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Kultur

Gleichberechtigung

Weltnachricht! Ein Mann hat ein Baby gehalten!

Es läuft viel schief in unserer Welt, das würde ein Außerirdischer zu Besuch sofort merken. Aber zum Glück gibt es ja auch Positives zu berichten - über Spitzenväter zum Beispiel.

Sebastian Gollnow/ DPA

Vater in Elternzeit (Symbolbild): Immer noch die Minderheit

Eine Kolumne von
Dienstag, 27.08.2019   15:52 Uhr

Ein Alien kommt auf die Erde. Cool, erst mal. Er ist ein netter Alien, lockerer Typ, er will einfach nur mal gucken. Hallo, sagen die Leute, wie heißt du? Hallo, sagt der Alien, ich heiße Alan, aber hier soll es nicht um mich gehen, sondern um euch, ich will euch kennenlernen. Schön, sagen die Leute, also, voilà, das ist unsere Welt, schau dich um, sie ist sehr hübsch.

Da drüben brennt der Regenwald, sagt der Alien, aber die Leute sagen: Sieh doch erst mal das Positive, nicht immer gleich meckern. Stimmt, denkt sich der Alien, und fragt: Was habt ihr denn so Positives? Ah, allerhand, sagen die Leute, wir haben Demokratie, Menschenrechte und Gleichberechtigung.

Der Alien kann sich nicht so viele lange Wörter auf einmal merken, die ersten zwei aus der Aufzählung hat er schon wieder vergessen, er fragt: Gleichberechtigung, was ist das? Und die Leute sagen: Das heißt, alle Leute dürfen das Gleiche, egal, welches Geschlecht sie haben. Was heißt Geschlecht?, fragt der Alien, und die Leute denken, er ist ein bisschen bescheuert, und sagen: Kannst du googeln.

Großer Fehler. Denn der Alien fängt an zu googeln. Er findet raus, dass es Männer und Frauen und nonbinäre Leute gibt. Und dass auf Englisch das Wort für Mensch und Mann dasselbe ist, und das findet er lustig. Der Alien googelt positive Nachrichten über Männer, denn er wollte ja das Schöne sehen und nicht gleich meckern. Zack, sofort erster Treffer: Ein Mann hat ein Baby gehalten. Der Alien denkt: Was?, und liest alle Nachrichten zu dem Thema. Ein Mann im Parlament von Neuseeland hat ein Baby gehalten, es gibt ein Foto davon, das die Leute teilen und dann machen andere Leute Herzchen drunter.

Fotostrecke

Der Speaker of the House mit dem Baby: In oooooooorder

Jetzt aber mal langsam, denkt der Alien, irgendwas stimmt hier nicht. Er liest nochmal alle Nachrichten, denn er denkt, er hat was übersehen. Warum freuen sich die Leute so? Überall, in ganz verschiedenen Ländern freuen sich Menschen, auf der ganzen Welt.

CNN berichtet, die "Washington Post", die BBC, der "Guardian", "Le Monde", alle schreiben darüber. Es sei das Bild des Tages, schreibt "India Today". Auch in Deutschland: Alles voll. SPIEGEL ONLINE bringt eine Meldung, mit Video. Auch kleine Medien berichten: "Baby im Arm: Liebevolle Szenen im neuseeländischen Parlament" ("Neue Osnabrücker Zeitung"), "Regenbogenfamilienbaby im Parlament entzückt die Welt" (blu.fm), "Neuseeland setzt rührendes Zeichen: Parlamentspräsident füttert Baby im Plenarsaal" ("Mitteldeutsche Zeitung").

Der Alien merkt, dass er nichts übersehen hat. Ein Mann hat ein Baby gehalten. Das Baby hat zwei Väter und eine Leihmutter, der Mann im Parlament hat es kurz gehalten und auch ein bisschen gefüttert. Das Baby ist nicht runtergefallen. Alle sind happy. Eigentlich schön, denkt der Alien. Die Leute freuen sich, dass das Baby eine gute Zeit hatte. Der Alien erinnert sich, dass die Leute gesagt hatten, es sei nicht so wichtig, welches Geschlecht man hat, und fragt sich, ob die Leute sich auch so süß freuen, wenn Frauen ein Baby halten.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:21 Uhr
Ohne Gewähr

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Margarete Stokowski
Untenrum frei

Verlag:
Rowohlt Taschenbuch
Seiten:
256
Preis:
EUR 12,00

Der Alien googelt "Frau Baby Parlament". Die ersten Treffer handeln von Frauen, die ein Baby in einem Parlament gehalten haben und rausgeworfen wurden, einmal in Dänemark und einmal in Deutschland. Holy shit, murmelt der Alien. Denken die Leute, Frauen können nicht mit Kindern umgehen?

Er geht noch mal rüber zu den Leuten und fragt. Die Leute lachen sich tot. Doch, sagen sie, klar können Frauen gut mit Kindern umgehen, aber sie müssen halt aufpassen, wenn sie gleichzeitig arbeiten, das geht nicht immer gleichzeitig, und manche Mütter kriegen es nicht hin, die kümmern sich nicht richtig, die sind Rabenmütter.

Alles klar, sagt der Alien, und manche Väter sind Rabenväter? - LOL, sagen die Leute, nein, Rabenväter gibt es nicht. Aber es gibt den "Spitzenvater des Jahres", das ist ein Preis, 5000 Euro, den vergeben wir zum Beispiel, wenn ein Mann ein ganzes Jahr lang Elternzeit nimmt, damit seine Frau ins All fliegen kann.

Der Alien murmelt, dass er das "weird as fuck" findet, und googelt nochmal: "Elternzeit". Es muss etwas ziemlich Krasses sein, denkt er, wenn Männer dafür Preise kriegen, aber dann stellt er fest, dass es eigentlich auch nur heißt: Ein Mann hält ein Baby, ein Jahr lang. Oder kürzer. Meistens kürzer. Zwei Drittel gar nicht. Und von dem Drittel, das in Elternzeit geht, nehmen nur 40 Prozent mehr als zwei Monate, liest der Alien.

Aber die "FAZ" hat trotzdem ein paar Männer gefunden, die länger als zwei Monate Elternzeit genommen haben. Der Alien denkt, er fragt diese Männer mal, warum das so besonders ist, aber dann stellt er fest, dass das nicht geht: Die Männer haben alle unter falschem Namen mit der Zeitung geredet, weil es so ein heikles Thema ist.

Der Alien überlegt noch mal, ob er die Leute fragen soll, was da los ist. Er wollte ja das Positive sehen, und dann findet er all diese komischen Nachrichten, die ihn irgendwie peinlich berühren. Pling!, da kriegt der Alien eine Nachricht über den Spacebook-Messenger: Ali, wie geht's dir? Wie isses auf der Erde?, fragt seine Freundin Aline. Er antwortet: Weiß nicht, bin verwirrt und hab Hunger, man kriegt hier nirgends eine gute Katze. - OMG, antwortet Aline, komm nach Hause, ich druck uns eine aus.

insgesamt 142 Beiträge
fotoman 27.08.2019
1. Ach wie putzig
die Geschichte mit dem Alien... ich warte noch auf eine vernünftige Kolumne mit richtigem Bezug zu einem Thema. Richtig, es könnten mehr Männer sich mehr um ihre Kinder kümmern. Ich, jetzt 61 habe lange Jahre halbtags [...]
die Geschichte mit dem Alien... ich warte noch auf eine vernünftige Kolumne mit richtigem Bezug zu einem Thema. Richtig, es könnten mehr Männer sich mehr um ihre Kinder kümmern. Ich, jetzt 61 habe lange Jahre halbtags gearbeitet und mich um meine Kinder gekümmert - was durchaus sehr schön war. Und ich weiß jetzt auch, welche beruflichen Nachteile das bringt. Ich kenne auch noch andere Männer die das getan haben...
dasfred 27.08.2019
2. Was habe ich gelacht
Ja, tatsächlich! Frau Stokowski hat heute mal wieder ein kleines Meisterinnen Stück abgeliefert. Nicht die Klage über den weißen alten Mann, sondern das Staunen der Menschheit, dass ein Mann sogar für einen kleinen Zeitraum [...]
Ja, tatsächlich! Frau Stokowski hat heute mal wieder ein kleines Meisterinnen Stück abgeliefert. Nicht die Klage über den weißen alten Mann, sondern das Staunen der Menschheit, dass ein Mann sogar für einen kleinen Zeitraum ein Kleinkind betüdeln kann. Diese Geschichte mit dem googelnden Alien ist so richtig niedlich, heiter und gleichzeitig bitterböse, dass sie nicht nur mein Komikzentrum trifft. Bisher mein Highlight der Woche. Danke.
manskyEsel 27.08.2019
3. wunderbare Satire...
Habe Ihr 'untenrum frei' intensiv mehrfach gelesen und verstehe deshalb Ihre Satire über das Echo auf jenes Bild. Obwohl ich ein Mann bin. Danke!
Habe Ihr 'untenrum frei' intensiv mehrfach gelesen und verstehe deshalb Ihre Satire über das Echo auf jenes Bild. Obwohl ich ein Mann bin. Danke!
torren 27.08.2019
4.
Sind Väter nicht aktiv beteiligt, ist es nicht recht. Werden positive Fälle (die ja derzeit nunmal noch relativ selten sind) als gutes Beispiel hervorgehoben, ist es auch wieder nicht recht. DAS würde den Außerirdischen nun [...]
Sind Väter nicht aktiv beteiligt, ist es nicht recht. Werden positive Fälle (die ja derzeit nunmal noch relativ selten sind) als gutes Beispiel hervorgehoben, ist es auch wieder nicht recht. DAS würde den Außerirdischen nun vollends verwirren.
mariahellwig 27.08.2019
5. Was für ein Drama!!!
Liebe Margarethe, mein Kollege ist alleinerziehender Vater von 3 Kindern. Mama hat sich aus dem Staub gemacht. Er macht seinen 8 Stunden Job oder mehr, und kümmert sich sonst um die Kinder. Alles ohne Drama und Gejammer. [...]
Liebe Margarethe, mein Kollege ist alleinerziehender Vater von 3 Kindern. Mama hat sich aus dem Staub gemacht. Er macht seinen 8 Stunden Job oder mehr, und kümmert sich sonst um die Kinder. Alles ohne Drama und Gejammer. Natürlich haben wir ihn während des Bewerbungsgesprächs danach gefragt, ob er das mit den Kindern geregelt hat. Ein entschiedenes JA und die Sache war erledigt. Ohne Drama. Er regelt seinen Alltag ohne Geschrei nach Gleichberechtigung. Und überhaupt ist er der Meinung, dass die Frauen am lautesten schreien, die überhaupt keine Kinder haben.
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