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Kultur

Endspiel um die Zukunft

Als das Team Populismus gegen das Team Demokratie gewann

Schluss mit getanztem Weltfrieden: Sollte die Mannschaft der Marktliberalen gewinnen, ist Schluss mit den ewigen Diskussionen um Umweltschutz und Gleichheit der Geschlechter. Her mit dem ungebremsten Wachstum!

Getty Images

Radikal marktliberal (Symbolbild)

Eine Kolumne von
Samstag, 13.04.2019   15:53 Uhr

Man muss einfach erkennen, wann ein Spiel verloren ist. Das Spiel hieß: Wir haben alle keine Ahnung, aber wir wollen was mit Zukunft. Es traten an: die Gruppe der Marktliberalen und ihre Sturmtruppen - die PopulistInnen, FaschistInnen und die BäuerInnen auf dem Schachfeld - also die AngstbürgerInnen (Weltende wegen allem).

Auf der anderen Seite sahen wir: die Konservativen, die Linken, SozialistInnen, DemokratInnen, UmweltschützerInnen, Wachstums-GegnerInnen und HandarbeitslehrerInnen. Es ging um Sachen wie unklare Deutungshoheit, Macht, Verzweiflung, Zukunftsangst.

Gruppe eins ist schon lange auf dem Vormarsch mit der Idee, den Staat zu minimieren, die Demokratie abzuschaffen, weil sie dem ungebremsten Wachstum hinderlich sind, und die Macht der Männer zu stärken und gegen die Anmaßungen der Frauen zu verteidigen. Wenn man UnternehmerIn ist, mit eigenen Händen ein Kapital erarbeitet hat, das dem Einkommen eines ganzen Staates in nichts nachsteht, hat man einfach keine Lust auf BürokratInnen, die einen Teil davon abhaben wollen, IdiotInnen, die Auflagen mit unsinnigen Ideen wie Ökologie und fairen Arbeitsbedingungen...

Wachstum vs. Weltfrieden

Moment, fair? WTF. Unser Leben ist nicht fair, die Welt dito und die Mannschaft Sozialkitsch musste bald einsehen, dass sie mit ihren Ideen von einem getanzten Weltfrieden, von Gleichheit, einem gesamtgedachten kontinentalen Ansatz von irgendwas keinen Stich sah.

Team Weltfrieden verbrachte die meiste Zeit des Spieles damit, zu diskutieren. Sich zu spalten, neue Untergruppen aufzutun. Sie versuchten, Spieler aus dem Team ungebremstes Wachstum abzuwerben, zu verstehen, zu tanzen. Während Team ungebremstes Wachstum sich einig war: Wir wollen das Ding gewinnen. Brillante Finanziers, hervorragende Online-Strategien und vor allem die Idee, gegen alles zu sein, was nicht war wie die meisten, also ratlos, weiß, nicht reich, nicht arm, aber vor allem nicht besonders klug, kamen bei den Zuschauern hervorragend an.

Preisabfragezeitpunkt:
26.04.2019, 17:20 Uhr
Ohne Gewähr

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Nach dem Ende des Spieles kommentierte der Führer Team Wachstum: Wir hatten einfach das klare Ziel. Ordnung. Macht des Kapitals und eine saubere Kampfansage gegen alle nicht greifbaren Pseudoproblemchen wie Klima, Umwelt, Raubbau, kommende Generationen. Wir haben zusammengehalten, und wir haben den Sieg heimgeholt.

Die Welt ist seit dem klaren Ausgang des Spiels, das man Endkampf nennen kann, für die meisten Menschen überschaubarer geworden. Volksnahe PolitikerInnen, Einstellung jeder Forschung (Wissenschaft ist nicht bewiesen), kein Staatsfunk mehr, sondern private Unterhaltung auf allen Kanälen. Klare Ansagen von oben, Recht und Ordnung. Starke Grenzen, klare Rechte für Frauen, nämlich keine. Aber der Respekt der Männer.

Wer weiß schon, was morgen kommt

Es gibt keinen Sozialkitsch mehr. Wer nicht aus eigener Kraft überleben kann, kann auch einfach sterben. Evolution, Gottglauben und Vertrauen in die eigenen Kraft. Keine überheblichen Intellektuellen mehr, keine unverständliche Kunst, kein Theater für die da oben, Tanztruppen mit nackten Ausländern. Das ist der Wunsch der Mehrheit des Volkes, der Völker, und die Utopisten hatten doch auch keine besseren Ansätze.

Zufrieden sind die Bevölkerungen, die mehrheitlich alles, was anders aussieht als die meisten, außer Landes verbracht haben. Oder in Viertel, wo die anderen unter sich sein können, unter Beobachtung, versteht sich.

Die Kohle wird wieder gefördert, das gibt Arbeit, die Atomkraftwerke tun ihren Job, Plastiktüten sind kostenlos, Abtreibung verboten, Mülltrennung dito. Die Dieselautos brummen, die Schweinemäster lachen, die Impfungen werden eingestellt, keine Zwänge für freie BürgerInnen. Der Wirtschaft geht es prima. Wer weiß schon, was morgen kommt. Prost.

Es herrscht Zufriedenheit.

insgesamt 146 Beiträge
ironcock_mcsteele 13.04.2019
1.
Populisten sind immer nur die anderen.
Populisten sind immer nur die anderen.
satissa 13.04.2019
2. Nichts verstanden
Populismus ist Demokratie, auch wenn viele nicht wahrhaben wollen.
Populismus ist Demokratie, auch wenn viele nicht wahrhaben wollen.
mporwoll 13.04.2019
3. Stimmt
ja, stimmt! Der Kampf, der eigentlich kein Kampf war, also sagen wir Mal Wettbewerb, ist verloren.
ja, stimmt! Der Kampf, der eigentlich kein Kampf war, also sagen wir Mal Wettbewerb, ist verloren.
marthaimschnee 13.04.2019
4. ich hätte da eine winzig kleine Korrektur
die KonservativInnen stehen auf der anderen Seite! Oder warum versinkt wohl der Karren im Dreck, während die am Ruder stehen?
die KonservativInnen stehen auf der anderen Seite! Oder warum versinkt wohl der Karren im Dreck, während die am Ruder stehen?
Nordstadtbewohner 13.04.2019
5. Frau Sibylle hat den Liberalismus nicht verstanden
"Wenn man UnternehmerIn ist, mit eigenen Händen ein Kapital erarbeitet hat, das dem Einkommen eines ganzen Staates in nichts nachsteht, hat man einfach keine Lust auf BürokratInnen, die einen Teil davon abhaben wollen" [...]
"Wenn man UnternehmerIn ist, mit eigenen Händen ein Kapital erarbeitet hat, das dem Einkommen eines ganzen Staates in nichts nachsteht, hat man einfach keine Lust auf BürokratInnen, die einen Teil davon abhaben wollen" Ich wüsste nicht, wenn ich ein erfolgreicher internationaler Unternehmer wäre, warum Bürokraten und Bürokratinnen einen Tel meines Erfolges abbekommen sollten. Liberalismus steht für absolute Gleichberechtigung und Freiheit eines jeden Menschen, unabhängig vom Geschlecht, der Herkunft, der Hautfarbe oder der sexuellen Orientierung. Frau Sibylle spricht von Deutungshoheit und lehnt von daher auch die liberale Gesellschaft und deren freie Marktwirtschaft ab, weil sie in einer solchen Gesellschaft genau das verliert, worauf sie so erpicht ist: Deutungshoheit. Und zwar nur ihre eigene, die jeden als Antidemokraten brandmarkt, der nicht ihre Sichtweise teilt. Ich bin - im Gegensatz zu ihnen - Frau Sibylle, ein freiheitsliebender liberaler Mensch, der sich auch große Sorgen um die Umwelt macht, aber keine Angst vor der Zukunft hat, jedoch kann auch auf Gängeleien wie "Staatsfunk", Bürokratie und Sozialismus verzichten kann. Das, was ich mir erarbeitet habe, teile ich mit meiner Familie und meinen Freunden, aber nicht mit ihrer Gesellschaft.
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