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Kultur

Wahl einer Fachjury

Die Münchner Kammerspiele sind das Theater des Jahres 2019

Eine Fachjury hat entschieden: Das Theater der Stadt München ist die beste deutschsprachige Bühne. Ein vorgezogenes Abschiedsgeschenk für den umstrittenen Intendanten Matthias Lilienthal.

Julian Baumann/ Münchner Kammerspiele
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Donnerstag, 29.08.2019   08:02 Uhr

Die Münchner Kammerspiele sind das Theater des Jahres 2019. Auch die Inszenierung des Jahres, der zehnstündige Antikenabend "Dionysos Stadt" in der Regie von Christopher Rüping, kommt aus dem von Matthias Lilienthal geleiteten Haus, ebenso wie der Schauspieler des Jahres, Nils Kahnwald, der in "Dionysos Stadt in diversen Rollen und Funktionen auftritt. (Lesen Sie hier eine Kritik des Stückes) Das ist das Ergebnis der aktuellen "Theater heute"-Umfrage unter 44 Kritikerinnen und Kritikern.

Zur Schauspielerin des Jahres wurde Sandra Hüller als "Penthesilea" gewählt, eine Ko-Produktion von Salzburger Festspielen und Bochumer Schauspielhaus (Regie Johan Simons). Das Stück des Jahres ist der #MeToo-Kommentar "Schnee Weiss" der österreichischen Dramatikerin Elfriede Jelinek.

Auf den ersten Blick ist die Dominanz der Münchner Kammerspiele bei der diesjährigen Umfrage eine überraschende Wahl - denn ihr Intendant Matthias Lilienthal ist umstritten, seit er 2015 sein Amt antrat. Mit seinem Plan, das von der Landeshauptstadt subventionierte Haus mehr wie ein Theater der freien Szene zu betreiben und deutlich mehr Performances, internationale Koproduktionen, Experimentierkunst und Diskussionsabende auf den Bühnen des Hauses zu zeigen, stieß der Berliner Lilienthal von Anfang an auf viel Skepsis.

Tobias Hase/ DPA

Kammerspiel-Intendant Matthias Lilienthal

Die "Süddeutsche Zeitung" nannte ihn schon vor seinem Antritt einen "Stadttheater-Schreck", Zuschauer blieben weg, einige Schauspieler verließen das Ensemble, und die örtliche CSU agitierte so lange gegen den Kammerspiel-Chef, dass der in weiser Voraussicht von sich aus auf eine Verlängerung seines Vertrags über 2020 hinaus verzichtete.

Aber sein Theater bringt eben auch regelmäßig herausragende, zukunftsweisende Produktionen hervor. Unter Lilienthals Intendanz waren die Münchner Kammerspiele regelmäßig beim Berliner Theatertreffen vertreten, so auch in diesem Jahr mit der Inszenierung des Jahres "Dionysos Stadt", in der die Stücke "Prometheus", "Troja", "Orestie" und ein Satyrspiel nach antikem Vorbild zu einer Tetralogie zusammengebunden wurden.

Das Projekt ist nach Aussage der Beteiligten in dreimonatiger Probenarbeit von Ensemble und Leitungsteam gemeinsam entwickelt worden, ganz im Sinne von Lilienthals Programmatik und gemäß dem Credo des Regisseurs Christopher Rüping, 33: Er verstehe sich nicht als genialischer Künstler,sagte Rüping bereits 2014 im KulturSPIEGEL, sondern mehr als "Moderator, der einen Rahmen setzt, in dem die anderen ihre Kreativität entfalten können".

Julian Baumann/ Münchner Kammerspiele

"Dionysos Stadt"-Regisseur Christopher Rüping

So ist die Auszeichnung zum "Theater des Jahres" auch als Statement gegen Matthias Lilienthals Kritikerinnen und Kritiker zu verstehen, die dem Kammerspiel-Intendanten in München das Leben schwer gemacht haben. Ein vorgezogenes Abschiedsgeschenk, überreicht kurz vor Beginn seiner letzten Saison als Intendant. Auch das hat schon Tradition: Zuletzt wurden die Kammerspiele 2009 ausgezeichnet, als Frank Baumbauer dort aufhörte, und dann 2013 - das war das Jahr, als Lilienthals Vorgänger Johan Simons seinen Rückzug angekündigt hatte.

Offenlegung: Die Autorin dieses Artikels war eine der 44 Kritikerinnen und Kritiker, die an der "Theater heute"-Umfrage teilgenommen haben.

insgesamt 3 Beiträge
kortumsonne 29.08.2019
1. Sandra Hüller
habe ich in Bochum als Pentheselisa und als Hamlet gesehen. In beiden Rollen spielte sie sehr beeindruckend!
habe ich in Bochum als Pentheselisa und als Hamlet gesehen. In beiden Rollen spielte sie sehr beeindruckend!
spon-1169845832505 29.08.2019
2.
Ich habe Frau Hüller in Penthesilea in Bochum gesehen, leider aber fast nur gesehen, hören konnte ich sie kaum. Ihre kleine dünne Stimme war erkennbar überfordert, das Meiste war akustisch nicht zu verstehen. Jens Harzer [...]
Ich habe Frau Hüller in Penthesilea in Bochum gesehen, leider aber fast nur gesehen, hören konnte ich sie kaum. Ihre kleine dünne Stimme war erkennbar überfordert, das Meiste war akustisch nicht zu verstehen. Jens Harzer schaffte es hingegen, jedes Wort klar und deutlich zu artikulieren ( es lag also nicht an äusseren Umständen ). Dafür den Titel "Schauspielerin des Jahres" zu vergeben ist schon sehr verwunderlich. Spielen kann sie sicher sehr gut, sprechen leider weniger.
nocowil2 29.08.2019
3. Warum ...
wird in Theaterstücken - übrigens auch in Krimis - nur noch geschrien, so dass man Angst um die Stimmbänder der Schauspieler haben muss ?
wird in Theaterstücken - übrigens auch in Krimis - nur noch geschrien, so dass man Angst um die Stimmbänder der Schauspieler haben muss ?

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