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Kultur

In eigener Sache

Hier ist der Abschlussbericht der Aufklärungskommission zum Fall Relotius

Im Dezember 2018 machte der SPIEGEL die Fälschungen seines ehemaligen Redakteurs Claas Relotius öffentlich und leitete eine interne Untersuchung ein. Der Bericht über den Betrugsfall liegt jetzt vor.

Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL-Verlag

Freitag, 24.05.2019   12:00 Uhr

Liebe Leserin, lieber Leser,

etwas mehr als fünf Monate ist es her, dass wir die Fälschungen unseres ehemaligen Redakteurs Claas Relotius offengelegt haben. Wie versprochen hat der SPIEGEL die Zeit genutzt, um den Betrugsfall aufzuarbeiten. Eine dreiköpfige Aufklärungskommission hat ergründet, wie es Relotius gelingen konnte, sämtliche Sicherungen außer Kraft zu setzen. Und sie hat untersucht, wie wir dem Betrugsverdacht nachgegangen sind, als dieser erstmals vom Kollegen Juan Moreno geäußert wurde.

Die gute Nachricht: Es wurden keine Hinweise darauf gefunden, dass jemand im Haus von den Fälschungen wusste, sie deckte oder gar an ihnen beteiligt war.

Die schlechte Nachricht: Wir haben uns von Relotius einwickeln lassen und in einem Ausmaß Fehler gemacht, das gemessen an den Maßstäben dieses Hauses unwürdig ist. Und: Wir sind, als erste Zweifel aufkamen, viel zu langsam in die Gänge gekommen und haben Relotius' immer neuen Lügen zu lange geglaubt. In seiner Verdichtung zeichnet der Bericht da ein verheerendes Bild.

Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes haben wir den Bericht für die Veröffentlichung im SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE an einigen Stellen anonymisiert; überall dort, wo wir bereits in eigener Sache unter Nennung vollständiger Namen berichtet haben, tun wir dies auch hier. Auch wenn Claas Relotius seine Fälschungen mit aller Akribie vertuscht und abgesichert hat, so haben doch einige Kollegen die Verantwortung dafür übernommen, dass sein Treiben so lange unentdeckt bleiben konnte: Der zuständige Dokumentar hat den SPIEGEL auf eigenen Wunsch verlassen, zwei von Relotius' ehemaligen Vorgesetzten sind abgetreten, der eine als Ressortleiter, der andere als Chefredakteur.

Im hinteren Teil des Berichts werden exemplarisch einige Beispiele genannt, in denen nicht betrogen, aber unsauber gearbeitet wurde: indem Geschichten durch eine sehr großzügige Auslegung von Abläufen oder Fakten eine künstliche Dramaturgie eingepflanzt wurde. Dergleichen war bis zuletzt auch in anderen Redaktionen durchaus üblich, macht die Masche aber nicht legitimer - und wird bei uns nicht länger toleriert.

Wie geht es nun weiter? Wir haben dem Qualitätsjournalismus in Deutschland mit dem Fall Relotius einen gewaltigen Imageschaden zugefügt, das ist uns bewusst. Deshalb werden wir unsere Lehren daraus ziehen. Wir organisieren unsere Sicherungsmechanismen fortan so, dass sie auch nahtlos funktionieren, wir richten eine unabhängige Ombudsstelle ein, die etwaigen Hinweisen auf Ungereimtheiten nachgehen soll, und wir überarbeiten unsere Recherche-, Dokumentations- und Erzählstandards.

Die Kommission hat hierzu eine Reihe von Vorschlägen gemacht, zusätzlich arbeiten drei SPIEGEL-Teams an einem neuen journalistischen Regelwerk für unsere Marke.

Wenn all das den SPIEGEL besser macht, stellen sich die Betrügereien von Claas Relotius rückblickend betrachtet vielleicht als heilsamer Schock heraus. Der Abschlussbericht war dafür ein wichtiger Schritt, aber die Aufarbeitung geht weiter.

Thomas Hass, Geschäftsführer; Steffen Klusmann, Chefredakteur

Hier finden Sie den Abschlussbericht der Aufklärungskommission, der auch im SPIEGEL Nr. 22 vom 25. Mai 2019 erscheint:

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Der Fall Relotius: Welche Texte gefälscht sind und welche nicht - hier finden Sie den Überblick.

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insgesamt 175 Beiträge
nurdieruhe 24.05.2019
1. Mut zur Selbstkritik
Ich ziehe meinen Hut zum Umgang mit diesem Fall - die Art der Aufarbeitung ist vorbildlich, die Selbstkritik zeigt Haltung und Stärke, auch wenn sie mir inhaltlich etwas überzogen erscheint. Individuelles Fehlverhalten wird es [...]
Ich ziehe meinen Hut zum Umgang mit diesem Fall - die Art der Aufarbeitung ist vorbildlich, die Selbstkritik zeigt Haltung und Stärke, auch wenn sie mir inhaltlich etwas überzogen erscheint. Individuelles Fehlverhalten wird es immer wieder geben, dieses zu entdecken und transparent zu machen, ist von einer so enormen Bedeutung für Freiheit und Rechtsstaat, die vielen gar nicht bewusst ist. Investigativer Journalismus ist einer der größten Schätze unserer Demokratie, umso wichtiger ist die intensive Aufarbeitung, die dem Schutz der Glaubwürdigkeit dient und nach meiner Wahrnehmung vom Spiegel mit der notwendigen Ernsthaftigkeit vorbildlich betrieben wird. Wohltuend für uns alle, die wir täglich mit den lächerlichen Rechtfertigungen und abwegigen Tatsachenverdrehungen der Populisten belästigt werden, wenn sie - dank engagierter Journalisten und Whistleblower - in ihrem unehrenhaften Verhalten ertappt werden.
vox veritas 24.05.2019
2.
Seitdem werden Kolumne und Kommentare besser gekennzeichnet,
Seitdem werden Kolumne und Kommentare besser gekennzeichnet,
audaxaudax 24.05.2019
3.
Nabelschau von SPON und Spiegel wen juckts
Nabelschau von SPON und Spiegel wen juckts
freidenker49 24.05.2019
4. Die Opferrolle übernehmen
Es könnte der Eindruck entstehen, dass der arme Spiegel von dem bösen Relotius derartig hinters Licht geführt wurde. Dass das ja von dem eine ganz schlimme Sache gewesen sei. Sie erwähnen jedoch richtigerweise, dass ihre [...]
Es könnte der Eindruck entstehen, dass der arme Spiegel von dem bösen Relotius derartig hinters Licht geführt wurde. Dass das ja von dem eine ganz schlimme Sache gewesen sei. Sie erwähnen jedoch richtigerweise, dass ihre Schutzmechanismen nicht funktioniert haben. Sie haben also Fehler gemacht. Und deshalb sind sie auch das Opfer dieser Fehler geworden. Sie sind also durchaus ein Opfer. Und können deshalb auch ihre Opferrolle durch aus so zu geben. Sollte hier mal ausführlich erwähnt werden, da es eine bestimmte Partei gibt, die sich angeblich immer in der Opferrolle suhlt. Aktuell wird dieser Partei und ihren Mitgliedern ein ähnlicher Charakter unterstellt wie Strache von der FPÖ. Und ein Schelm ist, wer auf den Vergleich käme, das Verhalten von Relotius als typisch für die gesamte Branche jetzt zu betonen.
Margaretefan 24.05.2019
5. Ob es dem Spiegel hilft,...
...den entstandenen Schaden so klein wie möglich zu halten, kann nur die Zeit zeigen. Dass gerade parallel dazu ein intelligenter, junger und talentierter Mann, mit einem oberlehrerhaft wirkenden Faktencheck auf SPON vorgeführt [...]
...den entstandenen Schaden so klein wie möglich zu halten, kann nur die Zeit zeigen. Dass gerade parallel dazu ein intelligenter, junger und talentierter Mann, mit einem oberlehrerhaft wirkenden Faktencheck auf SPON vorgeführt wird, wenn auch recht milde, halte ich für extrem unklug. Dem jungen Mann, der aus meiner Sicht seine eigenen Meinungen kundgetan hat und diese Meinungen mit den für ihn geltenden Ursachen belegte, sollte der Spiegel einen Job anbieten. Ich würde drauf tippen, dass (zahlende bzw Geld einbringende) Leser unter 30 Jahren nicht in all zu großer Anzahl vorhanden sind. Herr Lobo allein wird das Problem nicht rocken können. Zudem würde ich es wagen die Wette einzugehen, dass es zu jeder einzelnen "These" von diesem Rezo mindestens einen Spiegelartikel gibt, der ziemlich exakt ins selbe Horn bläst. sowohl als Meinungsäußerung, sprich Kolumne, als auch als "Qualitätsjournalismus" recherchiert, überprüft, für gut befunden und schließlich veröffentlicht.

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