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Kultur

Queere Szene feiert den ESC

"Tel Aviv ist eine Insel"

Weltoffen, vielfältig, feierwütig: So präsentiert sich Tel Aviv. Die israelische Stadt ist ein Paradies für queere Eurovision-Fans - wenn sie es sich leisten können.

AFP

ESC-Siegerin Netta Barzilai: "Wir lieben es hier"

Aus Tel Aviv berichtet
Mittwoch, 15.05.2019   18:02 Uhr

Halb vergessene, halb verdrängte Ohrwürmer wummern über den Strand von Tel Aviv. Menschen drängeln sich um Foodtrucks, im Hintergrund leuchtet die Stadt, Hotels sind in Regenbogenfarben angestrahlt. Montagabend. "Pride Night" im Eurovision Village - der ESC-Fanmeile.

Auf der Bühne tanzen Männer und Frauen in glitzernden Kleidern zu den alten Eurovision-Hits. "Sind hier Schwule?", fragt eine Performerin in die Menge - auf Hebräisch. Ein Teil der Menge jubelt. "Sind hier Lesben?" Etwas kleinerer Jubel. "Sind hier Queere, Transsexuelle, Bisexuelle, Queens?" So langsam verstehen auch die Touris, was passiert - und jubeln mit.

Veronique Brüggemann/ SPIEGEL ONLINE

"Pride Night" in Tel Aviv

Es ist kein Geheimnis, dass Tel Aviv als Hochburg der LGBTQ+-Community gilt. Die Szene beschränkt sich hier nicht auf einige Clubs, Bars und Treffpunkte. "Tel Aviv möchte international, fortschrittlich, tolerant, inklusiv sein", sagt Maor Heumann. "Genau das feiert der ESC auch."

"Eurovision ist kein Hobby, es ist mein Leben"

Yoav Elad

ESC-Fan Maor Heumann

Maor ist Eurovision-Superfan. Aufgewachsen in einem Kibbuz, arbeitet er jetzt in einer Marketingagentur in Tel Aviv. Dass der ESC in seiner Stadt stattfindet, bedeutet ihm viel. "Eurovision ist kein Hobby, es ist mein Leben", sagt er. Seinen ersten ESC sah er mit acht Jahren, damals war eine seiner Lehrerinnen die israelische Kandidatin. Noch immer kennt er die Lieder auswendig. "Und als Dana International gewonnen hat, war es die größte Sache der Welt für mich. Ich wusste damals noch gar nicht, dass ich schwul bin, und ich bin auch nicht trans. Aber ich dachte: Sie ist wie ich."

DPA

Die israelische ESC-Teilnehmerin Dana International 1998: "Sie ist wie ich"

Die Trans-Künstlerin Dana International ist eine Ikone in Israel, ihr Sieg beim Eurovision Song Contest 1998 wurde begleitet von Protesten der Ultrareligiösen - aber auch der ersten Pride Parade in Tel Aviv. Der Wettbewerb spielt in der Geschichte des Landes und insbesondere der queeren Community eine besondere Rolle. Die einschlägigen Clubs und Bars sind im ESC-Fieber. Es gibt Coverbands, Drag-Shows, Eurovision-Karaoke, Public Viewing und natürlich Partys, Partys, Partys.

Zu teuer für viele Fans

Maor verbringt jede Nacht im Haoman 17, dem größten Club Israels, den der Eurovision Fanclub für seine Partys reserviert hat. Oft kommen dort die Acts der vergangenen Jahre vorbei, erzählt er: Conchita Wurst, Dana International. Von den Eingeweihten werden sie gefeiert wie Popstars, sogar die Zehntplatzierten von vor fünf Jahren. Der Eintritt kostet 100 Euro für die Woche, zusätzlich zur Fanclubgebühr.

Noch exklusiver ist der offizielle "Euroclub" im schicken Hafenviertel von Tel Aviv. Hier dürfen nur die Länderdelegationen, Presse und akkreditierte Fans rein - also die, die Tickets gekauft haben.

"Es ist einfach zu teuer", sagt Bar, die mit Freunden für einen Abend nach Tel Aviv gekommen ist, um im Lima Lima, einer Kneipe in der Nähe des Rothschild Boulevards - der Flanierstraße Tel Avivs - das erste Halbfinale zu schauen. Über Tickets haben sie gar nicht erst nachgedacht, schon der Ausflug nach Tel Aviv ist teuer. Ein Paradies, das sich nur wenige leisten können.

Israel soll den teuersten Eurovision Song Contest aller Zeiten veranstaltet haben. Ein Ticket fürs Finale kostet rund 260 Euro, für die anderen Shows und die Generalproben geht es bei 80 Euro los - am Ende blieb der israelische Sender Kan deswegen auf vielen Karten sitzen.

"Tel Aviv ist eine Insel"

Noch ist es eher ruhig im Lima Lima, keine Spur von der rauschenden Party, die hier später in der Nacht noch toben wird. Im Innenhof hängen Plastikpflanzen von den Wänden, auf Barhockern sitzen kleine Grüppchen um eine Leinwand und die Bar. Hier und da wird geflirtet und gekuschelt, sonst eher konzentrierte Ruhe. Applaus für Netta Barzilai, die israelische Gewinnerin des vergangenen Jahres, die die Show eröffnet.

"Wir lieben es hier", sagen Jordan und Kinden. Die beiden sind frisch verlobt und aus England angereist. Zehnmal besser als Lissabon sei es - die Fanmeile, die Leute, das Essen, das Wetter, die queere Szene. Ohne den ESC wären sie vermutlich nie auf die Idee gekommen, hier Urlaub zu machen, sagen die beiden.

Am Tisch nebenan klingt das noch entschiedener: "Wir sind nicht für Israel hier, sondern für den ESC", sagt Juliette. Nach Jerusalem wäre sie nicht gefahren. Aber Tel Aviv sei ja anders, stehe nicht für den Rest des Landes.

Lange hat die Regierung Netanyahus versucht, den Song Contest nach Jerusalem zu holen. Natürlich auch, um ein politisches Zeichen zu setzen. Doch mit Proben am Samstag, dem jüdischen Ruhetag Sabbat, war das im religiös geprägten Jerusalem nicht zu machen.

Jim Hollander/ DPA

Küssende bei der Gay Pride Parade in Tel Aviv

In Tel Aviv kein Problem. Auch Shuttlebusse wurden eingerichtet, Clubs und Restaurants haben sowieso geöffnet. "Tel Aviv ist eine Insel", sagt Maor. "Nirgendwo sonst in Israel kann ich mich so wohl und sicher fühlen und Teil der LGBTQ+-Community sein."

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