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Kultur

#metoo und die Folgen

Trümmer der Traumfabrik

Der Weinstein-Skandal ist auch ein Vorbote der Veränderung. Der Machismo der Mächtigen wird herausgefordert - aber echte Veränderung kann es nur geben, wenn auch Männer ihre Rolle in all dem erkennen.

AP

Harvey Weinstein

Eine Kolumne von
Sonntag, 22.10.2017   14:30 Uhr

Die kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen vollziehen sich in Schüben, Sprüngen und Spiralen; und der Fall Weinstein ist so ein Moment, an dem sich der Wechsel im Denken und Handeln zeigt, wo die Schichtungen und Widersprüche einer sozialen Ordnung und vieler, vieler Individuen deutlich werden und sich der Schwindel der Vergangenheit mit der Scham der Gegenwart vermischt.

Das macht die Wucht und die Bedeutung dieses symbolisch hochaufgeladenen Ekelsturzes aus, der in gewisser Weise - und das fast etwas nostalgisch, weil schwindend - noch einmal die kulturelle Macht und Prägekraft Amerikas demonstriert, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgebildet hat und wie sie im frühen 21. Jahrhundert im Schwinden begriffen ist.

Alles an diesem Fall ist Hollywood, und doch ist alles daran auch so viel mehr. Es stellt sich die Frage nach einem System, das ja doch, in Praxis wie in Selbstbeschreibung, den Job hat, wenigstens einen Teil der Welt mit den relevanten Geschichten, Bildern, Sichtweisen zu versorgen, um sich selbst zu erkennen, und doch eben vor allem eine Männer-Industrie war und blieb, mit allem Übel, was dazu gehört.

Männer tun sich schwer

Es ist ein Fall, bei dem bisher vor allem die Frauen reden: #metoo ist der Hashtag, hinter dem sich Geschichten von Missbrauch, Vergewaltigung, Demütigung, alltäglichem und strukturellem Sexismus versammeln und einer Machtstruktur, die beruflich wie sozial immer noch und vor allem dazu dient, Menschen zu Dingen zu degradieren, zu Objekten der Lust, und das männliche Super-Ego nimmt sich, was es will.

Dabei ist es aber eben natürlich genauso eine Männer-Geschichte, und dass die Männer sich bislang schwer tun zu reden, zeigt wohl nur, wie angstbesessen die Situation ist: Der eigene Blick wird überprüft, die eigene Sichtweise zum Problem, die Verspannung nimmt zu, das zeittypische Gefühl der Überforderung, was im Grunde oft nur eine Ausrede dafür ist, sich nicht der komplexen Wirklichkeit zu stellen.

Es wird sicher bald die Stunde der Vereinfacher kommen, das passiert zur Zeit ja immer und überall. Das ist das Signum dieser Epoche und die Triebfeder des Reaktionären - die Leidensnummer der Männer etwa, die nicht mehr sagen und machen dürfen, was sie zu Männern macht, das Unterdrückungsgeschwafel von Männern, die sich ihre eigenen Probleme vielleicht genauer anschauen sollten, oder eben die sogar politisch gewendete Version der rechtsextremen Männerschützer.

Der immer fantastische und unbedingt empfehlenswerte Podcast "This American Life" etwa brachte vor Kurzem eine Episode, die besonders interessant und relevant war, weil sie die Verbindung von Männerkult und Rassismus deutlich macht: Es ist die Geschichte der "Proud Boys", einer Art Burschenschaft, deren Mitglieder der Onanie und der Pornografie abschwören und Männlichkeit mit Prügeln gleichzusetzen scheinen und die Verbindungen hatten zu den Hetzern und Schlägern, die in Charlottesville marschierten und von denen einer eine Frau ermordete.

Ziemlich verklemmte Verbindungen

Das ist das eine und besonders kranke Extrem von überkompensierter männlicher Unsicherheit. Die "Proud Boys" erklären auch recht klar, dass sie sich kulturell und sozial bedroht fühlen von einer Gesellschaft, in der Frauen sich nicht länger unterordnen wollen. Das andere, kleindeutsch-dumme Extrem ist dann so etwas wie vor einiger Zeit die kindliche Scheindebatte darüber, ob man den Feminismus noch braucht. Ein regressiver und wirklichkeitsferner Diskurs, der mal wieder zeigte, was passiert, wenn man den eigenen Bauchnabel mit der Welt verwechselt.

Und wenn man sich den ramponierten und räudigen Sexismus vieler Werbeplakate anschaut, die unter anderem auch den totalen kreativen Bankrott der einst so progressiven Werbebranche aufzeigen, oder diese Diätwerbung mit der Frau am Strand und dem dicken Mops, die vor einiger Zeit, als ich noch Fernsehen auf dem Fernseher sah, immer vor der "Tagesschau" gesendet wurde - dann sieht man, wie spießig und klein der Sexismus ästhetisch geworden ist. Das ändert nichts an seiner hässlichen und herabwürdigenden Seite, im Gegenteil, es gibt da direkte und ziemlich verklemmte Verbindungen.

All das bricht jetzt auf oder durch oder zusammen durch das Weinstein-Debakel, das auch deshalb so eine Wucht bekommen hat, weil einerseits der Grab-them-by-the-pussy- und Oben-ohne-jagen-Machismo an der Macht ist, in den USA und in Russland, und auch auf dem Bild von der Sitzung der chinesischen Kommunisten sehe ich wenige Frauen - und weil andererseits eben, auch befördert durch das Internet, die Offenheit und Achtsamkeit und manchmal auch die Aufgeregtheit zunimmt und die gesellschaftliche Veränderung hin zu mehr Gleichberechtigung vorantreibt.

Freunde, ist das euer Humor?

Aus dieser gegenläufigen Bewegung entsteht die gegenwärtige Spannung, in der Frauen hoffen, dass sich endlich, endlich etwas ändert und Männer verstehen sollten, dass sich nur endlich endlich etwas ändert, wenn sie ihre Rolle in all dem erkennen: Denn es sind und bleiben Machtstrukturen, die für Missbrauch verantwortlich sind, und Macht ist nichts Abstraktes, sondern sehr konkret und entsteht und vermittelt sich durch mitmachen, wegschauen, profitieren.

Konkreter heißt das: individuelle und strukturelle Frauenfeindlichkeit nicht hinnehmen. Wenn in Männerrunden frauenfeindliche Witze gemacht werden oder herablassend über Frauen geredet wird, eben nicht mitlachen oder mitmachen, sondern sagen: "Wirklich, Freunde, ist das euer Humor?" Oder aufstehen und gehen. Wenn in Büchern, Filmen, Theaterstücken immer wieder die gleichen Frauenklischees verhackstückt werden, eben als Kritiker zum Beispiel das auch mal sehen und benennen. Wenn im Büro oder im Betrieb Frauen deutlich benachteiligt werden, das benennen.

Die Veränderung, die jetzt beginnen wird, wird die Unsicherheit noch wachsen lassen bei denen, die sich eh verunsichert fühlen. Aber Unsicherheit ist nicht unbedingt schlecht. Sie ist der Anfang für eine Art, die Beziehung zwischen Frauen und Männern oder zwischen Männern und Männern und Frauen und Frauen neu zu definieren.

Harvey Weinstein markiert damit in gewisser Weise den Ground Zero der Geschlechterbeziehungen. Es sind die Trümmer eines Lebens, die hier zu besichtigen sind, es sind die Trümmer auch einer Traumfabrik, die oft recht einseitige Fantasien und Realitäten verkaufte. Es sind aber auch die Trümmer des männlichen Selbstbildes, das immer auch ein großer Selbstbetrug war: Wir hätten es wissen können, wir haben es gewusst und haben es geduldet.

insgesamt 62 Beiträge
paulvernica 22.10.2017
1. komplett schiefe diskussion
Eine Kollege von mir fasste auf einer kleinen Betriebsfeier einer meiner Kolleginnen ans Knie. Daraus ergab sie eine Beziehung und sie sind Heute, also Jahre später, noch ein Paar. Dies soll nun strafrechtlich verboten werden [...]
Eine Kollege von mir fasste auf einer kleinen Betriebsfeier einer meiner Kolleginnen ans Knie. Daraus ergab sie eine Beziehung und sie sind Heute, also Jahre später, noch ein Paar. Dies soll nun strafrechtlich verboten werden ?!!!! Meinem Kollegen hätte es auch passieren können, dass sie seine Hand weggeschoben hätte, oder dass sie ihm eine gelangt hätte oder dass sie empört aufgestanden wäre und ein rieses Trara in der Firma veranstalten können. Entscheidet dann die Frau darüber, ob es zu einer Anzeige kommt oder nicht ? Gefällt ihr der Mann, dann ist es ok ? Mag sie ihn nicht, dann heisst es der Mann sei übergriffig ? Diese zwischenmenschlichen Beziehungen strafrechtlich zu reglementieren ist völlig falsch und macht alles spontane und lebendige kaputt und steril. Natülich müssen die Frauen sich gegen übergriffige penetrante Männer wehren können, aber eine weitergehende politisierung des zwischenmenschlichen durch Feministinnen ist völlig falsch. Feministinnen bekämpfen nicht den Sexismus sondern allzuoft die ganze Sexualität insofern sie heterosexuell ist und der Mann eine gewisse Dominanz hat. Für manche Feministinnen ist jeglicher Sex zwischen Männern und Frauen Missbrauch.
kunibertus 22.10.2017
2. Der Begriff
"Besetzungscouch" hat schon eine gewisse Berechtigung.
"Besetzungscouch" hat schon eine gewisse Berechtigung.
walli_sp 22.10.2017
3.
Nein, aber bevor man der Kollegin ans Knie fasst könnte man flirten und dann sehen, ob die Dame auch interessiert ist. Bei uns hat man das früher so gemacht, hat auch funktioniert
Zitat von paulvernicaEine Kollege von mir fasste auf einer kleinen Betriebsfeier einer meiner Kolleginnen ans Knie. Daraus ergab sie eine Beziehung und sie sind Heute, also Jahre später, noch ein Paar. Dies soll nun strafrechtlich verboten werden ?!!!! Meinem Kollegen hätte es auch passieren können, dass sie seine Hand weggeschoben hätte, oder dass sie ihm eine gelangt hätte oder dass sie empört aufgestanden wäre und ein rieses Trara in der Firma veranstalten können. Entscheidet dann die Frau darüber, ob es zu einer Anzeige kommt oder nicht ? Gefällt ihr der Mann, dann ist es ok ? Mag sie ihn nicht, dann heisst es der Mann sei übergriffig ? Diese zwischenmenschlichen Beziehungen strafrechtlich zu reglementieren ist völlig falsch und macht alles spontane und lebendige kaputt und steril. Natülich müssen die Frauen sich gegen übergriffige penetrante Männer wehren können, aber eine weitergehende politisierung des zwischenmenschlichen durch Feministinnen ist völlig falsch. Feministinnen bekämpfen nicht den Sexismus sondern allzuoft die ganze Sexualität insofern sie heterosexuell ist und der Mann eine gewisse Dominanz hat. Für manche Feministinnen ist jeglicher Sex zwischen Männern und Frauen Missbrauch.
Nein, aber bevor man der Kollegin ans Knie fasst könnte man flirten und dann sehen, ob die Dame auch interessiert ist. Bei uns hat man das früher so gemacht, hat auch funktioniert
jujo 22.10.2017
4. ...
Meine Geschichte ist diese. Als wir uns kennenlernten und das erstem mal im Bett landeten, machte sie buchstäblich letzter Sekunde einen Rückzieher. Ich akzeptierte ohne wenn und aber. das war 1973, 1975 haben wir geheiratet. [...]
Meine Geschichte ist diese. Als wir uns kennenlernten und das erstem mal im Bett landeten, machte sie buchstäblich letzter Sekunde einen Rückzieher. Ich akzeptierte ohne wenn und aber. das war 1973, 1975 haben wir geheiratet. Ich fragte sie später was sie gemacht hätte wenn ich sie bedrängt und weitergemacht hätte. Ihre Antwort war klar und eindeutig. Sie sagte" Ich hätte es geschehen lassen und wir wären nicht verheiratet, das wäre es gewesen!"
Frida_Gold 22.10.2017
5.
#1: Wäre es absolut undenkbar, dass die Beziehung auch über eine Kontaktaufnahme durch Worte zustandegekommen wäre? Eher nicht, oder? Denn was viele Männer gerne ausblenden: Ja, es gibt reichlich Situationen, wo man sich [...]
#1: Wäre es absolut undenkbar, dass die Beziehung auch über eine Kontaktaufnahme durch Worte zustandegekommen wäre? Eher nicht, oder? Denn was viele Männer gerne ausblenden: Ja, es gibt reichlich Situationen, wo man sich ungewollter Grabscherei einfach erwehren kann. Es gibt aber auch reichlich Situationen, wo Frauen davor Angst haben - wegen eigener Erfahrungen oder Erfahrungen von Geschlechtsgenossinnen. Wenn der Boss grabscht und man ihn abwehrt, ist man den Job schneller los, als man gucken kann. Wenn man in der Bahn angemacht wird und um Hilfe schreit, ist Hilfe keinesfalls gewiss und im schlimmsten Fall ist der Grabscher dann wütend und wird RICHTIG unangenehm. Da hält man lieber still und hofft, dass nichts schlimmeres passiert. Warum ist die Grundregel, andere Menschen einfach erstmal nicht abseits normaler Begrüßungsnormen anzufassen, so unfassbar provokant für einige? Küsschen auf die Wange, Umarmung, all das darf man natürlich auch weiterhin. Hand auf Knie dagegen ist ohne deutliches Interesse einfach nur frech. Hand auf Hintern oder Brust ist indiskutabel.
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