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Kultur

Star-Regisseur Serebrennikov

"Nabucco"-Direktiven aus dem Hausarrest

Er hat kein Internet, kein Telefon und steht in Russland unter Hausarrest. Trotzdem gelang es dem Kreml-kritischen Regisseur Kirill Serebrennikov, die Verdi-Oper "Nabucco" in Hamburg zu inszenieren - per USB-Stick.

AFP

Regisseur Serebrennikov

Samstag, 09.03.2019   14:21 Uhr

"Es ist schon ziemlich merkwürdig, bei jeder Probe vor einem Computerschirm zu sitzen und sich ein Video mit den Kommentaren des Regisseurs anzuschauen. Aber nun ja, alles funktioniert", sagte die französische Mezzosopranistin Géraldine Chauvet der Nachrichtenagentur AFP. Sie spielt Fenena, die rebellische und mitfühlende Tochter des Diktators Nabucco in Kirill Serebrennikovs Version von Verdis Oper, die am Sonntag in der Hamburgischen Staatsoper Premiere feiern soll.

Der russische Star-Regisseur wird jedoch nicht persönlich daran teilnehmen, er konnte seinen "Nabucco" noch nicht mal vor Ort inszenieren.

Seit zwei Jahren steht der heute 49-jährige Theater- und Filmregisseur in seiner Heimat unter Hausarrest. Die Behörden werfen ihm vor, Kultursubventionen veruntreut zu haben, er habe öffentliches Geld für Inszenierungen erhalten, die nie realisiert wurden. Serebrennikov streitet die Vorwürfe ab, der ganze Akt wird in Russland als Warnschuss gegen eine Kulturszene verstanden, die nicht zu Kreml-kritisch sein soll.

Doch Serebrennikov lässt sich nicht mundtot machen. Obwohl er weder über Telefon, noch Internet verfügt, führt mit Hilfe seines Anwalts und anderer Helfer eine Art Fern-Regie. Auf diese Weise inszenierte er zuletzt bereits "Cosi fan Tutte" in Zürich und "Hänsel und Gretel" an der Oper in Stuttgart. Und nun also "Nabucco" in Hamburg.

Kritik an Trump und Putin

Das Team filmte dafür sämtliche Proben mit dem Handy und übermittelte die Aufnahmen an Vertrauensleute in Moskau, wo Serebrennikow sie auf einem USB-Stick erhielt. Der Regisseur sichtete das Material, nahm dann seine Anmerkungen zu Gesang, Kostümen oder Bühnenbild auf - und schickte alles zurück nach Deutschland. Eine Schlüsselfigur in Hamburg ist Serebrennikovs langjähriger Choreograph und Co-Regisseur Jewgeni Kulagin. Er betrachtet seinen Freund "als Vorkämpfer für die Freiheit der Kunst, für die Freiheit, seine Kunst und seine Gedanken so auszudrücken, wie man es will", sagte Kulagin der AFP.

So ist "Nabucco" bei Serebrennikow dann auch als weltumspannendes, antipopulistisches Werk angelegt, das die Mächtigen für aktuelle Konflikte verantwortlich macht. Aus dem babylonischen Despoten Nabucco wird ein Tyrann, den der Slogan "Assyria First" an die Macht trägt und dessen Einheitspartei sich "Einiges Assyrien" nennt - eindeutige Anspielungen auf US-Präsident Donald Trump und Kreml-Chef Wladimir Putin mit seiner Partei "Einiges Russland". An Verdis berühmten Gefangenenchor lässt Serebrennikow 35 Flüchtlinge teilnehmen; auf der Bühne sollen zudem zwei Syrer Lieder aus ihrer Heimat vortragen.

Georges Delnon, der Intendant der Hamburgischen Staatsoper, nennt Serebrennikows Inszenierung eine "Allegorie" der heutigen Welt. Er hatte das Projekt drei Wochen vor der Festnahme des Regisseurs in St. Petersburg im August 2017 initiiert. Zahlreiche russische und internationale Künstler, darunter der deutsche Filmemacher Volker Schlöndorff und die Schauspielerin Nina Hoss, riefen in den vergangenen Monaten immer wieder dazu auf, Serebrennikov umgehend freizulassen. Er gilt als Vorbild einer ganzen Theater- und Künstlergeneration.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels wurde Kirill Serebrennikows Co-Regisseur Jewgeni Kulagin irrtümlich auch als dessen Anwalt bezeichnet.

bor/AFP

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