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Kultur

Harmonische Feiertage

Frauen als Stahlträger und Zuckerguss

Geschenke besorgt, Essen gekocht, Schwiegereltern angerufen. An Weihnachten zeigt sich: Die Welt glaubt immer noch, dass Frauen anderen das Leben schöner machen sollen. Wie wäre es an dieser Stelle mal mit Streik?

DPA

Weihnachtsshopping in Berlin (Archivbild)

Eine Kolumne von
Dienstag, 25.12.2018   21:01 Uhr

Fröhliche Weihnachten, das heißt immer auch, fröhliche Tage in einer Welt, die von Frauen zusammengehalten wird. Frauen, die sich kümmern, weil es sonst niemand tut, weil sonst alles zusammenbricht.

Ich habe gelesen, es gibt Planungen für einen Frauen*streik am 8. März, und wie könnte ich anders, als das gut zu finden? Aber viel interessanter wäre ein Frauenstreik über Weihnachten. Nicht im Sinne der Niederlegung von Erwerbsarbeit, sondern als Verweigerung der Familien-, Beziehungs- und emotionalen Arbeit, die am Ende dazu führt, dass die Geschenke unterm Baum liegen, das Essen auf dem Tisch steht und die Schwiegereltern angerufen werden. Einmal diese Apokalypse sehen!

Frauen sind immer noch die Stahlträger und der Zuckerguss dieser Gesellschaft. Das ist an Weihnachten am irrsten, wenn sie wochenlang dafür sorgen, dass dieses Konzentrat bürgerlicher Vorstellungen von Familie und Harmonie halbwegs ansehnlich ausfällt und man den Kindern dann erzählt, dass irgendwelche drolligen Fantasiefiguren die Geschenke besorgt hätten. Konkret: ein Kind oder ein alter Mann, aber nie eine Frau.

Gleichzeitig berichten die Betreiberinnen von Frauenhäusern oder Hilfetelefonen regelmäßig, dass sogenannte häusliche Gewalt gegen Frauen um Weihnachten herum besonders zunimmt, was kein Wunder ist bei einem Fest, das hauptsächlich darin besteht, besoffene Angehörige zu ertragen.

Eva, Intrigen, Total-Absturz

Die allerbesten Chancen, Aufmerksamkeit zu bekommen, haben Frauen immer noch, wenn sie sich der Rolle der Harmonieversprüherin unter den Menschenartigen verweigern. Die ganze christliche Tradition beruht auf der Erzählung über eine Frau, die sich angeblich danebenbenommen hat. Eva, die erste freche Frau.

Und dann geht man im Jahr 2018 in einen beliebigen Kiosk und findet immer noch Zeitschriften, deren komplettes Geschäftsmodell daraus besteht, die vermeintlichen Verfehlungen (essen, trinken, selbst entscheiden) von Frauen zu dokumentieren: "Jennifer Aniston: ihre peinliche Trennungslüge!", "Katie Holmes: Total-Absturz! Dramatische Schock-Fotos! Jetzt droht Katie die Psychoklinik" ("InTouch").

Die "In" berichtet über den "Krieg" der Promi-Mütter, die "Bunte" lässt Boris Becker über seine Trennungsgründe sprechen ("Sie hatte die falschen Freunde, sie hatte Probleme mit meinen großen Kindern") und die "Gala" forscht in England den "Intrigen am Hof" nach, weil es unmöglich sein kann, dass Kate und Meghan einfach alles im Griff haben. Und sie alle sind bereit, seitenlang Mutmaßungen über innere Zustände zu halluzinieren, sobald sie eine prominente Frau beim Nichtlächeln erwischen, dem Verstoß gegen die erste weibliche Bürgerpflicht.

"Lächel doch mal"

Ich würde gern behaupten, dass es übertrieben ist zu behaupten, Frauen seien immer noch dafür zuständig, die Welt mit Liebe zu dekorieren, aber dazu wird Frauen immer noch viel zu oft in den unmöglichsten Situationen ein "Lächel doch mal" oder "Warum so ernst?" reinpenetriert, wenn sie gerade auf den Bus warten oder ein Graubrot kaufen. Würden Männer gleich oft solche Kommentare hören, gäbe es wahrscheinlich dreimal so viele Amokläufe, nur eine kleine optimistische Schätzung.

"Der einzige Grund dafür, warum die Welt noch nicht in Flammen steht, ist die Fähigkeit von Frauen, ihre Gefühle im Griff zu behalten", hat Alena Schröder vor Kurzem im "SZ Magazin" geschrieben. "Frauen haben verinnerlicht, wie wichtig es für die öffentliche Wahrnehmung ist, dass sie ihre berechtigten Anliegen freundlich vortragen." Aber nicht nur für die öffentliche. Zumindest kenne ich auch aus dem Privatleben wenig Geschichten über Männer, die Konflikte mit der Familie so lächelnd wie möglich ertragen, um sich anschließend auf der Toilette einzuschließen und vor Wut zu weinen.

Jetzt könnte man sagen, Frauen sollen das alles eben nicht mitspielen, und natürlich gibt es längst Frauen, die sich dem Wahn verweigern. Das ist schön, aber nicht die einzige Lösung, weil die feministische Lösung für Probleme der Ungleichheit nie sein kann, Frauen einfach einen Tick mehr Kampf ans Herz zu legen.

Es gibt ein Kunstprojekt von Tatyana Fazlalizadeh, das "stop telling women to smile" heißt. Der Adressat: eine Welt, die glaubt, dass Frauen dazu da sind, anderen das Leben schöner zu machen. Eine Welt, in der Frauen geben und Männer nehmen. Eine Welt, die es verdient hat, angezündet zu werden. Fröhliche Weihnachten!

insgesamt 186 Beiträge
birdseedmusic 25.12.2018
1. Hallo Unbekannte Nr. 1
Fröhliche Weihnachten, und bitte mal deinen Autorennamen über die Kolumne setzen. Er grüßt herzlich ein alter weißer Mann
Fröhliche Weihnachten, und bitte mal deinen Autorennamen über die Kolumne setzen. Er grüßt herzlich ein alter weißer Mann
sysop 25.12.2018
2. @birdseedmusic
Vielen Dank für ihren Hinweis, wir haben das umgehend nachgeholt.
Vielen Dank für ihren Hinweis, wir haben das umgehend nachgeholt.
t_mcmillan 25.12.2018
3. Es nervt
Wieder mal jemand, der meint, dass man den Frauen sagen muss, was sie tun sollen? In diesem Artikel zur Abwechslung von feministischer Seite. Einfach sein lassen. Lasst die Frauen doch einfach machen, wie sie wollen.
Wieder mal jemand, der meint, dass man den Frauen sagen muss, was sie tun sollen? In diesem Artikel zur Abwechslung von feministischer Seite. Einfach sein lassen. Lasst die Frauen doch einfach machen, wie sie wollen.
Häkelmütze 25.12.2018
4.
Männer, die Konflikte mit der Familie so lächelnd wie möglich ertragen, quasseln anschliessend nicht drüber; Deswegen hören Sie vermutlich nicht so viel davon.
Männer, die Konflikte mit der Familie so lächelnd wie möglich ertragen, quasseln anschliessend nicht drüber; Deswegen hören Sie vermutlich nicht so viel davon.
Katzazi 25.12.2018
5.
Als Frau verstehe ich, was Sie mit dem Artikel meinen. Aber die Lösung ist eigentlich nicht, aufzuhören, zu versuchen die Dinge im Großen und Ganzen harmonisch anzugehen. Denn eigentlich ist das ja meist der für alle bessere [...]
Als Frau verstehe ich, was Sie mit dem Artikel meinen. Aber die Lösung ist eigentlich nicht, aufzuhören, zu versuchen die Dinge im Großen und Ganzen harmonisch anzugehen. Denn eigentlich ist das ja meist der für alle bessere Weg. Natürlich sollte das nicht immer die Lösung sein, manchmal ist es einfach nicht zum Lächeln und da muss dann auch mal eine andere Reaktion kommen. Aber überall da, wo es eigentlich auch freundlich und harmonisch gehen könnte, sollte Frau eher versuchen eben darauf auch zu bestehen und andere dazu animieren. Sicherlich sind es nicht immer nur die Frauen die das versuchen (ich kenne auch einige Männer die darin viel besser sind als ich). Aber in der Grundtendenz stimmt es leider. In meinem Umfeld ist just diese Tage wieder etwas heftig eskaliert, weil da ein Haufen Männer agiert haben. Und jetzt stellt sich heraus, dass sie noch nicht einmal gemerkt haben, dass ihr Verhalten auf der anderen Seite unzweifelhaft aggressiv rüberkommen würde. Sie haben garnicht darüber nachgedacht. Das finde ich traurig und gefährlich. Und anstrengend... Aber wenn das keiner aufzeigen und Alternativen vorschlagen würde, wäre es auch nicht besser. Also nicht streiken, aber laut werden. ;-)
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