euch"-Forderung dient vor allem der Selbstvergewisserung. Sie definiert die Deutschen - natürlich nur die Original-Westdeutschen - als einzige gut integrierte Gruppe. Die anderen schweben im dauerhaften Nochnichtgutintegriert-Zustand. Mit dem Argument: Die Muslimigranten und Ostdeutschen müssen unsere Demokratie und Werte erst noch lernen.

Vor einem Jahr rief ich in meiner Kolumne dazu auf, eine Randgruppen-Allianz zu bilden und die "Patriotischen Ossi-Ausländer gegen die Wessifizierung des Abendlandes" zu gründen. Das war natürlich ein Scherz, aber die Allianz-Idee meine ich nach wie vor ernst. Warum stellen Ostdeutsche, Migranten und Neue Deutsche nicht mal gemeinsam klar, dass eine pauschale Integrationsforderung an Herkunftsgruppen Schwachsinn ist?

Und wenn wir schon dabei sind: ich wäre auch für eine Initiative zu haben, die sich für faire Bildungschancen für alle Kinder einsetzt. Ganz egal, ob sie Hassan oder Leyla heißen, Maik oder Mandy.

insgesamt 115 Beiträge
Kasob 06.04.2019
1. Ich bin Ostdeutscher
Worein soll ich mich integrieren? Ich wähle nicht extremistisch und gehe einer Arbeit nach. Halte mich an die Gesetze und spreche die Sprache der Einheimischen, fast Akzentfrei (Dialekt). Meine Vorfahren leben seit hunderten von [...]
Worein soll ich mich integrieren? Ich wähle nicht extremistisch und gehe einer Arbeit nach. Halte mich an die Gesetze und spreche die Sprache der Einheimischen, fast Akzentfrei (Dialekt). Meine Vorfahren leben seit hunderten von Jahren hier. Bin jetzt schon ein Westdeutscher, oder ein Deutscher oder ein Deutscher mit Migrationshintergrund? Oder ist mir das alles egal?
spon-facebook-10000031099 06.04.2019
2.
Ach du meine Güte. Nur mal so als Denkanstoß: Wenn ein Viertel oder mehr der Ostdeutschen der Meinung sind eine Partei mit verfassungsfeindlichen Zielen zu wählen, dann sind sie offensichtlich nicht bei "unseren [...]
Ach du meine Güte. Nur mal so als Denkanstoß: Wenn ein Viertel oder mehr der Ostdeutschen der Meinung sind eine Partei mit verfassungsfeindlichen Zielen zu wählen, dann sind sie offensichtlich nicht bei "unseren Werten" angekommen, denn "unsere Werte" sind in dieser Verfassung niedergeschrieben.
Wirrrkopf 06.04.2019
3. Vorurteile sind defintiv gegenüber Ostdeutschen vorhanden!
Wenn ich von einem Kollegen/Bekannten höre das er aus Ostdeutschland kommt dann gehen bei mir automatisch die Vorurteile hoch: Dialekt, wahrscheinlich AfD oder Linken Anhänger, mißtraut der Presse und glaubt eher Fakenews, [...]
Wenn ich von einem Kollegen/Bekannten höre das er aus Ostdeutschland kommt dann gehen bei mir automatisch die Vorurteile hoch: Dialekt, wahrscheinlich AfD oder Linken Anhänger, mißtraut der Presse und glaubt eher Fakenews, wenig an Umweltschutz interessiert, Autoliebhaber, Raser und gegen Geschwindigkeitsbegrenzungen usw. usw. Ja das SIND Voruteile. Aber sie definitiv da und der arme Ostdeutsche muss mir erstmal "beweisen" das er diese nicht erfüllt. Da ist er kein Deut besser dran als der Ausländer. Als eher "linker" original Deutscher hat der Ossi eher sogar einen Nachteil in meinem Vorurteilskatalog gegenüber Ausländern von denen man als Großstadtbewohner viele kennt die gut integriert sind.
Sleeper_in_Metropolis 06.04.2019
4.
Zitat : "1. Niemand wird als Muslim, Migrant oder Ostler geboren - das sind beliebige künstliche Kategorien, in die Menschen geordnet werden." Nicht ganz. Als Ostler wird man sehr wohl geboren, das bezeichnet [...]
Zitat : "1. Niemand wird als Muslim, Migrant oder Ostler geboren - das sind beliebige künstliche Kategorien, in die Menschen geordnet werden." Nicht ganz. Als Ostler wird man sehr wohl geboren, das bezeichnet nämlich (nur) eine ganz bestimmte, klar abgegrenzte geografische Region. Bei einem "gebürtigen Hamburger" ist die Definition ja auch ganz eindeutig. Zitat : "Vor einem Jahr rief ich in meiner Kolumne dazu auf, eine Randgruppen-Allianz zu bilden und die "Patriotischen Ossi-Ausländer gegen die Wessifizierung des Abendlandes" zu gründen. Das war natürlich ein Scherz, aber die Allianz-Idee meine ich nach wie vor ernst. " Theoretisch eine gute Idee, nur wird das wohl leider schon daran scheitern, das große Teile der Mitglieder dieser Allianz alles andere als Homogen wären. Den das anders sein alleine schweißt leider lange nicht so sehr zusammen, wie es wünschenswert wäre. Den AfD-sympathisierenden Ostdeutschen und den Westdeutschen mit Migrationshintergrund verbindet außer dem tlw. empfundenen nicht-dazugehören nämlich nicht nur nichts, sie sehen sich oftmals auch ziemlich klar als Gegner. Aber trotzdem ernst gemeint viel Glück bei dem Versuch der Allianzschmiedung.
dasfred 06.04.2019
5. Warum muss man alles aufdröseln
Ich lebe hier in Hamburg. Hier leben Menschen aus allen Teilen der Welt mit und nebeneinander. Manchmal trifft man sogar Hamburger ohne Migrationshintergrund. Die sind aber sehr selten. Irgendein Vorfahr kommt aus Niedersachsen, [...]
Ich lebe hier in Hamburg. Hier leben Menschen aus allen Teilen der Welt mit und nebeneinander. Manchmal trifft man sogar Hamburger ohne Migrationshintergrund. Die sind aber sehr selten. Irgendein Vorfahr kommt aus Niedersachsen, Italien der Türkei oder Vietnam. Jeder lebt sich auf seine Weise ein und bildet seine Netzwerke meist unabhängig von der Herkunft. Man kann aus seinen Wurzeln natürlich auch ein Problem konstruieren. Für fast alles im Alltag spielt nicht die Herkunft, die Religion oder die Hautfarbe eine Rolle, sondern wie weit man bereit ist, auf andere zuzugehen und andere zu akzeptieren.
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