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Kultur

Documenta 15

Was ist von der neuen Leitung zu erwarten?

Kunst erfahren statt betrachten: 2022 wird die Documenta vom indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa kuratiert. Die Wahl zeigt auch: Nach der letzten, in vielerlei Hinsicht problematischen Ausstellung soll alles anders werden.

DPA

Ade Darmawan (l) und Farid Rakun aus dem neuen Leitungsteam Ruangrupa

Eine Analyse von
Freitag, 22.02.2019   17:19 Uhr

Kassel, Freitagmittag, ein gläserner Saal, die so genannte Documenta-Halle, darin viele Journalisten. Die Neugier auf die künstlerische Leitung der nächsten Documenta ist gewaltig, heute soll ein Name verkündet werden, vielleicht auch mehrere.

Diese Documenta. Eine Ausstellung von Weltrang - und irgendwie auch eine Absurdität. Jede Ausgabe der Weltkunstschau soll die Kunst der Gegenwart feiern, sie in fast antiker Spektakelhaftigkeit zelebrieren und zugleich ihre Relevanz beweisen und beschwören. Das wird offenbar immer schwieriger, immer unmöglicher, die vergangene Ausstellung im Jahr 2017 war jedenfalls sehr umstritten, und alle wollen heute wissen, wer sich die nächste, die 15. Documenta, zumutet, die im Juni 2022 eröffnet wird.

"Diese Energie"

Nun also steht es fest. Nicht einer wird sich der Herausforderung stellen, sondern zehn, ungefähr jedenfalls. Allerdings keine Kuratoren im klassischen Sinn. Denn berufen wurde das indonesische Künstlerkollektiv Ruangruppa. Als Clique anzutreten, das Unbeherrschbare beherrschen zu wollen, könnte tatsächlich alles einfacher machen. Oder noch schwieriger. Jeder von ihnen ist Chef oder keiner, je nachdem, wie man es sieht.

Aber diese Gruppe aus Jakarta ist darin geübt, konstruktiv zu sein, auch pragmatisch, sie arbeitet schon länger zusammen, seit dem Jahr 2000. Im Kern gehören ihr eben etwa zehn Mitglieder an, doch insgesamt viel mehr.

Das Kollektiv ist bekannt für seine Forschungsprojekte zur Geschichte etwa, oft auch zur Nutzung des öffentlichen Raums, es betreibt verschiedene Einrichtungen und Projekte, beispielsweise ein Online-Magazin, eine Galerie, eine Kunstbiennale, eine Videobiennale, ein Radio. 2016 hat es eine Ausstellung öffentlicher Kunst in den Niederlanden mitkuratiert, schon ein Jahr vorher richteten sie in Arnheim einen Workshop ein, um mit den Menschen der Stadt in Verbindung zu treten. Nun also Kassel.

Zwei der Ruangrupa-Leute sind an diesem Tag in der Documenta-Halle, Ade Darmawan und Farid Rakun. Gutgelaunt betonen beide, sie müssten sich an all das erst gewöhnen, die vielen Medienleute, die Aufmerksamkeit, "an diese Energie". Irgendwann nach der Pressekonferenz suchen sie sich einen Balkon zum Rauchen.

Im Interview betonen sie, sie hätten sich in der Gruppe erst einmal gefragt, ob es für sie nützlich und sinnvoll sei, diese Ausstellung zu leiten. Sie hätten sich dafür entschieden, weil sie das, was sie schon seit Langem tun, nun in einem globaleren Format umsetzen könnten.

Überrascht ihre Wahl? Eigentlich nicht. Aber das ist kein Nachteil. Nach der letzten, in vielerlei Hinsicht problematischen Documenta soll einerseits alles anders werden. Und der Neuanfang wird jetzt also importiert aus Südostasien, aus einem Land der Vulkane, in dem die Kunst in gewisser Weise ohnehin längst weiter ist, weniger gefangen in jenen Debatten, die im Westen geführt werden. Noch dazu sind hier keine Kuratoren im traditionellen Sinn am Werk.

Andererseits wird wohl mit Ruangrupa eine Entwicklung fortgesetzt, eine Documentahaftigkeit, die sich seit Langem abzeichnet. Denn gerne wird in Kassel die soziale, gesellschaftliche Kraft von Kunst behauptet. Und eine Lieblingsvokabel der Kunstwelt wird auch unter dieser Chefetage mehr denn je von Bedeutung sein: Partizipation, also Teilnahme, die Einbindung von Menschen, Gruppen, Institutionen.

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Das alles werde eine Reise, sagen Darmawan und Rakun, und ihnen ginge es wie immer vor allem um die Methode. Wie aber stellt man eine Methode aus?

Kooperationen sollen also geschlossen, Projekte initiiert werden, vor Ort und weltweit, sie würden dazu nicht nur andere Künstler und auch Kuratoren einladen, sondern vielleicht ebenso Ökonomen, Ökologen, Juristen, Historiker, viele andere Leute. Am Ende aber soll alles in irgendeiner Form in Kassel zu betrachten sein. Sie hätten, sagen sie, sehr wohl eine "richtige Kunstausstellung" im Sinn.

Und doch wird sie wohl anders als gewohnt, denn sie sagen auch, sie wollen die Art und Weise, wie wir mit Kunst sehen, auf jeden Fall "bereichern", es solle weniger ein Betrachten und mehr ein Erleben und Erfahren sein.

Viele Museumschauen, Biennalen, Kunstmessen sind nach Meinung der beiden Ruangrupa-Leute in gewisser Weise "monströse Maschinen" geworden, auch Mythen-Maschinen. Ihnen liege an der Distribution, an der echten Verbreitung von Kunst. Dazu wollen sie noch globaler denken, als es ihre Vorgänger taten. Für Indonesien, für die indonesische Kunstszene habe die Documenta bisher jedenfalls keine Bedeutung gehabt.

Viel mehr lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Nur das: Für Kassel sind die Mitglieder von Ruangrupa auf jeden Fall die neuen Hoffnungsträger.

Auch schöne Momente

Das war schon klar, noch bevor an diesem Freitag ihre Namen verkündet und sie aufs Podium gebeten wurden. Angela Dorn, neue hessische Staatministerin für Wissenschaft und Kunst, brachte zum Beispiel in wenigen Sätzen Begriffe unter wie Strahlkraft, Freude, Paukenschlag, Mut, Ansporn. Im Juni 2022 also wird die nächste, die 15. Documenta eröffnet. Drei Jahre sind nicht viel, um eine Schau zu organisieren, die in Geschichte eingeht. Und weniger wird ja nie erwartet - auch nicht von Ruangrupa.

Die vergangene Documenta war, zumindest bei den Kunstkritikern, historisch unbeliebt. Ihr Direktor Adam Szymczyk trat als Kuratorengott und Kunsterlöser auf, der die Werke seiner durchaus auch politischen Agenda unterordnete, und die wirkte stellenweise sogar demokratiefeindlich. Vor allem lieferte er eine belehrende, manchmal auch nur banale oder dilettantisch wirkende Ausstellung ab. Und das an zwei Orten, zuerst in Athen und dann wie gewohnt in Kassel, doch gerade die Doppelbelastung überforderte die Organisatoren und vor allem viele Künstler. Sie sollten sich gleich zweimal übertreffen. Der österreichische Künstler Peter Friedl sagte dem SPIEGEL damals, er habe auf ein zweites Werk ganz verzichtet: "Es wird für diese doppelte Documenta schon viel zu viel und viel zu schnell produziert." Er sagte aber auch, dass die Erwartungen an die Schau inzwischen absurd seien, vor allem in Deutschland selbst mit seinen "Weltmeisterambitionen".

Szymzyks Documenta hatte natürlich auch ihre wichtigen und schönen Momente, ihre atemberaubenden Werke. Die Soundinstallation von Emeka Ogboh im Athener Konservatorium zählte dazu, er brachte einen Saal zum Klingen, der nie fertiggestellt wurde und wie ein imposantes Betongrab wirkt. Oder die Bilder von Miriam Cahn in Kassel, betörend, brutal und verwirrend. Beliebtestes Fotomotiv war 2017 der Nachbau des Athener Parthenons in Originalmaßen und aus Stahlgerüsten.

Später wurde dann aber mehr über das finanzielle als über das kuratorische Defizit der Doppeldocumenta gestritten. Es ging um einige Millionen Euro. Das war allerdings auch bezeichnend. Denn so ziemlich jeder Kulturneubau in Deutschland wird teurer als geplant, und stets geht es um so sehr viel mehr Geld. Die Documenta aber, diese größte immaterielle Kulturinstitution des Landes, wurde wegen des Defizits fast kriminalisiert. Der Etat für die kommende Documenta soll deutlich angehoben werden, damit tatsächlich das stets geforderte Weltniveau erreicht werden kann.

Nach dem Ende der vergangenen Documenta kam noch der Streit um ein Werk dazu, um den Obelisken, mit dem der nigerianisch-amerikanische Künstler Olu Oguibe den Umgang mit Flüchtlingen im öffentlichen Raum kommentierte. Subtil und unübersehbar zugleich. Der Obelisk sollte in Kassel verbleiben, doch wo genau dort, darüber wurde unangenehm lange diskutiert. Dann mischte sich die AfD ein, nannte das Werk "entstellte Kunst".

2022 steht also vielleicht weniger die Documenta auf dem Prüfstand als dieses Land und sein Umgang mit Kunst.

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