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Kultur

Neueröffnung des MoMA

Wo geht's denn jetzt zu den Suppendosen?

Das Museum of Modern Art in New York hat sich neu erfunden: Eine 450 Millionen Dollar teure Expansion bringt ein neues Kunsterlebnis - einen ständigen Remix der Sammlung. Ein Rundgang vor der Eröffnung.

Marc Pitzke/ DER SPIEGEL
Von , New York
Donnerstag, 17.10.2019   19:28 Uhr

Wo geht's zu den Suppendosen? Das, sagen sie einem hier gerne, ist meistens die erste Frage der Besucher. Sie gilt Andy Warhols ikonischem Pop-Art-Werk "Campbell's Soup Cans": 32 in Acryl gemalte Konserven, je 50 mal 40 Zentimeter, in vier Regalreihen zu acht Dosen.

Seit 1996 gehört die Installation dem Museum of Modern Art (MoMA), dem wohl prominentesten Museum für moderne und zeitgenössische Kunst auf der Welt. Lange hingen Warhols Dosen in der zweiten Etage des Haupthauses in Manhattan, eine oft von Menschentrauben umringte Attraktion wie die Mona Lisa im Louvre. Doch jetzt sind sie ans andere Ende des Gebäudes an der West 53rd Street umgezogen: 4. Stock, Galerie Nr. 412.

Fans werden sie dort erst mal suchen müssen. Denn dieses andere Ende gab es bisher nicht: Der neue Flügel, benannt nach Hollywoodmogul David Geffen, der dafür 100 Millionen Dollar spendete, ist Teil eines spektakulären Aus- und Umbaus, mit dem sich das 90-jährige Museum neu erfindet - nicht zuletzt auch für die Smartphone-Generation.

"Die Expansion", sagt MoMA-Direktor Glenn Lowry, "erlaubt es uns, das Museumserlebnis neu zu entdecken."

Marc Pitzke/ DER SPIEGEL

Umgezogen: Andy Warhols "Campbell's Soup Cans" im neuen MoMA

Dazu machte das MoMA mehr als vier Monate lang dicht - zur Frustration vieler Touristen. In der Zeit wurde der Modernismustempel von 1939 rundumerneuert und wucherte noch einmal um einen halben Block nach Westen, bis in den Sockel eines fast fertigen, futuristischen Luxus-Wolkenkratzers, so hoch wie das Empire State Building. Am Montag wird das MoMA nun wieder eröffnet.

Fast eine halbe Milliarde Dollar verschlang das Mammutprojekt. Einen Großteil finanzierte das Museum durch die Spende Geffens und mit 200 Millionen Dollar aus dem Nachlass von David Rockefeller, dem einst reichsten Amerikaner. Dessen Mutter hatte das MoMA 1929 gemeinsam mit zwei weiteren Sammlerinnen gegründet, damals noch in bescheidenen Räumlichkeiten im Heckscher Building an der Fifth Avenue.

Die neuen, mehr als 60 Galerien sind veredelt mit Granit, Marmor und Walnussholz. Alles ist lichter, luftiger. Auch der MoMA Design Store grüßt nun im offenen Souterrain, einzusehen von der Straße und vom 35 Meter hohen Atrium - Kunst und Kommerz, ästhetisch vermischt.

Nicht allen gefällt das. Michael Kimmelmann, der Architekturkritiker der "New York Times", fühlt sich von dem "chirurgischen und leicht seelenlosen" Ambiente an einen Apple Store erinnert. "Jede Facette ist scharf, dünn, glatt und glänzend", schreibt Justin Davidson im "New York Magazine", "wie Nicole Kidman in der Oscarnacht."

Die Expansion hat die Gesamtfläche um ein Drittel vergrößert, auf 66.000 Quadratmeter. Der Platz ist bitter nötig: Mehr als drei Millionen Besucher pro Jahr - 51 Prozent aus dem Ausland - wälzten sich zuletzt durch die alten Säle, die während der populären "Blockbuster"-Shows an eine Shopping-Mall erinnerten.

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Neueröffnung des MoMA: Museum für noch mehr Massen

Auch waren bisher nur ein Bruchteil der rund 140.000 Kunstwerke zu sehen, der Rest ruhte im Lager. Damit ist es nun vorbei. Fast seine gesamte Sammlung will und kann das MoMA jetzt zutage fördern, in choreografierter Rotation: Alle sechs Monate sollen die meisten Wände neu behängt werden, bis nach eineinhalb Jahren alles einmal zur Schau stand. Ein Remix-Prozess, der dazu reizen soll, immer mal wieder ins Museum hineinzuschauen, wie in einen Newsfeed, der sich regelmäßig updated.

Das hat noch einen anderen erneuernden Effekt. Trotz seiner weiblichen Wurzeln war das MoMA lange, wie die ganze Kunstwelt, eine männerdominierte, patriarchalisch-westlich orientierte Institution. Fortan will es mehr Frauen und Minderheiten zeigen, nicht nur aus den USA, sondern auch aus Afrika, Asien und Südamerika.

Marc Pitzke/ DER SPIEGEL

Skyline hinter Fensterfronten: Der neue MoMA-Flügel

Die Klassiker des Museums bleiben natürlich da. Nur finden sie sich jetzt in ungewohnter Nachbarschaft. Picassos "Les Demoiselles d'Avignon" (1907), ein Porträt Pariser Prostituierter, hängt zum Beispiel jetzt neben dem Gemälde "American People Series #20: Die" (1967) von der Afroamerikanerin Faith Ringgold, es zeigt eine rassistische Bluttat. Vincent van Goghs "Sternennacht" (1889) ist mit Tonschüsseln gepaart, die George E. Ohr, der selbsternannte "verrückte Töpfer von Biloxi", zur selben Zeit in Mississippi schuf, rund 7500 Kilometer entfernt. Die Zeit der hermetischen Abteilungen ist vorbei: Die gewagten Kombinationen lassen selbst altbekannte Werke in neuem Licht erscheinen. Kunst, so die Botschaft, ist alles und überall - eine weltumspannende Story voller Widersprüche und Parallelen.

Aber es ist auch eine Story ständiger Erneuerung und Bewegung: Für die Erweiterung des Museum-Giganten wurde das benachbarte American Folk Art Museum abgerissen - zum Entsetzen von Denkmalschützern. Anfang 2016 war Grundsteinlegung für den neuen MoMA-Flügel, in diesen Sommer begannen behandschuhte Arbeiter, Tausende Kunstwerke behutsam von einer Seite des Gebäudes zur anderen zu rollen.

So wanderten auch Warhols Suppendosen 150 Meter nach Westen und zwei Etagen nach oben - eine Konserve nach der anderen.

insgesamt 1 Beitrag
Hudson, Jane 18.10.2019
1.
Ein Instahouse für Bildhintergründe, die dich als Kunstwerk inszenieren! Denn jeder Mensch ist ein Künstler!
Ein Instahouse für Bildhintergründe, die dich als Kunstwerk inszenieren! Denn jeder Mensch ist ein Künstler!

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