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Kultur

Gleiche Bezahlung

Der größte Albtraum des Patriarchats

Auftrag an alle Frauen 2019: Endlich übers Geld reden! Zuhause, auf der Arbeit - und vor allem mit dem Chef oder der Chefin. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie zu wenig verdienen, ist nämlich sehr, sehr groß.

Shutterstock/ ivector
Eine Kolumne von
Dienstag, 01.01.2019   16:26 Uhr

Frauen, die wissen, was ihre Arbeit wert ist, sind der größte Albtraum des Patriarchats - und des Kapitalismus. Je mehr es von ihnen gibt, desto mehr wird dieser Albtraum zu einem Dauerzustand, aus dem niemand aufwachen kann. Momentan sind wir noch nicht so weit. Also, sagen wir mal so. Ich wär so weit. Und sehr viele andere auch. Aber Frauen sind immer noch zu häufig abgelenkt durch vermeintliche Frauendinge wie Bescheidenheit und Nettsein zu Schweinen.

Das muss nicht so bleiben, vor allem wenn Zeit ist für neue Vorsätze. Nicht jede arbeitende Frau hat die Möglichkeit, ihre Bezahlung zu verhandeln. Aber viele, die es können, bleiben weit unter dem, was ginge.

Manchmal sind es Zufälle, durch die Frauen rausfinden, dass ihren männlichen Kollegen von vornherein ein anderes Angebot gemacht wurde. Manchmal finden sie es nie raus.

Seit ich als freie Autorin arbeite, also seit knapp zehn Jahren, rede ich immer wieder mit anderen Autorinnen über Honorare, für Texte, Lesungen, Podiumsdiskussionen, Fernsehauftritte. Es gibt dabei teilweise feste Honorarsätze, oft aber nicht, und dann muss man verhandeln, oder sagen wir: Man muss nicht, aber sollte.

Eine Beobachtung: Frauen ohne Kinder verhandeln oft weniger hartnäckig, also schlechter. Aus allen möglichen Gründen - mal, weil sie schlicht die Honorare der anderen nicht kennen und damit den Marktwert ihrer Arbeit nicht gut einschätzen können, mal, weil sie nicht ewig über Geld streiten wollen oder einfach, weil sie froh sind, überhaupt angefragt und bezahlt zu werden.

Sobald Kinder da sind, fangen viele dann an, in den Verhandlungen neue Gründe zu nennen: Ich muss eine Familie versorgen. Das ist verständlich, aber nicht gut. Denn niemand muss bei Honorarverhandlungen externe Gründe nennen und erklären, was sie mit dem Geld anfangen will. Es ist für den Auftraggeber irrelevant, ob man ein Kinderbett kaufen will oder eine Sauna. Es braucht keine äußere Ursache außerhalb des eigenen Bedürfnisses, angemessen bezahlt zu werden.

"Ich bin schon vergeben"

"Frauen verhandeln genauso hartnäckig wie Männer", hat die Schweizer Ökonomin und Harvard-Professorin Iris Bohnet kürzlich im "NZZ"-Interview gesagt. "Nämlich dann, wenn sie sich für eine andere Person einsetzen, zum Beispiel als Anwältin für einen Klienten. In diesem Fall ist ein resolutes Auftreten akzeptiert. Doch wenn Frauen für sich selber Forderungen stellen, verstoßen sie gegen etablierte gesellschaftliche Rollenbilder."

Frauen, die einfach nur nach ihren eigenen Bedürfnissen handeln und nicht noch die anderer Menschen ins Spiel bringen, gelten immer noch schnell als anstrengend, kaltherzig oder wahnsinnig, nicht nur, wenn es um Geld geht. Der wirksamste Satz, um nervige Anmachen abzuwehren, ist höllischerweise immer noch "ich bin schon vergeben", sprich, für den Typen: "ich gehöre schon einem anderen Mann". Das ist wesentlich effektiver als "ich hab keine Lust auf dich". Widerlich, aber wahr.

In Deutschland gehen zwei Drittel der Einkommen immer noch an Männer, Frauen bekommen im Schnitt halb so viel Rente wie Männer. Das liegt zum Teil daran, dass Männer sich im Schnitt zu wenig um ihren Nachwuchs und Abwasch kümmern und zum Teil daran, dass Frauen öfter in Berufen arbeiten, ohne die jede Gesellschaft zwar komplett einstürzen würde, die aber als sogenannte typische Frauenberufe unangemessen bezahlt sind. Und daran, dass sie nicht alles mitnehmen, was geht, erklärt Ökonomin Bohnet: "Die Lohnschere zwischen Männern und Frauen bereitet mir Sorgen. Ein Grund liegt darin, dass Frauen seltener um ihren Lohn verhandeln."

Bisschen Hoffnung: Erfahrungsgemäß wächst man an der eigenen vermeintlichen Dreistigkeit. Um Geld zu verhandeln, ist immer noch kompliziert, wenn man in einer Gesellschaft lebt, in der erstens Geld und Macht stark zusammenhängen und zweitens finanzielle Fragen oft - und nicht zufällig - tabuisiert sind à la "über Geld spricht man nicht". Muss man aber, wenn man es kriegen will. "Stay afraid, but do it anyway", hat Carrie Fisher mal gesagt. "What's important is the action. You don't have to wait to be confident. Just do it and eventually the confidence will follow."

Wenn man sich als Frau damit besser fühlt, für andere mitzuverhandeln statt nur für sich selbst, dann muss man nicht die eigenen Kinder oder sonstwen ins Spiel bringen. Es reicht auch, im Hinterkopf zu behalten, dass man statistisch gesehen als Frau wahrscheinlich nicht überbezahlt ist und dass man jede einzelne Debatte um Honorare auch für andere Frauen mitführt: jede Verhandlung ein Böller in die Idee, Frauen müssten sich mit weniger zufriedengeben und am Ende noch dankbar sein.

Planen Sie, Kinder zu bekommen?

Es gibt derzeit einige öffentliche Fälle, in denen Frauen sich gegen ungleiche Bezahlung juristisch wehren. Die Star-Flötistin Elizabeth Rowe verklagt das Boston Symphony Orchestra, weil sie festgestellt hat, dass der Oboist neben ihr über 60.000 Dollar mehr im Jahr verdient und sie mit bloßem Reden nicht weiterkam. Eine ZDF-Redakteurin hat geklagt, weil sie weniger verdiente als ihre männlichen Kollegen. Die Klage wurde erst abgewiesen, jetzt läuft ein Berufungsverfahren.

Die Autorin Antonia Baum schrieb neulich über die subtilen Mechanismen, die es in solchen Fällen oft schwer machen zu sagen, ob es tatsächlich am Geschlecht liegt, wenn Frauen weniger verdienen. Manchmal sind die Mechanismen allerdings gar nicht so subtil: "Die Anwältin der Redakteurin sprach von einer 'Benachteiligungskultur' gegenüber Frauen und trug dafür folgende Indizien vor: Der frühere Redaktionsleiter von 'Frontal 21' habe auf Weihnachtsfeiern wiederholt erklärt, dass Frauen im politischen Journalismus nichts verloren hätten, außerdem habe er eine Frau in einem Bewerbungsgespräch gefragt, ob sie plane, Kinder zu bekommen, und einen Konferenzraum, in dem drei Frauen saßen, mit den Worten 'Hier ist ja keiner' verlassen."

Es wird oft gerätselt, wie diese Gesellschaft nach dem Ende des Patriarchats aussehen wird. Wir wissen es nicht. Wir wissen es unter anderem deswegen noch nicht, weil wir vermutlich noch gar nicht ahnen, wie viel Energie frei werden wird, wenn Frauen sich nicht mehr mit solch elendem Quatsch beschäftigen müssen.

In diesem Sinne: Frohes Neues!

insgesamt 182 Beiträge
matthias50a 01.01.2019
1. Neues Jahr, neuer Unsinn !
Das Frauen im Durchschnitt weniger verdienen liegt also pauschal am Kapitalismus und am Patriarchat und das Frauen generell zu nett sind ? Die Lösung, lt. der guten Dame : Einfach mehr zoffen, dann wird`s schon... Heilige [...]
Das Frauen im Durchschnitt weniger verdienen liegt also pauschal am Kapitalismus und am Patriarchat und das Frauen generell zu nett sind ? Die Lösung, lt. der guten Dame : Einfach mehr zoffen, dann wird`s schon... Heilige Einfalt, was waren das noch Zeiten als auch Journalisten und - Innen, auch für Meinungskolumnen, noch so was läppisches wie ein Minimum an Fakten verwenden mußten. Politisch sicher eher links und harmlos, von der Qualität des Inhaltes dem amerik. Präsi aber durchaus ähnlich...
fletcherfahrer 01.01.2019
2. Gute Frau,
im Prinzip werfen Sie den Männern vor dass sie besser sind im Verhandeln. Sonst fällt Ihnen nichts mehr ein? Das Thema ist ja auch schon dünner als Blattgold, so ausgewalzt ist es.
im Prinzip werfen Sie den Männern vor dass sie besser sind im Verhandeln. Sonst fällt Ihnen nichts mehr ein? Das Thema ist ja auch schon dünner als Blattgold, so ausgewalzt ist es.
Hommunkulus 01.01.2019
3. Och nö
Nicht wieder dieser Mythos vom bösen Patriarchat. Es ist natürlich leicht, einen schlecht bezahlten Beruf zu ergreifen und dann verwundert zu sein. Was nicht heißen soll, dass man darüber nicht diskutieren kann. Aber das aufs [...]
Nicht wieder dieser Mythos vom bösen Patriarchat. Es ist natürlich leicht, einen schlecht bezahlten Beruf zu ergreifen und dann verwundert zu sein. Was nicht heißen soll, dass man darüber nicht diskutieren kann. Aber das aufs Geschlecht und das böse, böse Patriarchat zu reduzieren wird dem Ganzen nicht gerecht. Zugegeben, im Artikel selbst werden ein paar Einschränkungen gemacht, dann aber nicht ernsthaft verfolgt, stattdessen wird dann doch wieder sehr verallgemeinernd und wenig untermauert von einer "Benachteiligungskultur" gesprochen. Wo ich arbeite, sind 5 von 7 Führungspersonen weiblich, demnächst wohl auch ganz oben an der Spitze (gerade in Vergabe). Die Bezahlung ist 100% unabhängig vom Geschlecht. Beweist das jetzt, dass es überhaupt keine Benachteiligung gibt? Nach der Logik von Frau Stokowski und ihrem seltsamen Frontal21 Beispiel wohl schon. Alle anderen dürfen schließen: Die Wahrheit ist wohl komplizierter. Immerhin kann ich der Forderung, besser zu verhandeln, zustimmen. Das muss man u.U. mal in einem Kurs üben, ebenfalls geschlechtsunabhängig
held_der_arbeit! 01.01.2019
4. In der Sache richtig
Dem "Patriarchat" ist es allerdings ziemlich egal, was sie verdienen. Es gibt keine systematische finanzielle Diskriminierung *gegen* Frauen. Es gibt aber eine systematische finanzielle Diskriminierung *durch* Frauen. An [...]
Dem "Patriarchat" ist es allerdings ziemlich egal, was sie verdienen. Es gibt keine systematische finanzielle Diskriminierung *gegen* Frauen. Es gibt aber eine systematische finanzielle Diskriminierung *durch* Frauen. An sich selbst. Das ist natürlich unbequemer, als sich vorzustellen, dass wieder irgendwelche bösen alten weißen Männer im Hintergrund die Strippen ziehen, aber es ist so. Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer, weil sie aufgrund ihrer verinnerlichten Geschlechterrollen weniger Wert auf Geld legen. "Frauenberufe" sind dafür das beste Beispiel, denn sie zeigen auf, was passiert, wenn eine ganze Branche sich unter Wert verkauft. Dann verdienen auch männliche Erzieher, Sozialarbeiter, Krankenpfleger usw schlecht, eben weil es - sogar wenn sie "typisch männlich" gut verhandeln, es immer eine Schar von Frauen gibt, die es für weniger macht. Weil "Geld ja nicht alles ist" usw. Es gibt interessante Studien dazu, wie das Prestige und Durchschnittsgehalt eines Jobs in dem Maße abnimmt, in dem der Frauenanteil steigt. Ärzte und Psychologen können da gerade ein Lied von singen. Die einzigen die daran etwas ändern können sind: Frauen. Durch das ablegen dieser bequemen, gewohnten Denkmuster und das einfordern dessen, was Männer schon immer einfordern mussten (denn für unser Rollenbild ist Geld = Status = Existenzberechtigung).
bammbamm 01.01.2019
5.
"Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie zu wenig verdienen, ist nämlich sehr, sehr groß". Wenn nach der neusten Geschlechterstudie unter 3% für vergleichbare Jobs sehr sehr gross sind, dann ja. Aber Frau Stokowski ignoriert [...]
"Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie zu wenig verdienen, ist nämlich sehr, sehr groß". Wenn nach der neusten Geschlechterstudie unter 3% für vergleichbare Jobs sehr sehr gross sind, dann ja. Aber Frau Stokowski ignoriert dieses kleine unbequeme Detail genauso wie der Spiegelartikel über diese Studie. Scheinbar ist der Lernbereitschaft aus dem letzten Skandal bei dem ein "Journalist" auch lieber über die eigene Weltsicht berichtete wie über die Realität sehr begrenzt
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