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Kultur

Feminismus-Pionierin Nil Yalter

Die Kunst-Guerillera

Geschlechtercodes, Migration, Ausbeutung: Die türkische Künstlerin Nil Yalter verhandelte bereits in den Siebzigern Themen, die heute brennen - nun sind ihre Werke in Köln zu sehen.

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Freitag, 08.03.2019   15:17 Uhr

In den Straßen Kölns hängen neue Streetart-Plakate. Es sind Collagen schwarz-weißer Porträts, über die mit dickem rotem Pinselstrich ein Zitat des türkischen Schriftstellers Nazim Hikmet geschrieben steht: "Exile is a hard Job", Exil ist harte Arbeit. Das Ordnungsamt reißt die Poster regelmäßig wieder von den Häuserwänden in Köln-Kalk und -Ehrenfeld ab, manchmal sind es auch die Anwohner. Die Plakate werden aus dem Stadtbild verdrängt - so wie die darauf abgebildeten Migranten.

Wenige dürften ahnen, dass diese Guerilla-Aktion das Werk der momentan so gefragten türkischen Polit-Künstlerin Nil Yalter ist. Ihre Werke hängen in der Londoner Tate und im Centre Pompidou, und nun zeigt das Kölner Museum Ludwig eine Werkschau der seit fünfzig Jahren aktiven Künstlerin. Die Plakate im öffentlichen Raum und die Reaktionen darauf stellen eine direkte Verbindung her zu den Themen des Gesamtwerks: Migration, Leben im Exil, Diskriminierung, Ausbeutung, Frauenrechte.

Brennende Fragen auch unserer Zeit, doch Yalters produktivste Phase war die politisierte Atmosphäre der Siebzigerjahre. 1938 in Kairo als Kind türkischer Eltern geboren, wuchs sie zunächst in Istanbul auf, lebt seit 1965 in Paris. Dass sie sich mit Migration und deren Folgen, etwa prekären Lebensumständen und Identitätsverlust, befasst, ist auch Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte. Ab den Achtzigern wurde es dann stiller um Yalter, doch heute kaufen große Museen wieder die Werke von damals.

Kämpferin an allen Fronten der Siebziger

Neben der Streetart-Aktion zeigt das Museum Ludwig weitere Arbeit mit Migranten, die ersten aus den Siebzigern, die letzten aus heutigen Tagen. Von Polaroids fertigt Yalter Zeichnungen, in denen die Porträtierten umrisshaft in ihrer Umgebung weilen, die Gesichter bleiben Leerstellen: Die Zuwanderer haben ihre Wurzeln gekappt. In untertitelten Videos berichten die Menschen von ihren Schicksalen.

Yalters Videos und Montagen sind mehr als reine Dokumentation der "Gastarbeiter"-Zeiten der Siebziger. Die Stimmen in den Videos vereinnahmt sie für ihre Anklage - doch gegen wen, bleibt unklar. Die Fotografien, Collagen und Zeichnungen, oder Videos sind politische Statements, die in ihrer präzisen Annäherung und gleichzeitig poetischen malerischen Umsetzung sowohl Klischees als auch Belehrung vermeiden.

Nomadentum versteht Yalter noch als Steigerung des Exils. Sie baute deshalb 1973 in ihrer Installation "Topak Ev" eine Jurte nach, wie sie pubertierende Mädchen des Bektiken-Stammes in Anatolien als Aussteuer anfertigten. War das mobile Haus fertig gestellt, wurden die jungen Frauen verheiratet und durften die Hütte fortan nicht mehr verlassen.

"Die Frau ist die Herrscherin, die in der Jurte lebt und stirbt. Die Jurte ist ihr Territorium und ihr Gefängnis", erklärt die Künstlerin dazu. Die Jurte sei Symbol für weibliche Ermächtigung und Unterdrückung, gleichzeitig auch eine Reflektion über Ausbeutung, sagt Yalter: "Als ich die Arbeit zum ersten Mal zeigte, dachten die Leute, es ginge um Romantik und die Sehnsucht nach der Natur. Ich musste ihnen klarmachen, dass Menschen ein Nomadenleben führen, weil sie arm sind."

LBGTQ-Pionierin mit nahöstlicher Biografie

Man muss sich Yalter, die Autodidaktin, die keinen Beruf erlernte, als Kämpferin an allen sozialkritischen Fronten der Siebziger vorstellen. Dazu gehörte es, auf aktuelle politische Ereignisse zu reagieren - als etwa in Istanbul der Revolutionär Deniz Gezmis verurteilt und hingerichtet wurde, fertigte Yalter eine Reihe von Bildtafeln, auf der sich graue Kreise auf eine Todeslinie zubewegen. Später behandelte sie in ihrer Reihe "Temporary Dwellings" die Situation von Migranten, indem sie Fundstücke wie zerbrochene Schallplatten, Sand oder Tapeten aus Paris, Istanbul und New York mit Polaroids zu Collagen zusammenführte.

Yalter gehörte auch zur feministischen Avantgarde der Siebziger, die für Anerkennung in der äußerst sexistischen Kunstwelt kämpfte: In erstem Video "The Headless Woman or the Belly Dance" geht es um weibliche Lust. Darin führt Yalter einen orientalischen Bauchtanz auf, während sie sich spiralförmig um den Nabel einen Text über sexuelle Freiheit und die Funktion der Klitoris auf den Bauch schreibt. "Die Sechzigerjahre haben uns zu dem Irrglauben verleitet, es habe eine 'sexuelle Revolution' gegeben", sagt Yalter im Gespräch mit Kuratorin Rita Kersting. "Es ist Menschen aber noch immer unangenehm, über die Klitoris und ihre Funktion für den weiblichen Orgasmus zu sprechen."

In der Videoarbeit "Le Chevalier d'Eon" zeigt Yalter eine Transfrau, die Brille und Rollkragenpullover ablegt und Seidenstrümpfe, High Heels und Federboa anzieht. In Fotos dokumentierte Yalter im Jahr 1978 den Fortschritt der körperlichen Veränderung eines Freundes durch eine Hormontherapie. Es war eines der ersten Kunstwerke mit nahöstlichem Bezug, das sich mit Transgender-Identität und nicht-binärer Geschlechtsdefinition auseinandersetzt.

Nil Yalter/ Foto: Reha Arcan

Tschador-Werk: "unsichtbar und eingesperrt"

Am Ende der Ausstellung hängen schwarze Stoffbahnen von einer Bildtafel. Es ist die jüngste Arbeit von Nil Yalter, entstanden 2018. Auf der ovalförmigen Tafel ist in wie in ornamentaler Verzierung das zwölffache Bild einer Frau im Tschador zu sehen, es scheint sich im Kreis zu drehen und um Identität zu ringen. Yalter hat diesen Anblick mit dem eines schwarzen Lochs verglichen. "Diese Frauen sind unsichtbar und eingesperrt. In ihnen verschwindet die Energie."


Ausstellung: Nil Yalter. Exile Is a Hard Job, Museum Ludwig Köln, 9. März bis 2. Juni

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