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Kultur

Meinungsfreiheit

Ein offener Brief gegen das Fremdschämen

All die Rufe nach der guten alten Zeit, all die Warnungen vor dem Fortschritt: Berührt Sie das auch so peinlich? Gehen Sie in die Offensive und kämpfen Sie! Egal ob gegen Klimawandel oder Impfgegner.

Vinnie Zuffante/ Getty Images

Speakers Corner in London

Eine Kolumne von
Samstag, 16.03.2019   10:36 Uhr

Ich wusste nie, was das seltsame Wort "fremdschämen" genau beschreibt. Ich habe es noch nie benutzt, dieses Wort, denn ich schäme mich selten, und Situationen, da ich aus Versehen nackig zu einer guten Kryptoparty gehe, haben noch nicht stattgefunden.

Seit einiger Zeit, genauer gesagt, seit es akzeptabel erscheint, die absurdesten Ideen, die man bei der morgendlichen Stuhlabgabe hat, laut auszusprechen, schäme ich mich - vermutlich. Wenn schämen dieses Gefühl ist, als ob der Magen plötzlich eine Stimme hätte, mit der er raunt: Oh Mann, nein, tu das nicht.

Die Theorien, die Impfgegner, Abtreibungsgegner, Flacherdler-Verschwörungstheoretiker, Demokratie- und Minderheitenkritiker von sich geben, lassen mich erstaunt zurück. Als wäre es heute zwingend erforderlich, Unbelegbares von sich zu geben, um in der angenehmen Masse zu verschwinden und nicht aufzufallen.

Ich schäme mich also ab und zu für erwachsene Menschen, die ihrer Angst vor dem Umstand, dass sie unbedeutend sein könnten (die fast immer berechtigt ist) durch Raunen und Krakeelen Ausdruck verleihen. Sie schreiben Kommentare, füllen Blogs, sie steigen auf Bierkästen und warnen.

Wenig Verständnis, viel Geschrei

Sehr gern warnen sie vor Frauen, Wissenschaft, Fortschritt, Menschen mit höherem Melaninanteil in der Haut oder einfach - vor allem. Sehr gern verleihen Angstkranke ihren Anliegen mit offenen Briefen an irgendwen Ausdruck. Sie bilden Vereine gegen Überfremdung, multikulturelles Denken, gegen Abtreibung, Frauenparkplätze und das Wetter. Wie hier zum Beispiel.

All diese Arten der Meinungsäußerung à la "Wir wollen den Kaiser zurück" scheinen, als ob sich Unterzeichner und Initiatoren, Kommentatoren und Redner einen Zettel an die Stirn kleben, auf dem steht: Ich komm nicht mehr mit!

Offener Brief. Tolle Sache, übrigens. Es ist an der Zeit, dass ich auch mal einen entwerfe. Also, Gänsefeder, Blick auf Goethes Büste, Hand ans Kinn und los geht es:

Ein Brief gegen das unangenehme Schamgefühl, das zunehmend unsere Mageninnenwände belästigt!

Wir, die Unterzeichnenden (auch viele Akademiker mit an Bord), haben genug von vornehmlich männlichen Menschen im vornehmlich letzten Lebensviertel, die derzeit auf inneren Bierkästen stehend nach einer Segen bringenden Vergangenheit schreien, die es so nie gab.

Wir verwehren uns gegen die Belästigung, die wir durch Personen erfahren müssen, die nicht begreifen können, dass wir in einer Zeit der exponentiellen Beschleunigung leben und sich diese mit all ihren angenehmen und unangenehmen Begleiterscheinungen nicht durch Petitionen, durch das Wählen reaktionärer Dumpf-Köpfe oder das Marschieren in fraternisierenden Männerverbänden stoppen lässt.

Wir, die Unterzeichnenden, bitten Sie nachdrücklich: Setzen Sie sich ein. Kämpfen Sie in Briefen, im Netz oder 1.0 gegen alles, was die Bevölkerung Ihrer Länder wirklich bedroht. Den Krieg, den die rechten oder sogenannt konservativen Vertreterparteien der Superreichen gegen die ärmeren Schichten der Bevölkerung gerade führen. Den Klimawandel. Die Zunahme von ausgestorben geglaubten Krankheiten durch schlaumeiernde Impfgegner, gegen die Gefährdung von Radfahrern, gegen die Ungleichbehandlung Ihrer Mitbürger, die nicht im Besitz eines Penis sind, gegen die Zubetonierung der Welt, gegen das Verscherbeln von Wasser und Boden, von Wohnraum und gegen die verdammte Privatisierung des gesellschaftlichen Eigentums. Kämpfen Sie gern gegen Megakonzerne und Überwachung, gegen stumpfsinnige Digitalisierung sensibler Daten. Oder lesen Sie ein gutes Buch.

Vielen Dank.

insgesamt 171 Beiträge
mborevi 16.03.2019
1. Peinlich ...
... berühren mich nicht die Warnungen vor dem Fortschritt, sondern die sture Ignoranz vieler Politiker und eines Teils der Bevölkerung, die nach dem Motto leben: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Inzwischen vergiftet die [...]
... berühren mich nicht die Warnungen vor dem Fortschritt, sondern die sture Ignoranz vieler Politiker und eines Teils der Bevölkerung, die nach dem Motto leben: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Inzwischen vergiftet die Landwirtschaft unsere Luft und unser Essen und die Klimakatastrophe ist nicht mehr abwendbar, weil ein halbes Jahrhundert nichts getan wurde. Da wird noch immer Holz oder Holzpellets als klimafreundlich verherrlicht, obwohl seit 1976 bekannt ist, dass deren Verbrennung etwa so viel CO2 freisetzt wie Kohle. Aber warum wissenschaftlichen Ergebnissen trauen, wenn es unsere Ideologie und Ignoranz anders suggeriert? Bei manchen Bürgern liegt einfach mangelnde Bildung vor, die Politiker haben aber die verd... Pflicht, sich durch ihre riesigen Ministerien die wesentlichen wissenschaftlichen Ergebnisse erklären zu lassen und sie nicht zu ignorieren.
micbeh 16.03.2019
2.
chapeau und das schreibe ich als Mann.
chapeau und das schreibe ich als Mann.
taglöhner 16.03.2019
3. BlablaBla
Oder machen Sie sich die Mühe und studieren Sie etwas, das Sie befähigt, durch eigenes kreatives Wirken die Welt etwas voranzubringen.
Oder machen Sie sich die Mühe und studieren Sie etwas, das Sie befähigt, durch eigenes kreatives Wirken die Welt etwas voranzubringen.
diefreiheitdermeinung 16.03.2019
4. Dieser Artikel
ist ein Aufruf zur Abschaffung der Meinungsfreiheit. Richtig ist nur was Frau Berg fuer richtig haelt.
ist ein Aufruf zur Abschaffung der Meinungsfreiheit. Richtig ist nur was Frau Berg fuer richtig haelt.
JohnC. 16.03.2019
5. Unterschreibe ich...
... ohne Wenn und Aber!
... ohne Wenn und Aber!
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