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Kultur

"Germania" an der Volksbühne

Wo Müller draufsteht, ist nicht Heiner drin

Hitler und Stalin als Witzfiguren auf dem Klo: Claudia Bauer inszeniert die "Germania"-Stücke des großen Dramatikers Heiner Müller an der Berliner Volksbühne - und macht aus ihnen einen Kessel Buntes.

Julian Röder/ Volksbühne Berlin
Von
Freitag, 18.10.2019   12:57 Uhr

In Haus "Nr. 9" - ein Ostplattenbau ohne Fernblick vielleicht oder nur einer dieser seelenlosen Büroklötze mit Vergnügungszellen aus dem Westen - ist die Hölle los. In dem rotierenden Gebäudegerippe mit seinen vielen Zimmern, allesamt Dunkelkammern der Vergangenheit, begegnet man all den Menschen, denen man schon immer aus dem Weg gehen wollte. Sie mischen sich unter uns, stellen sich uns mit ihren Ideologien und Beklopptheiten, mit Macht und noch mehr Gewalt in den Weg. Dieses Haus heißt "Germania" - lebend kommt da keiner raus.

Der Schriftsteller und Dramatiker Heiner Müller hat sich an diesem Kosmos abgearbeitet. In seinen beiden Stücken "Germania Tod in Berlin" und "Germania 3 - Gespenster am toten Mann" schlug er historisch völlig unkorrekt den weiten Bogen von Tacitus über Friedrich den Großen und die Weltkriege. Er kam dann beim DDR-Alltag, in den mit der Wende der Kapitalismus krachte, wieder auf den Boden der widrigen Tatsachen und unabwendbaren Lügen über Aufbau und Sozialismus zurück. Der Dichter füllte die Leerstellen in den Vergangenheits-Lehrbüchern kühn mit Wut und Verzweiflung, aber auch mit Sehnsüchten nach besseren Zeiten und Welten. Geschrieben wurde jeweils aus zwei Perspektiven: vor und nach der Wende, also vor und nach der Illusion, der von jeher schon zu misstrauen ist. Verlust als Triebfeder.

Nach Müller-Art war das eine von bösem Skeptizismus geprägte Geschichts-Zersplitterung, in der sich die frühen Leiden mit den späten und finalen mischten: Friedrich erscheint da, der seinem Sohn den Freund Katte mordet, das Nibelungenlied wird angestimmt, während Spartacus den Bach runtergeht, Hitler und Stalin treten auf, im Untergang überlebensgroß. Endlich die DDR, das gelobte Land, das Müller ersehnte und schmähte: Aufstände und Abgründe, Utopien und Augenwischerei im Schatten des Republik-Palastes. Und dann, mitten im Wirtschaftswunder, rasten die Mühseligen und Geplagten aus - Zufriedenheit ist auch keine Lösung.

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Die Regisseurin Claudia Bauer hat für die Berliner Volksbühne diese Texte geplündert, hat sich Fragmente und Szenen herausgesucht, sie neu gemischt, mit Witz und Leichtsinn und manchmal kindischem Übermut in große Szene gesetzt. So komisch wie öde, so bunt wie platt, so wirr wie pompös, irgendwo zwischen Commedia dell'arte und Stand-up hängend, zwischen Gedankenschwere und Quatsch. Am Ende ihrer Geisterbahnfahrt durch den mehr als tausendjährigen germanischen Irrgarten aber ist man so klug und verstört wie zuvor. Viel Aufwand für ein bisschen Erkenntnis: "Jeder ist sein eigener Preuße."

Es ist diese allbekannte Bauer-Art, die einem den Abend, an dem immer wieder die klugen Müller-Verdikte hervorspitzen, verleidet. In bester DDR-Manier serviert die gebürtige Bayerin ihren Kessel Buntes, in dem das Süppchen aus allen möglichen theatralischen Zutaten dampft und brodelt und endlich überkocht. Serviert wird das Menü dann heiß-kalt, will sagen: so richtig entscheiden, welche thematische Geschmacksrichtung sie da eigentlich anbietet, kann sich Claudia Bauer nicht.

Vor allem ihre Lust an comichaft-schräger Verwandlungskunst und Überzeichnung ist unbändig. Raum bietet ihr dafür die Bühne von Andreas Auerbach, die mit ihrer Zimmerverschachtelung und den Videospähblicken ins Intime gerne und ungeniert an Castorf-Volksbühnen-Zeiten erinnert. Auch jetzt wirbelt das Interieur um die eigene Achse, und die Kamera jagt die Darsteller gnadenlos in die seelische Enge und ins Ungewisse.

Dazu erklingt bedrohlich anschwellend und trügerisch besänftigend Musik von einem großen Orchester (Leitung Mark Scheibe), das am rechten Rand platziert ist und dem ganzen Unternehmen eine Kintopp-Atmosphäre aus der Stummfilmara verpasst: Alle knarzenden, fiependen, quietschenden Geräusche liefern die Musiker passgenau zu den Aktionen der Akteure.

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"Germania" an der Volksbühne: Despoten auf dem Abort

Für eingefleischte und Hardcore-Müller-Fans aber dürfte es eine erschreckende Erfahrung gewesen sein, dass man ihren Meister auch kabarettistisch auf die leichte Schulter nehmen kann. In der Nummernrevue des Schreckens, der hier etwas leichtfertig Banales verpasst bekommt, treten die beiden Despoten des vergangenen Jahrhunderts mit Bart und Bärtchen vornehmlich auf ihren Klos auf, wo sie verbal wüten und mit Exkrementen Europa versauen; sie erscheinen nicht gefährlich, eher putzig in ihrer Analphase stecken geblieben.

Und so geht es munter weiter im Szenen-Reigen: Aus dem verrohten Kriegsverbrecher wird der vom Aufschwung verwirrte Fremdarbeiter, der nackt und seelenruhig in Kroatien seine Familie niedermetzelt und in feinem Zwirn ein neues Dasein beginnt; die Preußen kabbeln sich pubertär launig und die Huren philosophieren über Klassenkrampf; die Stahlhelme scheppern und der Sound klingt nach Wagner. Dazwischen Müller-Doubles mit fetter Zigarre und schweren Sätzen.

Das ist alles so unterhaltungsselig hingetuscht, aufgesetzt und aufgemotzt, mal gruselig, mal albern, kommt als Puppenspiel und als Kostümball daher. Hier arbeiten sich nicht Gespenster an Opfern, sondern Lemuren an Scheintoten ab.

Ein flotter Abend des Schreckens und der verpassten Chancen ohne Ursachenforschung, ein circensischer Höhenflug ohne analytischen Tiefgang. Nicht immer ist Heiner drin, wo Müller draufsteht.


"Germania": Volksbühne Berlin, nächste Vorstellungen am 19. und 31.10. sowie 10. und 16.11., volksbuehne.berlin

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