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Kultur

Fotoprojekt einer Vatersuche

"Ich habe gewartet, aber er kam nie"

Eine zerrissene Familie: Diàna Markosian ist bei ihrer Mutter in den USA aufgewachsen - ihr Vater blieb in Russland. Ihr Fotoprojekt "Inventing My Father" ist die bewegende Dokumentation von Trennung und Wiedersehen.

Diana Markosian
Dienstag, 18.11.2014   16:57 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Ihre Mutter Ihren Vater aus gemeinsamen Familienfotos herausgeschnitten?

Markosian: Ich verstehe das auch nicht. Aber ich habe auch nicht das durchgemacht, was meine Mutter erlebt hat. Sie hat meinen Vater geliebt - und er hat sie enttäuscht. Als ich ein Kind war, war er nie da. Für sie war es sehr schwer, meinen Bruder und mich großzuziehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie ist mit Ihnen in die USA ausgewandert. Warum?

Markosian: Meine Mutter wollte mehr aus ihrem und aus unseren Leben machen. Wir sahen in den USA eine Zukunft, zumindest haben uns davon all die Filme und Serien überzeugt, die wir gesehen haben. Meine Mutter glaubte, wir würden es dort schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Sie ist 1996 mit Ihnen nach Kalifornien geflogen, ohne zu sagen, wo es hingeht. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie dort angekommen waren?

Markosian: Das hat sich alles sehr surreal angefühlt. Im ersten Jahr habe ich immer auf meinen Vater gewartet. Aber er kam nie. Irgendwann habe ich dann aufgehört zu warten.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie zum ersten Mal an ihn gedacht?

Markosian: Das hat ungefähr eine Woche gedauert. Ich saß immer draußen auf der Treppe und habe meine Mutter gefragt, wann kommt Papa? Dann hat sie ihren Arm um mich gelegt und gesagt, ich solle ihn vergessen. Er ist weg.

SPIEGEL ONLINE: Wann hat Ihr Vater begriffen, dass Ihre Mutter und Sie mittlerweile auf einem anderen Kontinent lebten?

Markosian: Nach ungefähr einem Monat. Meine Mutter hatte ihm eine Nachricht in unserer Wohnung hinterlassen. Sie sagte, wir seien zu unseren Verwandten gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Wie war Ihr neues Leben in den USA?

Markosian: Schwer. Auch meine Mutter ist dort aus meinem Leben verschwunden. Sie hatte einen Job als Verkäuferin und abends ist sie in die Uni gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie sich entschlossen, Ihren Vater zu suchen?

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Markosian: Ich wollte ihn kennenlernen, seit ich ein Kind war. Ich konnte nie akzeptieren, dass er einfach weg war. Mein Bruder hat das mehr oder weniger eingesehen und weitergemacht. Ich war immer das sture Mitglied der drei Musketiere. Ich habe darauf bestanden, ihn wiederzusehen. Als mein Entschluss stand, war ich 20 Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihren Vater wiedergefunden?

Markosian: Mein Bruder wusste, dass mein Vater nach Armenien gegangen war, als meine Großmutter starb. Er kümmerte sich dort um meinen Opa. Mein Bruder konnte sich an die Adresse erinnern. Wir sind dann dorthin geflogen und zu dem Haus gegangen. Auf der Treppe hoch bis in den fünften Stock - mir kam das ewig vor. Als ich oben war, habe ich gemerkt, dass mein Bruder nicht mehr hinter mir war. Ich bin dann wieder runter gerannt, dort habe ich ihn wiedergefunden. Er weinte. Es war das erste Mal, dass ich ihn weinen sah.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie dann wieder hoch?

Markosian: Nein. Wir sind gegangen. Ein paar Tage später sagte mein Bruder mir, nun sei er bereit. Also sind wir zurück und haben an der Tür geklopft.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Markosian: Unser Großvater hat aufgemacht. Er war sehr überrascht und hat erst gar nicht verstanden, wer wir waren. Mein Vater war gar nicht da, also hat mein Opa ihn angerufen und mein Vater machte sich sofort auf den Heimweg. Aber das hat eine Stunde gedauert.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Ihr Vater reagiert, als er merkte, dass seine Kinder vor ihm stehen?

Markosian: Es war schön und traurig zugleich. Auf der einen Seite haben wir uns gefunden, aber auf der anderen Seite ist da so eine große Lücke zwischen uns - den Verlust können wir niemals zurückholen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich gefühlt?

Markosian: Ich war wütend. Mir kam mein Vater so selbstgefällig vor. Ihm schien egal gewesen zu sein, was passierte. Er hat ja auch kaum etwas unternommen, um uns zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Was hat ihre Mutter gesagt, als sie von dem Besuch erfuhr?

Markosian: Wir haben das ziemlich spontan entschieden, ihn zu besuchen, deswegen habe ich ihr nie davon erzählt. Aber als sie es herausgefunden hat, hat sie fast ein Jahr lang nicht mehr mit mir geredet.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihren Vater danach wiedergesehen?

Markosian: Ungefähr sechs Monate später. Ich wollte mich mit meiner Wut auseinandersetzen und sie überwinden, indem ich ihn besser kennenlerne.

SPIEGEL ONLINE: Hat das funktioniert?

Markosian: Ich wohne jetzt ab und zu bei ihm. Ich würde sagen, wir sind Freunde.

Das Interview führte Kristin Haug für das Fotoportal seenby

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