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Kultur

"Palast der Republik"-Performance

DDR-Ufo im Berliner Westen gelandet

Das stolzeste Symbol der DDR ist wieder da: Das Haus der Berliner Festspiele hat sich zum "Palast der Republik" umdekoriert und präsentiert drei Tage lang Diskurse und Performances über verpasste historische Chancen.

Berliner Festspiele/ Immersion/ Eike Walkenhorst
Von
Samstag, 09.03.2019   16:30 Uhr

Im Berliner Westen ist am frühen Freitagabend ein Ufo gelandet. Aus einer Nebelmaschine steigen graue Schwaden vor der mit bronzefarbener Folie verspiegelten Glasfassade des Hauses der Berliner Festspiele auf. In vier Metern Höhe ist ein rostiger Kranz angebracht, der den Ährenkranz aus dem Staatswappen der DDR nachahmt und an die Dornenkrone eines Märtyrers erinnert.

Ein paar hundert kulturbegeisterte Menschen haben sich an diesem kühlen Berliner Märzabend vor dem Theatergebäude an der Schaperstraße versammelt, viele von ihnen staunen belustigt über die Dekorationsarbeit des Bühnenkünstlers Dominic Huber am Festspielhaus. In Nebel und Rauch stehend, kann man sich tatsächlich der Illusion hingeben, der vor gut einem Jahrzehnt in Berlin Mitte abgerissene "Palast der Republik" sei als Geistererscheinung plötzlich ein paar Kilometer weiter westlich wieder vom Himmel herabgeplumpst.

Im Inneren des Gebäudes begann an diesem Freitagabend das dreitägige Spektakel "Palast der Republik - Kunst, Diskurs & Parlament". Verantwortet wird es von einem Kollektiv aus Kuratorinnen und Kuratoren, zu dem die Künstlerin und Osteuropa-Forscherin Elske Rosenfeld und der Festspiele-Intendant Thomas Oberender gehören. Es gehe "um einen anderen Blick auf die Geschichte", sagt Oberender zur Begrüßung mit ein wenig zitternder, merklich um Eindringlichkeit bemühter Stimme im großen Theatersaal, und darum, "etwas Zerstörtes wiederaufleben zu lassen aus dem Schutt."

Fotostrecke

Palast-Pefrormance in Berlin: Villa Kunterbunt des Demokratie

46 Jahre sind vergangen, seit der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker 1973 den Grundstein legen ließ für den 1976 eröffneten "Palast der Republik". Das auf dem Grund des im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten und 1950 gesprengten Preußenschlosses errichtete Gebäude, sagte Honecker damals, solle nicht nur der Sitz der Volkskammer werden, sondern auch "eine Heimstatt der sozialistischen Kultur" sowie ein "Ort des Frohsinns und der Geselligkeit der werktätigen Menschen".

1990 wurde der Palastbau wegen Asbestverseuchung geschlossen, in den Jahren 1998 bis 2003 dann entkernt. Das übriggebliebene Gemäuer wurden ein paar Jahre lang als spektakulär erfolgreicher Kulturveranstaltungsort unter dem Namen "Volkspalast" zwischengenutzt, der komplette Palastabriss dauerte von 2006 bis 2008. Der viele Millionen Euro teure Nachbau des Berliner Stadtschlosses am Spreeufer soll im Dezember dieses Jahres eröffnet werden.

"Impulse der Revolution im Osten"

Will das "Palast der Republik"-Wochenende im Haus der Berliner Festspiele nun jenen Streit neu entfachen, der in den Nullerjahren in den Feuilletons und unter Politikern um den Abriss des DDR-Symbols und die Wiedererrichtung des Schlosses tobte? Eher nicht. Im Programmheft beteuern die Veranstalter, sie wollten "die falsche Selbstverständlichkeit der Schubladenbilder vom 'Osten' und 'Westen' auf andere Gedanken treffen" lassen. Mit den Mitteln der "Immersion", also des Eintauchens in eine von Künstlern und Denkern geschaffene Welt, wolle man die "Impulse der Revolution im Osten aufgreifen und mit den aktivistischen demokratieverteidigenden Kräften von Heute zusammenbringen." Kurz, so der in Jena aufgewachsene Oberender: "Der Palast der Republik im Festspielhaus soll unserer Republik einen Palast bauen."

Tatsächlich werden die Besucher und Besucherinnen des ersten Palast-Abends keineswegs zum Eintauchen in einen irritierenden Gegenkosmos eingeladen, sondern eher zu einem freundlichen Neben- und Nacheinander diverser Diskussionsverstaltungen. Was hier ein bisschen hochtrabend "Immersion" heißt, durfte man früher schlicht Kongress nennen. Die US-amerikanische Philosophin und Historikerin Susan Buck-Morss hält einen Vortrag über "Revolution Today" und zeigt unter anderem ein Foto mit dem Transparent "Die Revolution wird feministisch sein oder sie wird nicht sein." Ob auch jeder wisse, dass heute Weltfrauentag sei? Langer Applaus.

Der Jurist und Schriftsteller Bernhard Schlink erzählt anschaulich über seine Begegnung mit den Bürgerrechtlern und Intellektuellen am Ostberliner Runden Tisch im Jahre 1990 und deren Arbeit an einem heute fast vergessenen Verfassungsentwurf für einen eigenständigen ostdeutschen Staat. Die kroatische Kunsthistorikerin Sanja Horvatincic berichtet, wie im sozialistischen Jugoslawien, das nach einem "Dritten Weg" zwischen den Weltmachtblöcken suchte, in vielen Städten moderne Kulturzentren eingerichtet worden, die zeigen sollten, dass Spaß und gesellschaftlicher Fortschritt zusammengehen. Ihre französische Kollegin Bénédicte Savoy spricht über die Nutzlosigkeit aller Nostalgie und die Chance, Vergangenheit als kreative "Fundgrube" zu begreifen, als "Geschichte der nicht eingelösten Möglichkeiten".

Strategien gegen den Rechtsruck

Es ist ein sehr lebendiges, hochinteressantes, aber auch leicht konfuses Palaver über vergeigte Hoffnungen und das große politische Durcheinander der Gegenwart, das die "Palast der Republik"-Macher angesetzt haben. Die ins Programm eingestreuten Dokumentarfilme und Performances, bei denen sich etwa zwei männliche Tänzer in einer Choreografie von Trajal Harrell zu Geigenklängen umschmeicheln und belauern, wirken merkwürdig beliebig. Wo aber ist bloß der kleinste gemeinsame Nenner, womöglich sogar die Botschaft dieser Ideenrevue aus "Gegenerzählungen" (Dramaturgendeutsch), die hier angepriesen werden?

Man wolle tatsächlich "Trauerarbeit" leisten, sagt einer der Redner, zugleich aber Strategien gegen den Rechtsruck in vielen Ländern Osteuropas entwickeln, in denen es heute "oft so aussehe, als hätten die Falschen den Zweiten Weltkrieg gewonnen." Am Samstag soll unter anderem über die Schattenseiten der "europäischen Austeritätspolitik" geredet werden; am Sonntag will unter anderem der griechische Politiker und Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis mitdiskutieren über "neue Allianzen für ein anderes Europa".

Die Bronzescheiben und das Dornenkronenstaatswappen sollen das Haus der Berliner Festspiele mindestens bis Ende des Jahres schmücken. Das Palast-Ufo ist gekommen, um zu bleiben.


"Palast der Republik":Haus der Berliner Festspiele, 8. bis 10. März 2019

insgesamt 15 Beiträge
bauklotzstauner 09.03.2019
1.
Es hätte nicht erst die Wikipedia gebraucht, um den Autor Wolfgang Höbel als Westdeutschen zu enttarnen. Nicht nur der zynisch-spöttische Tonfall über den "Palast der Republik" läßt ihn auffliegen. Es ist vor [...]
Es hätte nicht erst die Wikipedia gebraucht, um den Autor Wolfgang Höbel als Westdeutschen zu enttarnen. Nicht nur der zynisch-spöttische Tonfall über den "Palast der Republik" läßt ihn auffliegen. Es ist vor allem seine Beschreibung des "Ährenkranzes". Denn tatsächlich - und als guter Journalist, noch dazu, wenn man die Zeit mit Jahrgang 1962 sogar live erlebt hat - hätte man wissen können, ja MÜSSEN, daß dieses seltsame Gebilde an der Palast-Baracke eine exakte (!!!) Nachbildung jenes Fragmentes ist, das nach der Entfernung des DDR-Wappens 1990 an der Fassade des Original-Palastes verblieben war: http://www.maz-online.de/var/storage/images/maz/nachrichten/kultur/palast-der-republik-entsteht-neu/715133850-1-ger-DE/Palast-der-Republik-ersteht-neu-im-Westen_big_teaser_article.jpg Daß er allerdings sofort eine Assoziation zur "Dornenkrone" des Jesus von Nazareth hat, ist wiederum bezeichnend - er ist eben ein Bayer, tief in der katholischen Sozialisation gefangen. Allerdings für die DDR und deren Befindlichkeiten vollig unempfindlich. Es zeigt sich wieder mal das Grundproblem der Wiederverinigung: Die Westdeutschen haben sich NIE mit der DDR beschäftigt. Nicht mal rudimentär. Aber leben im Vollbesitz des Glaubens, den "Ehemaligen" (auch so ein West-Narrativ) vorhalten zu können, wie sie damals gelebt wurden...
stelzerdd 09.03.2019
2. verpaßte Chancen?'
Da frage ich mich: welche denn? Die einmalige Chance der deutschen Wiedervereinigung wurde genutzt. Und nebenher auch die Chance, Erich's Lampenladen - ein Symbol der deutschen Teilung - an einem der wichtigsten Berliner Orte [...]
Da frage ich mich: welche denn? Die einmalige Chance der deutschen Wiedervereinigung wurde genutzt. Und nebenher auch die Chance, Erich's Lampenladen - ein Symbol der deutschen Teilung - an einem der wichtigsten Berliner Orte loszuwerden.
apfelmännchen 09.03.2019
3.
Nicht aufregen, Erichs Lampenladen ist doch in Hamburg an der Elbe längst viel protz- und prunksüchtiger denn je wieder aufgebaut worden. Na gut, das Dach ein bisschen eingesackt und wellig geworden, dafür hats auch nur 900 [...]
Nicht aufregen, Erichs Lampenladen ist doch in Hamburg an der Elbe längst viel protz- und prunksüchtiger denn je wieder aufgebaut worden. Na gut, das Dach ein bisschen eingesackt und wellig geworden, dafür hats auch nur 900 Mio gekostet.
Das Pferd 09.03.2019
4.
allerdings lese ich au Ihrem Text auch heraus, wo Sie sozialisiert sind. Merken Sie, wie absurd das ist, das jemanden vorzuwerfen?
Zitat von bauklotzstaunerEs hätte nicht erst die Wikipedia gebraucht, um den Autor Wolfgang Höbel als Westdeutschen zu enttarnen. Nicht nur der zynisch-spöttische Tonfall über den "Palast der Republik" läßt ihn auffliegen. Es ist vor allem seine Beschreibung des "Ährenkranzes". Denn tatsächlich - und als guter Journalist, noch dazu, wenn man die Zeit mit Jahrgang 1962 sogar live erlebt hat - hätte man wissen können, ja MÜSSEN, daß dieses seltsame Gebilde an der Palast-Baracke eine exakte (!!!) Nachbildung jenes Fragmentes ist, das nach der Entfernung des DDR-Wappens 1990 an der Fassade des Original-Palastes verblieben war: http://www.maz-online.de/var/storage/images/maz/nachrichten/kultur/palast-der-republik-entsteht-neu/715133850-1-ger-DE/Palast-der-Republik-ersteht-neu-im-Westen_big_teaser_article.jpg Daß er allerdings sofort eine Assoziation zur "Dornenkrone" des Jesus von Nazareth hat, ist wiederum bezeichnend - er ist eben ein Bayer, tief in der katholischen Sozialisation gefangen. Allerdings für die DDR und deren Befindlichkeiten vollig unempfindlich. Es zeigt sich wieder mal das Grundproblem der Wiederverinigung: Die Westdeutschen haben sich NIE mit der DDR beschäftigt. Nicht mal rudimentär. Aber leben im Vollbesitz des Glaubens, den "Ehemaligen" (auch so ein West-Narrativ) vorhalten zu können, wie sie damals gelebt wurden...
allerdings lese ich au Ihrem Text auch heraus, wo Sie sozialisiert sind. Merken Sie, wie absurd das ist, das jemanden vorzuwerfen?
im_ernst_56 09.03.2019
5.
Das hört sich für mich nach einer Art Nostalgie-Veranstaltung an. Bevor man der verpasste Chance eines "Dritten Weges", zu dem die große Mehrheit der DDR-Bürger kein Vertrauen hatte, künstlerisch nachtrauert, [...]
Das hört sich für mich nach einer Art Nostalgie-Veranstaltung an. Bevor man der verpasste Chance eines "Dritten Weges", zu dem die große Mehrheit der DDR-Bürger kein Vertrauen hatte, künstlerisch nachtrauert, müsste man mal vertieft über die Gründe für das ökonomische Scheitern des real existierenden Sozialismus - nicht nur in der DDR - nachdenken. Das ist aber wohl nicht beabsichtigt.

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