Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Jugendamt auf der Bühne

Wo Damen richtig rotieren

Wahnsinn - dieses Wort beschreibt wie kein zweites den Alltag in Jugendämtern, wo überforderte Beamte stündlich über das Schicksal von Kindern, Eltern, Familien entscheiden. Felicia Zeller schrieb darüber das Stück "Kaspar Häuser Meer" - es ist so komisch wie kunstvoll.

Von
Samstag, 27.09.2008   09:18 Uhr

Ein Stück über Kindesmisshandlung. Über Kevin, Jessica, Lea-Marie und all die anderen. So lautete der Auftrag an die Autorin Felicia Zeller, 38, den ihr das Theater Freiburg im vergangenen Jahr erteilte. Aber was gab es noch zu sagen über diese Fälle, nachdem die Medien jede Ecke in den verwahrlosten Wohnungen, jeden Schicksalsschlag in den Biografien der Eltern schon beschrieben hatten?

"Das Jugendamt betreute die Familie schon seit Jahren." So oder so ähnlich endeten die Medienberichte fast immer. Und bei diesem Satz setzte Felicia Zeller an: Sie hörte den Sozialarbeiterinnen zu, den Menschen, die "das Amt" sind.

Herausgekommen ist "Kaspar Häuser Meer", einer der ungewöhnlichsten und besten neuen Theatertexte dieses Jahres. "Kaspar Häuser Meer" ist ein dreistimmiges, manchmal richtig komisches Lamento über einen Arbeitsalltag, der eigentlich ein Wahnsinn ist: Im Stundentakt ist über das Schicksal von Kindern, Eltern, Familien zu entscheiden. Die Überforderung, über die so viele klagen – hier ist sie lebensbedrohliche Realität.

Und die überträgt sich fast körperlich spürbar ins Publikum. Das jedenfalls zeigte sich von Zellers Stück beeindruckt und verlieh "Kaspar Häuser Meer" beim renommierten Mülheimer "Stücke"-Festival im Mai den Publikumspreis. Sicher ein Grund, warum das Werk jetzt auch andere Bühnen erobert: An den Münchner Kammerspielen etwa inszeniert es Lars-Ole Walburg, Premiere ist am 3. Oktober; am Wiener Burgtheater ist es ab Dezember zu sehen.

Das Tolle an "Kaspar Häuser Meer" sei, dass es "keine Sozialschmonzette" sei, sagt der Münchner Dramaturg Malte Jelden. Tatsächlich besteht Zellers Kunst darin, das Paragraphen- und Pädagogendeutsch der Sozialarbeiterinnen zu einem Wortkonzert zu verdichten. Sätze ohne Verb und Wiederholungsschleifen, bei jungen Autoren gerade schwer in Mode, sind hier Kennzeichen des Problems: Mit Tempo versucht man auf den Ämtern der Überlastung Herr zu werden, versinkt immer mehr in den Bergen von Arbeit und kommt schließlich gar nicht mehr vorwärts. "Die Damen rotieren von Anfang an", heißt es in der Regieanweisung, und: "Die Sprechgeschwindigkeit ist schneller als normal."

Die Sprache als Kennzeichen eines Systems kurz vor dem Kollaps. Um zu betonen, dass es hier um ein Prinzip geht und nicht um Individuen, hat der Münchner Regisseur Walburg sich für seine Inszenierung einen besonderen Trick ausgedacht: Er lässt die drei Frauen von Männern spielen.


Kaspar Häuser Meer. Premiere am 3.10. im Werkraum der Münchner Kammerspiele, Tel. 089/23 39 66 00.

insgesamt 8 Beiträge
indosolar 27.09.2008
1. Ja die Armen habens real, die Reichen auf der Buehne
Schoen, dass dies millionenfache Drama auf die Buehne und damit in die Oeffentlichkeit gefunden hat. Der richtige Weg der Veroeffentlichung, weil dort die Dink's (double income, no kids), nur diese sind noch in der Lage, einen [...]
Schoen, dass dies millionenfache Drama auf die Buehne und damit in die Oeffentlichkeit gefunden hat. Der richtige Weg der Veroeffentlichung, weil dort die Dink's (double income, no kids), nur diese sind noch in der Lage, einen Familienbesuch des Theathers zu finanzieren, vielleicht in Ansaetzen sehen, welche Dramen die sich sozial nennende Effizienzbuerokratie, verwaltet und anrichtet. Je komplizierter das Drama, desto langwieriger werden die zum Teil lebensrettenden oder Kinderseelen bewahrenden, moeglichen Massnahmen. Kinder- und Familiendramen werden zu Vorgaengen, verwaltet in Bueros, mit dem Charme eines Stasioffices und einem Betreuer, der so gestresst ist, das sein Gesichtsausdruck, sein gesamter Gestus jede soziale Kommunikation unmoeglich macht. Anfangsbearbeitung von Problemen, soziale Hilfe gibt es schon lange nicht mehr, nur die durch jahrelange Nichtbeachtung entstandenen Notfaelle koennen noch in Akten notiert werden. Als Beobachter muss ich die bearbeitenden Beamten in Schutz nehmen, auch wenn einigen von diesen nicht klar ist, dass sie bezahlt werden, um Probleme zu loesen, nicht die Zeit bis zu ihrer Pensionierung abzuwarten. Vielfach haben sie leider nicht die Moeglichkeiten einzugreifen, weil vielfache Flowcharts der Ablauforganisierung sie in jeder Richtung arbeiten lassen, das Ausfuellen von Unterschriftenlisten und amtlichen Absicherungerklaerungen auf alle Faelle immer laenger dauern, wie das Verhungern eines Kindes, der soziale Zerfall einer Familie oder eben ganz allgemein, das Aufwachsen eines Kindes.
lahmfuss 27.09.2008
2. Flowcharts statt können.
Wenn es lediglich die "Flowcharts" wären, könnten wir uns glücklich schätzen. Leider ist das nur ein Bruchteil der Wahrheit. Aus meiner Tätigkeit als Fortbildungsdozent und Supervisor kenne ich viele Jugendämter [...]
Wenn es lediglich die "Flowcharts" wären, könnten wir uns glücklich schätzen. Leider ist das nur ein Bruchteil der Wahrheit. Aus meiner Tätigkeit als Fortbildungsdozent und Supervisor kenne ich viele Jugendämter und deren Arbeit quer durch die Republik recht gut. Von der reinen Faulheit mancher Mitarbeiter mal abgesehen (warum sollten wir glauben, dass der übliche Prozentsatz von Fainéants dort nicht vorhanden wäre?) liegt das Haupthindernis für effiziente und fachkundige Leistungen dieser Sozialarbeiter und Sozialpädagogen darin, dass sie fachlich schlicht nicht kompetent sind, für das, was sie zu tun haben. An den Jugend- und Sozialämtern arbeiten, von seltenen Ausnahmen abgesehen, Menschen, die dort sofort nach dem ohnehin praxisfernen Fachhochschulstudium als blutiger Berufsanfänger angefangen haben. Das liegt in der Hauptsache an der dortigen Besoldungsstruktur, bei der junge Berufsanfänger einfach sehr billig zu haben sind und auch ziemlich lang billig bleiben. Sie werden dann in aller Regel jedoch nicht einer erfahreneren Kraft als Assistent zugeteilt, sondern übernehmen vom ersten Tag an in voller alleiniger Verantwortung einen Bezirk bzw. Fachbereich. Nicht selten wird ihnen dann auch noch genau jenem Bezirk zugeteilt, der bei den Kollegen am wenigsten beliebt, will sagen am schwierigsten ist. Eine individuelle, nahe fachliche Anleitung findet nicht statt. Eine inhaltliche Kontrolle ihrer Arbeitsweisen und Sichtweisen eben so wenig. So lang ihre Arbeit in Einklang steht mit den jeweils geltenden Gesetzen, Verwaltungsvorschriften und internen Gepflogenheiten, ist alles bestens und gibt es keinerlei Korrektur. Die Teilnahme an Fortbildungen beschränkt sich weitestgehend auf der Aktualisierung der gesetzlichen und verwaltungsmäßigen Entwicklungen. Fort- und Weiterbildung in tiefenpsychologische, systemanalytische und familientherapeutische Kenntnisse bzw. Methodentrainigs werden, wenn überhaupt, allenfalls in der Form von vereinzelte Fastfood-Seminaren ohne Tiefgang, ohne Methodenkontrolle und ohne seriöser Selbsterfahrungsanteil besucht. Für entsprechende Fachliteratur bleibt selten die Zeit. Die Angst, Fehler zu machen, bzw. dabei erwischt zu werden, führt selbstverständlich dazu, dass jeder versucht, Einblicke in der eigenen Arbeit so weit als irgend möglich zu verhindern, sodass es auch dort keine Besserung geben kann, wo vielleicht doch mal ein Kollege eine bessere Idee hätte. Dieser Umstand führt dazu, dass die Kollegen, ihre fachliche Mängel als ständiges schlechtes Gewissen herumschleppend, ständig bemüht sind Inkompetenz und Unsicherheit durch immer mehr Hektik, Engagement und Selbstausbeutung auszugleichen. Gleichzeitig wird jeden auch nur zaghaftesten Versuch die mangelnde Fachlichkeit zu beleuchten heftigst abgewehrt, bzw. mit grandioser Selbstüberschätzung niedergebügelt. Bei alledem ist klar, dass die hier oben beschriebenen Mängel nicht an erster Stelle in der Verantwortung der Sachbearbeiter liegen, sondern dies vor allem von den politischen Führungskräften zu verantworten ist, denen die Funktionsfähigkeit der Ämter völlig schnuppe ist, solang sie dabei nicht selbst in persönlicher politischer Bedrängnis geraten. Da gilt es daher nur abzuwarten, in der Hoffnung, dass auch hier die Zeit im üblichen Schneckentempo Besserung bringt. Es grüßt Loewe Lahmfuss
wilam 27.09.2008
3. Aufgabe fürs Geld, statt Subvention für nichts
Da kann man die Angehörigen des Sozialadels noch so ausdauernd mit Angeboten traktieren und mit Psychobrei stopfen - solange keiner aus Gründen des Überlebens seinen Tag selbständig strukturieren muß, wird die Verwahrlosung [...]
Da kann man die Angehörigen des Sozialadels noch so ausdauernd mit Angeboten traktieren und mit Psychobrei stopfen - solange keiner aus Gründen des Überlebens seinen Tag selbständig strukturieren muß, wird die Verwahrlosung fortschreiten. Heute kann eine Wohnung als Konsumdeponie verkommen. Das ständige Subventionieren ohne Gegenleistung ist wohl der Hauptgrund für die "Überforderung". Unsere Mütter, die nach dem Krieg alleinerziehend mehrere Kinder mit Landarbeit. Putzen, Bauhilfstätigkeit usw. durchbringen mußten, waren zwar oft fertig, aber komischerweise nicht überfordert. Was tun? Sicher ist angemessene Arbeit Mangelware, aber man kann eine Schule sauberhalten oder renovieren; man kann zumindest seine Kinder hinbringen, man muß die Schularbeiten vollständig aber nicht unbedingt richtig abgeben usw. Das zu kontrollieren muß nicht schwerer sein als die Sisyphusarbeit im Amt. Auf keinen Fall darf man (Politiker) aber in reiner Wahlkampfpanik das Geld, das jetzt für Ganztagseinrichtungen fehlt, den Eltern in die Hand geben.
indosolar 27.09.2008
4. ja ich koennte auch ein Buch drueber schreiben
tja, da kann ich Ihnen leider nur beiflichten, vielleicht noch mit dem Zusatz, dass Deutschland eines der kinderfeindlichsten Laender ist, welches ich kenne. Das aeussert sich auch in Zahlen, der Tierschutzbund hat ca. 800 000 [...]
Zitat von lahmfussWenn es lediglich die "Flowcharts" wären, könnten wir uns glücklich schätzen. Leider ist das nur ein Bruchteil der Wahrheit. Aus meiner Tätigkeit als Fortbildungsdozent und Supervisor kenne ich viele Jugendämter und deren Arbeit quer durch die Republik recht gut. Von der reinen Faulheit mancher Mitarbeiter mal abgesehen (warum sollten wir glauben, dass der übliche Prozentsatz von Fainéants dort nicht vorhanden wäre?) liegt das Haupthindernis für effiziente und fachkundige Leistungen dieser Sozialarbeiter und Sozialpädagogen darin, dass sie fachlich schlicht nicht kompetent sind, für das, was sie zu tun haben. An den Jugend- und Sozialämtern arbeiten, von seltenen Ausnahmen abgesehen, Menschen, die dort sofort nach dem ohnehin praxisfernen Fachhochschulstudium als blutiger Berufsanfänger angefangen haben. Das liegt in der Hauptsache an der dortigen Besoldungsstruktur, bei der junge Berufsanfänger einfach sehr billig zu haben sind und auch ziemlich lang billig bleiben. Sie werden dann in aller Regel jedoch nicht einer erfahreneren Kraft als Assistent zugeteilt, sondern übernehmen vom ersten Tag an in voller alleiniger Verantwortung einen Bezirk bzw. Fachbereich. Nicht selten wird ihnen dann auch noch genau jenem Bezirk zugeteilt, der bei den Kollegen am wenigsten beliebt, will sagen am schwierigsten ist. Eine individuelle, nahe fachliche Anleitung findet nicht statt. Eine inhaltliche Kontrolle ihrer Arbeitsweisen und Sichtweisen eben so wenig. So lang ihre Arbeit in Einklang steht mit den jeweils geltenden Gesetzen, Verwaltungsvorschriften und internen Gepflogenheiten, ist alles bestens und gibt es keinerlei Korrektur. Die Teilnahme an Fortbildungen beschränkt sich weitestgehend auf der Aktualisierung der gesetzlichen und verwaltungsmäßigen Entwicklungen. Fort- und Weiterbildung in tiefenpsychologische, systemanalytische und familientherapeutische Kenntnisse bzw. Methodentrainigs werden, wenn überhaupt, allenfalls in der Form von vereinzelte Fastfood-Seminaren ohne Tiefgang, ohne Methodenkontrolle und ohne seriöser Selbsterfahrungsanteil besucht. Für entsprechende Fachliteratur bleibt selten die Zeit. Die Angst, Fehler zu machen, bzw. dabei erwischt zu werden, führt selbstverständlich dazu, dass jeder versucht, Einblicke in der eigenen Arbeit so weit als irgend möglich zu verhindern, sodass es auch dort keine Besserung geben kann, wo vielleicht doch mal ein Kollege eine bessere Idee hätte. Dieser Umstand führt dazu, dass die Kollegen, ihre fachliche Mängel als ständiges schlechtes Gewissen herumschleppend, ständig bemüht sind Inkompetenz und Unsicherheit durch immer mehr Hektik, Engagement und Selbstausbeutung auszugleichen. Gleichzeitig wird jeden auch nur zaghaftesten Versuch die mangelnde Fachlichkeit zu beleuchten heftigst abgewehrt, bzw. mit grandioser Selbstüberschätzung niedergebügelt. Bei alledem ist klar, dass die hier oben beschriebenen Mängel nicht an erster Stelle in der Verantwortung der Sachbearbeiter liegen, sondern dies vor allem von den politischen Führungskräften zu verantworten ist, denen die Funktionsfähigkeit der Ämter völlig schnuppe ist, solang sie dabei nicht selbst in persönlicher politischer Bedrängnis geraten. Da gilt es daher nur abzuwarten, in der Hoffnung, dass auch hier die Zeit im üblichen Schneckentempo Besserung bringt. Es grüßt Loewe Lahmfuss
tja, da kann ich Ihnen leider nur beiflichten, vielleicht noch mit dem Zusatz, dass Deutschland eines der kinderfeindlichsten Laender ist, welches ich kenne. Das aeussert sich auch in Zahlen, der Tierschutzbund hat ca. 800 000 Mitglieder, der Kinderschutzbund ein Zehntel. Sagt dies nicht alles? Es ist, zumindest in meiner Stadt, leichter,ein Kilo Drogen zu kaufen, respektive zu verkaufen, als einen Arbeitsplatz zu finden, gleichzeitig verweigern die Ordnungsaemter Einsatz die Hundescheisse auf Spielplaetzen zu bekaempfen und die Polizei muss auf Kosten der Steuerzahler, Fussballmillionaeren gewaehrleisten, dass diese spielen koennen. Irgendwas ist doch da faul in unserem Land? Das Dilemma der Jugendaemter ist nur Blickwinkel in diese Verdorbenheit, auch wenn wir nicht nicht vergessen duerfen, es sind vordorbene Kinder, die als Jugendliche Rentner fast zu Tode maltratieren! Sorry fuer den Rundumschlag, aber eigentlich kann ich es nicht mehr sehen und hoeren und eigentlich denke ich, mitverantwortlich zu sein!
HiroProtagonist 28.09.2008
5. Heuchelei
Soziale Arbeit ist teuer, weil sie keinen unmittelbaren Gewinn abwirft. Deshalb sind Sozialarbeiter nicht sondelich gut bezahlt und haben kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Wer also diesen Job machen will, ist entweder Idealist und [...]
Soziale Arbeit ist teuer, weil sie keinen unmittelbaren Gewinn abwirft. Deshalb sind Sozialarbeiter nicht sondelich gut bezahlt und haben kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Wer also diesen Job machen will, ist entweder Idealist und strengt sich dann auch an oder er hatte aufgrund von Faulheit oder Unvermögen ein Abi von 3,9 und konnte in keinem anderen Studienfach unterkommen. Diejenigen, die am lautesten schreien, wenn einem Jugendamtsmitarbeiter Fehler unterlaufen sind aber doch die, die Steuerhinterziehung als Kavaliersdelikt betrachten und ihre Steuergelder, wenn überhaupt, lieber für den Bau neuer Autobahnen als für soziale Zwecke eingesetzt sehen wollen.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP