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Kultur

György Konrád (III)

Der fehlende Dialog mit dem Islam

Sonntag, 07.10.2001   21:24 Uhr
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Die gesellschaftliche Entwicklung im Europa der Neuzeit hat den Anspruch, alle sozialen und politischen Fragen unter geistlicher Aufsicht aus religiösen Thesen abzuleiten, irreal werden lassen. Auch in der islamischen Welt klopft die Demokratie an die Tür. Wenn auch nicht laut. Würden sie dort die aufrechteren Schriftsteller nicht töten, könnten die inneren Kräfte der zivilen Gesellschaft auch in den muslimischen Ländern die demokratische Wende vorbereiten. Wenn die Demokratie nicht mit Japan oder Indien inkompatibel ist, warum sollte sie dann mit den islamischen Ländern unvereinbar sein? Eine Begegnung mit diesem Gesellschaftsmodell ist eine Frage der Zeit.

Drei mit Messern bewaffnete Männer schafften es, ein Flugzeug voller Menschen in Schach zu halten. Hätten Personal und Passagiere gewusst, was sie erwartet, wären die Angreifer gewiss überwältigt worden, hätten Geistesgegenwart und Geschicklichkeit Einzelner helfen können. Es sieht so aus, dass es erforderlich ist, die Selbstverteidigung zu erlernen. Und es gilt, genau hinzusehen. Aufzupassen.

Gegen Attentäter hilft keine militärische Antwort

Sehr gründliche polizeiliche Ermittlungen wären eine gemäße Reaktion, außerdem geduldige Überzeugungsarbeit, um die vorhandenen Staaten zur Zusammenarbeit bei der Aufspürung der terroristischen Netzwerke zu bewegen. Für die Attentate kann kein einziger Staat mit vollkommener Gewissheit verantwortlich gemacht werden. Und noch weniger dessen Bevölkerung. Gegenüber Attentätern, die sich unter die Zivilisten mischen, ist eine militärische Antwort ungeeignet. Organisiertes Verbrechen zu national-kollektivem Verbrechen zu transformieren ist auch dann unrichtig, wenn sich dessen Repräsentanten selbst ermächtigt haben, ihre national-religiöse Gemeinschaft zu vertreten. Einzelne dürfen nicht dafür bestraft werden, dass sie Bürger antidemokratischer Staaten sind.

Wir haben Grund zu der Befürchtung, dass die Antwort auf die Vernichtung von Tausenden eine Hungersnot von Millionen sein wird, obwohl die bedrohende Macht von Flugzeugen aus Lebensmittelsäcke abwirft. Für die in der Steinwüste auf der Flucht befindlichen Afghanen, die unter den bewaffneten Gruppierungen, deren Rhetorik verschieden ist, schon genug zu leiden hatten. Ein groß angelegter Gegenschlag würde die Zahl der Opfer vervielfachen und die Affekte ins Unermessliche steigern, die Bereitschaft der von den Militäraktionen Betroffenen erhöhen, den Terror zu unterstützen oder gar daran teilzunehmen. Derjenige, dessen Familie getötet worden ist, könnte zu so manchem fähig sein. Und überhaupt, der Tod wie vieler Afghanen würde den Angehörigen der Opfer Genugtuung verschaffen?

Auch der Kommunismus wurde nicht durch Militärschläge von außen besiegt

Man sollte nicht vergessen, dass die europäischen kommunistischen Regime letztendlich durch die inneren Kräfte zersetzt und nicht etwa durch einen Militärschlag von außen beseitigt worden sind. Es muss an der allmählichen und beharrlichen Erweiterung der gesetzlichen Ordnung gearbeitet werden. Eine wirksame Antwort, um weitere Attentate zu verhindern und die Attentäter vor Gericht zu stellen, sind hartnäckige polizeiliche Aktivitäten im Untergrund. Unser Leben müssen wir schützen. Dennoch ist es besser, auf eine bewaffnete Vergeltung zu verzichten, als Unschuldige zu töten. Die Armen müssen nicht erschreckt, sondern versorgt werden. Klarblick, Selbstverteidigung und Hilfe - Besseres kennen wir nicht.

Die andere adäquate Antwort ist der auf Kenntnissen basierende und sich vertiefende Dialog mit den islamischen Gesellschaften. Gespräche hat es auch zwischen West und Ost gegeben, und je mehr man darin vorangekommen war, desto irrealer erschienen die Feindseligkeiten. Die entscheidende Frage ist die, ob wir gemeinsame Werte besitzen. Wir könnten uns dahingehend verständigen, dass Gott nicht die Tötung derjenigen befiehlt, die anders oder überhaupt nicht an ihn glauben. Wir müssen jeglichem Terror seine Rechtfertigungen, seine Legitimation entziehen. Diese Operation aber kann nur durch ausdauernde geistige Arbeit zum Erfolg führen. Aufklären jedoch müssen wir vor allem uns selbst.

Auch mit denen, die uns nicht lieben, einen Dialog zu initiieren, ist ein Abenteuer, erwachsener Menschen würdig. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kunst und Literatur gelegentlich eine stärkere Klammer sind als eine gemeinsame Religion. Zumindest in den vergänglichen Stunden der Aufrichtigkeit.

(Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke)

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