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Kultur

Partyfotos aus Mexiko

Koksen, vögeln, kotzen

Das Leben in Mexico-Stadt ist brutal für queere Nachtvögel - feiert die Szene deshalb umso härter? Fotograf Jesus Léon, selbst schillernde Figur im Nachtleben, porträtiert seit Jahrzehnten den Underground.

Jesús León/ Edition Patrick Frey
Von
Samstag, 05.01.2019   17:32 Uhr

Aufgerissene Augen, aufgeputschte Gesichter, Figuren der Nacht mit gewagten Ausschnitten und High-Heels. Sie saufen und haben Sex. Menschen, denen Zähne fehlen und andere, die in Luftpolsterfolien gekleidet sind. Neongrüne Dreadlocks, Leopardenslips über Männerhintern und der abblätternde pinkfarbene Nagellack an Händen, die das Kokain auf einem Autoschlüssel vor einem Nasenloch balancieren. Das sind Fotografien aus Mexico-Stadt, in einem Bildband des Exzesses, wild und kaputt zugleich.

Feiern diese Menschen mit dem Gedanken, dass jede Partynacht vielleicht die letzte sein könnte in einem Land, in dem täglich mehr als 80 Menschen in Bandenkriegen getötet werden? Die Kriminalität ist in Mexiko extrem hoch, der Einfluss der Drogenkartelle grausamer Alltag, doch im Bildband "Vida" des Fotografen Jesus Léon (Edition Patrick Frey) sieht man das Partyvolk tanzen, küssen, trinken, kotzen, als gäbe es kein Morgen.

Fotostrecke

Fotograf Jesus Léon: Partynächte, Drogen, Sex

Das sei nicht unbedingt eine strenge Dokumentation des mexikanischen Nachtlebens, sagt Fotograf Léon, selbst seit zwanzig Jahren eine schillernde Figur der Szene. Wenn er auflegt oder tanzt nennt er sich "Chucho", das heißt Hund oder Köter. Mindestens so wichtig ist ihm aber auch seine Berufung zum "Provokateur, Gaukler und Verführer", sagt Leon. Der Bildband zeige seine persönliche Sicht auf Musik- und Partyszene, es ist die eines Lebenskünstlers. "Es geht um meine Lebensumstände, meine Begegnungen mit Gaunern und Strichern, Geistern und Dämonen, meine Erforschung von Sexualität, Pornografie, Drogen und Musik." Es ist die Welt, in der Léon lebt, die Figuren sind seine Familie.

Preisabfragezeitpunkt:
10.12.2019, 19:06 Uhr
Ohne Gewähr

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León, Jesús
Vida

Verlag:
Edition Patrick Frey
Seiten:
276
Preis:
52,00 €

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Klubs, sagt Léon, seien in den vergangenen Jahren für ihn musikalisch uninteressant geworden. Deshalb halte er, der Nachtmensch, sich lieber auf Vernissagen, Partys in Privatwohnungen oder After-Hours in illegalen Locations auf. Dort entdecke er neue Mode- und Musiktrends und porträtiere Schriftsteller und Musiker vor ihrem Durchbruch in den Mainstream.

Explizites Zurschaustellen

In dieser Art, seine Freunde in einem queer geprägten Umfeld zu porträtieren, erinnern seine Bilder an frühe Underground-Fotografen wie Nan Goldin, Wolfgang Tillmans oder Walter Pfeiffer. Doch Léons Bilder aus Mexiko-Stadt sind dunkler und drastischer als die seiner Vorbilder, was daran liegen mag, dass Léon ausschließlich nachts fotografiert. Oder auch an dem "Nota Roja" genannten Sensationsjournalismus in Mexiko. Dass extreme Gewalt, sogar tote oder verstümmelte Körper öffentlich gezeigt werden, prägt auch die Ästhetik in der Kunst. Explizites Zurschaustellen gehört zum Alltag.

"Vida", also "Leben", hat Léon seine persönliche Inszenierung des Feierns genannt. Doch das Leben ist so vergänglich wie jede einzelne Nacht. Auch das zeigt er: Die feiernden jungen Menschen haben Narben, sind blutverschmiert oder küssen menschliche Skelette. Irgendwann verschmiert ihr Make-up, der Orgasmus ist vorbei, oder der Körper macht schlapp. Der Betrachter ahnt die Einsamkeit und Traurigkeit hinter den Alkohol- und Drogenexzessen, wenn León seinen Partybildern tote Hunde und geköpfte Küken auf Müllhaufen gegenüberstellt.

Nur ein paar wenige gealterte Drags blicken mit müden Augen in seine Kamera. "Der Underground verschlingt die Menschen. Ab einem bestimmten Alter hat man nicht mehr die Kraft oder Attitüde für das Nachtleben", sagt Léon. "Aber das ist nicht mein Thema."

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