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Kultur

György Konrád (II)

Ist religiöser Terror Kulturkritik?

Sonntag, 07.10.2001   21:24 Uhr
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Es ist zu beobachten, dass religiöser Terror als Kulturkritik auftritt und dem Thema vom Untergang des Abendlands neue Variationen bietet. Es handelt sich um ein Todesurteil gegen den westlichen Individualismus. An verschiedenen Orten der Erde taucht immer wieder in wechselndem Gewand die Ideologie des "Der Zweck heiligt die Mittel" auf; sie fegt alle Hindernisse beiseite und schwimmt auf der neuen Welle der fanatischen Exaltation. Jetzt sucht sie nicht nach einer weltlichen Hülle, nunmehr steht sie auf einem religiösen Fundament. Um guten Gewissens zu töten, muss der Mensch heutzutage kein Nationalist oder Kommunist sein, jetzt kann er sich, um der Aktualität des Beispiels willen, darauf auch als islamistischer Kämpfer vorbereiten, der von vornherein davon ausgeht, dass seine Probleme andere Ursachen haben, die nicht etwa bei ihm selbst oder in der ihn umgebenden Welt zu suchen sind.

Der Weg vom Ressentiment zum Hass kann durch Training abgekürzt werden. Der religiöse Kämpfer stirbt gern, wenn er dadurch möglichst viele der vermeintlichen Feinde töten kann und sein Handeln in seinem letzten Augenblick als heilig empfinden darf.

Selbst die finstersten kommunistischen Funktionäre erwiesen sich in der Zeit des Kalten Kriegs als berechenbarer; ihre religiöse Schwärmerei hatte sie nicht dialogunfähig gemacht.

Hoffen auf eine Wende wie 1989 - in der islamischen Welt

Kann man sich mit dem islamischen Fundamentalismus auf einen Dialog einlassen? Dass wir nicht den Versuch unternommen haben, ist ein Versäumnis. Denn wir können nicht umhin, auf der Erde nach mehr oder weniger gemeinsamen Anstandsregeln zu leben. Wir hätten die Frage stellen können, ob wir, die Menschheit, aus einer als göttlich angenommenen Perspektive nicht letztlich doch eine Familie seien. Der eine oder andere der Befragten hätte das vielleicht verneint.

Eine andere kaum zu umgehende Frage ist die, ob eines schönen Tags nicht auch in einem islamischen Staat eine demokratische Wende eintreten, ob man aus Autokratien einen Rechtsstaat zimmern könnte. Ob auch dort etwas Ähnliches vorstellbar wäre, wie in Osteuropa 1989 passiert ist. Aus der Sicht des Dialogs wäre das eine vorteilhafte Entwicklung, weil dann ein Wörterbuch gemeinsamer Begriffe entstehen würde.

Es kommt vor, dass Bestrafung und Verteidigung, um die Wiederholung eines solchen Handelns zu verhindern, um die Sicherheit der Bürger zu erhöhen, zusammentreffen. Im Fall außergewöhnlicher Verbrechen leiten Rechtsstaaten außergewöhnliche und aufeinander abgestimmte Gegenmaßnahmen ein. Dass die Amerikaner und ihre Verbündeten früher oder später als Reaktion zu einem Gegenschlag ausholen werden, ist nicht auszuschließen. Überstürzen werden sie ihn nicht, sie haben Zeit. Doch selbst wenn sie ihre Aktion mit höchster Präzision ausführen, wird das Töten von Menschen auch in diesem Fall ohne Ansehen der Person erfolgen, und der Gegenschlag wird mehr Menschenleben fordern, als die Generalstäbe eingeplant haben.

Ist der islamische Radikalismus stärker als der Westen?

Mehr als eine Milliarde Muslime zu potentiellen Feinden zu erklären oder gar zu Feinden zu machen, wäre keine adäquate Antwort. Was die Begeisterungsfähigkeit angeht, die Entfachung jenes Feuers, das die Selbstmordattentäter antreibt, und die Aufpeitschung des gesteuerten Hasses der nachfolgenden Massen, so ist der islamische Radikalismus stärker als der Westen.

Bestehen vor sich selbst kann der Westen dann, wenn er alles tut, um die Täter vor Gericht zu stellen. Die Zerschlagung des Verbrecherkartells liegt im Interesse aller Uno-Mitgliedsstaaten. Dem haben sie jüngst auch alle Ausdruck verliehen. Von Zeit zu Zeit müssen, ohne dabei unsere Prinzipien zu verleugnen, um des kollektiven Fortbestands willen, Opfer gebracht werden.

Es bleibt zu hoffen, dass auch unseren amerikanischen Freunden klar geworden ist, dass sie mit Eigenlob und Fahnenschwenken nicht viel erreichen, dass es stattdessen sinnvoller ist, die Flughafenkontrollen in Ordnung zu bringen und das Sicherheitspersonal anständig zu bezahlen.

Hat die eine mit der anderen Stadt etwas zu tun? Haben die Flugreisenden auf dieser kleiner gewordenen Erde miteinander etwas zu tun? Alle wollen sie lebend dort ankommen, wohin sie sich auf den Weg begeben haben. Sie sind nicht daran interessiert, zu einer lebenden Bombe gemacht zu werden? Auf den Spuren New Yorks dürften sich alle Großstädte dieser Welt dessen bewusst geworden sein, dass ein solcher Schlag jederzeit möglich ist. Noch dazu ist er nicht von mächtigen Gegnern zu erwarten, nicht von Moskau und Peking, sondern von Untergrundzellen.

Lesen Sie Teil 3, die Lösungssuche "Der versäumte Dialog mit dem Islam"

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