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Kultur

Essay

György Konrád über die Epoche des latenten Terrors

Terroristen als Freiheitskämpfer zu glorifizieren ist zum Bumerang für die westliche Welt geworden. Jetzt bedrohen menschliche Bomben jedermann. Wie ließe sich ohne Gewalt künftig solcher Massenmord verhindern? Eine Reflektion des Präsidenten der Berliner Akademie für Künste - exklusiv in SPIEGEL ONLINE.

Sonntag, 07.10.2001   21:25 Uhr

Das World Trade Center, New Yorks höchstes Gebäude, ist zwei Selbstmordflügen zum Opfer gefallen, zusammen mit den entführten Reisenden, die sich in den Maschinen befanden. Die Tötung von Menschen, die im Turm ihrer Arbeit nachgingen oder zufällig dort weilten, die Ermordung von Staatsbürgern aus dreiundsechzig Ländern war seitens der Angreifer durch nichts begründet, es war keine Selbstverteidigung und ermöglichte keine; die Tötungsabsicht war abstrakt und stand in keinerlei Zusammenhang mit der Person oder Nationalität der Opfer. Wer einen Menschen in die Luft sprengt, in Brand setzt, der ist ein Mörder. Muss man das mit sechstausend multiplizieren?

Die Vernichtung von fünf- bis sechstausend hilflosen und ahnungslosen Menschen in den entführten Flugzeugen und den beiden Türmen ist Massenmord gewesen. Gründe, Erklärungen, Entschuldigungen dafür zu suchen, das absolute Verbot des Massenmords zu relativieren, das ist ein intellektueller Fehler, ein mehr oder weniger naives Echo der rechtsradikalen und der linksradikalen Feinde der Demokratie. Ein Fehler lässt sich auf vielerlei Weise erklären und entschuldigen, das menschheitsfeindliche Verbrechen nicht.

Würden Unbekannte in unserer Stadt Tausende einfach nur so töten, bestünde unsere erste Reaktion dann etwa darin, die Täter zu verstehen und das, was sie getan haben, mit ihren Verletzungen zu erklären? Eine ziemlich umständliche Aufgabe, wenn von gebildeten und wohlhabenden Tätern die Rede wäre. Der Zweck des Attentats ist diesmal nicht artikuliert worden. Die Vernichter der beiden Türme haben keine Botschaft hinterlassen. Ihre Aktion ist eine transpolitische gewesen.

Massenmord inszeniert wie einen Film

Wenn aus einem der Stromerzeugung dienenden Kraftwerk eine Atombombe gemacht werden kann, wenn es ausreichend ist, in eine Lüftungsvorrichtung ein wenig Pulver zu streuen, um einen größeren Raum, in dem sich viele Menschen versammeln, in eine Gaskammer zu verwandeln, wenn sich sympathisch wirkende Studenten, Akademiker, Ingenieure darüber den Kopf zerbrechen, wie sie insgeheim einen Massenmord großen Stils inszenieren könnten, wie einen Film. Ja, wenn die private Gewalt, die sich der Aufsicht des demokratischen Rechtsstaats entzieht - auf Grund dieser oder jener Ideen, Gemeinplätze, oder oberflächlichen Behauptungen -, verstanden wird, wenn sich die Verbrecher bei ihrem Handeln schon längst der Vorteile internationaler Organisation bedienen, dann können wir zu Recht von einer neuen Epoche reden: Im vergangenen Jahrhundert prägte nukleare Abschreckung unsere Ängste, das 21. Jahrhundert droht dagegen zur Epoche des latenten globalen Terrors zu werden, in der jeder gefährdet sein kann und für uns alle die Vorstellung eines gewaltsamen Todes in greifbare Nähe rückt.

Möglicherweise wird die anachronistische Epoche der zwischen Staaten stattfindenden Kriege von der Epoche eines neuen Terrors abgelöst, der nicht die Partie eines dämonisch zu nennenden Einzelnen sein wird, sondern das ständig offene und nie endende Zusammenspiel von eigenständigen Gruppen Gleichgesinnter.

Abscheu vor bigotten Henkern

Es kommt vor, dass Demokratie aus dem Untergrund aufkeimt, es kommt vor, dass sich sanktionierte Mordlust Bahn bricht, wenn es Menschen gibt, die von ihrem Recht derart überzeugt sind, dass sie sich ermächtigt fühlen, ohne Ansehen der Person blindwütig zu morden. Mit welchem Recht und in wessen Namen haben die Täter getan, was sie getan haben? Wofür sollen wir einen heiligen Kämpfer halten, einen glühenden Patrioten, einen flammenden Revolutionär, der diejenigen tötet, die nicht zu seinen Anhängern gehören und diesen seinen Wahnsinn mit hehren Worten schmückt?

Im Verlauf meines Lebens hatte ich Gelegenheit, Abscheu vor den bigotten Henkern zu empfinden. Ich habe mich bemüht, auf keinerlei Henkerromantik hereinzufallen. Das Verfahren ist in allem das gleiche, nämlich das Töten von Menschen an erhabene Worte, an das Verletztsein und die Eitelkeit der eigenen Gemeinschaft zu binden. Deshalb sage ich, dass sich derjenige auf einem Irrweg befindet, der sich in der Beurteilung des Massenmords sogleich daran macht, nach Gründen, Motiven, Entschuldigungen und Erklärungen dafür zu suchen. Es muss axiomatische Aussagen geben, also Aussagen, die keines Beweises bedürfen, absolute Werte und absolute Verbote. Im Gegensatz zum Fundamentalismus erachten dies die zivilen Gesellschaften für notwendig. Wir setzen die als Neuzeit bezeichnete Arbeit eines halben Jahrtausends, durch die die Grundlagen für die individuellen Freiheitsrechte geschaffen worden sind, fort.

Für Terroristen besteht zwischen Soldat und Zivilist kein Unterschied

Der Andersgläubige oder, was noch schlimmer ist, der Ungläubige sind in den Augen des religiösen Terroristen Feinde, keine Menschen, Abschaum. Innerhalb der feindlichen Reihen bestehe zwischen Soldat und Zivilist kein Unterschied, das sei nur eine Frage der Kleidung, sagte der als zuständig zu betrachtende Osama Bin Laden. Von einem Weltbündnis der Terroristen reden wir nicht ohne Grund; das gemeinsame, geheime Handwerk, das Know-how, verbindet sie miteinander. Es ist möglich, Schulen zu unterhalten, in denen schon die kleinen Jungen töten möchten und Märtyrer sein wollen.

Wer alles hat nicht Verbündete in den verschiedensten Terroristenkreisen gefunden, die sich gern für Freiheitskämpfer halten! Jetzt wundern sie sich, dass der Bumerang seinen Benutzern eines über den Schädel zieht. Man hätte wissen können, dass die nationalistischen Separatismen, die sich gegen andere benutzen ließen, Brutstätten des Terrorismus sind.

Lesen Sie Teil 2 "Ist religiöse Gewalt Kulturkritik?"

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