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Kultur

S.P.O.N. - Der Kritiker

Picknick-Korb mit Pyro-Technik

Gewalt als Folklore: Die ritualhaften Ausschreitungen zum 1. Mai stützen letztendlich nur die Logik des Systems, das gestürzt werden soll. Dabei gibt es soviel, für das gekämpft werden muss. Und zwar jeden Tag.

DPA

1.-Mai-Ausschreitungen in Berlin 2014: Anarchie als Ritual

Eine Kolumne von
Freitag, 01.05.2015   12:52 Uhr

Der 1. Mai ist ein historischer Irrtum, und zwar nicht, weil das, was es zu feiern gäbe, falsch wäre - weniger Arbeit für die, die Arbeit haben -, sondern weil der Gang der Dinge diesem Tag seine Bedeutung genommen hat.

Es geht ja nicht mehr so sehr darum, die Arbeit zu regeln, die es zu tun gibt - es geht viel mehr darum, darüber nachzudenken, ob es in naher Zukunft überhaupt noch Arbeit geben wird, und wenn ja, welche, und was das dann bedeutet.

Wir leben eben nicht mehr mitten in der industriellen Revolution, aus deren Logik dieser Feiertag entstanden ist - wir leben mit der Vision von Maschinen, die den Menschen als Arbeitskraft und überhaupt überflüssig machen könnten.

Wir leben schon mitten in der nächsten Revolution, der Revolution der künstlichen Intelligenz, die die Frage nach dem Sinn und Zweck des Menschen ganz anders stellt als im 19. Jahrhundert und sehr viel existenzieller.

Wir leben mit der Realität des Klimawandels, der die Lebensbedingungen der Menschen dramatisch ändern wird und den Gedanken an ein posthumanes Zeitalter noch mal plausibler macht.

Die postdemokratische Kontrollgesellschaft

Wir leben in einer postdemokratischen Kontrollgesellschaft, in der sich die soziale Spaltkraft des Kapitalismus mit den neuen Überwachungsmöglichkeiten der digitalen Systeme zu einem wunderbaren Unterwerfungswerkzeug fügt.

Wir leben an der Schwelle zu einer Zukunft, in der womöglich alles auf dem Spiel steht - und der 1. Mai markiert auf ziemlich widersprüchliche Art und Weise genau diesen Bruch und auch die Verweigerung, den Bruch zu erkennen.

Es ist eine Feier der Vergangenheit, es ist eine Feier historischer Scheinsiege, die nichts am Wesen des Kapitalismus verändert haben, es sind Wohlfühlrituale von Gewerkschaften, die ihre Existenz den Kämpfen von vor hundert Jahren verdanken und sich heute in engstirnigen Abwehrschlachten verlieren, während draußen die Welt versinkt.

Es ist Folklore, in jeder Hinsicht, Folklore des Humanen wie auch Folklore der Gewalt - wobei die Gewalt, die an diesem Tag wie ein schamanistischer Brauch betrieben wird, ihren tieferen Grund darin haben könnte, dass sie aus dem Wissen um diesen Konflikt entsteht, zwischen der leeren Symbolhaftigkeit des 1. Mai und dem eigentlichen Beben, das unser Leben erschüttert: ein einziges Anrennen gegen die eigene Machtlosigkeit.

Anarchie als Stütze der Ordnung

Und das ist eben die letztlich repressive Logik dieses Feiertages, die Logik der Macht, die einen Tag im Jahr zulässt für Anarchie, die den Rest des Jahres aber die Ordnung umso strenger und struktureller stabilisiert.

Denn warum diese Wut am 1. Mai? Warum nicht an allen anderen Tagen? Wenn es Gründe gibt, wütend zu sein, müsste jeden Tag 1. Mai sein - die seltsam ritualisierte Gewalt wirkt dagegen wie ein Spiel, das für einen Tag zugelassen wird.

Aber Gewalt, die zu Folklore wird, wird harmlos und berechenbar. Das ist es, was die Macht will: Der Zeigefinger geht nur noch in eine Richtung - dorthin, wo die Autos brennen und die Scheiben brechen.

Es ist, als ob all die historisch frei flottierende Gewalt nun in diesen einen Tag gepackt ist - eine Art Pyro-Picknick-Korb, und wenn man seine Wut befriedigen will, öffnet man ihn und bedient sich daraus.

Die strukturelle Gewalt wird dabei durch die aktuelle Gewalt überdeckt, fast unsichtbar, in einer journalistischen Berichterstattung, die gelernt hat, dass Ereignisse einfacher darzustellen sind als Entwicklungen.

Alan Rusbridger, der scheidende Chef-Redakteur des "Guardian" hat das gerade eindrucksvoll festgehalten, das Scheitern des Journalismus angesichts der "größten Story unserer Zeit", des Klimawandels.

Es gibt eine große Sehnsucht, auf allen Seiten, dass etwas passiert - nicht, damit sich etwas ändert, sondern damit man darüber berichten kann. Es wirkt fast wie ein anthropologisch begründeter Drang nach Action, nach Bildern, eine einzige Rangelei mit der Kontingenz der Zeit: Das ist der Sinn und das ist das Lächerliche des 1. Mai.

Natürlich kann man diesen Tag trotzdem nutzen. Die Route der Berliner Demonstration führt in diesem Jahr an der Gerhart-Hauptmann-Schule vorbei und greift damit das aktuell wohl dringendste humanitäre Problem auf, die Frage, wie diese Gesellschaft mit Flüchtlingen umgeht und wie sie auf den Massenmord im Mittelmeer reagiert.

Und am Alexanderplatz beginnt die Aktion "Anything to say?" : Menschen, die sich im stummen Protest auf Stühle stellen, um für das zu demonstrieren, was auch Julian Assange, Edward Snowden und Chelsea Manning wollten, Meinungsfreiheit und den Widerstand gegen die digitalen Kontrollregime der Macht.

Anders gesagt: Die Kämpfe werden mehr, sie werden dringender, sie werden existenzieller. Jeder Tag ist 1. Mai.

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insgesamt 37 Beiträge
hschmitter 01.05.2015
1.
Wir leben in einer Zeit, in der einige wenige (Reiche) sehr gut von vielen alimentiert werden und diese vielen sich gut auseinanderdividieren lassen. Normalerweise wäre schon bei dem Gedanken, daß die sedierende Mutti es [...]
Wir leben in einer Zeit, in der einige wenige (Reiche) sehr gut von vielen alimentiert werden und diese vielen sich gut auseinanderdividieren lassen. Normalerweise wäre schon bei dem Gedanken, daß die sedierende Mutti es zugelassen hat, daß wir ausspioniert werden, kein stilles Stehen auf dem Stuhl notwendig, sondern der Durchmarsch zu dem Protzbau der Chefin an der Spree. Ob es dort so blutig wie 1789 weitergehen sollte, steht auf einem anderen Blatt Papier. Aber so lange wir unsere kleinen Glückseligkeiten verbissen gegen Flüchtlinge und "Transfer"empfänger verteidigen anstatt das System zu hinterfragen, wird sich nichts bewegen und Mutti wird weiter stumm auf IHREM Stuhl sitzen bleiben.
angst+money 01.05.2015
2. gut
Obwohl ich der Protest- oder linken Bewegung in vielen Dingen nach wie vor inhaltlich zustimmen kann, sind es die Hysterie und Borniertheit und ebenso pathetische wie sinnlose Parolen und Aktionen, die mich völlig von diesen [...]
Obwohl ich der Protest- oder linken Bewegung in vielen Dingen nach wie vor inhaltlich zustimmen kann, sind es die Hysterie und Borniertheit und ebenso pathetische wie sinnlose Parolen und Aktionen, die mich völlig von diesen Leuten entfremdet haben. Fast schon Fleischhaueresk. Oder, ein abgewandelter Klassiker: Die Revolution wäre ja nett, wenn nur die Revolutionäre nicht wären...
jan07 01.05.2015
3. Verlogen
Soso, Herr Diez, diese Gewalt hat also in Ihren Augen einen 'tiefen Sinn'. Es bedarf wenig Phantasie, um sich auszumalen, wie Ihr Artikel wohl geklungen hätte, wenn es um 'rechte' Gewalt gegangen wäre. Dieser Artikel ist ein [...]
Soso, Herr Diez, diese Gewalt hat also in Ihren Augen einen 'tiefen Sinn'. Es bedarf wenig Phantasie, um sich auszumalen, wie Ihr Artikel wohl geklungen hätte, wenn es um 'rechte' Gewalt gegangen wäre. Dieser Artikel ist ein klassisches Beispiel für den verdrucksten und verlogenen Umgang linksliberaler Zeitgenossen mit dem Phänomen 'Gewalt'.
hschmitter 01.05.2015
4.
Herr Diez hat geschrieben, es wird für einen Tag eine ritualisierte Gewalt zugelassen. Das ist etwas anderes als diese Form von Gewalt jeden Tag zu zelebrieren - und genau das hat er gesagt. Das andere ist die strukturelle [...]
Zitat von jan07Soso, Herr Diez, diese Gewalt hat also in Ihren Augen einen 'tiefen Sinn'. Es bedarf wenig Phantasie, um sich auszumalen, wie Ihr Artikel wohl geklungen hätte, wenn es um 'rechte' Gewalt gegangen wäre. Dieser Artikel ist ein klassisches Beispiel für den verdrucksten und verlogenen Umgang linksliberaler Zeitgenossen mit dem Phänomen 'Gewalt'.
Herr Diez hat geschrieben, es wird für einen Tag eine ritualisierte Gewalt zugelassen. Das ist etwas anderes als diese Form von Gewalt jeden Tag zu zelebrieren - und genau das hat er gesagt. Das andere ist die strukturelle Gewalt - da liefern die letzten Wochen ja genug Beispiele - Flüchtlinge, BNMD/NSA/Merkel - die vom System ausgeübt wird - meist durch Ignorieren. Und deren eigentliche Ursachen auch in den Medien oft zugunsten einer tagesaktuell emotionalisierten Sau ignoriert werden. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es aussehe, wenn wir ernsthaft so leben wie wir es z.B. den "Wirtschafts"flüchtlingen aus Afrika zumuten, weil die EU gezielt die dortigen Märkte kaputt gemacht hat. Und ich möchte mir auch nicht ausmalen, wie es aussieht, wenn meine Wohnung gestürmt wird, weil meine Mail automatisiert falsch interpretiert worden ist.
WAHRHEITt! 01.05.2015
5. Lieber Georg Diez,
bitte verwechseln Sie Anomie Nicht mit Anarchie. Ich erwarte, dass man als Journalist auch weiß welche Fachwörter welche Bedeutungen haben, wenn diese benutzt werden. Die Anarchie ist kurz gesagt ein Zustand der [...]
bitte verwechseln Sie Anomie Nicht mit Anarchie. Ich erwarte, dass man als Journalist auch weiß welche Fachwörter welche Bedeutungen haben, wenn diese benutzt werden. Die Anarchie ist kurz gesagt ein Zustand der vollumfänglichen Ordnung und nicht des Chaos, zu der von Ihnen propagierten Ordnung... Das A im O - Anarchie ist Ordnung. mfg
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) befasst sich mit Selbstbestimmung und dem Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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